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DIE TRUMAN SHOW von Peter Weir | Film 1998 | Kritik, Review

Neu bei Netflix: Die Truman Show von Peter Weir. Vor bald 20 Jahren – am 12. November 1998 – im Kino gestartet, ist der Film damals begeistert aufgenommen worden. »Ein Stück Intelligenzkino aus Hollywood«, schrieb der SPIEGEL, »das die tranigen Großmelodramen dieser Herbstsaison (Spielberg, Redford und andere) durch Vitalität und Brillanz weit überflügelt.« Und durch Relevanz, möchte man heute hinzufügen.

Mit den »tranigen Großmelodramen« gemeint waren Der Soldat James Ryan (Steven Spielberg, 8. Oktober 1998) und Der Pferdeflüsterer (Robert Redford, 24. September 1998). Beide mit je über zweieinhalb Stunden fette Filmschinken. Der eine zu brutal, der andere zu langweilig (oder in Kombi: zu brutal langweilig), um sie sich zig mal anzuschauen. Ach, und dann war da in jener Hollywood-Herbstsaison noch Angst und Schrecken in Las Vegas (Terry Gilliam, 24. September 1998), wobei »traniges Großmelodram« da nicht so recht zutrifft. Hier geht’s zum Buch/Film-Vergleich von Fear and Loathing.

Kontrolle über konstruierten Willen

Die Truman Show jedenfalls, das ist einer dieser allgemeinverträglichen Klassiker, den man immer wieder sehen kann. Ohne sich erinnern zu können, sich je bewusst für diesen Film entschieden zu haben. Einfach, weil die kurzweilige Komödie mit Jim Carrey so dermaßen oft im Free-TV gezeigt wurde. Lineares Fernsehprogramm… oh Mann, das werde ich meinen Kindern erklären müssen, wie meine Eltern mir einst die DDR. (»Da musste man gaaanz lange warten, bevor was Neues kam – und was überhaupt kommen durfte, das wurde von der Zentrale gesteuert.«)

Hinweis: Liebe Leser*innen, wer 20 Jahre damit warten konnte, diesen Film zu sehen, kann auch 103 Minuten damit warten, diese Filmkritik zu lesen. Oh hey, was man in 103 Minuten super machen kann: DEN FILM SEHEN! JustWatch sagt wo.

Jim Carrey in dem Film »Die Truman Show« | Bild: Universal Pictures
Jim Carrey durchbricht in »Die Truman Show« gleich in seiner ersten Einstellung die vierte Wand – ahnungslos, wie er ist. | Bild: Universal Pictures

Totale: Die Truman Show im Zusammenhang

Historischer Kontext

Als Die Truman Show 1998 ins Kino kam, war der Film wie ein Vorbote. Ein Jahr später lief in den Niederlanden zum ersten Mal Big Brother an, der 24-Stunden-Livestream aus einem Kabuff voller Menschen, bei denen Privatsphäre nicht oberste Priorität hat. Bei Die Truman Show habe ich mich schon ein ums andere Mal gefragt, warum man dem ahnungslosen Helden seiner Dauersendung den Beruf Versicherungskaufmann auf den Leib schreibt. Wären Callboy oder Notarzt nicht viel spannender fürs Format gewesen? Aber angesichts des Erfolgs von Big Brother (seit 2000 dann auch in Deutschland) erübrigt sich die Frage. Die Leute schauen auch zu, wenn gar nichts passiert – wozu also Stress machen?

Apropos Big Brother: Die Gründe, weshalb George Orwell (auf den die Idee vom Big Brother als Überwachungsorgan zurückgeht) überhaupt Schriftsteller geworden ist, könnt ihr hier nachlesen.

20 Jahre später sind wir alle kleine Trumans, nicht nur im philosophischen Sinne (siehe: Platons Höhlengleichnis, quasi dem antiken Vorbild von Die Truman Show), sondern erst recht auf technischer Ebene. Über Facebook, Instagram, musical.ly, Snapchat, YouTube und andere Kanäle sind wir je nach Inszenierungslust auf Dauersendung, Kameras, unsere täglichen Begleiter. Das ist inzwischen Normalität.

Persönlicher Kontext

Kürzlich hatte ich ein langes Mittagessen mit jemandem, der davon überzeugt ist, die 9/11-Anschläge seien inszeniert gewesen. Damit einher geht natürlich die Annahme eines deep state, etwaigen Hintermännern, die das öffentliche Leben, die Medien, unsere gesamte Wahrnehmung in ungeahnten Maßen steuern. Eben so wie der Produzent Christof (gespielt von Ed Harris) in Die Truman Show.

