Fernstudium Gesellschaft

FERNSTUDIUM, ist das was für mich? | Vorteile, Nachteile

Durch meinen Körper rollt eine Welle der Euphorie über die bestandene Prüfung von gestern. Dieses Gefühl will ich mal zum Anlass nehmen, über das fesche Trendthema »Fernstudium« zu schreiben. Denn ist die Welle erst abgeflaut und der Alltag zurück, dann kommt mir das Thema so seltsam langweilig vor, als würde das niemanden jucken, als wäre jede meta-mäßige Auseinandersetzung damit die reinste Zeit- und Zeilen-Verschwendung. Und ist erst die nächste Lernphase da, dann hab ich für so einen Rummel eh keine Zeit mehr. Aber jetzt, da die Freude hoch ist und das Vakuum zwischen Lernphase und Alltag noch besteht, da offenbart sich mir das Thema »Fernstudium« in all seiner Relevanz und Geilheit. Ja, Geilheit. Ein schlaueres Wort hab ich grad nicht. Nachteil Nr. 1 eines Fernstudiums: Es macht dich nicht wirklich schlauer. Nur in-so-dumm.

Wissensdurst auf hoher See

Kurze Erklärung zum »In-so-dumm«

Was heißt »in-so-dumm«? Zunächst ein kleiner Schwank aus der Kindheit – wer darauf keinen Bock hat, einfach direkt zum Abschnitt »5 Gründe« scrollen.

Drei Geschwister-Kinder laufen zum Strand

Meine kleinen Geschwister und ich, wir haben unsere Kindheit in den 90er Jahren verbracht. Also ohne Handy und Internet, dafür mit jeder Menge Langweile und dummen Ideen. In der Regel waren das Ideen für irgendwelche Spiele, meist Rollenspiele. Wann immer wir in unseren Kinder-Hirnen selber gemerkt haben, dass die eine oder andere Idee (nach Maßstäben der Erwachsenenwelt) dumm war, dann haben wir das natürlich entsprechend reflektiert. Wir spielten also »in-so-dumm«. Zum Beispiel eine Partie Mein Land:

Eine Partie Mein Land

Alle sitzen in verschiedenen Ecken einer Matratze (im Kindesalter hatte man zu dritt auf einer handelsüblichen Bettmatratze noch jede Menge Platz) und diese Matratze ist ein Land. Aber nur »in-so-dumm« (mit diesem Zusatz haben wir das einander erklärt, um zu zeigen, dass wir selbstverständlich checken, dass die Matratze kein echtes Land ist). Im Folgenden ging es darum, die jeweils anderen Geschwister mit reichlich Gerangel von der Matratze zu schubsen, um diese für »Mein Land« zu erklären. Dämliches Spiel, wenn man bedenkt, dass der junge Mozart in unserem Alter schon seine ersten Auftritte gab. Kann man noch weiter vom Genie entfernt sein, als beim begeisterten Sich-Gegenseitig-vom-Bett-schubsen?

Ein paar Jahre später (okay, 20 Jahre später) habe ich gemerkt, dass unser kindisches »in-so-dumm« in der Erwachsenenwelt gang und gäbe ist. Wenn wir ein Stück Papier hochhalten und behaupten, das sei jetzt so viel wert wie ein Fahrrad, dann natürlich nur »in-so-dumm« und solange alle mitspielen. Und wenn wir einen bestimmten Bereich abstecken und ein »Land« nennen, dann checken wir selbstverständlich, dass es ein Land gar nicht gibt. Es gibt vielleicht das Land, wenn man dem Trockenen zwischen den Wassermassen, die wir als »Meer« bezeichnen, auch einen Namen geben möchten.

Aber »ein Land« (neben anderen Ländern) gibt es nur in der Vereinbarung sehr vieler Menschen, die sich irgendwie miteinander arrangieren wollen. Denn das tun Menschen, wenn sie zu alt sind, um zu spielen. Sie »arrangieren« sich miteinander. Ist man einmal in einem ehrwürdigen Alter, wie etwa, sagen wir, 69 Jahre (Glückwunsch nachträglich, Horst! Und jetzt geh mal in Rente), dann hat »Mein Land« als Spiel seinen Charme eingebüßt. Es gibt nur noch Verlierer*innen.

Was ist denn schon »wirklich«?

