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Mumblecore selbstgemacht – ein Kurzfilm-Drehbericht

Zuletzt aktualisiert am 1. Juni 2018 um 12:26

»ALLES AUSSER MUSIK« hat jemand mit Lippenstift auf den Spiegel geschmiert. Daneben baumelt die Kette der Klospülung, die heute schon zweimal aus dem Spülkasten gerissen wurde. Das war nach dem ganzen Rumgeknutsche und bevor ich in eine Pfütze schwarzer Farbe getreten bin. Jetzt steh ich hier in den knallbunten Camouflage-Socken eines anderen Mannes und frage mich: Wann genau ist dieses Chaos ausgebrochen? Kleiner Drehbericht.

Alex und Zoey, Teil 3: Das große Nuscheln

Nach der grauen Filmtheorie dieser Tage, dem ganzen Lesen und Schreiben über gesehene Filme, da juckten mir die Finger. Höchste Zeit, mal wieder etwas zu drehen, das nicht Eventclip, Vlog oder Behind-the-scenes-of-Irgendwas ist, sondern ein waschechter Film. Eine kurze Geschichte in bewegten Bildern. Außerdem war’s überfällig, ein paar alte Filmfiguren aus der Versenkung zu holen. Zwei Charaktere, die ich sehr liebhabe. Also schrieb ich den Schauspielern, die diese Charaktere mit Leben füllen, und holte ein paar weitere Schauspieler und Helfer mit ins Boot. Plus einen Hund namens Ronald.

Zum Drehbericht ein Gruppenfoto von Cast und Crew
Von links: die Schauspieler Jesse Albert, Stephanie Jost, Juliana Wagner, Swantje Riechers, Florian Gierlichs und Set-Muffin-Beauftrage Sonia sowie – euphorisch im Hintergrund – Regisseur David. | Bild: Kevin Ramolla

Welche Damen und Herren standen vor der Kamera, was haben wir gedreht und wie kommt es, dass am Ende alle mit allen was hatten und ein fetter schwarzer Farbfleck die Wand am Drehort zierte? Fangen wir vor dem eigentlichen Drehbericht mal vorne an, bei der Autopanne…

Worum geht’s in unserem Kurzfilm?

Wir strickten die Geschichte von Alex und Zoey weiter. Die beiden haben sich bei einer Autopanne kennengelernt, vor 5 Jahren. Damals ist Zoeys Karre liegengeblieben und Alex hat sie mitgenommen. Eine wilde Nacht später waren sie unzertrennlich. Davon erzählt der Kurzfilm TCHINA WURM, den ich 2013 als Bewerbungsaufgabe für eine Filmschule gedreht habe. Die Rollen übernahmen zwei befreundete Schauspieler aus Köln:

Jesse Albert und Stephanie Jost.

Zusammen tanzten sie über die Kirmes, fuhren Karussell, schlugen und liebten sich und landeten in einer Totenhalle. Lange Geschichte. Na ja, nicht sooo lang, 9 Minuten:

Für die Filmschule hat’s nicht gereicht. Stattdessen für ein paar Festivals und Auszeichnungen. Die Motivation war also groß, Alex und Zoey noch weitertanzen zu lassen.

Von der Totenhalle zum Traualtar

Im Jahr 2014 brachte der US-amerikanische Regisseur Richard Linklater sein Langzeit-Projekt Boyhood heraus, in dem er über 12 Jahre die Jugend eines Jungen mitverfolgte. Die Zeit selbst s derartum Thema zu machen, wie ihr Voranschreiten die Menschen und ihr Wesen prägt, das hat mich nachhaltig beeindruckt.

2015 startete ich ein eigenes Langzeit-Projekt (Arbeitstitel: Es wird einmal…) und wollte außerdem der Geschichte aus TCHINA WURM ein weiteres Kapitel hinzufügen: Zwei Jahre nach ihrem Kennenlernen landeten Alex und Zoey daher vorm Traualtar. Der Titel des neuen Kurzfilms war wieder ein Anagramm: JAW CHILLI. Hier ist das Ding zu sehen:

Wie geht’s für Alex und Zoey weiter?

Wie würde es danach zwischen ihnen weitergehen? Diese Frage habe ich mir vor ein paar Wochen gestellt. Inzwischen sind Alex und Zoey knapp zweieinhalb Jahre ein Paar. Zwischenzeitlich hatten sie Gastauftritte in besagtem anderen Langzeit-Projekt, das seit 2015 entsteht. Da kriselte es bereits zwischen den beiden. Jetzt wollte ich das Paar mal auf die Probe stellen und eine weitere wilde Nacht erleben lassen. In Gesellschaft dreier Freunde, die wie ein Wirbelsturm um sie herumfegen.

Fotos vom Cast gibt’s unter dem Drehbericht!

Von der Theorie in die Praxis

Nun stecke ich zufällig seit einer Weile knietief in Recherchen zum Thema »Mumblecore«. Das ist ein streitbares Filmgenre, zu dem ich hier in aller gegebenen Ausführlichkeit geschrieben habe. Mal über die Geschichte des Mumblecore, mal über Mumblecore-Filme, etwa Hannah Takes the Stairs (2007) mit Greta Gerwig oder Papa Gold (2011) und Love Steaks (2013) von den deutschen Lass-Brüdern. Diese Filme vereint ein niedriger Produktionsaufwand und ein hoher Improvisationsanteil. Thematisch bewegen sie sich in der Lebenswelt junger Leute, Mitte zwanzig bis Mitte dreißig, und ihren Lebensabschnitts-typischen Problemen. In der »eigenen Lebenswelt«, kann man sagen, da die Regisseure oft im ungefähr selben Alter ihrer Protagonisten sind.

