Film Geschichte

Das Wort »Mumblecore« – von Eric Masunaga ins Rolling Stone

2002 wird der erste später als »Mumblecore« bezeichnete Film gedreht. 2005 öffnet das South by Southwest Festival in Austin, Texas diesem und ähnlichen Filmen die Tür zu einer größeren Zuschauerschaft. Damit kommt eine Bewegung ins Rollen, die später unter jener merkwürdigen Bezeichnung bekannt wurde. Was es mit dem Wort auf sich hat und wer Eric Masunaga ist, das kann tatsächlich am besten Andrew Bujalski erzählen, der besagten ersten Mumblecore-Film gedreht hat: Funny Ha Ha.

Um den Ursprung des Amerikanischen Mumblecore geht’s in Teil 1 der Reihe, hier entlang: Ein Anfang ohne großes Tamtam

Die Geburt eines Neologismus

Funny Ha Ha gebe Einsichten in die Wohltätigkeit banaler, alltäglicher Interaktionen. Weit mehr als Zach Braff’s überdrehte »Hymne einer Generation« namens Garden State, die doch tatsächlich als Indie, oder – Gott bewahre – wahrheitsgetreu bezeichnet werde. Deshalb verdiene, so schrieb IndieWire im Jahr 2005, der Film Funny Ha Ha (2002) von Andrew Bujalski ein Publikum. Es war das Jahr, in dem der zweite Film von Andrew Bujalski gerade ein Publikum hatte. Mutual Appreciation lief auf dem South by Southwest Film Festival.

Bilder aus dem Film »Funny Ha Ha«, dazu der Text: Amerikanischer Mumblecore, von Eric Masunaga ins Rolling Stone | Bilder: funnyhahafilm.com

Ein Tonmann namens Eric Masunaga

Rückblickend heißt es über den Film, er half – wie schon der frühere Funny Ha Ha – eine neue Filmbewegung zu inspirieren. In einem Interview wurde Andrew Bujalski gefragt, wie er diese Filmbewegung selbst beschreiben würde. Seine Worte:

2005 wurde [mein zweiter Film] Mutual Appreciation auf dem South by Southwest Film Festival in Austin gezeigt, wo ich inzwischen lebe. Dort gab es in diesem Jahr ein paar Filme von jungen Filmemachern über junge Leute in Beziehungen. Aus Spaß sagte ich zu Eric Masunaga, der zu meinem Film den Ton gemischt hat (hier dessen IMDb-Profil), »einige dieser Blogger denken, dass da eine neue Filmbewegung im Gange ist. Wie würdest du sie nennen?« Er dachte sich das Wort »Mumblecore« aus.

Ich dachte, es sei witzig, und machte den schrecklichen Fehler, es in einem Interview zu wiederholen. Jahrelang schlief das Wort irgendwo. Dann, im Jahr 2007, schien es plötzlich überall zu sein. Jetzt haben wir’s am Hals. | Andrew Bujalski im Interview mit Robin Berghaus (Boston University), hier im englischen Original

Plötzlich überall

Es sei interessant gewesen, bei der Geburt eines Neologismus dabei gewesen zu sein. Dennoch habe Bujalski nie geglaubt, es hätte irgendetwas mit dem zu tun, was er da tat. Wie kam es überhaupt, dass das Wort von Eric Masunaga plötzlich in aller Munde war?

Zunächst erschienen eine Reihe von Filmen, die das Genre bedienten. Dazu gehörten Joe Swanbergs LOL und Hannah Takes the Stairs, Aaron Katz‘ Dance Party, USA und Quiet City, Frank V. Ross‘ Quietly on By und Hohokam sowie Kentucker Audleys Team Picture. Sie alle wurden digital gedreht und geschnitten und zusammen im Spätsommer 2007 im Rahmen der Reihe The New Talkies: Generation DIY des IFC Centers in New York gezeigt.

Das zentrale Thema dieser Reihe war der oft aufreibende Kampf, um die Schlucht zwischen innerlichen Empfindungen und äußeren Ausdrücken zu überbrücken. Dazu wurde eine Auswahl von Filmen »of the so-called Mumblecore movement« gezeigt.