2015 war’s, als ich mich zunehmend fragte, was noch alles »in-so-dumm« ist, also nur in-den-Köpfen. Ist dafür einmal das Bewusstsein geschärft, dann wird die Dummheit riesengroß. Sie ist überall und laut und bedrohlich. Wie kann man sich vor diesem Monstrum schützen? Wie kann man Wirklichkeit von Dummheit unterscheiden? Gibt es Wirklichkeit überhaupt? Und wenn ja (oder nein), was ist wirklich wichtig im Leben?

Aus dieser Verzweiflung heraus habe ich mich Anfang 2016 nach einer Möglichkeit der Weiterbildung umgeschaut. Denn der Impuls »weg von der Dummheit« führt im logischen Umkehrschluss erstmal »hin zum Wissen« (wo oder was das auch immer sein mag).

Klarstellung: Wenn ich hier von »Dummheit« spreche, ist dieser Begriff nicht als Beleidigung gemeint. In diesem Blogbeitrag benutze ich »dumm« in Anlehnung an oben erläuterten, unbewussten Neuwort-Schöpfung »in-so-dumm« aus Kindheitstagen. In diesem Sinne heißt »dumm«: von nicht zureichender Intelligenz, um mit Gewissheit sagen zu können, was Wirklichkeit ist.

Fixe Entscheidung zum Fernstudium

Im Jahr 2016 war ich noch fest angestellt in einer Redaktion und habe von montags bis freitags meine 35 Stunden geschoben. Nine to Five. Damals hatte ich noch nicht den Arsch in der Hose, diese solide Wochenstruktur aufzugeben. (Der Arsch fehlt mir heute noch – was okay ist, wenn man den Gürtel enger schnallt. Ha ha. Witze aus dem Leben eines frisch gebackenen Selbständigen; da kann man nur selbst drüber lachen, und zwar ständig.) Jedenfalls hätte mein Arbeitgeber mich damals bei einer Weiterbildung sicher unterstützt, wenn ich A) gefragt hätte und es B) ein Bezug zum Verlagswesen gegeben hätte. Aber da ich Letzteres nicht wollte, konnte ich mir Ersteres auch sparen. Wie also dann weiterbilden, neben dem Beruf?

Brille, Stifte, Studienzeugs, dazu der Text: Fernstudium, Vorteile & Nachteile

Private Fernlehrgänge: Schon früher hatte ich mal – andere Stadt, andere Arbeit – das Bedürfnis, nebenbei noch was zu lernen. Da war meine Wahl auf den ILS-Fernlehrgang »Filmproduktion – professionell gemacht« gefallen. Der schneidet im Fernstudium-Check richtig gut ab, ist aber inhaltlich mager. Mit Blick aufs Preis-Leistungs-Verhältnis kann man die Kohle besser in ordentliche Lektüre zum Thema Film investieren. Wann immer ich mich heute auf irgendetwas im Bereich Film bewerbe, lasse ich diesen Fernlehrgang aus meinem Lebenslauf raus, weil es mit professioneller Filmproduktion nichts zu tun hat. Ist ein bisschen so, als würde man in einer Bewerbung als Architekt*in angeben, welche Anwesen man in SimCity gebaut hat.

Die Fernuniversität in Hagen

Kurzum: Weder wollte ich berufsbezogene Möglichkeiten der Weiterbildung wahrnehmen, noch etwaige Programme privat-wirtschaftlicher Fernschulen, auf den Verdacht hin, dass man da mehr Geld als Grips investiert. Eine Alternative fand ich in der einzigen staatlichen Fernuniversität in Deutschland, die gleichzeitig mit rund 76.000 eingeschriebenen Student*innen die größte Uni Deutschlands ist.

Die Zahl entspricht etwa der Bevölkerungszahl meiner Heimatstadt, was mich anfangs ziemlich beeindruckt hat. Aber man muss einfach bedenken, dass das quasi nur »der große Rest« derjenigen ist, die nicht schon sonstwo irgendwas studieren. Und gemessen an den Zugangsvoraussetzungen und der deutschen Bevölkerungszahl ist 76.000 angesichts der Zahl der Menschen, die dort ein Fernstudium machen könnten, eher erstaunlich gering. Dieses Staunen nimmt bei mir über die Semester hin immer weiter zu, weil die Qualität dieser Universität – in so ziemlich jeder Hinsicht – echt stark ist. Allerdings, klar, muss man halt ein Interesse an den Inhalten eines Fernstudiums haben.

