Film

Filmtipp: Love Steaks (Jakob Lass, 2013)

Zuletzt aktualisiert am 2. April 2018 um 10:35

Zuletzt gesehen: Love Steaks. Ein Film, der dem German Mumblecore zugerechnet wird und mir vergangene Woche von einem ambitionierten Mumblecore-Regisseur empfohlen wurde. Jetzt stehen natürlich zwei wichtige Fragen im Raum: Was ist Mumblecore und wie schmecken Liebessteaks?

Hinweis: Liebe Leser*innen, erst der letzte Abschnitt zum Thema des Films enthält Spoiler, davor wird nochmal entsprechend gewarnt. Bis dahin, entspanntes Lesen!

Persönlicher Kontext

Mumblecore war schon 2012 in aller Munde. Damals lief mein Kurzfilm Käfighaltung auf dem FiSH Festival in Rostock. Es war das erste Jahr, in dem Tausendsassa Axel Ranisch (unter anderem Regisseur und toller Mensch) dort als Moderator auftrat. Im selben Jahr würde sein Film Dicke Mädchen bundesweit in den Kinos anlaufen – doch schon beim FiSH war der Hype groß. Ich erinnere mich, dass der Film an den Festivaltagen gezeigt wurde, habe ihn selbst jedoch noch nicht gesehen. Dieser Film sei, hieß es, Mumblecore – das wurde mir damals übersetzt mit: improvisiert, ohne Drehbuch, O-Ton, vielleicht ein bisschen genuschelt, deshalb mumble.

Das Wort ist irgendwie fesch: Mumblecore. Allein deshalb macht es Spaß darüber zu sprechen, als sei es etwas mega Relevantes. Film ohne Drehbuch, Leute, Menschen reden wie im echten Leben, kriegt euch wieder ein, das ist doch wundervoll normal. Wenn’s klappt.

Standbild aus dem Film »Love Steaks«

Auf Empfehlung von Eichholtz

Love Steaks kam ein Jahr nach Dicke Mädchen raus und gilt heute ganz wie Letzterer als Klassiker des German Mumblecore (weil das Subgenre, Phänomen, Modewort Mumblecore eigentlich, natürlich, aus den USA rübergeschwappt ist).

Empfohlen bekommen habe ich den Film nun von dem Regisseur Philipp Eichholtz, dessen lose »Zwanziger«-Trilogie ich vergangene Woche gesehen habe: Liebe mich! (2014), Luca tanzt leise (2016) und Rückenwind von vorn (2018) – jeder Film je über eine junge Frau, mal Anfang, mal Mitte, mal Ende zwanzig. Alle drei Filme leben von improvisierten Dialogen, im ersten Film spielt besagter Tausendsassa Axel Ranisch gar in einer Nebenrolle mit.

Erstmal toppen

Kurzum: Nachdem ich Mumblecore 2012 erstmals als Filmphänomen wahrnahm, verschwand es sechs Jahre (!) von meinem Radar. Keine bewusste Auseinandersetzung meinerseits. Aber kaum hockt man eine Woche lang im Rahmen einer Jurysitzung mit einem Mumblecore-Regisseur auf engstem Raum herum, ist es wieder da.

Etwas unfair für Love Steaks: Ich sehe den Film zwei Tage nach Hin und weg, der mich persönlich sehr begeistert und bewegt hat. Mit der Überzeugung im Hinterkopf, dass Kahnemans Ankereffekt nicht nur für Zahlen sondern eben auch Filme greift, möchte ich behaupten, dass Love Steaks daher einen schwierigen Start bei mir hatte. Nach dem Motto: Das musste man erstmal toppen, du coole Socke.

Erster Eindruck

Frank Rogowski spielt die Hauptrolle. Ich habe den Schauspieler in Victoria (2015) kennengelernt, als glatzköpfigen Boxer, der seiner Clique ziemlich Probleme beschert. In Love Steaks hat Franks Charakter – mit dem schönen Namen Clemens – keine Clique, gar keine Freunde, ehrlich gesagt. Aber dafür Haare. Clemens macht Yoga oder sowas, am Strand. Dann pinkelt er Richtung Sonnenaufgang, ehe es ab ins Hotel geht.

Dort heuert er als Mädchen für alles an, wie es scheint. Die Hotel-Managerin quartiert ihn mit seinem Rucksack in einem Hinterzimmer ein, in dem auch Wäsche lagert. Da kann er pennen. Dann geht’s an die Arbeit: Von verschiedenen Hotelangestellten wird er in Serviceleistungen wie Begrüßung, Produktberatung und Massage eingewiesen, mit Tipps und Tricks wie man die Energie über den nackten Menschenkörpern mit Händen einfängt, leitet und verteilt. Ich habe fasziniert zugesehen, aber nicht ganz verstanden, wie’s geht. Eine Kunst für sich. Im späteren Verlauf des Films sieht man Clemens auch Wischen und verdächtig nah am Pool, sodass ich nicht weiß, was genau alles in seinen Aufgabenbereich fällt.

Dokumentarisch nah dran

Kochen jedenfalls nicht. Das macht Lara, verkörpert von Schauspielerin Lana Cooper. In ihrer ersten Einstellung gibt sie einem Kollegen in der Küche einen Klaps auf den Hintern. Frech, diese Lara. Aber sie muss sich auch jede Menge sexistische Sprüche anhören, als (wenn ich mich recht erinnere) einzige Frau in der vor Testosteron schwülen Kochstube.

