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LADY BIRD von Greta Gerwig | Film 2017 | Kritik, Review

Gestern gesehen: Lady Bird von Greta Gerwig. Voller Vorfreude bin ich trotz strahlenden Sonnenscheins mit Sonia ins Apollo Kino spaziert. Nach all den amerikanischen Mumblecore-Werken, die ich zuletzt systematisch durchschaute, ist Gerwig – als »Star« dieser unglamourösen Spielecke des Films – für mich eine Ausnahmeerscheinung. Ich war sehr gespannt, wie ihr erster Spielfilm in Eigenregie werden würde. Rund 10 Jahre nach ihrer letzten Regie-Arbeit zusammen mit Joe Swanberg.

Flügge werden, universell erzählt

Damals ging es noch um einen waschechten Mumblecore-Film: Nights and Weekends (2008). Ein Film über eine Fernbeziehung. Gedreht in Digital-Video-Ästhetik, mit kleinem Budget und Dialogen von denen sich schwer sagen lässt, was geschrieben und was improvisiert war. Lady Bird (2017), ein Film übers Erwachsenwerden, basiert nun auf einem voll ausgearbeiteten Drehbuch von Greta Gerwig, an das sich »zu 95 Prozent« gehalten wurde. Eine Produktion mit geschätzten 10 Millionen Dollar Budget lässt eben weniger Raum für zeitraubende Improvisationen. Doch dazu später mehr.

Hinweis: Liebe Leser*innen, auch wenn der Film Lady Bird nicht auf einem spannungsbasierten Plot basiert, warne ich vor Spoilern in dem Text. Einige Details und Einzelszenen, die ich hier bespreche, sind in ihrer Wirkung sicher schön, wenn man sie erst einmal selbst entdeckt und erlebt. Aktuell läuft Lady Bird noch im Kino (Stand: April 2018).

Saoirse Ronan und Elizabeth Feldstein in dem Film »Lady Bird« | Bild: Universal Pictures Germany
Guck mal, da zieht das Leben vorbei. Saoirse Ronan und Elizabeth Feldstein in dem Film »Lady Bird« | Bild: Universal Pictures Germany

Totale: Lady Bird im Zusammenhang

Historischer Kontext

Ich habe erst kürzlich Funny Ha Ha von Andrew Bujalski gesehen, ein zeitgenössischer Film aus 2002. Das Jahr der Einführung des Euros, des Amoklaufs von Erfurt, der Geiselnahme im Dubrowka-Theater und der fortlaufenden Amtszeiten von George Bush und Saddam Hussein. Das Jahr, in dem der eine Schurke entschied, den anderen Schurken zu stürzen. Zwischen 9/11 und Ausbruch des Irakkriegs. Funny Ha Ha klammerte die Zeitgeschichte damals aus, bewegte sich durchweg im Mikrokosmos prokrastinierender Mittzwanziger. Allein an den monströsen Computern sah man: Oha, ja, schon ne Weile her!

Mit Lady Bird hat Greta Gerwig die Jahre 2002/03, in denen sich ihr Coming-of-Age-Film über eine Schülerin auf der Schwelle ins Erwachsenen-Leben abspielt, wieder aufleben lassen. Es gab bereits Handys (»nur für Notfälle«) und Heimcomputer mit Internetanschluss (und Solitär). Doch es gab noch keine Smartphones, kein MySpace, kein Facebook. »Du weißt, ich hasse es, allein zu sein«, sagt die titelgebende Hauptfigur Lady Bird an einer Stelle des Films. Denn als Jugendliche allein sein im Jahr 2002, das hieß: Allein mit seinen Gedanken. In einer anderen schönen Stelle des Films sitzen Mutter und Tochter im Auto, verheulte Gesichter, weil sie gerade ein trauriges Hörbuch durchgehört haben. Lady Bird nimmt die Kassette heraus und will direkt das Radio einschalten. Ihre Mutter grätscht dazwischen: Man müsse sich doch nicht ständig unterhalten lassen.

Vom Jahr 2018 aus betrachtet kann man da nur schmunzeln. Wenn die wüsste…

In Lady Bird wird auch die Angst vor Terrorismus an der amerikanischen Ostküste erwähnt. Sie fließt in Dialoge ein, ohne als Thema ins Licht zu rücken. Wenn in einer Szene der Fernseher läuft, dann zeigt er meist Kriegsbilder aus dem Mittleren Osten (für uns: Nahost).

Persönlicher Kontext

Auch in Europa weiß wohl jede*r vor 1990 Geborene noch, was man am 11. September 2001 gemacht hat. Ich war 12 Jahre alt und hatte gerade Mathe-Nachhilfe, daheim in meinem Zimmer. Irgendwie bekamen wir mit, dass etwas passiert war – und dann standen wir mit der Familie und dem Mädchen, das mir in Mathe half, vor dem Fernseher und sahen die qualmenden Hochhäuser. Kaum zu glauben, dass das 17 Jahre her ist.