Zulassungsvoraussetzungen für Bachelor-Fernstudiengänge an der FernUniversität in Hagen:

  • Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife, oder
  • Zeugnis der fachgebundenen Hochschulreife, oder
  • Gleichwertiger Schulabschluss, oder
  • Gleichwertige berufliche Qualifikation, oder
  • Gleichwertige ausländische Qualifikation
Das Studienangebot

Interesse an den Inhalten also… das sagt sich so leicht. Als ich mich erstmals durch das Angebot der Bachelor-Fernstudiengänge scrollte, da dachte ich noch: nö, nö, nöhöhööö! Informatik, Mathematik, Politik- oder Wirtschaftswissenschaft? Warum nicht gleich Jura? Fuck. Ich hab in Mathe damals aus Sinus-Kurven Dinosaurier gemacht und im Computerraum nur mit Paint gespielt und über Google die Earth bewundert. Und Wirtschaft? In meiner Ausbildung zum Kaufmann dienten mir T-Konten eher dazu dazu, die Vor- und Nachteile vom Berufsschulunterricht aufzulisten. Vorteile: Die Lehrer*innen sind weniger streng. Du bist jetzt erwachsen. Nachteile: Die Lehrer*innen sind weniger streng. Du bist jetzt erwachsen. Ach, wer braucht schon Buchhaltung? Konnte ich doch nicht wissen, dass ich mich mal selbständig mache.

Selbständige brauchen Buchhaltung.

Existenzgründung 101

Ja, ich habe in meinen Interessen (oder Desinteressen) oft geirrt. Dass meine Wahl für ein Bildungsangebot letztendlich auf den Studiengang B.A. Kulturwissenschaften fiel, das war die Folge von zu viel Desinteresse. Ausschlussverfahren. Das eine, das noch übrig war, nachdem ich den Rest der Liste von Studiengängen für ein mögliches Fernstudium im Geiste noch durchgestrichen hatte. Und Kulturwissenschaften war zunächst nur deshalb vor dem Rotstift sicher, weil ich ehrlich gesagt nicht wusste, »wat dat is«, wie man in der Heimat so schön sagt.

Der Studiengang B.A. Kulturwissenschaften

Der Studiengang B.A. Kulturwissenschaften umfasst an der FernUniversität verschiedene Module aus 3 Fachrichtungen: Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. In Letzterer geht es zuweilen ganz ausdrücklich darum, was eigentlich Wirklichkeit und was nur in unseren Köpfen ist. Riesenthema. Und genau das, was ich suchte. Na endlich, gefunden.

Einige Themen, mit denen man (je nach eigenem Interesse) durch diesen Studiengang in Berührung kommen kann – nur eine winzige Auswahl, für einen ersten Eindruck:

  • Die griechische Antike, Anfänge unserer Demokratie
  • Das Mittelalter in all seiner Ungerechtigkeit
  • Die Entdeckungsreisen großer Seefahrer*innen
  • Die Französische Revolution
  • Literarische Vorlagen zu Filmklassikern (siehe: Traumnovelle / Eyes Wide Shut)
  • Das Theaterwesen in Deutschland 
  • Sprachen und was sie bewirken
  • Affen, Menschen, Cyborgs und was sie unterscheidet

Das weiß ich wohlgemerkt erst jetzt – also, dass Kulturwissenschaften das ist, was ich 2016 suchte. Anfangs dachte ich nur: Joa, Geschichte interessiert dich und hilft bestimmt bei dem Hobby »Geschichten schreiben«. Und zack, hatte ich mich für ein Fernstudium eingeschrieben. Was genau Philosophie ist und alles dahintersteckt, das entfaltet sich mir seit nunmehr zwei Jahren, learning by doing. Worauf ich mit dem ganzen Blah hinaus möchte:

Auch wenn dein Interesse an Weiterbildung eher vage ist und du besser sagen kannst, was du alles nicht willst, als was du eigentlich willst – gib einfach Irgendetwas die Chance, dieses »eigentlich« zu sein. Denn man kann sich nur für Dinge interessieren, von denen man weiß. Und man weiß verdammt wenig, solange das Desinteresse überwiegt. Und danach eigentlich auch. Aber dazu gleich mehr, Stichwort: Land der Wahrheit…

Jetzt geht’s erstmal ans Eingemachte! Im Folgenden habe ich 5 Gründe für ein Fernstudium aufgeführt – und 5 Gründe dagegen (am Beispiel der Kulturwissenschaften, aber auch übertragbar auf andere Studiengänge):

Buntstifte bilden eine 5, dazu der Text: Gründe dafür & dagegen, Thema Fernstudium

