Die Überlegenheit des griechischen Alphabets

Es heißt, weil es Buchstaben für Vokale habe,
s ds grchsch lphbt ndrn brlgn – aber stimmt das?

So schwierig es ist, eine unverständliche Frage zu beantworten, so leicht ist es, eine Schrift zu lesen, die Vokale zwischen die Konsonanten schiebt. In den vergangen anderthalb Jahren haben überdurchschnittlich viele Deutsche versucht, Arabisch zu lernen – und sind dabei eben dieser Besonderheit ihrer eigenen Sprache bewusst geworden. Denn das lateinische Alphabet (a, b, c, d etc.) stammt vom griechischen ab, um das es hier gehen soll, im Kontext der Frage: Ist es anderen wirklich überlegen?

Das Alphabet allgemein – die feste Reihenfolge aller Schriftzeichen einer Sprache – ist nur ein einziges Mal erfunden und danach vielfach übernommen und abgewandelt worden. Ob arabisch, griechisch, hebräisch oder koreanisch, all diese Alphabete gehen auf jene Erfindung zurück, die semitische Volksangehörige vor rund 3500 Jahren auf den Weg gebracht haben. Bis heute aber verfügen etwa das Hebräische oder Arabische keine Buchstaben für Vokale. Diese Eigenart wird gerne am Beispiel der arabischen Silbenfolge k-t-b veranschaulicht, die sich in diversen arabischen Sprachführern finden lässt – und in „Arabisch für Dummies“: Abhängig von den Kringeln und Strichen, die über diese Konsonanten gesetzt werden, spricht man sie zum Beispiel ka-ta-ba (er hat geschrieben) oder ku-tu-b (Bücher) aus. Dumm nur, wenn diese Kringel und Striche nicht aufgeführt werden. Im Koran, da stehen sie, bei Al-Jazeera fehlen sie – der Unterschied: Der Koran soll von Kulturfremden nicht missverstanden werden; die Berichterstattung hingegen richtet sich nicht an Kulturfremde. Didaktik scheint also der springende Punkt zu sein: Ist das griechische Alphabet überlegen, weil man es leicht lehren und lernen kann (und will), ganz gleich, ob der Inhalt religiöser oder alltäglicher Natur ist?
Das griechische Alphabet besteht aus 24 Buchstaben, mit denen man alle deutschen Wörter bilden kann. In den drei bis sechs Monaten, die Integrationskurse für Flüchtlinge in Deutschland derzeit dauern, ist mit dem entsprechenden Fleiß das Sprachniveau B1 („Fortgeschrittene Sprachverwendung“) erreichbar. Demgegenüber umfasst das chinesische Schriftsystem über 40.000 Zeichen. Darin einigermaßen bewandert zu sein, schreibt Walter J. Ong, „setzt ein etwa zwanzigjähriges Studium voraus“ – ziemlich demotivierend, erst recht bei einer dreijährigen Aufenthaltsgenehmigung. Weil das Studium so viel Zeit raubt, nennt Ong die chinesische Schrift „elitär“. Ein Antonym dazu wäre „populär“.
Hinzuaddiert und genauer gefragt: Weil man es leicht lehren und lernen kann, ist das griechische Alphabet sehr populär – und deshalb überlegen? Populär ist zum Beispiel auch Windows, im Gegensatz zu anderen, eher elitären Betriebssystemen wie macOS von Apple (wegen der Kosten) oder Linux (wegen der Komplexität). Ist Windows deshalb überlegener? Mac- und Linux-Anhänger würden lautstark widersprechen – selbst viele Windows-Nutzer sympathisieren nicht mit ihrem System. Wenn es aber nicht populär im Sinne von beliebt ist, so doch im Sinne von weitverbreitet: Windows ist in Nutzerzahlen überlegen. Daran soll das griechische Alphabet an dieser Stelle aber nicht gemessen werden. Zwar hat es die meisten Sprecher (weltsprachlich, nicht muttersprachlich), doch kulturell lässt sich Überlegenheit nicht in Zahlen messen. Sprachen (und ihre Schriften) sind letztlich Meme, Bewusstseinsinhalte, die sich wie Gene im Zuge einer – nicht biologischen, sondern eben kulturellen – Evolution entwickeln und verbreiten. Zu sagen, das griechische Alphabet sei überlegen, weil es das weltweit am weitesten verbreitete ist (gemessen in Sprecherzahlen), entspräche der Aussage, Hybridhühner seien anderen Hühnerarten überlegen, weil sie die weltweit am weitesten verbreitet sind. Ja, sie gehen als Sieger der Evolution hervor, weit vor allen anderen Vögeln – aber ob sie das überlegen macht?
Kurzum: Nein, das griechische Alphabet ist anderen nicht überlegen. Es ist einfacher zu sprechen und leichter verständlich – so wie „50 Shades of Grey“ einfacher zu lesen und leichter verdaulich ist, als „The 120 Days of Sodom“ – aber nicht besser. Der Begriff „Überlegenheit“ bezeichnet einen Grad von Güte mit einem vergleichenden Moment. Daran kulturelle Errungenschaften zu messen und gegeneinander aufzustellen, mutet in einer Weise diffamierend an, in der einst „arische Kunst“ als anderen überlegen dargestellt wurde.

Rehe im Schilf

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Die Autofahrt vom Süden her zum Schwedtsee hin führt durch idyllische Alleen, eine Auf- und Abwärtsfahrt durch bewaldetes Land. Vom Nordufer des Sees dann sieht man zur Linken den Ort Ravensbrück, ein Kirchturm sticht hervor, und am rechten Ufer eine hohe Mauer. Wer näher herangeht, sieht den Stacheldraht. Noch ein bisschen näher ran und man liest Ländernamen, die in metallenen Buchstaben an der Wand prangen: Albanien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Polen und mehr. Am Rande der Mauer, wo selbige zwischen Bäumen verschwindet, hängen Gedenktafeln für einzelne Personen und ganze Personengruppen. Es ist kein Friedhof, denn friedlich ruhen sie hier nicht, die Toten von Ravensbrück. Es ist ein Gedenkstätte.

Es war das erste Mal – nicht nur, dass ich dort gewesen bin, sondern dass ich überhaupt davon gehört habe, am vergangenen Wochenende. Den stärksten Eindruck hat eben dieser Moment hinterlassen, am Nordufer des Sees, zur Linken das Leben, zur Rechten der Tod. Ein KZ in Sichtweite zu einem Dorf. Wie ich dort stand, raschelte es aufmal neben mir im Schilf. Kein Frosch, kein Igel, etwas Größeres versteckte sich dort. Später sah ich drei Rehe hervorspringen und die Flucht ergreifen. Die hat es sicher früher schon gegeben. Rehe im Schilf, sattes Grün, schönes Wetter. Während meines Aufenthalts habe ich in einem der hübschen Häuser geschlafen, die unweit vom Ufer umgeben von Rasenflächen beeinanderstehen. Hat mich an ein österreichisches Feriendorf am Faaker See erinnert. Bloß, dass es die Häuser der KZ-Aufseherinnen waren, in denen wir geschlafen da haben.

Wir, das war für das Wochenende eine Deutsch-Japanische Gruppe, die im Rahmen einer Führung über das Gelände die Geschichte desselben erfuhr. Je rund 20 deutsche und japanische Teilnehmer zwischen 20 und 35 Jahren mit rundum unterschiedlichen Vorkenntnissen zum Dritten Reich und deutschen Lagern. Am Samstag jährte sich der Atombombenabwurf auf Hiroshima. Ehe wir dafür eine Schweigeminute einlegten, erzählte eine Teilnehmer aus Tokio, dass Japan sich seither – so ihr Eindruck – mehr in Opfer- als in Täterperspektive übe: Was haben wir erlitten? Statt: Was haben wir angerichtet? Dass jenseits von Deutschland im Geschichtsunterricht ungleich weniger über das Dritte Reich gesprochen wird, erscheint naheliegend. Jedes Land hat seine eigene Geschichte.

