Film Geschichte

Amerikanischer Mumblecore – ein Anfang ohne großes Tamtam

Zuletzt aktualisiert am 2. Mai 2018 um 8:31

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei dem Genuschel schwer zu verstehen. Wie schon die Bibel beginnt das nicht minder streitbare Filmgenre des Mumblecore – das über die Jahre Anhänger und Aposteln, aber auch vehemente Gegner gefunden hat – mit einer schönen Schöpfungsgeschichte und einem bescheidenen Heilsbringer. Nachfolgend soll die Geschichte von seinem Ursprung her erzählt werden: Amerikanischer Mumblecore 101.

Die Anfänge des Amerikanischen Mumblecore

Mum-ble-core (Substantiv), zu deutsch: im Kern genuschelt | Ein Genre des Low-Budget Independent Cinemas, überwiegend digital gedreht. Gekennzeichnet durch naturalistische Darstellung, die sozialen, romantischen und existentiellen Lebenswelten junger Amerikaner schildernd. (von: mumblecore.info/history)

Wenn im Folgenden die ursprüngliche Bedeutung des Wortes geklärt wird, erklärt sich die Einschränkung auf »junge Amerikaner«. Denn Mumblecore ist, wie so viele cineastische Einflüsse, aus Übersee rüber geschwappt. (Wobei wiederum viele aus Europa hingeschwappt sind… es ist ein ewiges, gegenseitiges, kreatives Befruchten). Der German Mumblecore jedenfalls, die hiesige Spielart dieses Genre (Dicke Mädchen, Love Steaks), hat zumindest begrifflich amerikanische Wurzeln, die sich seit knapp nach der Jahrtausendwende ausbreiten.

Ein Web-Entwickler namens Zach hat sich die Mühe gemacht, das Phänomen Mumblecore auf amerikanischer Seite zu seinen Ursprüngen zurück zu verfolgen. Auf der schicken Website mumblecore.info fasst er seine Erkenntnisse zusammen. Im Folgenden habe ich seine Ausführungen ins Deutsche übersetzt. Zunächst springen wir rund 16 Jahre zurück in die Vergangenheit.

Bilder aus dem Film »Funny Ha Ha«, dazu der Text: Amerikanischer Mumblecore, ein Anfang ohne großes Tamtam | Bilder: funnyhahafilm.com

Amerikanischer Mumblecore, oder: »Der letzte Indie der 80er«

Im Jahr 2002 stellte Andrew Bujalski, ein 24-jähriger Harvard-Absolvent (Department of Visual and Environmental Studies) aus Boston, seinen ersten Spielfilm fertig. Funny Ha Ha (hier geht’s zum Filmtipp), das lockere, geschwätzige, naturalistische Porträt einer Frau Anfang zwanzig und ihrer Post-College-Langeweile, des loses Liebesleben und ungezwungenen Streifzügen in die Arbeitswelt.

Der Film wurde im August 2001 in Boston gedreht, auf 16mm und mit einem Budget von 50.000 Dollar. Der Cast hatte keinen professionellen Cast. Bujalski besteht darauf, damals keine Intention gehabt zu haben, irgendetwas zu starten:

Ich habe eher das Gefühl, [Funny Ha Ha] sei das Ende. Es ist quasi der letzte Indie-Film der 80er Jahre – den wir halt sehr spät reinbekommen haben. | Andrew Bujalski im Interview mit Politico (2012)

Fast das Statement einer Generation

Etwaige, amerikanische Kritiken zu Funny Ha Ha vermitteln einen Eindruck davon, was Filme ausmacht, die zukünftig unter den Begriff »Mumblecore« gefasst werden (je übersetzt aus den englischen, verlinkten Original-Kritiken):

Schwebend, zögernd, unbestimmt: Das ist der grau-schattierte Schauplatz von Funny Ha Ha. Überraschend ist, wie der Film sich zusammensetzt und dir unter die Haut geht, bevor du überhaupt weißt, warum er dich interessieren sollte. Was improvisiert und zufällig wirkt, ist tatsächlich kontrolliert, zuweilen clever gestaltet. Unter der Oberfläche von unlogischen oder beliebigen Achselzuckern verbergen sich intensive Gefühle. Gefühle selbstbewusst cooler, lockerer, sich vage ausdrückender Leute, die Angst davor haben, irgendetwas festzulegen. | Slate (2005)

Bujalskis wie improvisierte Annäherung ist elegant verbunden mit einem nicht über-dramatischem Stil. Daher wirkt sie um ein Haar wie ein reiner Dokumentarfilm. | Variety (2003)

Realistische Dialoge, glaubwürdige Situationen und Charaktere sowie die schiere natürliche Liebenswürdigkeit von Kate Dollenmayer machen Funny Ha Ha zu einer charmant unwiderstehlichen kleinen Komödie mit quasi-dokumentarischem Flair. Sie erinnert uns alle ein wenig daran, dass wir selbst schon an diesem Punkt in unserem Leben waren, diese und jene Dinge selbst getan haben. | moviesharkdeblore.com (2005)