5 Gründe für ein Fernstudium (und 5 dagegen)

Vorteil 1: Mehr Zeit für dich

Klingt ein bisschen nach Wellness-Werbung. Bei »Mehr Zeit für dich« denkst du vermutlich an eine Badewanne, Sonnenstunden und Rumlümmeln auf der Couch. Das kannst du auch. Stell dir einfach nur ein Buch dazu vor (oder über welches Endgerät auch immer du zu lesen bevorzugst). Die meiste Zeit in einem Fernstudium der Kulturwissenschaften verbringt man mit Lesen – und das Gelesene zusammenfassen, und über das Zusammengefasste nachdenken. Lesen, Schreiben, Denken, das ist – Inhalte hin oder her – Zeit für dich.

Ob man es als quality time oder Verschwendung betrachtet, ist Einstellungssache, aber das Fernstudium zwingt dich regelrecht dazu, mehr Zeit mit dir selbst zu verbringen. Ohne Spiegel, ohne Selfie-Stick. Keine Likes für jede gelesene Seite. Kein Interesse an dem, was du gerade tust, von irgendwem. Nur du, das Weltwissen und deine Gedanken dazu.

Die Leere auffüllen

Diese althergebrachte Art der Einsamkeit kann ganz schön bedrückend sein, in Tagen wie diesen, in denen wir gerne 24/7 interconnected sind. Zumindest mir geht’s so, dass ich dann manchmal eine schreiende Leere in mir fühle. Nicht selten flüchte ich in soziale Medien, wo eh alle schreien und man weniger allein ist. Wenn es mir hingegen hin und wieder gelingt, der Einsamkeit mit mir selbst Stand zu halten, einfach nur zu lesen, zu notieren, zu grübeln, dann spüre ich, wie sich die Leere mit Inhalten füllt. Blumige Sprache, ich weiß. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass »mehr Zeit für dich« etwas Gutes sein kann.

Es geht nicht darum, »mehr Zeit mit sich« zu verbringen, damit, sich nur um die eigene Achse zu drehen, in Selbstzweifel oder Narzissmus zu zergehen. Es geht vielmehr darum, mehr Zeit damit zu verbringen, etwas für sich als Person zu tun. Für den Geist, der deinem Körper innewohnt (auch wenn das in der Philosophie ein streitbares Thema ist, das mir manche*r jetzt um die Ohren hauen würde).

Nachteil 1: Weniger Zeit für alles Andere

Dazu braucht man kein Mathe zu studieren: Mehr Zeit für dich = weniger Zeit für alles Andere. Ein Tag hat nur 24 Stunden und du kannst deine Schlafzeiten nicht allzu sehr reduzieren. Vielleicht willst du das auch gar nicht, weil Schlafen großartig ist. Am Ende sind die meisten von uns 14 bis 18 Stunden zwischen zwei Sonnenaufgängen wach und haben ehrlich gesagt immer genug zu tun.

Als 90er-Jahre-Kind bei ländlicher Wohnlage hatte man quasi keine andere Wahl, als sich eigene Spiele auszudenken, um irgendwie die ganze Zeit »zu vertreiben« (schrecklicher Ausdruck eigentlich). Die 3 Videokassetten waren schnell mal durchgeguckt. Die Gameboy-Batterien regelmäßig leer. Das Wetter manchmal schlecht. Und unterwegs im Internet konnte man während dem Aufbau einer Seite das Alphabet rülpsen, vorwärts und rückwärts und die Bilder waren immer noch nicht zu sehen.

Von wegen Badewanne

Heute kann man nicht an einem Nachmittag Netflix durchschauen. Dafür muss man sich schon mehr Zeit nehmen. Und Entdeckungsreisen in den Tiefen des World Wide Web fressen auch mehrere Menschenleben. Die Schlaumeier*innen aus vergangenen Jahrhunderten, die über jede Wissenschaft ihrer Zeit genau Bescheid wussten, die hatten ja keine Ahnung. Charles Darwin würde heute vielleicht weniger Tiere auf den Galapagosinseln finden – aber der Junge soll nur mal ne Runde mit Pokémon Go drehen. Die Welt ist irre geworden, irre vielfältig.

Als Einzelne, mit unseren je eigenen Expertisen und Erfahrungen, wissen wir zu viel und zu wenig; also überlassen wir uns der Verzweiflung oder der Hoffnung, obwohl weder das eine noch das andere eine kluge Haltung ist. Weder Verzweiflung noch Hoffnung sind auf Sinnlichkeit, auf von Geist erfüllte Materie, […] oder auf sterbliche Erdlinge in dichter Kopräsenz gestimmt.