Vor einigen Tagen bemerkte Claude Lanzmann in einem Berliner Hotel, dass „Israel“ in der Liste der Vorwahlnummer nicht aufgeführt wurde. Er erkundigte sich nach dem Grund:

„Ein durchaus freundlicher Mann kam und sagte mir: „Monsieur, es macht mich glücklich, dass Sie diese Frage aufwerfen. Ich bin selbst Jude, es handelt sich bei der Maßnahme um eine bewusste Entscheidung der Direktion des Kempinski-Hotels, gegen die wir leider machtlos sind. […] Die Mehrheit unserer Kundschaft sind Araber, und sie haben verlangt, dass Israel gestrichen werde.“ Wie auf den geographischen Karten in Gaza. Israel existiert nicht.“ (veröffentlicht in der FAZ)

Nach dem Aufenthalt in Ravensbrück habe ich mir im Laufe der Woche „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ angesehen. Nach allem, was ich über die Judenvernichtung gehört, gelesen, gesehen habe, erscheint das Set dieser Miniserie von 1978 wie das einer Seifenoper – alles so sauber, eine seltsame Ordnung im Bildausschnitt der steifen Kamera. Die Ausstattung hat etwas theatralisches: Da stehen die Zäune, die Menschen tragen Lumpen und Uniformen, es gibt Koffer, Bücher, Waffen… aber es fehlt der Dreck. Es ist schrecklich, was diese Serie zeigt – das grauenhafte Schicksal einer zerrissenen Familie, kaum erträglich und doch scheint es gar „geschönt“ zu sein. Das möchte ich der Produktion nicht zum Vorwurf machen – es ist sicher dem Budget, der breiten Zielgruppe, der damaligen Technik, Produktionsabläufen, Konventionen geschuldet, was weiß ich. Zwischendurch schauen sich Nazis Schwarzweißfotos an, authentische Aufnahmen, die zeigen, dass alles so viel schrecklicher ausgesehen hat.

Doch was soll das Gerede von Aussehen? Da schwingt so eine oberflächliche, voyeuristische Schaulust mit, um die es doch gar nicht geht. Wichtig ist – und das hat die Serie „Holocaust“ meines Erachtens sehr, sehr gut gemacht – das Weitererzählen, das Erinnern, was, wie, wo passiert ist. Familie Weiß wird voneinander getrennt, wir folgen Mutter, Vater, Kindern auf ihrem jeweiligen Weg – nach Buchenwald, Hadamar, Theresienstadt, Auschwitz, aber auch Warschau und Sobibór, ein gescheiterter und der einzige gelungene Aufstand. Hier wird versucht, so sehr es in dem knappen Erzählformat eben geht, eine grobe Vorstellungen vom großen Ganzen zu geben. Die Hochrechnung muss man selber anstellen, von den Einzelschicksalen einer Handvoll Menschen zu sechs Millionen. Es sind auch dann immer noch Einzel-Schicksale, unfassbar viele Geschichten und Leben.

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Die Aussicht vom Nord-Ost-Ufer, die Mauer zum Lager im Rücken.

Kurzfilmtipp: „Rat Pack Rat“

In meinem Regal steht eine Doppel-CD vom „Rat Pack“. Vor langer Zeit aus einem Grabbeltisch gebuddelt. Für wenig Geld mit nach Hause genommen. Lege ich um die Weihnachtszeit herum ein, weil der Sound so kratzig klingt, so altmodisch, so weihnachtlich (Christi Geburt ist ja auch schon sehr lange her, das passt halt). Jedenfalls würde ich mich nicht als großen Fan bezeichnen. Sammy Davis, Frank Sinatra und… guck, ich krieg nicht mal den dritten Mann auf die Kette. Peinlich. Mit großem P.

Ein großer Fan ist jedenfalls der Held dieses Films, obwohl… ist er überhaupt der Held? Ist er nicht bloß Protagonist und vielmehr Sammy Davis der Held? Sammy Davis ist natürlich nur ein Double, ein Abbild der großen Ikone, broke genug, um Privataudienzen bei kleinen Leuten zu geben. Das ist die Prämisse der Films: Sammy Double, Jr. betritt das Haus einer Frau, die ihn engagiert hat. Für wen? Seht selbst.

Es ist so herzzerreißend schön. Und ein bisschen ekelhaft. Was wiederum scheiße ist. Von mir. Je länger ich unter den Menschen weile, desto sympathischer werden sie mir.

Spazierleser

Unlängst lag ich am Ufer eines Flusses, der so langsam fließt, dass man sich fragt: in welche Richtung eigentlich?, und las ein Buch über „Speedreading“. Tempoclash. Als würde man bei 180 Sachen auf der Autobahn im Fahrzeughandbuch wegen der defekten Bremsen nachschlagen. Nur etwas weniger gefährlich, die Flussvariante. Obwohl ich von Brennnesseln umgeben war – doch noch so zugeknöpft und langärmelig, an einem dieser raren Sonnentage im noch kühlen April, dass mir keine Nessel auf die Pelle rückte.

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Speedreading also. Speed. Reading. So soll man nicht lesen. Wort für Wort. Sondern fünf Wörter auf einmal, oder mehr. Heißt es in dem Buch. Eine Lektüre, mit der ich die längst anfallende, eigentliche Studienlektüre vor mir herschiebe, in der Hoffnung, letztere dann schneller lesen zu können (womit ich auf meinem Zeitkonto wieder bei plus/minus Null sein dürfte). Ich wusste nicht, dass es sowas gibt. Die Studieneinstiegslektüre hat mich erst mit dem Begriff vertraut gemacht: Speedreading. Da erschien mir das noch seriös, so als universitäre Empfehlung. Jetzt lese ich besagtes Buch (es ist schlicht nach seinem Thema betitelt, so wie alle großen Standardwerke), ein Buch voller Anekdoten und Tricks und habe nicht den Nerv, jede der gewünschten Übungen zu machen. Dauernd die Zeit zu stoppen. Fragen zu beantworten. Tabellen ausfüllen.
Der Knackpunkt der Idee vom flotten Lesen, das Textverständnis, wird mit Multiple-Choice-Fragen im Anschluss an jeden Flottlesetesttext sozusagen „bewiesen“. Da darf ich stolz auf mich sein, wenn ich die richtigen Schlagwörter und Zahlenangaben ankreuze, die ich zuvor, beim Flottlesen, flüchtig erfasst habe. Die Fragestellungen erst, die ich wieder in meinem Tempo lese, geben mir den Zusammenhang, in dem die visuell „aufgeschnappten“ Schlagwörter wohl standen… kurzum: I’m doing it wrong.

Solange ich nicht vollends die Übungen so mache, wie der Autor es vorschlägt, und mehr Zeit und Muße ins „Training“ stecke, sollte ich Speedreading nicht als „Hokuspokus“ bezeichnen. Dann lass ich das mal. Trotzdem muss ich so langsam mit der Studienlektüre anfangen. Also werde ich das Buch rasch zu Ende lesen. Ganz im Sinne des Erfinders.

Ich freue mich darüber, das Gras wieder wachsen zu sehen. Unten am Fluss.

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Long ago, the great Frith made the world. He made all the stars and the world lived among the stars. Frith made all the animals and birds and, at first, made them all the same. Now, among the animals was El-Ahrairah, the Prince of Rabbits. He had many friends and they all ate grass together. But after a time, the rabbits wandered everywhere, multiplying and eating as they went. Then Frith said to El-Ahrairah, „Prince Rabbit, if you cannot control your people, I shall find ways to control them.“ But El-Ahrairah would not listen and said to Frith, „My people are the strongest in the world.“ This angered Frith, so he determined to get the better of El-Ahrairah. He gave a present to every animal and bird, making each one different from the rest. When the fox came and others, like the dog and cat, hawk and weasel, to each of them, Frith gave a fierce desire to hunt and slay the children of El-Ahrairah.

