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QUIET CITY von Aaron Katz | Film 2007 | Kritik, Review

Kürzlich gesehen: Quiet City von Aaron Katz. Es war 2007 gerade der zweite Spielfilm des inzwischen preisgekrönten Independent-Regisseurs. Im Literaturbetrieb heißt es, das zweite Buch sei für den Autor immer das schwierigste. Im Fußball sagt man, Bundesliga-Aufsteigern blühe das »verflixte zweite Jahr«. Wie sieht es im Film aus – ist das zweite Werk eine besondere Herausforderung?

Die leise Seite New Yorks

QUIET CITY von Aaron Katz | Film 2007 | Kritik, Review Im August 2006 saß ich während einer Zwischenlandung im Flughafen von Cincinnati. Ich reflektierte die Schwierigkeiten, die ich mit dem Schreiben eines Drehbuchs [für den zweiten Film] hatte, an dem ich seit drei Monaten arbeitete. Es wurde ein größeres und größeres Durcheinander, je länger ich daran arbeitete. An dem Punkt waren es bereits 180 Seiten von Charakteren und Plots, zwischen denen jede Verbindung fehlte. Es war entmutigend, drei Monate Arbeit einfach wegzuwerfen, aber ich entschied, das Skript aufzugeben und von vorne anzufangen. | Aaron Katz

Das sind die Worte des Regisseurs, der den Werdegang seines zweiten Spielfilms in der Pressemappe transparent dargelegt hat – samt der Schwierigkeiten, die er damit tatsächlich hatte.

Die Schauspieler Erin Fisher und Chris Lankenau in »Quiet City« | Bild: Aaron Katz

Totale: Quiet City im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Aaron Katz stellte Quiet City nur ein Jahr nach seinem Spielfilm-Debüt fertig, dem schmucklosen, aber intensiven Dance Party, USA. Mit beiden Filmen lief er auf dem South by Southwest Film Festival, das seit 2005 bemerkenswert viele Filme im Programm hatte, die später dem amerikanischen Mumblecore zugeordnet wurden.

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Die Kreativen hinter diesen Filmen fingen an, sich zu vernetzen – und so verwundert es nicht, dass in Quiet City auch die Mumblecore-Koryphäe Joe Swanberg eine kleine Rolle hat. Mit Kissing on the Mouth (2005) und LOL (2006) hatte dieser sich zu dem Zeitpunkt bereits einen Namen gemacht. Im selben Jahr wie Quiet City erschien von Swanberg der Film Hannah Takes the Stairs mit Greta Gerwig (Lady Bird).

Persönlicher Kontext

Noch am Flughafen kaufte ich ein neues Notizbuch und begann, etwas zu schreiben. Dabei machte ich mir einige Regeln. Ich erlaubte mir nicht, weniger als 10 Seiten am Stück zu schreiben. Ich musste täglich schreiben. Und ich durfte mir einmal Geschriebenes nicht nochmal durchlesen, bevor ich zu etwas kam, das sich wie ein Ende anfühlte. Über die nächsten anderthalb Wochen hielt ich mich an die Regeln und schrieb den ersten Entwurf von Quiet City. | Aaron Katz

Auf Reisen Notizbücher vollschreiben, damit habe ich selbst ein Jahr nach Quiet City angefangen, in 2008. Damals war ich 18 Jahre alt und kannte noch keine richtigen Low-Budget-Produktionen aus Übersee. Stattdessen war ich beeinflusst von amerikanischen Kultfilmen (die man stolz als »jenseits des Mainstreams« empfand) und schrieb dementsprechend Filme voller Referenzen an Tarantino und Co. Leider, muss ich rückblickend sagen.

Inzwischen habe ich viele Independent- und No-Budget-Filme angehender Filmemacher gesehen, denen es gelungen ist, lebensnahe Geschichten aus ihrem eigenen Umfeld in Szene zu setzen. Auch ohne, dass den Kreativen dahinter eine hochdramatische Biographie zugrunde liegen müsste. Solche Filme sind Zeitkapseln unscheinbarer Alltagskultur. Sie sind nicht besonders spannend oder unterhaltsam und können doch wertvoll sein, in einem fast dokumentarischen Sinne.

Freunde und Freunde von Freunden

Wie so viele junge Filmemacher und ich selbst damals auch, hat Aaron Katz sein Projekt mit Freunden und Bekannten umgesetzt.

Nachdem ich meine ersten Korrekturen vorgenommen hatte, ging ich mit dem Drehbuch zu Brendan McFadden und Ben Stambler. Sie waren damit einverstanden, den Film zu produzieren. Wir legten etwa 2000 Dollar zusammen und überlegten, wie wir den Film mit geliehenem Equipment und der Hilfe von Freunden umsetzen könnten.