Donna Haraway, in: Unruhig bleiben (2018), S. 13

Brauchst du wirklich noch etwas, das dir deine Zeit wegfrisst? Und selbst wenn du xy Wochenstunden zur Verfügung hättest, würdest du sie wirklich mit Studieren verbringen wollen? Denn machen wir uns nichts vor: Du kannst bei einem Fernstudium natürlich in der Badewanne oder auf der Couch lesen. Aber viel öfter wirst du dich vermutlich am Schreibtisch wiederfinden. Hurra.

Vorteil 2: Man kann Geld sparen

Na ja, also erstmal gibt man Geld aus, natürlich. Bei einem Fernstudium bezahlt man die Studienhefte, die man halbjährlich zugeschickt bekommt. Das sind, je nach dem, ob man in Teilzeit oder Vollzeit oder in Teilzeit mit Vollzeitpensum studieren möchte, etwa 200-350 Euro im Halbjahr. Gegenüber privaten Fernlehrgängen ist das günstig. Und kaum beginnt das Semester, beginnt die fröhliche Challenge, die Ausgaben durch Vergünstigungen wieder reinzuholen. Es gibt etliche Möglichkeiten, insbesondere bei kulturellen Veranstaltungen, mit einem Studierenden-Ausweis günstiger »reinzukommen«.

Außerdem hat man freie Zugänge zu Online-Archiven und -Datenbanken voller interessanter Inhalte sowie Lernplattformen, über die man sich alles Mögliche beibringen lassen kann. Ich nutze diese zum Beispiel, um mit meinen Adobe-Programmen fitter zu werden (Lightroom, Photoshop, Premiere) – aber es gibt auch Lehrmaterial zu Social Skills, anderen Computerfragen, oder Dingen, die man eher im Hobby-Bereich verorten würde. Solche Lerninhalte sind oft (weil aufwändiger und mehr in die Tiefe gehend als viele YouTube-Videos) hinter Bezahl-Schranken versteckt. Fernstudierende können über manche drüber hopsen. Allein: Zeit müsste man wieder investieren…

Nachteil 2: Man gibt mehr Geld aus

Vorweg: Geld wird überbewertet. Meist versuchen wir, an mehr davon zu kommen, als wir festhalten können. Oder wie Uwe Seeler einst sagte:

Ich kann ja doch nicht mehr als ein Schnitzel am Tag essen.

Andererseits ist das natürlich First-World-Gelaber. Bezeichnenderweise kursieren von Uwe Seelers Aussage zwei Versionen im Internet. Die andere lautet: »Mehr als ein Steak am Tag kann man nicht essen.« Ach was?

Ich sehe was das du nicht sieht und das ist Geld! […]
Keine Schwielen an den Händen – das ist Geld!
Sagen »Geld ist nicht alles« – das ist Geld!

K.I.Z.

Aber trotzdem, verarschen wir uns nicht selbst. Überall, wo man »vergünstigt reinkommt«, gibt man im Endeffekt zusätzlich Geld aus. Hinzukommt, dass Fernstudierende dazu neigen, sich viel mehr Bücher anzuschaffen, als man normalerweise kaufen oder leihen würde. Das kommt auf die Semestergebühren nochmal oben drauf. Dann die Fahrtkosten zu den Prüfungen und manchen Präsenz-Seminaren plus die Teilnahme-Gebühren für besondere Praxis-Seminare. Nicht zu vergessen: das Budget für die Nervennahrung. Ein paar Kilo Nüsse sind in der Prüfungsphase rasch verdrückt.

Allerdings, wenn du wirklich mit dem Gedanken spielst, hey, so ein Fernstudium, das könnte eine sinnstiftende Maßnahme sein – dann ist Geld offenbar nicht deine größte Sorge im Leben. Ist doch gut so. Zurück zum Wesentlichen:

Vorteil 3: Es erweitert den Horizont…

Warum Geschichte studieren? Anders als in Physik oder Chemie geht es nicht darum, Vorhersagen zu treffen. Wir beschäftigen uns mit der Vergangenheit, um unseren Horizont zu erweitern und zu erkennen, dass unsere gegenwärtige Situation weder unvermeidlich noch unveränderlich ist, und dass wir mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, als wir uns gemeinhin vorstellen.