DEUTSCH – disappointed

„Moment, da sind Sie im Bereich des Justiziablen…“, unterbrach Böhmermann seinen Gast Jörg Kachelmann. Zuvor hatte der ehemalige ARD-Wetterfrosch die Journalistin Alice Schwarzer als Depp bezeichnet. Ob man das dürfe? Müsste gerade noch gehen. Gerade noch. „Sie wissen das sehr genau, ne?“, fragt Jan Böhmermann. Dann möchte er Sachen ausprobieren, die man sagen könne, für die man verklagt werde…

Neues Bild

Das war im Januar, erste Folge von „Schulz & Böhmermann“, der Sendung mit dem Insert für die potenziell justiziablen Momente. Rund zwei Monate später sitzt Bloggerin Ronja von Rönne neben Jan von Böhm, dieses Mal im „Neo Magazin Royale“, der Sendung ohne Insert. Ronja sagt: „Du kennst ja Shitstorms eher vom Leute reinschubsen, ich bin da eher so Opfer.“ Rund zwei Wochen später – jetzt – fliegt Jan die Scheiße um die Ohren. Was ist passiert? Eine Lesung ist passiert. Wenige Minuten vor jenem Talk mit der Bloggerin. Hier das Transkript eines Sendungsschnipsels zwischen zwei Showelementen:

[Dende rappt über Bocklosigkeit]

Böhmermann: „Meine Damen und Herren: Dendemann und die Freie Radikale!!!!1!!! Hashtag der Woche #MakeGermanyGreatAgain. Das hier ist das Buch unseres heutigen Gastes, Ronja von Rönne. Es heißt ‚Wir kommen‘. Ich darf im ZDF aus Schleichwerbungsgründen nicht sagen, dass Sie das kaufen sollen, das Buch. Bitte gehen Sie in die Bibliothek, leihen sich das aus – oder klauen Sie sich das aus’m Buchladen und überweisen Sie der Autorin selber die 19 Euro, die es normalerweise kostet. Aber kaufen Sie das auf keinen Fall! Das dürfen Sie nicht! Aber das ist das Buch unseres heutigen Gastes, Ronja von Rönne.
Meine Damen und Herren – willkommen in Deutschlands Quatschsendung Nummer 1, wir sind’s, wir haben mit Satire nichts am Hut, was die Kollegen da in Hamburg bei ‚extra 3‘ gemacht haben, diese dicken Bretter, die können wir hier-, die sind wir nicht im Stande zu bohren. Ganz im Ernst, das muss man ehrlich sagen: Hut ab, große Nummer! Ehm… Deutschlands…“ Kabelka: „Das ist eine ganz andere Liga, auch die ‚heute-show‘, wie gut die ist!“ B: „Die ‚heute-show‘, die find ich richtig gut! Und es ist nicht… wenn ich in der Vergangenheit irgendwie gerüchteweise gehört habe, dass wir hier scharf auf den Sendeplatz sind, von der ‚heute-show‘, oder auf irgendwas, was Olli Welke gehört, das wird, das würde ich niemals sagen, das stimmt nicht, auf gar keinen Fall, Olli (Handkuss), liebe Grüße, Riesenfan, schaue ich jede Woche um… eh… um mich inspirieren zu lassen. Und in Satire, Satire, ‚extra 3‘ hat in dieser Woche fast’n dritten Weltkrieg ausgelöst, dafür erstmal einen großen Applaus, ne super… (Applaus) super… (Applaus) ja, mit einer Supernummer. Und das muss man vielleicht mal… offensichtlich schaut man in der Türkei jede noch so kleine Satire- oder Quatschsendung, also wahrscheinlich auch diese. Vielleicht, liebe Türken, wenn Sie das jetzt… Hüllü! Wenn Sie das jetzt, wenn Sie das jetzt sehen, vielleicht müssen wir Ihnen ganz kurz was erklären: Was die Kollegen von ‚extra 3‘ gemacht haben, also nen… auf inhaltlich… humorvoll mit dem umgegangen sind, was Sie da quasi politisch unten tun, Herr Erdoğan, das ist in Deutschland, in Europa gedeckt von der Kunstfreiheit, von der Pressefreiheit, von der Meinungsfreiheit…“
K: „Artikel 5.“ B: „Das ist… was?“ K: „Artikel 5, Grundgesetz.“ B: „Artikel 5 unseres Grundgesetzes, unserer tollen Verfassung – das darf man hier! Das ist… da können Sie nicht einfach sagen: ‚Die Bundesregierung soll die Satire zurückziehen“, oder „Das muss irgendwie gelöscht werden jetzt, aus dem Internet‘, das ist – in Deutschland ist sowas erlaubt und ich finde es ganz toll, wie in dieser Woche die Zivilgesellschaft aufgestanden ist, von Beatrix von Storch – die noch vor zwei Wochen, glaube ich, mich erschießen lassen wollte, wegen dieses komischen…“ K: „Ja.“ B: „…komischen Songs, den wir hier gemacht haben, und jetzt ist sie auf einmal ganz vorne dabei, wenn’s um Pressefreiheit und Kunstfreiheit geht – alle Leute waren auf einmal auf einer Linie, das ist, das muss man… das muss zugelassen werden. Je suis ‚extra 3‘. Herr, Herr, Herr, Herr Erdoğan, es gibt aber, es gibt natürlich, es gibt Fälle, wo man auch in Deutschland, in Mitteleuropa, Sachen macht, die nicht erlaubt sind. Also es gibt Kunstfreiheit, das eine, Satire und Kunst und Spaß, das ist erlaubt, und auf der anderen Seite, ich glaube, es heißt… wie heißt es?“
K: „Schmähkritik heißt das.“ B: „Schmähkritik, das ist’n juristischer Ausdruck, also, was ist Schmähkritik?“ K: „Wenn du Leute diffamierst, wenn du einfach nur so untenrum argumentierst, ne? Wenne die beschimpfst und wirklich nur bei privaten Sachen, die die irgendwie ausmachen, herabsetzt-“
B: „Herabwürdigen, das ist Schmähkritik. Das ist in Deutschland auch… das ist auch nicht erlaubt. Haben se das verstanden, Herr Erdoğan? Also, al… vielleicht müss’n wir, mit’m, kleines…“ K: „Das kann bestraft werden.“ B: „Das kann bestraft werden?“ K: „Das kann bestraft werden.“ B: „Und dann können auch Sachen gelöscht werden? Aber erst hinterher, nicht vorher, das muss man…“ K: „Erst hinterher.“ B: „Ist vielleicht ein bisschen kompliziert, vielleicht erklären wir’s an einem praktischen Beispiel.“ K: „Ja, mach doch mal.“ B: „Ich hab’n, eh, Gedicht mit-, ja n Gedicht heißt, n Gedicht, heißt ‚Schmähkritik‘. Können wir vielleicht dazu so ne türkisch angehauchte Version von einem Nena-Song haben? Einfach nur… und können wir vielleicht ganz kurz nur die türkische Flagge, dass… im Hintergrund… bei mir… sehr gut. Also das Gedicht… und das ist jetzt, was jetzt kommt, das darf man nicht machen? Also…“ K: „Das darf man nicht machen.“ B: „Wenn das öffentlich aufgeführt wird, das wäre in Deutschland verboten und da könnte man dann…“ K: „Das nicht.“
B: „Ok. Das Gedicht heißt ‚Schmähkritik‘: Sackdoof, feige und verklemmt, ist Erdoğan, der Präsident. Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner, selbst ein Schweinefurz sch… riecht schöner. Er ist der Mann, der Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt. Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken… – das, das ist, das wäre, das wäre jetzt quasi ne Sache, die… – Kurden treten, Christen hauen, und dabei Kinderpornos schauen, und selbst abends heißt’s statt Schlafen: Fellatio mit hundert Schafen. Ja, Erdoğan ist voll und ganz ein Präsident mit kleinem Schwanz. Jeden… jeden… (Lachpause) wie gesagt, das ist ne Sache, da muss man…“ K: „Das darf man nicht machen.“ B: „Das darf man nicht machen.“ K: „Ja. Nicht ‚Präsident‘ sagen.“ B: „Jeden Türken hört man flöten: Die dumme Sau hat Schrumpelklöten. Von Ankara bis Istanbul weiß jeder, dieser Mann ist schwul, pervers, verlaust und zoophil, Recep Fritzl Přiklopil. Sein Kopf so leer wie seine Eier, der Star auf jeder Gangbang-Feier, bis der Schwanz beim Pinkeln brennt, das ist Recep Erdoğan, der türkische Präsident.“ Und das darf man-, also das dürfte man jetzt in Deutschland, ganz kurz – (Applaus) – hey, hey, hey!“ K: „Nicht klatschen!“ B: „Dankeschön. Also das ist jetzt ne Geschichte, wenn das, was, was könnte da jetzt passieren?“ K: „Wir, wir, wir werden, unter Umständen nimmt man uns aus der Mediathek! Das kann jetzt rausgeschnitten werden.“
„Da könnte, also da müsste, wenn jetzt, wenn jetzt quasi die Türkei oder der Präsident was dagegen hat, müsste er sich in Deutschland erstmal einen Anwalt suchen.“ K: „Ja. Genau.“ B: „Ich kann Ihnen sehr empfehlen: unseren Scherzanwalt Dr. Christian Witz in Berlin, ist ein ganz toller… ehm, berät unter-“ K: „Berät unter anderem den Berliner Bürgermeister, ist’n…“ B: „Der berät auch den Berliner Bürgermeister? Unser Scherzanwalt Dr. Christian Witz?“ K: „Der macht einfach alles.“ B: „Darf der das denn eigentlich? Darf der…“ K: „Der macht Atze, Pocher, den Berliner Bürger-“ B: „Unser Scherzanwalt Dr. Christian Witz?“ K: „Ja!“ B: „Dann nehmen Sie sich einen Anwalt, dann sagen Sie erstmal, Sie haben da was im Fernsehen gesehen, was Ihnen nicht gefällt, Schmähkritik, und dann geht man erstmal vor ein Amtsgericht, ne? Einstweilige Verfügung, Unterlassungserklärung.“ K: „Unterlassungserklärung.“ B: „Und-, wird wahrscheinlich die Sendung, die das gemacht hat, oder der Sender wird dann sagen: ‚Ne, das sehen wir anders‘, und dann geht man die Instanzen hoch und irgendwann in drei, vier Jahren… wichtig ist, Sie müssen dafür sorgen, dass es nicht im Internet landet. Also ganz wichtig, das die Ausschnitte nicht-“ K: „Aber das macht doch keiner.“ B: „Das macht keiner, kann ich mir auch nicht vorstellen. Das-“ K: „Man hat’s ja in der Mediathek, normalerweise. Was soll man da-“ B: „Was, warum soll man da ins Netz stellen? Warum? …Ist es jetzt klar!?“ K: „Ich glaub schon.“ B: „Ich glaub, es ist, ich finde es ganz wichtig, ich find’s auch echt schön, also als, als, als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, das in dieser Woche so’n, so’n, so ein großer Konsens auf einmal herrschte, nach Monaten des Streites, die Leute gegeneinander, die Gesellschaft gespalten – und in dieser Woche haben wir Deutschen endlich mal wieder mit einer Stimme gesprochen, wenn’s gegen Despoten geht, die die Meinungsfreiheit auslegen, wie man… nur Meinungsfreiheit auslegt, wenn man Despot oder Diktator ist. Erdogan, aber auch in Europa gib- …Viktor Orbán, Beata Szydło von der PiS-Partei, die polnische…“ K: „Frau Szydło von der PiS-Partei.“ B: „Frau Szydło von der PiS-Partei. Die Ministerpräsidentin, die Ministerpräsidentin von unserem tollen Nachbarland Polen, Marine Le Pen vom Front Nat-… (Ein Aufstoßen Böhmermanns – oder vielleicht ein kurzer Räusperer des Dämons, der in ihm wohnt?) …vom Front National, Pim Fortuyn in Holland, HC Strache von der FPÖ, alles so autoritäre Nationalisten, Frauke Petry natürlich, wo man, wo man auf einmal sich-, sich gewünscht hat, es müssten noch mehr Leute aufstehen. Wladimir Putin, Donald Trump könnte der nächste amerikanische Präsident werden. Ich finde es ganz toll, dass wir diesen Menschen selbstbewusst entgegengetreten sind in dieser Woche.
Ich meine, wer Rechte einschränkt, wer Rechte anderer einschränkt, dem gehören die Rechte eingeschränkt. Und ich finde es sowieso… ich guck die letzten Monate die Nachrichten und seh da irgendwie Pegida durch Dresden laufen und eh, eh, irgendwie, die Menschen in Clausnitz, die AfD-Leuten mit den Deutschlandfahnen… Ich frag mich, warum ausgerechnet die Leute die schwarzrotgoldene Flagge in den Händen halten, am wenigsten wissen, was die eigentlich bedeutet? Wir denken ‚make Germany great again‘. Ich finde, das kann man ruhig sagen:
Make Germany Great Again! Lass uns Deutsch, Deutschland wieder groß machen, aber auch konstruktiv erklären, wofür Deutschland eigentlich steht, ich meine, ich sach das ganz ehrlich, das ist ne Zeit lang, ehm, nicht so, kommod gewesen, das öffentlich zu sagen: ‚Ich bin stolz, deutsch zu sein.‘ Ich bin stolz, deutsch zu sein. Und auch Sie, Sie, wir alle können stolz sein, deutsch zu sein. Jeder in Germany kann stolz sein, deutsch zu sein, so-, solang wir uns darüber einig sind,
was deutsch eigentlich bedeutet.“