Gleich von Beginn an hatte ich das Gefühl, einen Film von geradezu dokumentarischer Realitätsnähe zu sehen, da die Hotelangestellten so schauspielerisch untypisch »spielten«. Wie echte Menschen eben, die vor eine Kamera gestellt werden. Ein bisschen verstockt, verunsichert über die erhöhte Aufmerksamkeit, die ihnen zukommt – doch in ihrem jeweiligen Fach so bewandert, dass sie einigermaßen locker darüber reden und/oder es vor der Kamera praktizieren können. Erst später habe ich über den Film gelesen, dass die Hotelangestellten tatsächlich keine Schauspieler waren, sondern Angestellte des Hotels. Dieser Umstand macht den Film ob seiner Wirkung umso beeindruckender.

Wirkung des Films

Love Steaks strahlt ein ungemeines Selbstbewusstsein aus. Das liegt nicht nur am Gemumble, den zuweilen nuscheligen Gesprächen. Denen ist es egal, ob die Zuschauer das jetzt so genau verstanden haben oder nicht. Die Geschichte, ihre Figuren und die Beziehungen zwischen ihnen werden nicht erklärt, sondern gezeigt. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Insbesondere geschriebenen Dialogen passiert es schnell, dass man ihnen heimlichen Infodump anmerkt. Zeilen werden aufgesagt, um Informationen zu vermitteln. Im Gegensatz dazu kommt in Love Steaks kaum ein Dialog zustande, den man als filmisch bezeichnen möchte. Wohl aber werden ausgefeilte Figuren dargeboten, die zu erleben echt Spaß macht.

Frank Rogowskis Clemens ist einer der interessantesten Charaktere, denen ich seit langem folgen durfte. Das stille, tiefe Wasser – das auf ein Wellen schlagendes Meer trifft: Lara, die selbst in diesem Meer zu ersaufen droht. Sie ist impulsiv, dominant, genervt, nervig und fühlt sich zu ihrem Gegenpol hingezogen. Was da zwischen ihnen läuft, zwischen Clemens und Lara, das knistert gewaltig. Ob romantisches Feuer oder gefährlicher Brandherd, die Chemie zwischen ihnen nimmt man den beiden in jeder Minute ab.

Der Musikeinsatz im Film sticht immer wieder hervor – weil er selten ist, oft unerwartet kommt, keinen kurzen Moment unterstreicht und dann wieder abbricht. Bemerkenswert: Die Parallelmontage von Steaks in der Pfanne und dem Fleisch in den Händen des Masseurs zum treibenden Score von Komponist und Filmemacher Golo Schultz, man lausche dem »Weg des Steaks«, Track #5.

– im nächsten Absatz wird über das Thema des Films geschrieben,
also: Spoiler-Alarm! –

Thema des Films

Ich hätte gesagt, als Thema dieses Films könnte man – neben den unergründlichen Wegen der Liebe, jaja – den Alkoholismus benennen. Weit weniger subtil als etwa in Spectacular Now greift die Figur Lara immer mal wieder zum Flachmann und hat nicht selten einen sitzen, was für Clemens zunehmend zu Herausforderung wird. Sonia, die mit mir zusammen den Film sah, fand eben darin ein viel interessanteres Thema: das Helfersyndrom. Clemens‘ Versuche, der Lage Herr zu werden und die Kontrolle über Laras Kontrollverlust zu gewinnen, werden immer eindringlicher und führen schließlich  zum Finale des Films.

Spannend, dachte ich, zumal ich wenig bis gar nichts über das Helfersyndrom wusste. Bis ich heute morgen a bissel darüber las, hier und da. Doch letztlich würde ich sagen: nein, das scheint mir nicht ganz zutreffend. Immer wieder wird ein geringes Selbstwertgefühl als Ursache für das Helfersyndrom angeführt. Ein solches kann ich in der Figur Clemens absolut nicht erkennen, im Gegenteil. Obwohl so zurückhaltend und leise, wirkt er sehr selbstbewusst und mit sich selbst im Reinen, voll im klaren über seine eigenen ethischen Grundsätze. Seine in Laras Herumposaune zuweilen untergehenden Kommentare zeugen von solch Scharfsinn und Reflexion, dass man ihm bald an den Lippen hängt.

Er ist ein Helfer und versteht sich als solcher, der Clemens. Zumal Laras Problem ein Zusammensein mit ihr unmöglich zu machen scheint. Aber gehören und finden sie überhaupt zusammen?

Die Website zum Film Love Steaks ist sehr stylisch geraten und bringt es mit einer Fleischmetapher gut auf den Punkt: Clemens ist zart, Lara gut durch.

Fazit zu Love Steaks

Eine ruppige Romanze, hautnah und »auf’s Maul«, die sich in dokumentarischer Distanz an ihre Figuren heranschleicht. Großes Kino für kleines Geld, ohne Förderung entstanden übrigens. Also ob man die Charaktere nun leiden mag (ich tu’s… sehr) oder eben nicht: Der Film ist einen Blick wert! Vom Sonnenaufgang bis zum krachenden Ende.

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