17 Jahre, das ist zufällig auch das Alter, dem die junge Lady Bird in diesem Film gerade entwächst. An ihrem 18. Geburtstag kauft sie Zigaretten und eine Playgirl (meinen manchmal beschämend machistischen Denkmustern folgend, habe ich nie darüber nachgedacht, dass es so etwas als Pendant zum Playboy natürlich auch gibt… autsch.) Mein 18. Geburtstag ist nun 10 Jahre her und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung mehr, wann und wofür ich damals zum ersten Mal feierlich meinen Ausweis an der Kasse gezeigt habe. Obwohl es sich, ebenso wie für Lady Bird, damals sicherlich angefühlt hat wie ein Meilenstein auf dem Weg des Lebens.

Amerikanisches Kino, so oder so

Woran ich mich noch erinnere, sind die Filme, die ich mit 17 Jahren toll fand. Alles von Tarantino, ebenso Natural Born Killers, Fear and Loathing in Las Vegas, American Beauty, Almost Famous – durch die Bank amerikanisches Kino. Wie das Leben so spielt, ist mein Fokus just in diesen Wochen voll zum amerikanischen Kino zurückgekehrt. Bloß nicht mehr zu den großen Kultklassikern, sondern den kleinen Nischen-, Nuschel und No-Budget-Projekten der 2010er Jahre, von Filmemachern, die sich einfach eine (meist Video-)Kamera geschnappt und losgelegt haben.

Zu diesen D.I.Y.-Filmemachern zählte auch Greta Gerwig, die jetzt mit Lady Bird als zweite Frau überhaupt für den Oscar in der Kategorie Beste Regie nominiert war. Was für ein Werdegang! Zuletzt habe ich Greta Gerwig etliche Male vor der Kamera gesehen (unter anderem Hannah Takes the Stairs, Frances Ha) – und habe mich sehr auf diese erste komplett eigene Regie-Arbeit von ihr gefreut.

Close-up: Lady Bird im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Mein Gedankenstream zum Film setzte im Kino bereits beim Intro von Universal Pictures ein. Also dem epischen Dödödööö dööö, dö dö dö dö dö BAM! BAM! Dödödööö… dazu der fette Schriftzug, der sich um den Erdball dreht. Nach zig Mumblecore-Filmen, die zuweilen im Look schlechterer Homevideos frei zugänglich auf YouTube herumlungern, dachte ich nur: Ist das nicht ein bisschen zu pompös und dick aufgetragen für einen Greta-Gerwig-Film?

Einerseits ja, klar. Lady Bird ist ein unpompöser, schöner kleiner Ausschnitt aus dem ganz normalen Leben. Ohne typische Filmhelden und Action und BAM! BAM! Andererseits ist »universal« ein ziemlich treffendes Prädikat für dieses Werk. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist universell. Obwohl mit viel Liebe fürs Detail ein bestimmter Ort zu einer bestimmten Zeit als Kulisse gewählt wurde, könnte diese Geschichte ebenso gut von einem 17-jährigen Mädchen aus einer mittelgroßen Stadt im Deutschland 2018 handeln. Es geht vielmehr um die extremen Gefühle und sozialen Gefüge, die diesen individuellen Lebensabschnitt prägen.

Das Leben passiert

Der Film Lady Bird beginnt mit dem wichtigsten sozialen Gefüge: Dem zwischen der Tochter Lady Bird (Saoirse Ronan) und ihrer Mutter (Laurie Metcalf). In der ersten Einstellung sehen wir sie gemeinsam in einem Hotelbett schlafen, einander zugewandt, seelenruhig. Eine Minute später fahren die beiden Heim – und im Auto fliegen die Fetzen. Mutter und Tochter sind richtig gut im Streiten, da schwingt viel Übung mit, kein Zweifel: die geraten in letzter Zeit öfter aneinander.

Zuhause angekommen erleben wir Lady Bird in all den anderen sozialen Gefügen, in denen sich ein Mädchen in dem Alter bewegt – zu ihrem Vater, ihrem Bruder, dessen Freundin, ihrer eigenen besten Freundin, dann einer neuen besten Freundin und den ersten Freunden natürlich, den Lehrern, den Vertrauenspersonen. In 97 Minuten Laufzeit arrangiert der Film eine gewaltige Menge prägnant kurzer Szenen zu einem Gesamtwerk, das sich auf eine gute Weise (!) länger anfühlt, als der Film eigentlich ist. Das ist verdammt selten.

Stephen Colbert brachte es in einem Interview mit Schauspielerin Laurie Metcalf auf den Punkt: Während man in anderen Filmen darauf warte, dass der Hauptfigur irgendetwas passiert, passiert in diesem Film einfach ständig was: das Leben (das, wie man sprichwörtlich so schön sagt, passiert, während man etwas anderes plant.)