[Musikvideo „Be Deutsch“]

Soweit Böhmermanns Moderation – eingebettet zwischen zwei Showelemente, die zu mehr Engagement, zu weniger Verdrossenheit aufrufen. Nun kann man sich einen Heidenspaß daraus machen, jedes Wort, all die verhängnisvollen Sätze des März-Böhmermanns auf die Goldwaage der April-Gegenwart zu legen: Wie schnell sich das gesprochene Wort binnen zwei Wochen doch gegen einen wenden kann… Podolskis späte Genugtuung. Über die Ironie könnte ich mich amüsieren, doch das Lachen bleibt mir im Halse stecken, wenn ich von Drohungen, Polizeischutz, Strafverfahren lese – rund um den Mann, der die freiheitlichen, europäischen (Soll-)Werte so vorbildlich hoch in Ehren hält, den Mann, der mir den Gram über den Rundfunkbeitrag genommen hat (ja, das hat in etwa den gleichen Stellenwert), den Mann, der mir mit „Varoufake“ einen viel sensibleren Umgang mit den Medien quasi über Nacht eingetrichtert hat, den Mann halt, der wie kein anderer den Finger in die Wunde legt – bis einer heult. Das Transkribieren hat just etwas Meditatives, ist mir Ventil gegen die Wut im Bauch, wie ich sie nur selten empfinde. Also noch ein Transkript:

„Gesprächsgegenstand war auch die jüngste Veröffentlichung eines sogenannten Schmähgedichts gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan. Die Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident stimmten überein, dass es sich dabei um einen bewusst verletzenden Text handele. Die Bundeskanzlerin verwies auf die Konsequenzen, die der ausstrahlende Sender bereits gezogen hat. Sie bekräftigte noch einmal den hohen Wert, den die Bundesregierung der Kunst- und Pressefreiheit beimisst. Soviel zu diesem Telefonat.“ – Regierungssprecher Steffen Seibert, 4. April 2016

