Film

THE SQUARE von Ruben Östlund | Film 2017 | Kritik, Review

»Solch einen Cannes-Gewinner gab es noch nie« – der Trailer zum Film The Square fährt große Geschütze auf. Zum pochenden Beat zu dem Justice-Song Genesis reiht er schöne Bilder und bedrückende Szenenschnipsel aneinander, zu einem verlockenden Clip. Insbesondere der Affen-Mann prägt sich ins Gedächtnis. Was hat es mit der gefeierten Gesellschaftssatire auf sich?

Das Exponat Mensch

The Square ist ein Film des schwedischen Drehbuchautors und Regisseurs Ruben Östlund, der zuletzt 2014 mit Höhere Gewalt Schlagzeilen machte. Der Film räumte damals über 30 internationale Preise ab. Mit The Square setzt Östlund seinen Werdegang zu einem der interessantesten Regisseure der Gegenwart fort.

Schauspieler und Stuntman Terry Notary in dem Film »The Square« | Bild: Bac Films
Eine bedrohliche Präsenz: Terry Notary in »The Square« | Bild: Bac Films

Totale: The Square im Zusammenhang

Historischer/künstlerischer Kontext

Vor dem Film The Square war da das tatsächliche Kunstwerk The Square. Der Regisseur Ruben Östlund und sein Produzent Kalle Boman installierten es im Rahmen einer Ausstellung, die sie als Studie für den geplanten Film realisierten. Besucher*innen dieser Ausstellung wurden beim Eintritt mit der Frage konfrontiert, ob sie ihren Mitmenschen trauen (rechts entlang gehen) oder misstrauen (links entlang)? Wer rechts entlang ging, wurde hinter der nächsten Ecke gebeten, Handy und Brieftasche auf ein Podium zu legen und zurückzulassen, unbeaufsichtigt. Man sollte die Ausstellung ohne diese Dinge bestreiten.

Beide Elemente – die Misstrauensfrage und der Vertrauensbeweis – finden sich auch im späteren Film The Square. Handy und Brieftasche sind es zudem, die dessen Hauptfigur, dem Museumskurator Christian (gespielt von Claes Bang), im Filmauftakt entwendet werden. Allerdings nicht im Museum, sondern auf offener Straße. Im hysterisch-lauten, auslösenden Ereignis, von dem an es mit Erfolgsmann Christian bergab geht.

Der Film The Square wurde, frisch aus dem Schnitt, zu den 70. Internationalen Filmfestspielen von Cannes nachgereicht – und gewann schließlich den Hauptpreis, die Goldene Palme. Später folgen fünf Europäische Filmpreise, unter anderem für »Bester Film«.

Persönlicher Kontext

Bei den Filmfestspielen in Cannes war ich leider nicht. Auf meinem Schirm erschien The Square erst, als der Trailer zum Film im Internet kursierte. Wie so viele war ich beeindruckt von den Szenen des halbnackten Affen-Mannes auf dem schicken Sponsorendinner. Der Schauspieler, der mit seinem Gorilla-Gehabe alle Aufmerksamkeit auf sich zog, den sieht man selten in Filmen. Sein Antlitz wird meist von computergenerierten Bildern ersetzt: Terry Notary zählt, mit Andy »Gollum« Serkis, zu den besten Affen-Nachahmern im Filmgeschäft. Neben The Square war er am ebenfalls 2017 erschienen Kong: Skull Island beteiligt, als Bewegungsmodell für den Riesenaffen.

Kurzum hat mich einfach gestrickter Kinogänger an dem großen Kunstfilm und Cannes-Gewinner also bloß der Auftritt von King Kong gereizt. Ich fürchte, das intellektuelle Klientel des im Film illustrierten Museum-Milieus würde mich naserümpfend als Kulturbanausen abtun… völlig zu recht.

Auf die Ohren: hier die Musik zu The Square:

Close-up: The Square im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Der Film beginnt mit einem Interview zwischen besagter Hauptfigur Christian, dem Kurator des Museums X-Royal, und einer Frau namens Anne (gespielt von Elizabeth Moss, bekannt aus der Serie Mad Men). Anne liest Christian einen Auszug von der Website des Museums vor. Sie bittet um eine Erläuterung des Auszugs und betont in aller Bescheidenheit, selbst nicht so geschult auf dem Gebiet zu sein. Wer sich selbst für geschult hält, bitte schön:

Exhibition: Non-Exhibition, an evening conversation that explores that dynamics of the ‚exhibitable,‘ and the construction of publicness in the spirit of Robert Smithson’s Site/Non-Site. From non-site to site, from non-exhibition to exhibition, what is the topos of Exhibition: Non-Exhibition in the moments of ‚mega exhibition? | zitiert nach Anne in The Square

Christian lässt sich den Textauszug geben. Er macht aber selbst nicht den Anschein, als könne er die Bedeutung erklären respektive sich an die Erklärung erinnern. Ausweichend lässt er seine Antwort auf eine neue Frage hinauslaufen: Wenn man Annes Tasche in einem Museum drapieren würde, wäre sie dann ein Kunstobjekt?