Während des Drehbuch-Schreibens wusste ich bereits, dass ich Erin Fisher, die ich vom College kannte, als weibliche Hauptrolle haben wollte. Die restlichen Cast-Entscheidungen wurden später getroffen. Letztlich sind alle im Film entweder Freunde oder Freunde von Freunden. […]

Für die Dreharbeiten quartierte sich das ganze Team in einem Apartment in Fort Greene, Brooklyn ein. Jeden Tag fuhren wir via U-Bahn zu den Drehorten und am Ende des Tages justierten Brendan und ich den Drehplan. Wir riefen Komparsen an, kümmerten uns um die Locations, holten Equipment ab, taten eben alles, was so getan werden musste. | Aaron Katz

Close-up: Quiet City im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Abenddämmerung, ein roter Himmel, ein Flugzeug, das durchs Bild fliegt. Dazu Schlagzeugmusik, die so ruppig klingt, als sei sie im heimischen Keller selbst eingespielt worden (nicht unwahrscheinlich). Noch zwei etwas beliebig wirkende Aufnahmen der Dämmerung über der Stadt. Dann Schnitt in eine Bahn, die durch einen Tunnel fährt. Lange Zeit nur Schwarz, gelbe und blaue Lichter schießen vorbei. Knapp eine mutige Minute lang, diese Einstellung. Daraufhin sehen wir, in der jetzt helllichten Bahn, eine junge Frau den Fahrplan checken. Die Kamera wackelt extrem, das Bild ist leicht farbstichig. Das niedrige Budget fällt sofort ins Auge. Die junge Frau dort ist unsere Hauptfigur, der wir den Film über folgen werden: Jamie, gespielt von Aaron Katz‘ College-Freundin Erin Fisher.

Sie kommt in New York City an und fragt einen Fremden nach dem Weg. Sie sei mit einer Freundin in einem Restaurant verabredet. Der Fremde bringt sie hin, doch besagte Freundin ist nicht dort. Stattdessen lernt Jamie den Fremden näher kennen: Charlie, gespielt von Chris Lankenau.

Er hatte keinerlei Erfahrung mit Schauspielerei. Ich wollte einfach Leute aus dem Leben vor die Kamera holen, von denen ich dachte, dass ihnen etwas Interessantes anhaftete. Sie sollten etwas von ihrer eigenen Persönlichkeit in den Film einbringen. | Aaron Katz

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Tatsächlich hat man nicht das Gefühl, zwei Schauspielern zuzusehen. Dafür sind die Ansprüche an die Rollen auch zu niedrig, die Szenen fordern den Beteiligten nichts ab. Es ist, als sei man eine Weile mit Freunden unterwegs, könne nur eben nicht dazwischenquatschen. Stattdessen lauschen wir dem Smalltalk, dem Schweigen, dem einfachen Leben der beiden, die gerade nichts Besseres zu tun haben, als miteinander herumzustreunen.

Eine der wichtigsten Aspekte für mich war, New York von einer anderen Seite zu zeigen, als man es gewöhnlich sieht. Ich wollte New York in seiner Stille und Schönheit zeigen. Ein New York, das ich dauernd in meiner Nachbarschaft in Brooklyn erlebe, aber selten in Filmen sehe. | Aaron Katz

Das ist Aaron Katz gelungen. New York als »quiet city« aus der Sicht zweier Normalos, statt irgendwelcher ausgeflippter, überdrehter oder schlicht von einem spannenden Plot angetriebener Filmfiguren – das gibt es in seinem zweiten Film zu sehen. Mit zwei erwachsenen Protagonisten, die um die Wette rennen und herausfinden, dass ein Flummi auf Rasen nicht funktioniert, fügen sich Teile des Films sogar in die berüchtigten Four Elements of Mumblecore und erfüllen mindestens:

Element 2: Retarded Child-Like Behavior | Wenn Erwachsene sich wie Babys verhalten, heißt das, dass sie eigentlich sehr klug sind. Es schert sie bloß nicht, weil jeder einzelne Mensch einsam ist, in dieser Welt. Hat nichts mit Autismus zu tun. Man nennt es respektlos sein – und du kannst Lloyd Dobler (John Cusack in Cameron Crowes Teen Lover) dafür danken, ehrlich gesagt. Er hat den Ghettoblaster hochgehalten, zu den Schlafzimmerfenstern Amerikas. | Patrick Hosmer, The Four Elements of Mumblecore

Der Film ist – in mäßiger Qualität – aktuell auf YouTube zu finden:

Fazit zu Quiet City

Für mich existiert dieser Film als Aufzeichnung unserer gemeinsamen Zeit damals, sowie als Entdeckung einer möglichen Verbindung zwischen zwei Menschen, in einer Stadt, in der man sehr schnell verloren gehen kann.

Für mich ist es ein Film voller erstaunlich netter Charaktere, die sehr respektvoll und ruhig miteinander interagieren, keine Reibung, kaum Entwicklung. Die Handlung plätschert vor sich her. Als Zeitkapsel mag dieser Film funktionieren. Aaron Katz‘ kann froh sein, dass dies sein zweiter Film war – denn das Erstlingswerk, Dance Party, USA, ist sicher das prägendere Seherlebnis und das bessere Debüt. In diesem Sinne ist Quiet City die stille Fortsetzung im Schaffen eines Filmemachers mit viel Potential. In seinem jüngsten Film (Gemini, 2017) spielt Zoë Kravitz, die Tochter des berühmten Lenny, eine der Hauptrollen.

 

 


 

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