Ich habe die beiden Wörter gefettet, die seit der Pressekonferenz eifrig rezitiert und interpretiert werden (nicht immer von seriösen Medien – was aber ja auch oft ziemlich tagesformabhängig ist). Merkel kritisiert Böhmermann, heißt es, wahlweise deutlich oder scharf, sie rügt ihn, liest man. In der Kommentarspalte eines Lokalblattes schrieb ein Mann namens Giese, Merkel habe „Böhmermann öffentlich die Leviten gelesen“. Echt? Wo? Wann? Wir haben doch alle die gleiche Pressekonferenz gesehen, oder? Merkel und Davutoğlu stimmten überein. Wer von den beiden hat „bewusst verletzend“ zuerst gesagt – und wer „ja, das stimmt“? In welcher Sprache wurde das Telefonat geführt? Was heißt „bewusst verletzend“ auf Türkisch? Kann man das wörtlich übersetzen? Oder sinngemäß? Was ist sinngemäß? Gibt es einen Mitschnitt des Telefonats? Sehr oft finde ich das indirekte Zitat, Merkel habe die Pressefreiheit als „nicht schrankenlos“ bezeichnet. Wirklich sehr oft lese ich das, hier etwa, und hier, hier, und hier (kann jemand der Focus-Videoabteilung mal ne Schulung spendieren? In allem?). Muss wohl stimmen, das „Schrankenlos-Zitat“, auch wenn ich nirgends eine konkrete Angabe finde. Wo und wann hat Merkel das genau gesagt? Oder Seibert im Namen Merkels? Als die Kameras schon ausgeschaltet waren? Gab’s ein Handout? Anschließende Fragen? Ja, ich würde mich über Quellenangaben freuen – Fußnoten! – weil ich zuweilen das Gefühl habe, die Einen plappern nach, was die Anderen sich aus den Fingern saugen. Nehmt euch die Dresdner Rede von Di Lorenzo zu Herzen, liebe Presseleute, und gewinnt das Vertrauen eurer Leserschaft mit gewissenhafter und, wenn möglich, transparenter Arbeit zurück. Ich kann und will nicht einfach alles glauben, was ihr gewissenhaft in Anführungsstriche setzt. (Dieser Blog erhebt, bei se wäy, nicht den Anspruch auf Seriosität – ich verteile Kritik unter den Armen und zieh mir selbst nichts davon an.)

Nochmal: bewusst verletzend, oder – über die richtige Betonung hat Seibert nachgelegtbewusst verletzend, da schwingt für mich vollstes Verständnis dafür mit, worauf Böhmermann mit seinem Gedicht abzielte: Er wollte Erdoğan verbal verletzen. Der Präsident wurde, meinetwegen stellvertretend für alle Türken, in seinem Stolz gekränkt, so wie ich mich, jetzt mal eben stellvertretend für alle Deutschen (why not!?), in meinem Sinn für freie Meinung gekränkt fühlte, als Erdoğan eine Löschung des ‚extra 3‘-Videos forderte (Quelle: anonym). Der Jan hat also verbale Notwehr geleistet, für uns alle. Und weil er eben der Klassenclown und ein ziemlich verzogener Bubi ist, hat er Wörter in den Mund genommen, für die ich mich schämen würde – und sei’s nur gegenüber Mama und Papa.

Amüsant, die Einschätzung des Medienrechtlers Ralf Höcker (schön auch, wie in dieser Affäre jeder was vom Rampenlicht abbekommt) – Tagesschau.de zitiert ihn so: „Das quantitative und qualitative Verhältnis des Beitrags spreche dafür, dass die Satire nicht zulässig sei. (…) Eine Beleidigung hätte demnach ausgereicht, um zu zeigen, was Böhmermann habe beweisen wollen.“ Welche Beleidigung denn? Qualitativ? Hätte sackdoof ausgereicht? Oder Ziegenficker? Ist weniger nicht manchmal mehr? Herr Höcker führt noch ein Beispiel an, Zitat von Deutschlandfunk.de: „Wenn man zu jemandem ‚Arschloch‘ sagt, dann nimmt man das auch nicht wörtlich. Man hält ihn nicht für eine Afteröffnung im biologischen Sinne, sondern will einfach nur seine Missachtung kundtun.“ Mit Verlaub, Herr Medienrechtler, Sie sind ein Schwachkopf; begraben das richtige Argument unter behämmerter Wortklauberei:

Missachtung kundtun: Wenn das der Vorsatz ist, da kann man ruhig mal rügen (Rüge = Ermahnung ohne Strafe). Nun gibt das Transkript oben in epischer Breite den Kontext wieder. Und es ist mir scheißegal, ob Sie auf den Kontext scheißen möchten:
Ich muss nicht Jura studiert haben, um zu erkennen, dass der Vorsatz hinter diesem Schmähgedicht nicht die Anfeindung, sondern die Aufklärung – gar provokant verlangte Annäherung – war. Dabei wurde ein guter Ton getroffen, um Gehör zu finden (oder doch der falsche, weil nun im Getöse gar nichts mehr zu hören ist?); verdammt schade, dass sich die türkischen Untertitel ausschließlich auf das „Musterbeispiel“ innerhalb dieser Lerneinheit bezogen haben. Wäre der ganze Part türkisch untertitelt gewesen, vielleicht wäre von der Message mehr angekommen (ja, ich weiß, dass das viel Arbeit gewesen wäre, die keinen Spaß macht – aber rückblickend… wäre es die Mühe nicht wert gewesen?)

Ich bin übrigens enttäuscht darüber, dass das Musikvideo zu „Be Deutsch“ – aus der gleichen Sendung – in diesem medialen Rummel so untergeht. Es trifft einen besseren Ton:

„Say it clear, say it loud:
We are proud of not being proud.“

Ergo: Dann gegen alles

Gestern schlenderte ich spätabends – auf der Suche nach Essen – an einem eingeschalteten Fernseher vorbei. Fasziniert blieb ich stehen, hatte ich doch just den Moment erwischt, da William Cohn in gewohnter Disstrack-Manier das Neo Magazin Royale ankündigte. Es ließ mich meinen Hunger vergessen. Jan Böhmermann im Hauptprogramm, das muss man sich doch auch mal geben. Und so sank ich mit einer gewissen musealen Faszination für dieses lineare Programm in den Sessel, um – Premiere für mich – Böhmi im TV zu sehen.

Randnotiz: Es vergehen Jahre, in denen ich kein Fernsehen schaue. 2016 ist keines davon, hat doch bereits am Karfreitag das TV-Programm meine Pläne gekreuzt und mich zum abhängen vor der Glotze verlockt, weil ein Freund im RTL-Adidas-Film „Duell der Brüder“ mitspielte. Spielfilmlänge genügte nicht, um meine Sehgewohnheiten wieder auf deutschen Fernsehfilm herunterzuschrauben. Nein, das nehme ich zurück. Ich kenne mich in der Landschaft zu wenig aus, um hier allgemein rumzupöbeln. Nur soviel, zu „Duell der Brüder“: Erstaunlich, wie schwarzweiß ein Farbfilm sein kann.

Anyway, das Neo Magazin Royale deckt sich für gewöhnlich ganz gut mit meinen Sehgewohnheiten. Also: Fernseher läuft, Vorhang geht auf, Jan kommt raus. Der blasse, dünne Junge mit der Staatsanwaltschaft im Nacken, weil er einen nicht so blassen, nicht so dünnen Jungen hart beleidigt hat. Im Sandkasten geht das klar, im Hauptprogramm offenbar weniger. Von Böhmermann sind wir Biss gewohnt. Wer alles mit Füßen tritt, muss über allem stehen, so in der Art. Wie reagiert er also, nach dem Wirbel um sein Gedicht, dessentwegen selbst die Kanzlerin telefonieren musste?

Er liefert eine ziemlich lahme halbe Stunde ab. Flache Witze, harmlose Ziele, Saarländer und Schweiger müssen mal wieder herhalten, Pointen sind rar, Cohns Praktikum-Einspieler fehlt es an Freshness (überdenkt mal das Konzept Beiträge, maybe?) und der Moderator selbst wirkt neben der Spur, unkonzentriert, schwach wie selten. Die ganze Zeit wartet der treue Zuschauer auf diesen einen Moment, den Strum nach dieser Ruderei. Kein Wort über den nicht so blassen Jungen und sein Gezeter… dieses hartnäckige Schweigen, das mich an Roche denken muss… und wieder geht der Vorhang auf. Na, quasi. Anne Will kommt von der Seite rein, nimmt Platz, auf in den Talk.
Und endlich, endlich passiert’s. Will spricht die Türkei an, Böhmermann weicht aus, seine Verunsicherung auf Maximum, mutet es an, Will bringt nochmal die Türkei ins Spiel, da liegt doch was im Argen…

Schließlich zeigt mir das Neo Magazin Royale etwas, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Mein bescheidener Mindestanspruch an die Sendung. Da sitzt man alle Jubeljahre mal vor dem Fernseher und prompt wieder das Lineare auf links gedreht. Hier, so:

Dafür, findet der Fernsehfremde in seiner Fachfremdniss, wäre doch glatt noch ein Grimme-Preis fällig. Sehgewohnheiten am Arsch, das Neo-Team rockt und rockt und rockt… mischt inceptionstyle die Hütte auf, reißt die Kulisse ein, Lynch lässt grüßen, Lola auch, Referenzen über Referenzen, Bild in Bild in Bild, hinter jeder Ecke eine Wende, bis am Ende eine runde Sachen draus wird, Schlusswort: „Die Wirklichkeit geht wieder los“, mit allem gegebenen Ernst gegen alle Ernsthaftigkeit – und heute nimmt Jan Böhmermann diesen Preis nicht an.