Yuval Noah Harari, in: Eine kurze Geschichte der Menschheit (2013), S. 294

Unser Vorstellungsvermögen, das kann man leicht unterschätzen. Meist reicht schon die Vorstellung von »Ideen« als etwas, das uns unseren Hirnen irgendwie  magisch entspringt, in der sich dieses Vermögen erschöpft. Nach dem Motto: »Man hat halt Fantasie oder eben nicht«. Stattdessen sind alle großen Ideen der Menschen die kleinen Babys verschiedenster Einflüsse und Inspirationen. Vor denen kann man sich gar nicht wehren – aber je weniger Übung, desto eher verpufft eine Inspiration, ohne neue Ideen hervorzubringen.

Wir können gar nicht anders

Der umgekehrte Weg ist die gezielte Suche nach Einflüssen und Inspirationen in einem gigantischen, Jahrtausende alten Kulturkosmos, aus dem wiederum Ideen fürs Hier und Jetzt hervorgehen. Dazu ist so ein Fernstudium fantastisch, in Kulturwissenschaften auf jeden Fall. Da kommen immer wieder Themen auf den Tisch, die heute »im öffentlichen Diskurs« (wenn man die eigene Social-Media-Bubble denn überhaupt so bezeichnen mag) völlig untergehen. Es ist gut, zuweilen mit solch unscheinbaren oder unpopulären Themen konfrontiert zu werden – das rückt manche Phänomene der Gegenwart in Relation und eröffnet einen zuversichtlicheren Blick in die Zukunft.

Zuletzt habe ich mich mit Helmuth Plessner und dessen Hauptwerk beschäftigt, das sich um das Wesen des Menschen dreht. Plessner kommt zu dem Schluß, dass die fortwährende Beschäftigung mit Kultur (als unsere zweite Natur) für uns Menschen ganz grundlegend ist, um die Welt um uns herum überhaupt wahrnehmen zu können – und zwar nie unmittelbar, sondern immerzu vermittelt durch unser Bewusstsein. Deshalb sei es auch, dass jede Generation auf ein Neues kulturelle Schöpfungen hervorbringen muss. Weil wir gar nicht anders können. Das ist vielleicht nicht der Grund für den x-ten Spider-Man-Film (das ist Geld), aber der Grund, warum überhaupt noch Bücher geschrieben werden.

»Die Welt ist voller Bücher. Warum um Himmels willen musst du da mit einem weiteren ankommen?«

Louise Doughty zitiert einen Buchhändler, in: Ein Roman in einem Jahr (2007), S. 10

Die Antwort auf die Frage, warum neue Bücher, neue Filme, neue Apps und Ideen uns immer wieder auf Trab halten, ist so kindisch wie wundervoll: Darum. Wir können nicht anders. Es ist ein Wesensmerkmal von uns Menschen.

Nachteil 3: …auf einer Insel im Unwissen

Doch jede unserer Errungenschaften, jedes Kulturgut und jede Antwort ist bestenfalls nur eine Schaufel Sand an dem Strand, der unsere Insel umgibt. Immanuel Kant beschrieb sie als »Land der Wahrheit«. Es sei…

[…] umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane […], indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann.

Immanuel Kant, in: Kritik der reinen Vernunft, Kapitel 68
Auf hoher See verloren gehen

Wir mögen den Strand mit schaufelweise Sand anhäufen und die Insel vergrößern. Doch damit wächst nur die Uferlinie entlang des Ozean dessen, was wir nicht wissen. Ausflüge hinaus auf hohe See eröffnen bloß immerzu neue Horizonte, keine neuen Ufer. Im Studium wird Leser*innen diese Tatsache immer wieder eindrucksvoll vor Augen geführt, wenn sie in einem x-beliebigen Buch die Literaturhinweise aufschlagen. Jedes große Werk ist nur ein Nadelöhr zu einem neuen Universum an Wissen… das kann faszinieren oder deprimieren, je nach dem, ob man sich gerade abenteuerlich oder einfach nur klein und dumm fühlen möchte.

[Insbesondere bei einem Fernstudium, da man mit einer Lektüre oft alleine ist und nicht sieht, dass andere Student*innen auch hart daran zu knacken haben, überwiegt zuweilen dieses »klein und dumm«-Gefühl. Der vielleicht spürbarste Nachteil eines Fernstudiums.]

