Film

HANNAH TAKES THE STAIRS (Spielfilm, 2007) | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 26. April 2018 um 11:07

Kürzlich gesehen: Hannah Takes the Stairs von Joe Swanberg. Laut der New York Times nicht der beste Einstieg in das Gesamtwerk der amerikanischen Do-It-Yourself-Filmemacher-Generation, die in den 2010er Jahren einiges an Aufmerksamkeit erregte. Erzählt wird hier die Geschichte von Hannah (Greta Gerwig), die in 80 Minuten ein ziemliches Auf-und-Ab der Gefühle erlebt.

Hannah zwischen den Stühlen

Viele Menschen, die ich liebe und bewundere, haben sich bereit erklärt, ihre geschäftigen Leben für ein paar Tage und Wochen zu pausieren. Sie versammelten sich in Chicago und schliefen mit mir auf dem Boden eines gemieteten Appartements, um einen Film zu machen.

Das schreibt der Regisseur Joe Swanberg in seinem Statement auf der offiziellen Website desjenigen Films, der dabei herum gekommen ist: Hannah Takes the Stairs. Weiter schreibt er: »Wir blieben lange auf und tanzten, es war magisch. Ich wuchs als Mensch ebenso wie als Filmemacher.« Enthusiastische Worte über ein Werk mit Freunden. Merkt man dem Film dieses familiäre Team dahinter an?

Hinweis: Liebe Leser*innen, bis zum Absatz »Bleibender Eindruck« wünsche ich spoilerfreies Lesen. Danach gehe ich etwas konkreter auf den Handlungsverlauf ein. Zu sehen gibt es Hannah Takes the Stairs aktuell in voller Länge bei YouTube, Link weiter unten.

Greta Gerwig in dem Film »Hannah Takes the Stairs« | Bild: IFC Films
Inzwischen Oscar-Preisträgerin Greta Gerwig sieht ihm Film »Hannah Takes the Stairs« (2007) der Heldin aus dem German-Mumblecore-Film »Luca tanzt leise« betörend ähnlich. Relevant? Nö. Aber schön für den, der stolz auf diese oberflächliche Beobachtung ist. | Bild: IFC Films

Totale: Hannah Takes the Stairs im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Kochende Ratten und Hasen mit ohne Ohren sind in diesem Jahr der Hit in deutschen Kinos. Im Schatten von Harry Potter, natürlich. Weltweit wird Harry wiederum tatsächlich von den Piraten in den Schatten gestellt: Fluch der Karibik 3 spielt international knapp eine Milliarde Dollar ein.

Hannah Takes the Stairs hingegen wurde für 60.000 Dollar produziert und spielt rund 20.000 Dollar wieder ein. Nicht gerade ein finanzieller Hit, aber mit kommerziellen Ambitionen ist dieses Projekt eines losen Filmemacher-Kollektivs rund um Regisseur Joe Swanberg und Hauptdarstellerin Greta Gerwig auch nicht gestartet.

2007 ist übrigens das Jahr, in dem erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben (siehe: World Urbanization Prospects, PDF). Passend dazu wird uns mit Hannah Takes the Stairs ein absolut urbaner Film präsentiert.

Persönlicher Kontext

Wenn man eine Weile über amerikanischen Mumblecore liest, kommt man um diesen Film nicht herum. Insofern besteht mein persönlicher Bezug zu dem Film leider allein in dem Umstand, dass sein Titel gehäuft in meine Wahrnehmung drang und gesehen werden musste, »weil er zum Kanon gehört«, wie man so blöd sagt. Immerhin, man kann den gesamten Film zurzeit kostenlos bei YouTube sehen (Stand: April 2018).

Close-up: Hannah Takes the Stairs im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Hannah Takes the Stairs beginnt mit einem quietschgelben, wirklich Quietsche-Entchen-gelben Standbild, auf dem nur ein kleines rotes Herz abgebildet ist. Nicht mittig, sondern irgendwo links in der Bildhälfte, ein bisschen beliebig abgelegt. Sieht wie aus Pappe geschnitten aus. Oder handgemalt. Ich muss direkt an den witzigen Blogbeitrag von Patrick Hosmer denken, The Four Elements of Mumblecore.