Dazu sage ich erstmal nichts. Im Nachhinein muss man ja doch alles revidieren.

Bemerkungen eines Bandbattlebesuchers

Unlängst hat es mich auf eine „Toys2Masters“-Show verschlagen. Sagt man das so? Oder „Toys2Masters“-Bandbattle? „Toys2Masters“-Contest? Ein Abend, an dem sechs junge Rockbands es krachen lassen und am Ende hoffen, vom Publikum die meisten Stimmen zu bekommen. Sowas. Stattgefunden in der Klangstation am Bahnhof von Bad Godesberg. Auf dem Weg dorthin in einem unterirdisch idiotischen Tunnelsystem verfahren, deshalb den Auftakt vom „Fighting Buddha“-Gig verpasst.

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Auf der Toilette habe ich im Gewimmel der Sticker und Scheißhaus-Graffiti ein Relikt aus längst vergangener Zeit gefunden. Moderne Höhlenmalerei.

Wenn das ein Wettbewerb um den besten Bandnamen gewesen wäre, hier meine Top 5: Blow Of Fate (das wäre auch ein schöner Pornotitel), Bescheuat (ich habe einen einfachen Humor), The Dining Fish (einen sehr einfachen Humor), Gina Goes Wild (sehr, sehr einfach – und ja, dämliches YouTube-Video verlinkt; selbst Schuld, liebe Band und eure versäumte Internetpräsenz, selbst Schuld), Dr. Gero und sein Nachbar (erinnert mich an Dr. Gonzo und sein Beifahrer), Still Better Than Dentist (Still Better Than Twilight – wenn man diese populäre Phrase bei Google eingibt, schlägt Google den Bandnamen VOR Twilight vor; gut gemacht, liebe Band und eure vorbildliche Internetpräsenz!) sowie… oh damn, das waren schon sechs… Keine dieser Bands trat an besagtem Abend auf. Habe sie einem Plakat abgelesen. Möchte dem Plakat- oder vielmehr Logo-Gestalter nahelegen, die Logo-Schrift nochmal zu überdenken. Der Font hat mich sehr lange „Toy52Masters“ lesen lassen. Vielleicht hat der Bekanntheitsgrad dieser Rockbattles ein klares Schriftbild nicht nötig. Vielleicht ist die Verwirrung erwünscht. Vielleicht heißt es ja tatsächlich „Toy52Masters“ und es hat irgendwas mit den 52 Wochen des Jahres zu tun? Muss gestehen, dass ich mich nicht genau in der Konzept dieser Veranstaltungsreihe reingelesen habe. Das Konzept des Abends jedenfalls war ziemlich simpel: Sechs Mal zuhören, zwei Favoriten auf Stimmzettel eintragen, einen Gewinner bejubeln.
Rückblickend… habe ich den Gewinner anschließend eher so am Rande bei meinem Glas Cola (designated driver style) erfahren und gar nicht final bejubelt. Obwohl sie einen wirklich guten Act abgeliefert haben. Sagt man Act? Herrje, ich kenne mich in dieser Szene nicht aus. Der Gewinner hieß jedenfalls „Kefka“ – und sobald diese viel versprechende Gruppe den Popularitätsgrad ihres Namenspaten Kefka Palazzo (und den der gleichnamigen Band aus München) übertrumpft haben, wird sie auch mit einer bis dahin sicher ordentlichen Internetpräsenz verlinkt. Hier und heute erstmal den gesamten Gig, veröffentlicht von einem YouTuber mit einem Abonnenten und einem Handy, here we go:

All der Fragen rote Faden

Vor knapp zwei Jahren, im Mai 2014, habe ich „Shoah“ erstmals gesehen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass >Shoah< jeden Zuschauer verändert. Man wird gewissermaßen von >Shoah< markiert“, sagt Regisseur Claude Lanzmann über diesen seinen Film und in meinem Fall kann ich ihm zustimmen: Für mich gibt es ein Davor und Danach, ein Immer-wieder-daran-denken, ein Nicht-mehr-loslassen. Damals schrieb ich:

Wie kann ich – 25 Jahre alt und in Deutschland aufgewachsen – nicht längst von diesem Film gehört haben? Wie kann es sein, dass ich ihn bis vor wenigen Tagen noch nicht gesehen habe? Und wie kann es sein, dass “Shoah” weder in den Top-Listen der Cahiers du cinéma oder IMDb zu finden ist, noch sonstwie auf etlichen Filmportalen groß in Erscheinung tritt? Filmstarts.de etwa – nach eigenen Angaben „das führende Online-Magazine rund um das Medium Film“ – rezensiert jeden Mist („Sharknado 1-3“), findet aber für „Shoah“ keine Worte.

Letzteres überrascht mich wenig, weil „Shoah“ kein klassischer Film, nicht einmal ein klassischer Dokumentarfilm ist. In seinem schieren Umfang, in seiner Konsequenz und unbestreitbaren Wichtigkeit erlangt Lanzmanns Werk den Status eines historischen Dokuments – die Washington Post schreibt vom „wichtigsten Filmereignis des Jahrhunderts“ und hat damit wohl recht.

Nichts hat das 20. Jahrhundert mehr geprägt, als Hitler und der Genozid, den er heraufbeschworen hat. Claude Lanzmann hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zeugen des Holocausts aufzuspüren und zu interviewen: Diese 9 ½ Stunden Interview-Film, die daraus hervorgegangen sind, stellen deshalb ein so einzigartiges Dokument dar, weil man diesen Film so heute nicht mehr machen kann. Wenn Lanzmann die Initiative nicht ergriffen hätte, wären all diese Menschen ungehört geblieben – was rückblickend eine Schande gewesen wäre. Ebenso, wie dass mir dieser Film in meiner Schullaufbahn nicht begegnet ist, denn:

Wie Roger Ebert treffend beobachtet hat, verändert „Shoah“ die vagen Bilder im Kopf. So erging es mir ebenfalls – auch wenn ich es längst nicht so gut in Worte zu verpacken vermag, wie Ebert (lest seine Rezension!): Meine naiven Vorstellungen davon, wie die systematische Judenvernichtung abgelaufen ist, wurden korrigiert und konkretisiert. Was es überhaupt heißt, sechs Millionen Menschen zu töten, die grausame, kühle Logistik, die dahinter steckt, die Entwicklung von der Idee einer „Endlösung“ bis zum geradezu industriell betriebenen Massenmord – um auch nur ansatzweise ein Bild davon zu bekommen, sollte man sich diesen Film ansehen, also vor allem: zuhören. Lanzmann interviewt Täter, Opfer und Zeugen, lässt sie ausreden, lenkt nicht ab, beleuchtet jeden Ort, jeden Vorgang von mehreren Seiten – und gewinnt dadurch sehr viel intensivere und detailliertere Eindrücke, als etwa Joshua Oppenheimer in seinem (dennoch ambitionierten) Film „The Act Of Killing“.

Erzählen gegen das Vergessen. Claude Lanzmanns „Shoah“ ist der schrecklichste und wichtigste Film, den ich je gesehen habe.

Nachtrag: The Guardian hat im Juni 2011 einen interessanten Bericht über Claude Lanzmann, „Shoah“ und dessen andauernde Relevanz veröffentlicht.

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Erinnerungen sind unser wichtigstes Gut. Ohne sie kennen wir nichts und niemanden in dieser merkwürdigen Welt.

