Film

DANCE PARTY, USA von Aaron Katz | Film 2006 | Kritik, Review

Kürzlich gesehen: Dance Party, USA von Aaron Katz. Der Film handelt von Teenagern, deren Leben sich auf und zwischen Partys abgespielt – und ist doch kein typischer Teenie-Partyfilm. Stattdessen geht es um die Schattenseiten rauschhafter Feste. Erzählt aus der Sicht eines Heranwachsenden, der es im Schatten nicht mehr aushält.

Die Reue nach dem Sturm

Produziert für nur 3000 Dollar und mit einfachster Videotechnik, wird dieses 66-minütige Werk dem amerikanischen Mumblecore der 2010er Jahre zugeordnet. Während der Dreharbeiten lebte die gesamte Crew und einer der Darsteller im Obergeschoss eines alten Hauses in North Portland, Oregon zusammen – an der Küste der USA. Mit dem eigentümlichen Stolz ambitionierter Amateurfilmer verrät die zweiseitige Pressemappe zum Film, dass die Filmklappe provisorisch aus zwei Holzblöcken gebaut worden sei. Mit einem Edding bemalt. Und dann gibt es noch die Randnotiz, dass die vorletzte Szene des Films auf derselben Straße entstanden sei, wie die Anfangsszene zu Elephant (2003) von Gus Van Sant.

Tatsächlich schafft es der Film Dance Party, USA über vermeintlich harmlose Partyexzesse, eine ähnliche unangenehme Stimmung heraufzubeschwören, wie Gus Van Sant in seinem Werk über jugendliche Amokläufer.

Hinweis: Liebe Leser*innen, bis zum Absatz »Close-up« wünsche ich spoilerfreies Lesen. Danach gehe ich mit wenigen Worten auf eine Schlüsselszene des Films ein, ohne jedoch zu verraten, was hinter dem Schloss verborgen liegt. Erst im Absatz »Thema des Films« sind klare Spoiler enthalten. Wer den Film zunächst sehen möchte: Dance Party, USA ist aktuell im amerikanischen Originalton in voller Länge auf YouTube verfügbar, Link weiter unten.

Die Hauptdarsteller Cole Pensinger und Anna Kavan in dem Film »Dance Party, USA«

Totale: Dance Party, USA im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Aaron Katz ist in den 90er Jahre zu einer kleinen Schule von weniger als 80 Schüler*innen gegangen. Dort hat er seine ersten Kurzfilme gedreht, auf Super 8. Danach ging’s an die North Carolina School of the Arts – dieselbe Schule, auf der aktuell übrigens der Schauspieler Lucas Hedges (Lady Bird) eingeschrieben ist. Dort hat Katz einige der späteren Castmitglieder von Dance Party, USA kennengelernt.

Trotz des geringen Aufwands hat die Produktion von ersten Notizen bis zum fertigen Schnitt vier Jahre in Anspruch genommen.

Ich hatte die Idee, einige Ausschnitte aus überhörten Gesprächen zu verwenden, die ich auf Zugfahrten mitgeschrieben habe. Mit dieser als Saat schrieb ich dann, was später Dance Party, USA wurde. Zwei Jahre später hatte ich die Möglichkeit, diese Filmidee umzusetzen. Mein Hauptanliegen war, alles wegzunehmen, das unnötig war – und eine Umgebung zu kreieren, die den Schauspielern die Möglichkeit gab, wirklich im Moment zu sein. Einander zuzuhören und aufeinander zu reagieren. Zwei weitere Jahre folgten, in denen wir den Film schnitten. | Aaron Katz, Auszug aus dem Director’s Statement in der Pressemappe zu Dance Party, USA (PDF, englisch)

Der Film ist hinsichtlich seiner Story indes zeitlos und hätte so auch Jahre früher oder später entstehen können – oder heute. Allein, dass es mit den Mitteln, die jungen Filmemachern dieser Tage schnell zur Hand sind, ein technisch glatterer Film geworden wäre. Kinoästhetik, wenn gewünscht. Dance Party, USA braucht keinen glatten Look, um zu funktionieren. Der schöne Titel übrigens weist auch auf die geografische Ungebundenheit der Handlung hin. Nicht in »New York, USA« oder »Los Angeles, USA« passiert, was passiert, sondern auf einer Tanzparty in den USA. Egal welcher und potentiell jeder »Tanzparty, USA«. Hinsichtlich des Themas des Films haftet dem Titel damit etwas Erschreckendes an.

Technik: Geschnitten wurde der Film mit Final Cut Pro, gedreht mit einer Panasonic DVX-100.

Persönlicher Kontext

Nach Funny Ha Ha (2002), Quiet City (2007) und Hannah Takes the Stairs (2007) nur ein weiterer Mumblecore-Film, den ich mal gesehen haben wollte, um Mumblecore besser begreifen zu können. Mit seinem üblen Thema tanzt Dance Party, USA bisher ziemlich aus der Reihe.

Wenn ich nicht gerade im Kino dazu gezwungen werde, schaue ich mir möglichst keine Filmtrailer an. Der Zusammenschnitt eines Spielfilms auf anderthalb bis zwei oder drei Minuten ist zwar eine Kunstform für sich, die Achtung verdient. Doch meiner Erfahrung nach nehmen die gezeigten Bildern und insbesondere die offenbarten Wendungen oft zu viel vorweg. Man erlebt den Film dann anders, mit einer zwischengeschalteten Erwartungshaltung, die das erste, unmittelbare, überraschende Erlebnis unmöglich macht.