Auf mich persönlich wirken diese Theorien allzu konstruiert. Über die Jahre bringt das Internet immer wildere Ideen hervor, wer/was/wie gemacht haben könnte – wobei das »Warum?« oft erschreckend vernachlässigt wird. Warum etwa braucht Amerika einen großen Anschlag auf eigenem Boden, um einen Angriffskrieg gegen ein anderes Land zu rechtfertigen? Braucht es nicht, schaut in die Geschichte.

Vor allem aber erscheint mir die Fähigkeit der Menschen, in geheimen Operationen gewaltige Coups zu organisieren, maßlos überschätzt. Hier finde ich Die Truman Show erfrischend lehrreich: Es ist schon ein Ding der Unmöglichkeit, Willen und Wahrnehmung eines einzigen denkenden Subjekts zu steuern. Und das, obwohl man von außen vermeintlich die volle Kontrolle über das Individuum hat.

Leider ist dasselbe Hollywood, das uns dieses Lehrstück liefert, auch für die blühende Fantasie derjenigen mitverantwortlich, die hinter etlichen Ereignissen der Geschichte gewiefte Masterminds vermuten. So genial sind wir Menschen nicht.

Close-up: Die Truman Show im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Die Truman Show trickst seine Zuschauer*innen nicht aus. Wir wachen nicht mit Truman auf und erleben aus der Mitsicht, wie er nach und nach hinter der Fassade seiner Scheinwelt blickt. Stattdessen spricht direkt in der ersten Einstellung Cristof zu uns, der Produzent der Show. Er sagt:

Wir finden es langweilig, wenn uns Schauspieler falsche Gefühle vermitteln. Das gilt auch für Pyrotechnik und Spezialeffekte. Wenn auch die Welt, die er bewohnt, natürlich in gewisser Weise gefälscht (im Original: fake) ist, ist absolut nichts gefälschtes an Truman selbst. Keine Drehbücher, keine Texte.

[Wenn man bei Netflix die deutschen Untertitel einschaltet, wird der letzte Satz dort so geschrieben: »Es gibt kein Manuskript und keine „Neger“.« Was auch immer es mit diesem Fehler auf sich hat.]

Als wir Truman in der nächsten Einstellung sehen, in der er unwissentlich die vierte Wand durchbricht und in die Kamera schaut, da sind wir bereits Komplizen der Show. Wir lernen diesen Mann als Objekt kennen, als Spielball einer Inszenierung. Und wir selbst sind, von den ersten Minuten an, Voyeure, die diesem Ahnungslosen auf Schritt und Tritt folgen.

Filmtipps: Authentizität ohne Drehbuch, diesen Plan verfolgen übrigens deutsche Filme wie Love Steaks (2013) und Papa Gold (2011).

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Jim Carrey hat sein Image als reiner Spaßmacher inzwischen etwas entschärft, mit Filmen wie Vergiss mein nicht! (2004) und dem Thriller Number 23 (2007). Rückblickend kann man Die Truman Show als wichtigen Schritt in diese Richtung einordnen. Das mag an Regisseur Peter Weir liegen, der damals 20 Jahre älter als sein Hauptdarsteller war. Er hatte Erfahrung mit albernen Blödelbarden, die außer Komik vermeintlich nichts können: Schon Robin Williams setzte er in Der Club der toten Dichter (1989) als einfühlsamen Vertrauenslehrer stark in Szene.

Einerseits ist Die Truman Show ein Film von der Stange, wie ihn Hollywood von den Gewerken Drehbuch (strenge Drei-Akter-Dramaturgie) bis zur Technik (Kamera und Licht bedienen etablierte High-Key-Gewohnheiten, ohne kreative Ausreißer) regelmäßig raushaut. Allein die Prämisse ist spannend, die Geschichte ideenreich erzählt.

Andererseits reicht das. Ein solides Drehbuch mit spannender Prämisse, ideenreich erzählt, das ist das Fundament guter Filme. Bemerkenswert: Der Drehbuchautor Andrew Niccol wollte bei Die Truman Show ursprünglich selbst Regie führen. Das wurde ihm verweigert. Er hat sich seinen Verzicht gut bezahlen lassen und stattdessen ein anderes Drehbuch geschrieben, das er dann selbst als Regisseur umgesetzt und noch vor Die Truman Show ins Kino gebracht hat: den visionären Gentechno-Thriller Gattaca. Krasser Typ.

Fazit zu Die Truman Show

Kein Meisterwerk, keine Filmkunst, aber eine tolle Geschichte, gekonnt erzählt – von Profis, für den Mainstream. Dass die zugrunde liegende Idee gar nicht so wirklichkeitsfern ist, beziehungsweise sein würde, konnte man sicher auch von in den 1990er Jahren gut erahnen. Die Truman Show ist gut gealtert: 20 Jahre später immer noch relevant und sehenswert.

Hier gibt’s die Filmkritik als Video, viel Spaß:


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