Ja, der Text ist editiert. Genau so habe ich das damals nicht geschrieben. Da waren mehr Adjektiv drin (nach „Spotlight“ weiß ich ja, das Adjektiv ganz fiese, dumme, unnötige Wörtchen sind, die einen Text auf sperrige, lähmende, faule Weise aufblähen – zumindest habe ich das aus dem Subtext des Adjektiv-streichenden Globe-Herausgeber Liev Schreiber gelesen) und außerdem verwendete ich damals den Begriff „Holocaust“. Das möchte ich nicht mehr machen. Ich habe mich „Shoah“ dieser Tage wieder gewidmet, viel später, als ich es vorhatte, und in anderer Form – als Buch.

>Shoah< hätte niemals als Buch funktioniert
– Claude Lanzmann im Gespräch mit Max Dax, gelesen im Anhang des Buches „Shoah“, veröffentlicht vom Rowohlt Taschenbuch Verlag, Seite 301

Dieses Rowohlt-Buch ist wohlgemerkt genau genommen kein eigenständiges Buch, sondern ein Protokoll: Ein Wort-für-Wort-Protokoll des Films „Shoah“. In den Aussagen der Interviewten, erst recht nicht in den Fragen Lanzmanns, kommt das Wort „Holocaust“ nicht vor. Im anhängenden Dax-Interview erklärt Lanzmann, als er über den Titel „Shoah“ für sein Werk spricht, wie schwer es ihm viel, ein adäquates Wort zu finden. Und dass es ein Fehler gewesen sei, „dass die <Sache> zuvor mit dem ebenso unerträglich wie unheilvollen Begriff ‚Holocaust‘ besetzt wurde. Denn ‚Holocaust‘ bezeichnet im Hebräischen ‚Opfergabe‘ – als ob die Juden für irgendetwas geopfert hätten werden müssen!“

In einer Flüchtlingsunterkunft kam gestern ein syrischer Junge mit mir ins Plaudern. Er geht seit vier Monaten in Deutschland zur Schule, spricht inzwischen besser als all seine erwachsenen Mitbewohner die deutsche Sprache, und wollte mir erklären, was Ramadan ist. Wann wie lange auf was gefastet wird, so in etwa. Aber warum denn überhaupt fasten? „Weil Gott“, und Schulterzucken. Er ist ein Kind, kein Problem, Sinnfragen später. Dann erzählt er mir, dass er alle gern hat: Muslim, Christen, Buddha, egal. Außer Jews.  Ich frage ihn, ob er weiß, was in der deutschen Geschichte passiert ist – ob er den Namen Hitler kennt. Ja, der habe fünf Millionen Juden getötet. Sechs Millionen, sage ich, doch darum geht es in dem Moment nicht: Dieser Junge, dessen Familie vor ihrer Flucht nach Deutschland vor den israelischen Angriffen aus ihrer Heimat Palästina geflohen ist, hat – obwohl er Gewalt und Krieg aus nächster Nähe erlebt hat – noch bei weitem kein Bild davon, was es heißt, Millionen von Menschen systematisch zu ermorden. Und warum ermorden? „Weil Gott“, „Weil Geld“, „Weil Rasse“, „Weil Sonstwas“ – die Frage nach dem „Warum?“, die hat bei der Ergründung der Judenfrage (stellvertretend für alle Hassverbrechen) nichts zu suchen. Claude Lanzmann machte es sich einst zu seiner eisernen Regel, während der Produktion von „Shoah“, dem Werk über die Judenvernichtung, das „Warum?“ gar nicht verstehen zu wollen.

Unter dem frischen Eindruck von „Waltz with Bashir“ schrieb ich vor sieben Monaten:

„Man kann sich ein Leben lang vormachen, der Wahrheit auf den Grund gehen zu können. Bücher lesen, Orte besuchen, Interviews führen. Second Hand Memories ansammeln. Feststellen, dass es so viele Wahrheiten gibt, wie es Menschen gibt. Ach was, viel mehr. Warum existiert überhaupt eine Singularform des Begriffs „Wahrheit“? Wird Wahrheit nicht überbewertet? Warum machen mich Holocaust-Leugner dann so wütend? Es wird Zeit, dass ich mir „Shoah“ wieder anschaue – und damit, frisch im Gedächtnis, den Faden wieder aufnehme, den ich hier ausgelegt habe…“

Der Faden liegt noch da.

Innen und außen

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19Am ersten und zweiten Tag dieses Jahres habe ich „Frank“ und „Room“ gesehen. Zwei Abrahamson-Filme. Von beiden kannte ich weder Trailer noch Handlung noch sonstwas. Dass Michael Fassbender und Brie Larson dabei sind, das erzählte man mir. Fassbender spielt einen Band-Frontsänger, der niemals seine überdimensionale Pappmaschee-Maske absetzt. Weder beim Auftritt, noch bei den Proben, noch beim monatelangen Album-Recording. Noch beim Duschen (mutig, für diese Rolle Herrn Fassbender anzufragen). Larson spielt eine Mutter, deren Leben mit ihrem fünfjährigen Sohn sich in einem winzigen Raum abspielt – bis zu einer „Todesszene“, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

whats-it-like-to-be-at-the-oscars-from-your-perspective-i-can-see-lots-of-legs-kid-jacob-tremblayDer Eine will in seiner Maske bleiben, die Anderen wollen raus aus ihrem Raum. Freiheit nach innen und außen – das war ein schöner Kontrast. Inzwischen hat Brie Larson für „Room“ einen Oscar gewonnen, doch der kleine Schauspielkollege Jacob Tremblay hat ihr ein wenig die Show gestohlen. Häufig geht es mir wie ihm und ich sehe den Wald vor lauter Beinen nicht – nach innen wie nach außen. Reizüberflutung und die Sucht danach. Das Nichtertragenkönnen von Ruhe und Rast. Im Gras liegen, speedreaden. Das Handy stummschalten, dauerchecken. Ich fühle mich oft verloren in einer Welt, in der alles größer ist, als ich. Über einen Fingernagel allein, von Wissenschaftlern zum Gegenstand ihrer Forschung erhoben, würde sich ein dickes Buch schreiben lassen. Ein Fingernagel reicht, um jemanden hinter Gitter zu bringen oder einen Weltrekord aufzustellen. Und meine Fingernägel? Verstopfen das Siphon.
Manchmal rufe ich die staatliche Informationsagentur von Abchasien auf. Ein kleines Land, das von uns nicht als ein solches anerkannt wird. Wir sehen es als einen rebellischen Teil von Georgien an, gerade friedvoll genug, um es zu ignorieren. Die staatliche Informationsagentur von Abchasien jedenfalls, die schreibt in jedem dritten oder vierten Beitrag über das Wetter. Mit Fotos von Gänseblümchen, Fotos von Enten. Gelegentlich liest man dort, was die Sportjugend so treibt. Vergangenen Donnerstag schenkte der Präsident von Abchasien einem talentierten Jungen einen Computer. Irgendwann einmal, wenn die Utopie Wirklichkeit geworden ist und alle Kriege und Konflikte beendet sind, werden wir nur noch solche Nachrichten lesen, wie dieser Tage aus Abchasien. Das wird scheißlangweilig, aber gegen Langeweile hilft ja schon ein Netflix-Abo. Könnte natürlich sein, dass Abchasien im dritten Weltkrieg von Russland geschluckt wird und besagte Utopie nie eintritt.

Worauf ich hinauswill? Nichts. Das hier ist ein loser Gedanke.
Oh, dafür mache ich eine Kategorie! Yay!