Wenn er nicht von so eiserner Bescheidenheit wäre, und so lächerlich begrenzt auf kleinste Beobachtungen und das Verhalten Einzelner, dann käme man fast in die Versuchung, Funny Ha Ha […] als Statement einer Generation zu bezeichnen. | NY Times (2005)

Ein bescheidener Auftakt

Funny Ha Ha wurde ohne großes Tamtam auf dem Sidewalk Moving Picture Festival in Birmingham (Alabama) uraufgeführt. Der Film lief auf weiteren Festivals, später auf dem Kanal SundanceTV, an Colleges und in Programmkinos. 2005 gab es einen limitierten Kinostart, durch den Funny Ha Ha die Aufmerksamkeit von Filmkritikern bekam. A. O. Scott von der New York Times schloss Funny Ha Ha in seine Lieblingsfilme 2005 ein. Der Film spielte 82.620 Dollar in drei Wochen ein.

2004 übernahm der 23-jährige ehemalige Festival-Helfer Matt Dentler das South by Southwest Film Festival als Veranstalter. Er öffnete die Tür für den zunehmenden Trend ernsthafter minimal-budgetierter Independent-Filme. Das SXSW Film Festival im Jahr 2005 war dann das Durchbruchjahr einer neuen Welle von intimen Beziehungsfilmen. Mit dabei: Joe Swanbergs Kissing on the Mouth, Mark and Jay Duplass‘ The Puffy Chair und Andrew Bujalskis nächster Film Mutual Appreciation.

Ein Festival ebnete den Weg

Dentler selbst erklärt es so:

2005 war etwas anders, aber wir wussten es zur der Zeit noch nicht. Die Leute haben gefragt, warum das SXSW all diese Filme zusammenbrachte, als wenn die Programmleiter es mit Absicht getan hätten. Dabei haben wir bloß zugelassen, was uns gefiel, und der Rest ergab sich von selbst. Der neue Film von Bujalski? Wir liebten und zeigten ihn. Ein Film unserer alten Bekannten, den Duplass-Brüdern? Nach dem Sundance gewann er bei uns einen Publikumspreis. Eine seltsame, aber höchst unterhaltsame experimentelle Erzählung fast ohne Dialoge (Four Eyed Monsters)? Nach dem Slamdance gewann auch dieser auf dem SXSW einen Publikumspreis. Und dann machte ein Typ aus Chicago (Joe Swanberg) einen No-Budget-Film (Kissing on the Mouth), in dem er und sein Freund sie ausziehen, abhängen und intim werden.

Ich denke, Joes Furchtlosigkeit dabei, Intimität zu erkunden machten es ihm – neben seinem natürlichen Charisma – einfach, unter den anderen Filmemachern auf dem SXSW 2015 Freunde zu finden. Nach dem Festival hielten sie Kontakt und eine Gemeinschaft von Künstlern aus der ganzen Nation begann zu wachsen. MySpace, E-Mail und Blogs erleichterten diese Entwicklung und trugen dazu bei, dass mehr Kollaborationen stattfanden und Filme gemacht wurden. | Matt Dentler im Interview mit IndieWire (2007)

Ein Feuer, das immer noch brennt

Joe Swanberg sagt dazu:

Matt Dentler ist unmittelbar verantwortlich für den Erfolg, den ich mit meiner Karriere habe. Wenn man ihn aus der Gleichung, die mein Lebens ist, streichen würde, wäre ich heute immer noch Filmemacher. Aber niemand hätte von meinen Werken gehört und ich würde einen 9-to-5-Job schieben, um die Rechnungen bezahlen zu können. Es gruselt mich regelrecht, mir vorzustellen, wie anders mein Leben verlaufen wäre, hätte Matt nicht unseren Kissing on the Mouth auf dem Festival laufen lassen. Ich habe dort so viele zukünftige Freunde und Partner gefunden – dieses Festivaljahr hat ein Feuer in mir entzündet, das immer noch brennt. | Joe Swanberg im Interview mit Austin Chronicle (2008)

Zu den Filmen, die während Matt Dentlers Amtszeit beim SXSW Film Festival liefen, gehören: Alexander the Last, Creative Nonfiction, Drinking Buddies, LOL, Hannah Takes the Stairs, Medicine for Melancholy, Nights and Weekends, Quiet City, Sorry, Thanks und Tiny Furniture. Inzwischen ist Matt Dentler Vater, Ehemann, bei Apple beschäftigt – und bei Twitter aktiv.

Damit hätten wir einige Filme zusammen, die zum Kanon »Amerikanischer Mumblecore« gehören, sowie einige der üblichen Verdächtigen, die dieses Genre von Beginn an prägten. Demnächst widmen wir uns dem Begriff »Mumblecore« selbst, woher er kommt und was zu seiner rasanten Verbreitung beitrug – denn hey, wir haben bis hierher noch gar nicht über Nuscheln gesprochen!

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