Genug von der Theorie! Ich hatte große Lust, es mal selbst auszuprobieren. Darum habe ich das nächste Kapitel über Alex und Zoey kurzerhand zu einem Mumblecore-Kurzfilm gemacht. Das war eine sehr spaßige und lehrreiche Erfahrung – aber, rückblickend, vielleicht nicht die beste Idee.

Drehbericht: Mumblecore selbstgemacht

Erst einmal: Das mit dem niedrigen Produktionsaufwand ist ja geschenkt. Die Kurzfilme, die ich seit rund 10 Jahren gerne drehe, sind immer ohne großes Budget und technischen Background entstanden. Eine Spiegelreflex-Kamera im Schulterrig und ab dafür. Damit geht ein entsprechend holpriger Look einher, für den mich befreundete Filmemacher mit etwas mehr Sinn fürs Visuelle gerne schelten. Mumblecore-Bedingung #1 ist jedenfalls erfüllt.

Mit dieser unbedarften Art zu drehen geht ein gewisser Improvisationsanteil einher, was die Bilder angeht. Bei früheren Projekten habe ich stets mit Storyboards gearbeitet (ein Beispiel), doch aktuell lasse ich mich gerne auf Drehorte und ihre Gegebenheiten ein. Weniger Erfahrung in Sachen Improvisation hatte ich, was das Skript anbelangt. Gewohnt, mit Liebe fürs Details am Drehbuch und den Dialogen zu feilen, beließ ich es dieses Mal an einer Szenenstruktur, gab grobe Inhalte und Stimmungen vor und verband diese Szenen (immerhin) mit ein paar ausformulierten Dialogen, die eher als lose Richtschnur dienen sollten: So in etwa könnte das Gespräch verlaufen…

Themen aus der eigenen Lebenswelt? Check. Alex und Zoey haben vor ein paar Jahren geheiratet und zoffen sich jetzt zu unterschiedlichen Erwartungshaltungen ans junge Eheleben. Typisches Um-die-30-Thema also, läuft. Da ich selbst bald heirate, ist es auch durchaus die »eigene Lebenswelt«. Wobei ich hoffe, dass unser Kurzfilm sich nicht als prophetisch entpuppt, denn zwischen Alex und Zoey brodelt es ziemlich. (Mumblecore hin oder her, Otto-Normalos dürfen ihre Filme gerne etwas melodramatischer als ihr eigenes Leben gestalten, sonst: Schnarch!)

Was war das für 1 Drehtag!?

Damit waren drei Bedingungen erfüllt, um einen astreinen Mumblecore-Film hinzulegen. Allein, dass wir ein bisschen wenig Zeit eingeplant haben: An einem Tag (Freitag, 4. Mai) wollten wir das Ding drehen, tutto completti. Dazu trafen wir uns morgens in einer Wohnung nahe der Digital Church in Aachen. Ein Freund – der Fotograf und Filmemacher Kevin Ramolla, hier geht’s zu seinem Foto-Portfolio – ist dort so frisch eingezogen, dass die Bude noch recht spartanisch aussieht. Wenige Möbel oder Bilder an den Wänden, viel Raum zum Austoben. Dass Kev noch eine Wand streichen wollte, hatte ich ins Drehbuch eingebaut und Streich-Zeugs mitgebracht. Die Farbe seiner Wahl war tatsächlich Schwarz. Aber ansonsten geht’s ihm gut.

Der Retter in der Klo

Also strichen wir schwarz. Und weil’s mehr Spaß macht: betrunken. Natürlich nur »in so dumm« (it’s a movie, stupid!). Die Spülungskette vom Klo haben wir leider »in echt« herausgerissen. Aber unser Tonmann war ein technisch versierter RWTH-Student aus Aachen. Wer an der Hochschule besteht, kann der Sage nach aus einer Ravensburger Brettspielesammlung ein funktionstüchtiges Raumschiff bauen – da ist so ne Klospülung im Vorbeigehen repariert. Mit links! Ohne die Tonangel aus der Hand zu legen! Easy! Der Hund Ronald, übrigens, war nur halb so groß, wie sein Name glauben macht. »Hündchen« trifft’s eher, aber klingt so despektierlich… Drehbericht Ende.

Übrigens: Der neue Kurzfilm trägt den Titel AMUREUS KISS. Dabei handelt es sich wieder um ein Anagramm. Wie es sich zusammensetzt und weitere Infos finden sich auf der Projektseite zu AMUREUS KISS.

Wer jetzt mit wem warum was hatte, das muss ich leider aufs nächste Update verschieben – nach dem Drehbericht kommt der Schnittbericht. Der Rohschnitt hat begonnen, ist bei improvisierten Dialogen und einer Million Takes aber ne knifflige Angelegenheit. Hier gibt’s den Film und zu guter Letzt noch ein paar Bilder von unserem bezaubernden Cast. Vor der Kamera mit am Start waren:

Die Schauspieler*innen im neuen Kurzfilm AMUREUS KISS

Schauspielerin Stephanie Jost im Porträt

Schauspieler Jesse Albert im Porträt

Schauspielerin Swantje Riechers im Porträt

Schauspieler Florian Gierlichs im Porträt Schauspielerin Juliana Wagner im Porträt

 

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