Von Waffen und Worten

Vor vier Tagen schrieb ich noch über die Angst und gedachte der Attentate von Paris. Zitierte there is no terror in the bang. Schon am nächsten Morgen detonierte erneut eine Bombe in Istanbul. Heute dann hat der Terror Brüssel getroffen – und eine Freundin schreibt mir:

„Du hast mich letztens nach dem Sinn des Lebens gefragt. Jetzt frag ich Dich: Wie gehst Du mit all den Anschlägen rund um Deutschland um? Hast du Angst? Ein mulmiges Gefühl? Oder denkst Du nicht drüber nach, wenn du zum Beispiel einen Trip nach Berlin machst? Meidest Du Metropolen und sagst Dir >gut, dass ich in meiner Kleinstadt bin<?“

Wenn in Belgien ein Atomkraftwerk hochgeht, hat sich das mit meinem kleinen Städtchen in Westdeutschland auch erledigt… so mein erster Gedanke, nachdem ich wenige Stunden zuvor noch über die Evakierung des AKW in Tihange gelesen hatte, die letztlich keine war. In Folge dieses Gedankens landete ich über virtuelle Umwege auf der Wikipedia-Seite der Tschnerobylkatastrophe, recherchierte deren unmittelbaren und langfristige Folgen, schnupperte kurz rein in den offenen Diskurs darüber, wie hoch oder höher die tatsächlichen Opferzahlen denn nun sind und ließ Google Maps sogar die Entfernung zwischen Tihange und meiner Heimat berechnen.
Was, wenn nicht Angst, steckt als Antrieb hinter einem solchen Browserverlauf? Letztendlich muss ich mein schwarzweißes Bild von ganzen Wohnsiedlungen, die wie Kartenhäuser im Schatten eines Atompilzes dahingefegt werden, revidieren. Die Entfernung zu Tihange ist schlicht zu groß, denke ich. Also denn, keine Angst mehr?

Überhaupt möchte ich ja antworten, dass ich keine Angst, nicht einmal ein mulmiges Gefühl habe. Noch im vergangenen Monat unternahm ich einen Trip nach Berlin – und wie immer bestand meine größte Angst darin, dass auf der Autobahn der Wagen vor mir ins Schleudern gerät oder einfach nur ganz plötzlich in die Eisen geht (Tempolimit… diese eine Sache, bei der ich mich im Ausland irgendwie sicherer fühle). Die Wahrscheinlichkeit, im Auto zu sterben, ist nach wie vor x-mal höher, als der Tod im Flieger, erst recht der Tod bei einem Terroranschlag. Seelen wie die meine lassen sich mit solchen Statistiken beruhigen. Das mag blauäugig sein, mag naiv sein, aber wenn es ein Persönchen davor bewahrt, nicht in Panik zu verfallen
– kann das schaden?

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Als ich vor wenigen Tagen mal wieder „Magnolia“ und den Froschregen – biblische Plage oder doch nur meteorologisches Phänomen? – gesehen habe, drängte sich mir die Frage auf: Wer war denn nun zuerst da, Gott oder der Mensch, der Mensch oder sein Gott? | Bild: Filmstill aus „Magnolia“

Wenn ich tief in mich hineinhorche – und das habe ich heute getan, im Laufe dieses traurigen Tages – ist Angst wirklich nicht der Kern meines Kummers. Sie ist das erste, auf das ich reflexartig mein Gefühlschaos hin absuche, es ist die Reaktion, die wir voneinander erwarten, wenn wir uns in die Augen schauen, während sie im Radio von Bomben bei unseren Nachbarn berichten. Sie ist ja auch das, was die Täter in uns auslösen wollen, nehme ich an. Mit Täter meine ich nicht die Menschen, die sich selbst in die Luft jagen, sondern diejenigen, die sie soweit bringen, das zu tun. Die Drahtzieher, die Marionettenspieler. Was wollen sie wohl noch in mir auslösen? Angst ist eine Reaktion, die eine Reaktion erfordert – wegrennen, oder sich wehren. Wo sollte ich hinrennen, wenn ich doch schon dort bin, wo es mutmaßlich so sicher ist, dass all die Verzweifelten hierher flüchten? Wehren also, wehren gegen wen oder was genau? Die Männer, die Bomben zünden? Die Männer, die so aussehen und sprechen wie die Männer, die Bomben zünden? Ist es das – in den Medien viel erklärte – Ziel der Terroristen, dass ich mich endlich gegen die Flüchtlinge zur Wehr setze, stellvertretend für den Extremismus unter schwarzer Flagge? Auf Angst folgt Wut, denn damit wehrt es sich leichter – und natürlich bin ich wütend, möchte mich wehren oder wenigstens helfen, Wehr zu leisten. Ich dachte dabei zwar eher daran, meinen Job zu schmeißen und über eine Umschulung bei Polizei oder gar Terrorfahndung anzuheuern, als alle arabisch anmutenden Menschen Richtung Dawosieherkommen zu schubsen – aber das liegt wohl an meinem zaghaften Temperament.

Ja, ich habe in der einen oder anderen Flüchtlingsunterkunft schon den einen oder anderen Blick gestreift und mich gefragt, ob sich hinter dem einen oder anderen noch so freundlichen Gruß vielleicht doch eine Gesinnung versteckt, die all unsere Werte verachtet und nur auf den richtigen Zeitpunkt wartet, das zum Ausdruck zu bringen? Ich habe mich sogar schon in den munteren Runden mit Irakern und Syrern, die mir über die Monate wirklich ans Herz gewachsen sind, in den entspannten Stunden, in denen wir Instantkaffee getrunken, mal Arabisch, mal Deutsch gelernt und für meinen Geschmack völlig überwürztes Fladenbrot gegessen haben, dabei erwischt, wie ich diesen Jungs in die Augen schaue und mich frage: Lügt mich einer von euch vielleicht die ganze Zeit an und ist in Wahrheit so ein Schläfer, der nur aktiviert werden muss, um sein Lächeln ein- und den Sprengstoff auszupacken? Ich schäme mich für diesen Gedanken und das ist der einzige Grund, warum auf meine oberflächliche Angst oberflächliche Wut folgt. Beides verfliegt, weil ich weder echte Angst vor den Neuankömmlingen in unserer Mitte habe, noch begründeten Verdacht zu solcher Angst. Och nö. Jetzt habe ich, der ich es saublöd finde, wenn Terror und Flüchtlingssituation in einen Topf geworfen werden, genau das getan; man möge es mir nicht aus dem Kontext reißen.

Ich habe keine Angst und ich habe keine Wut. Beides kommt, beides geht, binnen Stunden nach einem solchen Gewaltakt, der nicht der letzte sein wird. Was bleibt, ist Traurigkeit darüber: Solange es Gewalt gibt, wird es Gewalt geben. Und damit meine ich nicht die Naturgewalt, die schon genug anrichtet mit ihrem willkürlichen geben und nehmen und zerquetschen und begraben und verschlucken und ausspucken von Leben. Ich meine die Menschengewalt. Eigentlich sind wir klug genug, zu erkennen, dass uns Waffen und deren Anwendung, Rache und deren Androhung, Töten und dessen Rechtfertigung auf Dauer nicht weiterbringt, sondern in eine Spirale zwingt. Individuen haben es erkannt. Ein paar von uns. Ein paar mehr. Viele. Es ist zumindest möglich, dass sich diese Erkenntnis – ich glaube, es ist die einzig richtige – irgendwann durchsetzt: Worte und nichts als Worte werden Frieden stiften, zwischen Menschen, die „Religion zur Privatsache“ erklären (Precht in der aktuellen Zeit), zwischen Ländern, die Grenzen zu Gartenzäunen machen und Nachbarn wie Nachbarn behandeln.
Auch mit Worten kann man scharf schießen, hart treffen, Schaden anrichten – doch den kann man wieder richten, mit Worten. Andererseits sind es anfangs sicher ebenso Worte, nichts als Worte, die aus Menschen Selbstmörder machen, die sich selbst und andere ins Verderben stürzen. Dann können Worte nur noch Trost spenden… oder Vergeltung schwören. Mit ausgestreckter Waffe fordern wir: Sprich! Mit aufgewühlter Stimme fordern wir: Krieg! Mir schwant, Worte sind doch nur immaterielle Waffen, doch nur Werkzeug, in deren Koffer die Lösung nicht zu finden ist… Individuen haben es erkannt, schreibe ich, meine mit es die Lösung und habe selbst keine Ahnung. Ich bin nur ein trauriger Mensch, der nicht weiß, wie seine Artgenossen davon abzuhalten sind, einander zu zerstören.

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