Im Nachhinein hingegen schaue ich mir gerne verschiedene Schnittversionen von Trailern. Tatsächlich sind oft Perlen dabei, denen es gelingt, Lust auf einen Film zu machen, ohne viel vorwegzunehmen. Auch Dance Party, USA hat einen solchen Trailer. Er gibt zugleich einen kurzen Einblick in die raue Ästhetik des Films, womit man selbst entscheiden kann, ob die eigenen Sehgewohnheiten sich auf diese Art von Film überhaupt einlassen wollen.

Close-up: Dance Party, USA im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Aus dem Schwarz heraus Schnitt auf ein blondes Mädchen (Anna Kavan) in Top und Jeans, das auf einem Teppich liegt und schläft. Die Haare verdecken das halbe Gesicht. Um sie herum sehen wir Klamotten und sowas wie einen Pizzakarton. Das Bild ist gelbstichig, das Licht augenscheinlich rein natürlich. Ein leichtes Wackeln verrät die Kamera als aus der Hand gehalten. Vom Winkel her, aus dem die Kamera auf das Mädchen herabsieht, steht die Kamera-führende Person einfach neben ihr und filmt aus einer bequemen Höhe. Diese ersten paar Sekunden, bevor irgendetwas passiert, verraten bereits viel über die inszenatorische Agenda der Filmemacher: Einfach draufhalten.

Die erste Dialogszene in Dance Party, USA zeigt zwei Jungs in einem Bus. Sie reden über Mädchen. Vielmehr erzählt der eine, Gus (Cole Pensinger) dem anderen eine Geschichte über ein Mädchen, mit dem er geschlafen hat. Dabei drückt er sich zum Fremdschämen obszön aus. Auch im weiteren Verlauf wird dem Filmemacher es gelingen, unangenehme (beschämende oder bedrückende) Situationen einzufangen. Es ist der erste Spielfilm von Aaron Katz – doch in Struktur und Timing bereits sehr gekonnt erzählt.

An dem Punkt, da der Junge Gus das Alter seiner angeblichen Bettpartnerin als 14 Jahre angibt, grätscht sein Kumpel dazwischen. Das glaube er ihm nicht, basta.

Augenblicke der Wahrheit

Unser konstantes Bestreben dabei war, Augenblicke der Wahrheit zu entdecken, in denen die Schauspieler einfach echte Leute waren, beschäftigt mit dem, was um sie herum geschah. Während des gesamten Prozesses habe ich versucht, meinem anfänglichen Ziel treu zu bleiben: Etwas einfaches, ehrliches und direktes zu erschaffen. | Aaron Katz, Auszug aus dem Director’s Statement in der Pressemappe zu Dance Party, USA (PDF, englisch)

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Sein Ziel hat Aaron Katz erfüllt. Dance Party, USA ist sehr einfach im Sinne von fokussiert auf das, was er erzählen möchte. Schmucklos, könnte man auch sagen. Die Geschichte über das 14-jährige Mädchen wird im späteren Verlauf des Filmes noch einmal erzählt, wieder von Gus, jedoch einem anderen Paar offener Ohren – und auf völlig andere Art und Weise. Das ist sehr stark gemacht – und von diesem Punkt an ist es spannend, dem Charakter Gus zu folgen.

Wer mag, kann den gesamten Film aktuell bei YouTube sehen (Stand: April 2018).

Achtung! Achtung! Im nächsten Absatz zum Thema des Films gibt es Spoiler

Thema des Films

Besagtes 14-jähriges Mädchen ist auf einer Party bewusstlos geworden – ob im Rausch etwaiger Drogen, Alkohol oder K.O.-Tropfen, das erfahren wir nicht. Wohl aber, dass sich Partygäste über sie hergemacht haben. Erst ein Junge, dann ein anderer – nämlich die Hauptfigur Gus, der später erst stolz, dann reuig davon erzählt. In der zweiten Hälfte des Films sucht der Junge das Mädchen noch einmal auf. Er weiß genau, was er da getan, auch wenn das Wort dafür nicht zur Sprache kommt: rape. Vergewaltigung.

Ich bin überrascht, dass dieser sogenannte Mumblecore-Film dargestellt, wie tief verwurzelt die Vergewaltigungskultur in unserer Gesellschaft ist; wie viele gewöhnliche Menschen diese schrecklichen Wertvorstellungen haben und wie komfortabel diese Menschen in unserer Welt leben. | User saitosouta auf mubi.com

Der Film nähert sich dem Thema sehr vorsichtig und gibt nur einen kleinen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Täters, klammert die des Opfers aus. Eine wesentlich deutlicher artikulierte Annäherung findet man in diesem TED Talk eines Vergewaltigungsopfer, das zusammen mit dem Täter davon erzählt, was passiert ist – und wie man damit umgehen soll:

Fazit zu Dance Party, USA

Wenn man sich mit amerikanischen Mumblecore auseinandersetzen möchte, ist Dance Party, USA ein interessanter Beitrag zu diesem vagen Überbegriff. Auf anderem Wege wird man als Europäer wohl kaum über dieses unbekannte Kunstwerk stolpern. Es ist kein großer Verlust, den Film nicht gesehen zu haben – aber ein kleiner Gewinn, wenn doch.

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