Element 1: Real Shit Mixed with Hand-Drawn Shit

Aber das passt ja gar nicht, weil in dem Bild kein »real shit« zu sehen ist. Stattdessen werden neben dem Herzchen die Vorspann-Titel eingeblendet. Und siehe da, die ganze Riege der Filmemacher, die in Amerika mit Mumblecore in einen Topf geworfen werden, sind mit im Boot: A Film by…

Die Mumblecordians

Joe Swanberg (Regisseur; hat davor und danach mit Kissing on the Mouth, LOL, Nights and Weekends und Alexander the Last einige DER Mumbleclore-Klassiker geschrieben, inszeniert und geschnitten),

Greta Gerwig (Hauptdarstellerin, auch in LOL und Nights and Weekends, hab sie selbst zuletzt in Frances Ha gesehen; hat mit Lady Bird als Regisseurin vor kurzem einen Oscar gewonnen),

Kent Osbourne (in Nights and Weekends wieder an der Seite von Greta Gerwig zu sehen),

Andrew Bujalski (hat Mumblecore ja quasi erfunden, mit seinen Filmen Funny Ha Ha und Mutual Appreciation; hier als Schauspieler dabei),

Ry Russo-Young (hier ebenfalls Schauspielerin; hat als Regisseurin selbst den Film Orphans inszeniert, der eigentlich gar nicht Mumblecore ist, nur dazugezählt wird, weil Mumblecore sozusagen ein Rassismus-Problem hat – wenn ich Amy Taubin im Film Comment richtig verstehe),

Mark Duplass (auch als Schauspieler, in diesem Film; hat als Regisseur The Puffy Chair gedreht – und das DVD-Cover dazu ist wirklich real shit mixed with hand-drawn shit; gilt als wichtiger Vertreter des amerikanischen Mumblecore, zusammen mit seinem Bruder Jay. Man nennt sie auch die »Duplass Brothers« – quasi das amerikanische Pendant zu den Lass-Brüdern hierzulande, die Love Steaks und Papa Gold gemacht haben.)

Die »New Talkies«

Was für ein Line-up! Die Avengers des Mumblecore. Ich bin gespannt auf den Film. Los geht’s unter der Dusche, mit Greta Gerwig als Hannah und Mark Duplass als ihrem Freund. Sie waschen sich, putzen sich die Zähne, dann examinieren sie Hannahs Körper. Die beiden sind intim miteinander. Mit ihren nassen, blondierten Haaren sieht Hannah – banale Randnotiz – der deutschen Schauspielerin Martina Schöne-Radunski in Luca tanzt leise bemerkenswert ähnlich. Das sei hiermit bemerkt.

Fun Fact: In dem Film erfährt man, warum Menschen einander mit ihren Gläsern zuprosten und anstoßen! Reizt dich dieses Häppchen unnützes Wissen? Dann schau den Film (oder weiter unten nach, da gibt’s die Auflösung…)

Hannah macht sich startklar für den Arbeitstag. Ihr Freund erzählt ihrer Mitbewohnerin am Frühstückstisch, dass er seinen Job gekündigt hat und jetzt Nihilist sei. Die Digital-Video-Ästhetik (gedreht wurde mit einer Panasonic HVX200, im Produktionsjahr noch ziemlich neu auf dem Markt) lässt weniger Film- als Homevideo-Feeling aufkommen. Wir sehen keinen Schauspielern sondern einfach Menschen zu, normalen, langweiligen Helden des Alltags. Wir sehen keine Szenen, sondern Situationen.  Im Erscheinungsjahr von Hannah Takes the Stairs bewirbt der Verleiher IFC Films diesen und ähnliche Werke nicht mit dem Marketing-tauglichen Label »mumblecore«, sondern als »New Talkies« – Filme, die vom Reden bestimmt sin (The Brooklyn Rail berichtete). Tatsächlich folgen wir Hannah von einer Plapper-Szene in die nächste.