Von der ersten Minute an ist man unterwegs mit dieser quirligen, starken Persönlichkeit, die Saoirse Ronan großartig spielt. In ihrer Gegenwart, das merkt man sofort und bestätigte sich, da wird es nicht langweilig.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Lady Bird ist der Name, den sich Christine McPherson (so der eigentliche Name von Ronans Figur) selbst gegeben hat. Eine von vielen Marotten, die sie gerade auslebt. Am Ende des Films fragt die inzwischen 18-jährige und sich selbst wieder Christine nennende Lady Bird einen Typen auf einer Party, ob er an Gott glaube. Er verneint. Warum? Weil’s doch bescheuert sei, sagt er lachend. Da sagt Lady Bird etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht (na, seit gestern Abend halt):

Die Leute glauben an die Namen, die sie von ihren Eltern bekommen haben – aber glauben nicht an Gott.

Als sie an einer anderen Stelle des Films gefragt wird, ob Lady Bird ihr richtiger Name sei, sagt sie:

Der Name wurde mir gegeben – von mir.

In einem Film schöne Zitate zu finden, das heißt noch nicht, mit dem Finger darauf zeigen zu können, worin es versteckt liegt, das Geheimnis eines richtig guten Drehbuchs. Denn das ist es, was Greta Gerwig ihrem Regie-Debüt zugrunde gelegt hat. Dialoge, die vor Leben sprühen. Wahrheiten, die nicht wie Kalendersprüche rüberkommen. Pointen, die nicht wie Witze vorbereitet werden. Emotionen zwischen den Zeilen und nicht plump daher gesagt.

Die Filmkritik als Video gibt es hier:

Greta Gerwig war fleißig

In diesem Drehbuch sehe ich Gerwigs größte Leistung. Nachhaltig geprägt von der Lektüre Malcolm Gladwells und dessen Ausführungen zur 10.000-Stunden-Regel, glaube ich auch hier wieder ein schönes Beispiel gefunden zu haben. Und da bin ich nicht der Einzige.

Greta Gerwig hatte ihren ersten Spielfilmauftritt in LOL (2006), einem von vielen weiteren Mumblecore-Filmen, an denen sie in den nachfolgenden Jahren beteiligt war. Oft sind die Dialoge in diesen Filmen improvisiert, weshalb die Schauspieler mehr tun, als einem geschriebenen Text Leben einhauchen. Es gibt keinen Text, nur das Leben, das möglichst authentisch und unmittelbar vor der Kamera darstellt werden soll.

Das ist nicht in allen Projekten des Filmemacher-Kollektivs rund um Greta Gerwig gelungen. Aber diese Jahre waren mit Sicherheit eine gute Schule, um ein Gefühl für die Glaubwürdigkeit von Dialogen zu entwickeln. Das Schreiben eines Drehbuchs hat Gerwig nach eigenen Angaben von ihrem Lebensgefährten Noah Baumbach gelernt. Mit ihm ist sie seit der gemeinsamen Arbeit an Frances Ha  (2012) ein Paar. Die Dreharbeiten zu ihrem ersten eigenen Film Lady Bird begannen im August 2016.

10 Jahre oder 10.000 Stunden, mal wieder

Ich bin nicht zur Filmschule gegangen. Stattdessen habe ich die Zeit mit Schreiben und Produzieren und Spielen verbracht, um meine 10.000 Stunden Erfahrung vollzukriegen – oder wie viel auch immer man diesem Malcolm Gladwell zufolge bräuchte. | Greta Gerwig, in: The Hollywood Reporter

Von 2006 (LOL) bis 2016 (Lady Bird), das sind in der Tatgenau die zehn Jahre, die es laut Gladwell durchschnittlich braucht, um einer bestimmten Beschäftigung 10.000 Stunden lang zu frönen. Und mit diesem Pensum inne hat man hohe Chancen, mit dem, was man tut, richtig gut zu sein.

Und damit komme ich mit meiner wissenschaftlichen Beweisführung, weshalb Lady Bird ein richtig guter Film ist, zum Ende.

Fazit zu Lady Bird

Bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzt, bietet Lady Bird eine Parade starker Performances. Wer gerne erstklassigem Schauspiel zusieht, ist damit schonmal gut bedient. Was manch Zuschauer*in an den Greta-Gerwig-Mumblecore-Filmen der 2010er Jahre stören mag – nämlich dass die spürbare Präsenz der Kamera (durch Schwenks und Zooms und Wackeln) die eingefangene »Lebensechtheit« wieder kaputt macht – das ist in Lady Bird nicht der Fall.

Es handelt sich um einen gut budgetierten, absolut solide in Szene gesetzten Film. Dabei hält sich die Kameraarbeit soweit zurück, dass sie auch nicht durch besondere Originalität glänzt. Alles, von der liebevollen Ausstattung bis hin zum bedächtigen Einsatz von Musik, dient einzig und allein der Heraufbeschwörung einer bestimmten Lebensphase. Grandios gelungen!


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