Vorteil 4: Es schult wichtige Skills

Bei kaum einem Fach wird man wohl so häufig mit der Frage konfrontiert: »Wozu brauchste das später mal?« Gemeint ist natürlich Philosophie (also das große Gedankenspiel der vergangenen Jahrtausende, aus dem nur so Pillepalle wie unsere Demokratie und unser Rechtsstaat hervorgegangen sind). Doch selbst, wenn du dich für ein Studienfach entscheidest, dessen konkrete Inhalte du in seiner Relevanz manchmal anzweifelst: Ein Fernstudium schult weit mehr als die Expertise in einem bestimmten Fach.

Man hat zum Beispiel kaum eine andere Wahl, als sich mal bewusst mit dem Thema »Zeitmanagement« zu beschäftigen, um so ein Studium mit Arbeits- und/oder Familienalltag unter einen Hut zu kriegen. Was diese Beschäftigung konkret bringt, muss jede*r für sich selbst sehen. Mir persönlich hat das Thema »Zeitmanagement« den Weg gebahnt zu neuen Workflows und Perspektiven – und unterm Strich eben: mehr Zeit.

Worauf es im 21. Jahrhundert ankommt

Struktur in Alltag und Arbeitsweise; die Fähigkeit, sich auf neue Inhalte mit vertrauten Methoden und Mitteln zu stürzen; Übung darin, Internet und Bücherwelt nach relevanten Informationen (also Daten, dem Gold des 21. Jahrhunderts!) zu durchforsten – all solche Skills schult ein Fernstudium jenseits der eigentlichen Studieninhalte.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man einen Beruf lernt und drei bis vier Jahrzehnte lang ausleben kann. Selbst neue Berufsbilder mögen eine vergleichsweise kurze Halbwertszeit haben und wieder in Bedeutungslosigkeit versinken. »Times are changing, Kitty« – das stellte schon Red Forman in den Wilden Siebzigern fest…

Der rassistische, sexistische Amerikanische Traum hat ausgedient, das ist begrüßenswert. Was am ehesten gefragt sein wird, in den kommenden Jahrzehnten, das sind keine konkreten Kenntnisse, sondern spezielle Skills – vor allem die Fähigkeit, in Bewegung zu bleiben. Wer Übung darin hat, sich Neues beizubringen, ist gut aufgestellt in unruhigen Zeiten.

Nachteil 4: Es bringt mächtig ins Schwitzen

Ständig in Bewegung bleiben, das heißt: ins Schwitzen geraten. Auch mal außer Puste sein. Keine Lust mehr haben. Und zu viel Druck. Gerade in Leistungsphasen, wenn man zu einem bestimmten Termin, für eine schriftliche oder mündliche Prüfung unverhältnismäßig viel Wissen in den eigenen Schädel stopfen soll. Vier Klausur-Stunden lang über wissenschaftliche Themen schreiben oder 40 Minuten lang ein fachspezifisches »Frage-Antwort-Spiel« durchstehen – das sind Ausnahmesituationen, die man eigentlich nicht braucht. Das Wissen verpufft danach eh wieder.

Andererseits… eine mündliche Prüfung ist die beste Übung für Vorstellungsgespräche oder andere Situationen im Leben, in denen man eine gute »Live-Performance« machen möchte. Und das Hochgefühl nach einer bestandenen Prüfung ist wie ein Kick, der alle sechs Monate mal eine sehr schöne Abwechslung im Alltag sein kann. Leistungsdruck vs. Erfolgsgefühle.

Vorteil 5: Neue Leute kennenlernen

Gibt es irgendeine neue Aktivitäten, die du aufnehmen kannst, ohne neue Leute kennenzulernen? Selbst beim Angeln gehen trifft man hin und wieder andere kauzige Seelen… wenn du dich aber in die größte Uni Deutschlands einschreibst, dann lernst du unweigerlich jede Menge neuer Leute kennen. Dabei ist der Querschnitt der Leute in einer Fernuniversität mindestens so bunt, wie an Präsenz-Universitäten. Natürlich trifft man sich, physisch, seltener.

Aber was sind heutzutage schon Distanzen? Die Student*innen kommen aus verschiedensten Städten und Ländern zusammen – und aus unterschiedlichen Lebenslagen: Menschen, die gerade eine Familie oder ein Unternehmen gegründet haben, oder deren Kinder just aus dem Haus sind, oder deren Ruhestand begonnen hat. Andere wiederum, die mittendrin stehen, im Geschäfts- und/oder Familienleben, die einfach noch ein bisschen Rest-Energie kanalisieren wollen. Interessante, aufgeweckte Individuen. Kontakt hält man via Mails und Messengern. Und ist man zufällig in derselben Stadt, geht man zusammen Mittagessen.