– Achtung, Achtung, in diesem Absatz lauern mal wieder Spoiler! –

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Der Film kommt sehr unaufgeregt daher. Wir bekommen früh ein Gefühl dafür, dass es mit der Beziehung zwischen Hannah und ihrem Freund nicht glatt läuft. Tatsächlich läuft es alsbald auf eine unangenehme Trennung hinaus. Und Hannah stürzt sich prompt ins nächste Liebesabenteuer. Dieses Mal mit einem Mitarbeiter, der von besagtem Mumblecore-Godfather Andrew Bujalski gespielt wird. Man freut sich ein bisschen für ihn: In seinem eigenen Film Funny Ha Ha war er noch der Loser, der bei der sympathischen Marnie abblitzt. Hier ist er der Nicht-mehr-so-sehr-Loser, in den Hannah sich verknallt. Und sie machen durchaus ein bisschen Quatsch zusammen, daher…

Element 2: Retarded Child-Like Behavior

…ist das zweite Element der berüchtigten vier Elemente des Mumblecore erfüllt. Check!

Allein, dass auch mit dem neuen Partner nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Liebe ist bekanntlich viel komplexer, ein Beziehungsgefüge komplizierter, als es Romanzen mit 08/15-Plot oder klassischer Drei-Akter-Dramaturgie uns glauben machen möchten. Hannah Takes the Stairs baut selbst auf eine solche klassische Dramaturgie. Erster Plot Point: die Trennung (nach rund 20 Minuten des 80-minütigen Films), Mittelpunkt, an dem es kein Zurück mehr gibt: der Kuss (nach rund 40 Minuten), zweiter Plot Point: ein äußerst beschissener Tag bricht an und läutet eine neuerliche Trennung ein (nach rund 60 Minuten). Wirklich, klassischer geht’s nicht.

Es passiert also was in diesem Film. Obwohl improvisiert in seinen Dialogen ist er durchdacht in seiner Struktur. Trotzdem bleibt der Plot derart im Alltäglichen verankert, ohne filmtypische dramatische Spitzen, dass er sich echt anfühlt. Dass diese Echtheit auch eine sehr glaubwürdige Darstellung von der unerträglichen Leichtigkeit des In-einer-Beziehung-Seins mit sich bringt, das ist dem Können aller Beteiligten beschuldet. Sie beschwören Normalität hervor. Gar nicht so einfach, vor einer Kamera.

Fazit zu Hannah Takes the Stairs

Wenn du Lust auf einen Film hast, als kleine Pause vom echten Leben, dann schau etwas Anderes. Hannah Takes the Stairs ist wieder so ein Werk, dass sicher am besten funktioniert, je näher man in Sachen Lebenssituation an den Figuren dran ist. Und diese Identifikation ist bei irgendeiner lebensfrohen, lustigen, aber auch leicht verunsicherten Frau (die nicht aussieht wie Julia Roberts und ständig perfekte Haare hat, sondern durchaus deine Freundin sein könnte) einfacher, als bei Erin Brokovich, die zum Kampf gegen skrupellose Unternehmen trommelt.

Mag sein, dass Hannah Takes the Stairs nur was für Indie-Filmliebhaber ist, die blind für eine (bewusst) bescheidene technische Umsetzung sind, wenn’s eben so sein soll. In seinem Schauspiel ist der Film aber großes Kino: Greta Gerwig verkörpert Hannah als vielschichtigen Charakterkopf mit Marotten, Makeln und Tiefen. Sie trägt den Film auf ihren Schultern. Und um meine Eingangsfrage zu beantworten: Ja, der familiäre Flair hinter der Kamera überträgt sich auf das Geschehen vor der Linse.

Ach, und die Schlussszene ist natürlich großartig. Das wollte ich noch herausposaunt haben.

Auflösung: Menschen stoßen beim Trinken miteinander an, weil Menschen tendenziell schlecht sind. Früher hat man mit den Bierkrügen und Weinbechern ja noch ordentlicher angestoßen, so dass es schepperte und spritzte. Dabei gerieten Tropfen vom einen Glas ins andere. So signalisierte man seinem Trinkpartner durchs Anstoßen mit den Trinkgefäßen, dass man ihn offensichtlich gerade nicht vergiften wolle… soweit die Legende aus Hannah Takes the Stairs. Ob sie stimmt, lest ihr im FACT CHECK: Why We Clink Wine Glasses (englisch)


Weblinks:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.