Die kleine Welt der Mumblecore-Macher

Inzwischen war die Welt durch Social Media kleiner geworden. Im Jahr 2003 wurden LinkedIn und Myspace gegründet. Im Februar 2004 ging Facebook an den Start und war ab September 2006 offen für alle. Worüber sich die Filmemacher, die das neue »Mumblecore movement« prägten, vernetzten, bleibt deren Geheimnis. Aber dass sie es taten, steht außer Frage: Sie hielten Kontakt und inspirierten und halfen sich gegenseitig.

Ein Beispiel: Im Jahr 2007 setzte sich der Cast in Filmen und Webserien von Joe Swanberg aus befreundeten Regisseuren wie Andrew Bujalski, Lynn Shelton, Ry Russo-Young und Frank V. Ross sowie Schauspielern wie Greta Gerwig (2017 bekannt geworden mit Lady Bird), Mark Duplass, Kent Osborne, Tipper Newton, Kevin Bewersdorf und Kris Swanberg zusammen. Joe Swanberg selbst indes spielte in neuen Filmen von Frank V. Ross und Aaron Katz mit. Viele der Filme dieser kreativen Bande hatten technische und thematische Gemeinsamkeiten.

Dem Trend einen Namen geben

Es gab also einen Trend – und Filmkritiker brauchten einen Namen dafür. Also nahmen sie, was sich anbot: der Begriff von Eric Masunaga. Die Filmkritikerin (und zukünftige Mumblecore-Produzentin) Alicia van Couvering verkündete in dem Essay Was ich sagen wollte im Filmmaker Magazine (Frühjahr 2007):

Es wurde, von einigen seiner Mitglieder, Kritiker und Fans, »Mumblecore« genannt.

Im Mai 2007 übernahm Kritikerin Andrea Hubert den Staffelstab in ihrem Artikel Speak Up für The Guardian:

Eine Menge von Filmschulabsolventen, »Mumblecore«-Bewegung genannt, haben sowohl separat voneinander als auch gemeinsam einen Korpus an Werken geschaffen. Die Werke behandeln die Welt intimer Beziehungen zwischen verunsicherten Charakteren in ihrem unbestimmten Streben nach Glück… oder so etwas. Es ist schwer zu sagen; sie neigen zum nuscheln [to mumble].

Totgesagte nuscheln länger

Sogar der Autor und Journalist Chuck Klosterman, der im Sommer 2008 als Gastprofessor einige Vorlesungen in Leipzig, Stuttgart und Köln gab, schaltete sich ein Jahr zuvor noch in die Debatte ein, mit seinem Artikel What’s (Not) Happening! (Mai 2007) – mit den Worten:

Für eine Zeit lang bemühte [Andrew] Bujalski den Begriff »Mumblecore«, um seinen Stil als Filmemacher zu beschreiben – aber er setzte sich nicht durch.

Bloß, dass er sich doch durchsetzte. Am 22. August 2007 begann das IFC Center in New York damit, seine Reihe frischgebackener Mumblecore-Filme zu zeigen, unter besagten Namen The New Talkies: Generation DIY. Dennis Lim schrieb darüber in The New York Times. In seinem Artikel A Generation Finds Its Mumble heißt es:

Jüngstes Gepolter – oder sollte ich Genuschel [mumblings] sagen – deuten auf eine entstehende Bewegung hin, in der amerikanischen Indie-Filmszene. Vertreter aus dieser Bewegung vereint ein gelassener Naturalismus, ein geringer Produktionsaufwand und ein leiser Gesprächsfluss, oft wahrgenommen als Unberedsamkeit. Daher der Name: Mumblecore.

In der sogenannten »Hot-Ausgabe« des Rolling Stone Magazins im Oktober 2007, in dem etwaige Trends vorgestellt werden, wurde Mumblecore – die einstige Wortschöpfung des Tonmanns Eric Masunaga – als »Hot Genre« vorgestellt. Offizieller geht’s wohl nicht. Wie es von dort aus weiterging, mit der darauffolgenden Welle von Mumblecore-Filmen, das besprechen wir demnächst!


Dieser Einblick in die Geschichte des Mumblecore basiert auf der Website mumblecore.info – einer schicken Übersicht, die den amerikanischen Mumblecore greifbar macht. Mit freundlicher Genehmigung des Web-Entwicklers Zach Hangauer habe ich einige seiner Inhalte ins Deutsche übersetzt. Vielen Dank an Zach!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.