Elend und Glamour so nah beieinander

Das Interview dient der Promotion einer neuen Ausstellung namens »The Square«. Die ist der realen Ausstellung aus dem Jahr 2014 nachempfunden. Zentrales Exponat ist ein großes, leuchtendes Quadrat im Boden. Betritt man diesen »Zufluchtsort«, sollen dort gleiche Rechte und Pflichten für alle gelten, Vertrauen und Fürsorge herrschen. Nette Idee, aber kein Kracher. Das denkt auch die PR-Agentur, die das Museum engagiert, um der Ausstellung zu einem erfolgreichen Start zu verhelfen. Vom Treiben dieser Agentur und ihrer sozial-medialen Werbekampagne erzählt die Nebenhandlung des Films, die alsbald in den Hauptplot des von seinen Aufgaben ablenkten Kurators einbricht.

Abgelenkt ist der Kurator von der Rückeroberung seines Besitzes – dem Handy und der Brieftasche – und den Folgen dieser Rückeroberung. Dabei wird überdeutlich, dass die moralischen Ideale, die so geistreich im Museum ausgestellt sind, wenig Entsprechung im echten Leben der Museumsgänger finden. Immer wieder sehen wir kontrastreiche Schnittmontagen, die Glanz und Glitzer der wohlhabenden Kunst-Verehrer den bettelnden Obdachlosen draußen auf der Straße gegenüberstellen. Und auch der getriebene Held des Films, Christian, interagiert alles andere als anerkennend mit den »Schlechter-Gestellten« der Gesellschaft.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Die Bemühungen der PR-Agentur zur Promotion der Ausstellungen laufen darauf hinaus, einen YouTube-Clip zu produzieren, der das Zeug hat, viral zu gehen. Dabei werden die zugrunde liegenden Prinzipien des Kunstwerks »The Square« über Bord geworfen. Die bettelnden Obdachlosen als bemitleidenswerteste Randgruppe da draußen, die solle in den Fokus gestellt werden. Am besten in Form eines armen, kleinen, weinenden Mädchens (blond, bestenfalls!), das in jenes Quadrat am Boden tritt. Den Zufluchtsort, wo es eigentlich Hilfe erfahren soll. Stattdessen müsse »etwas Schlimmes« mit dem Mädchen passieren, eben da, dann würden der Clip schon viral gehen und die Leute über die Ausstellung reden.

An dieser Stelle will ich nicht verraten, was dem Mädchen im Clip »Schlimmes« widerfährt (es ist sehr schlimm – so schlimm, dass es schon wieder komisch ist und man lachen muss und sich dann schlecht fühlt, weil man gelacht hat).

Ich fühle mich hineingetrickst

Bemerken möchte ich bloß, dass der Trailer und etwaige Ausschnitte aus The Square im Internet wohl nicht zufällig ganz ähnlich funktioniert haben, wie die filminterne Werbekampagne. Wie viele Menschen haben in ihren Social Media Feeds wohl – wie ich – den tobenden Affen-Mann gesehen und den Film dazu prompt auf ihre Agenda geschrieben. Ein Must-See!

Am Ende gehört die Szene tatsächlich zu den stärksten im Film, ließe sich aber auch aus dem Plot herauslösen. Weder Haupt- noch Nebenhandlung werden darin vorangetrieben. Nun ist The Square im Ganzen kein sehr handlungsorientierter Film. Es geht um Stimmungen, die heraufbeschworen werden, um das Fehlverhalten und Unwohlsein der Protagonisten spürbar zu machen. In diesem Sinne fügt sich die Affen-Mann-Szene perfekt in den Film ein. Dass sie gleichfalls großartig als Internetvideo mit Reichweiten-Potential funktioniert und gar als solche intendiert wirkt, gibt dem gesellschaftkritischen Werk auf dem Meta-Level ein gewisses Etwas. Bei Betrachtung von The Square fühlte ich mich erwischt dabei, in denselben genauso hineingetrickst worden zu sein. Ebenso, wie die Museumsbesucher im Film in die gleichnamige Ausstellung. Chapeau!

Fazit zu The Square

Der Film wirft viele Fragen auf, von denen viele nicht beantwortet werden. Nun sind die Fragen so spannend, dass es mich schon interessiert hätte, wie es mit dieser oder jener Figur weitergeht und was es mit dem Affen auf sich hat (dem echten!). Vielleicht waren alle Antworten da, nur zu subtil für meinen Radar. Über zweieinhalb Stunden Spieldauer hält der Film seine intensive, unangenehme Atmosphäre, ist gespickt mit grandiosen Einstellungen, wird getragen von starken Schauspielern und regt zu Diskussion rund ums Wesen der Kunst ein.

Mir persönlich fehlte dem Film der Rahmen, in den er sich bewusst nicht einpassen will. Ebenso, wie mir völlig der Bezug zu der Art von Kunst fehlt, um die es im Film geht. Gesehen habe ich den Cannes-Gewinner zusammen mit einem Freund. Der wiederum ist fasziniert von solchen musealen Installationen. »Schon als Kind«, erinnerte sich besagter Freund in einer Pause während des Films, »fand ich es irre, wie anders ein Ast wirkt, wenn man ihn von draußen mit ins Haus nimmt. Wenn er nicht mehr von den Bäumen im Wald, sondern von Wänden umgeben ist.« Deshalb sei es spannend, hin und wieder ins Museum zu gehen.

Ähnlich irre fand ich es wohl, einen Affen unter Menschen zu sehen. Dazu muss man hin und wieder ins Kino gehen. Weil man im echten Leben den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.


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