Nachteil 5: Alte Leute vergraulen

Nichts ist ätzender, als irgendwelche Schlaumeier*innen, die glauben, Anderen die Welt erklären zu müssen. Außer vielleicht, wenn man sich selbst als solch ein Schlaumeier überführt. Zu Beginn eines Philosophie-Seminars hat es ein Dozent mal geradeheraus gesagt: »Sie werden den Leuten auf die Nerven gehen, mit dem, was Sie tun…« – jepp. Selbst die eigene Familie erkundigt sich höflich nach Prüfungsergebnissen, solange man bloß nicht loslegt mit irgendwelchen poststrukturalistischen Gender-Theorien – für dich gerade der neuste Shit und superduper spannend. Für Andere das, was doch schon seit Jahren in irgendwelchen drögen Büchern steht und da ganz gut aufgehoben ist.

Das Problem bei einem Fernstudium ist, dass du öfter mal Gesprächsbedarf zu Themen hast, die Menschen aus deiner unmittelbaren Umgebung gerade eher nicht so vom Hocker hauen. Schön und gut, dass man jederzeit mit aller Welt schreiben und skypen kann. Doch das Offline-Leben ist meist immer noch das wichtigere Leben – und da will man nicht die Nervensäge sein, die dauernd über ihre neuesten Erkenntnisse blubbert. Dafür gibt’s doch Blogs.

Fazit zum Fernstudium

Während dem Schreiben dieses Blogbeitrags habe ich eine Pause eingelegt. Ein Tag ist vergangen, die Welle der Euphorie über jene Prüfung ist abgeflaut… während sich auf meinem Schreibtisch neue Studienhefte türmen. Manche davon tragen echt langweilige Titel. Und ich weiß jetzt schon, dass die paar Monate bis Februar oder März wie im Flug vergehen werden. Dann reißt mich das Studium wieder für ein paar Wochen ein bisschen raus aus der Routine, woraus auch immer die dann gerade bestehen mag. Ich bin jetzt gerade erst knapp über die Hälfte, was das Fernstudium betrifft – ein bisschen früh dran für den Lobgesang hier.

Insofern bezieht sich mein Fazit auf ein sehr situatives, gegenwärtiges Gefühl: Das Fernstudium der Kulturwissenschaften, das ich vor zwei Jahren begonnen habe, bereichert seither mein Leben. Natürlich möchte ich es ausnahmslos allen ans Herz legen, aus dem impulsiven Gedanken heraus, dass es unsere Gespräche spannender, unsere Stimmung optimistischer, unser Miteinander vielseitiger machen würde. Gut möglich, dass eben diese Dinge aber auch auf tausend anderen Wegen zu erreichen sind.

Und weiter gedacht, wenn wirklich alle das Gleiche täten, ob sich daraus ein vielseitigeres Miteinander ergäbe? Vielseitiger als unsere Welt hier und heute, mit ihren technologischen Tentakeln und sozial-medialen Spektakeln? Den Vorwärts- und Rückwärts-Gewandten, den Felsenfesten und den völlig Verdrehten? Natürlich nicht. Alles gut so, wie es ist. So unendlich quirlig.

Kleine Leseliste

Ein paar Schriften, die ich im Rahmen des Fernstudiums gelesen und auf diesem Blog besprochen habe:

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Danke für die Tipps. Werde ich auf jeden Fall beherzigen, wenn ich mein Fernstudium beginne. Wobei ich einen Vorteil dadurch habe, das ich meinen Master berufsbegleitend machen werde. Ich habe Kontakt zur Aussenwelt. Denn das wird ja immer wieder als Hauptgrund gegen das Fernstudium angeführt, man würde vereinsamen

  2. Hey Bella!

    Ja, im Fernstudium habe ich die Erfahrung gemacht, dass man in den seltenen Seminaren schon proaktiv den Kontakt zu Mit-Studierenden suchen sollte, um eben nicht allein dazustehen – jeder Austausch hilft. Du hast recht, berufsbegleitend wird dir dieses Problem weniger begegnen. In diesem Sinne wünsche ich dir einen guten Start in dein Fernstudium! Kleiner Buchtipp, der mir geholfen hat, zeitlich noch alles unter einen Hut zu bekommen: »Die vier Säulen der Lebensbalance« von Marco Freiherr von Münchhausen.

    Herzliche Grüße!
    David

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