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127 HOURS von Danny Boyle | Film 2010 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 6. Juli 2018 um 6:44

127 Hours von Danny Boyle ist ein Film, bei dem der Zusatz »based on a true story« so wahr wäre, das man ihn gleich weggelassen hat. »Basierend auf dem Buch von Aron Ralston«, heißt es stattdessen im Vorspann. Gemeint ist das autobiographische Werk des Mannes, der einem elenden Tod im Niemandsland nur knapp entronnen ist. Statt zum Festmahl für Ameisen und Krähen zu werden, hat er seinen Körper selbst zerlegt, um sein Leben zu retten.

Der Meteoritensplitter, der auf ihn wartete

Gestern Abend habe ich den Film zum zweiten Mal gesehen. Bevor es heute Morgen ans Schreiben dieses Textes ging, hörte ich im polnischen Podcast zufällig Das verräterische Herz von Edgar Allan Poe. In den ersten Zeilen, die auf die geschärften Sinne des Erzählers eingehen, der sich bloß nicht als wahnsinnig verstanden wissen will, da fühlte ich mich an Aron in der Schlucht erinnert. Bemüht, nicht verrückt zu werden. In den Zeilen, die beschreiben, wie eine Leiche unter Bodendielen eingeklemmt wird, wurde ich erst recht zurück in die Felsspalte geworfen.

Es ist der Stoff, aus dem Gruselgeschichten gestrickt sind. Wahnsinn und Beklemmung, Leben und Tod. Allein, dass erdachte Horrorelemente immer ihren Ursprung in den Erfahrungen echter Menschen haben. Between a Rock and a Hard Place, so heißt das Buch von Aron Ralston, der ein solcher echter Mensch ist. Seine Geschichte ist packender als jede Schauermär von Poe. Es geht um den nackten Überlebenskampf eines einsamen Individuums, über Stunden und Tage lang.

Hinweis: Liebe Leser*innen, hier gibt es nichts zu spoilern. Die Titanic ist gesunken, Aron Ralston hat sich gerettet – sonst gäbe es die entsprechenden Filme nicht. Wer trotzdem noch vor Kenntnis der genauen Umstände seines Überlebens den Film sehen möchte, findet bei JustWatch eine Übersicht aktueller legaler Streamingangebote für den Film 127 Hours.

James Franco als Aron Ralston im Canyon, Standbild aus »127 Hours« | Bild: Pathé Distribution
Der junge Mann und der Berg. | Bild: Pathé Distribution

Totale: 127 Hours im Zusammenhang

Historischer Kontext

2003. Im April wandert der US-amerikanische Bergsteiger Aaron Ralston durch den Blue John Canyon in Utah. Dabei kommt es zum Sturz – und ein Felsbrocken klemmt seinen Arm ein. Später nennt ihn Ralston, dehydriert und fantasierend: »Einen Meteoritensplitter, der sein ganzes Leben lang auf ihn gewartet hat.« Fünf Tage lang versucht der Mann unten in der Schlucht, seinen Arm aus der Klemme zu befreien. Es gelingt ihm schließlich, indem er sich mit letzter Kraft beide Unterarmknochen bricht und den Arm abschneidet.

2004. Im März besteigt Aaron Ralston erstmals wieder einen Berg von über 4000 Höhenmetern über dem Meer. Seine Armprothese war ihm dabei behilflich – als Eispickel.

2010. Die Verfilmung seines Unglücks kommt in die US-Kinos: Danny Boyles 127 Hours, mit James Franco als Aron Ralston. Im gleichen Jahr läuft übrigens Buried – Lebend begraben an: Ähnliches Dilemma, ähnliches One-Man-Movie, anderer Hintergrund. Während es in 127 Hours (trotz einiger Abweichungen von der Wirklichkeit) in erster Linie um die authentische Geschichte geht, ist Buried mit Ryan Reynolds ein Konzeptfilm. 90 Minuten bleibt die Kamera bei ihrem einzigen Protagonisten im Sarg unter der Erde.

Persönlicher Kontext

Anfang 2011 habe ich 127 Hours im Kino gesehen. Damals ging ich mit der Erwartungshaltung hinein, es handele sich um einen eben solchen Konzeptfilm wie Buried. Als junger Filmemacher fand ich diesen Ansatz total cool und spannend: Ein Film getragen von der Performance eines Schauspielers, absolut minimalistisch inszeniert. Ich kann mich noch erinnern, enttäuscht über all die Ausflüge der Kamera gewesen zu sein: die Erinnerungen und Träume, Halluzinationen und Landschaftsaufnahmen… wie dämlich.

Letztlich hat meine völlig überflüssige, falsche Erwartungshaltung das Erleben dieses Films und das Einlassen auf die Verzweiflung seines Protagonisten verhindert. Als mir in der letzten Einstellung der echte Aron Ralston entgegen lächelte, dachte ich nur: Aaargh!? Der Mann hat mit einem verdammten Klappmesser-Tool seinen Arm amputiert – und du scherst dich hier um filmtechnische Kunstgriffe! Schande! (Oder wie man seit GoT 5×10 sagt: »Shame! Shame! Shame!«).

Begegnung mit Kameramann Anthony Dod Mantle

Ein Jahr nach dem Erscheinen von 127 Hours wurde der Kameramann Anthony Dod Mantle (Das Fest, Antichrist, Slumdog Millionär uvm.) in Marburg für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet, mit dem Marburger Kamerapreis. Ich war damals dort und habe mit Anthony Dod Mantle für das Filmmagazin Schnitt unter anderem über 127 Hours gesprochen. Hier geht’s zum Interview.

Das CampusTV der Uni Marburg hat mit anthony Dod Mantle am selben Tag noch vor der Kamera über die Arbeit hinter der Kamera zu 127 Hours gesprochen, hier zu sehen:

Close-up: 127 Hours im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Los geht’s mit einer virtuosen Schnittmontage zum Track Never Hear Surf Music Again. Im dreifachen Split werden Menschenmassen gezeigt, im Verkehr, beim Sport, an der Börse, am Strand, im Zeitraffer. Wie Ameisen auf ihrem Haufen, bloß dass unser Haufen der Erdball ist. Zu den knallbunten, übersättigten Bildern singt eine männliche Stimme:

There must be some fucking chemical
That makes us different from animals | Free Blood

In die Schnittmontage mischen sich Bilder eines einzelnen Mannes und übernehmen binnen Sekunden den gesamten Screen. Zu sehen: James Franco in seiner Rolle als Aron Ralston. Wir beobachten ihn in seiner düsteren Wohnung: Klettersachen packen, Anrufe ignorieren, Taschenmesser vergessen. Der Split kehrt zurück, um den tropfenden Wasserhahn nochmal nah und näher zu zeigen.

Damit ist nach anderthalb Minuten alles Wichtige etabliert: Franco/Ralston als der Held, den wir auf seiner Reise begleiten. Boyles leuchtende, schnittreiche, rasante Inszenierung. Und der letzte Tropfen Wasser als love interest, zu dem Ralston ein gespanntes Verhältnis hat. Nicht zu vergessen: Die Musik! Der indische Komponist A. R. Rahman hat wie schon für Slumdog Millionär den Score beigesteuert. Und hey, letztens erst Captain Fantastic gesehen – und hier schon wieder Filmmusik von Sigur Rós! Sehr gut aufgehoben im Finale des Films.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Zu Beginn von 127 Hours gibt es eine Szene, in der die Filmfigur Ralston zwei Hikerinnen einen versteckten See in einer Höhle zeigt. Diese Szene ist fiktional. Tatsächlich hat Ralston den Hikerinnen ein paar Grundgriffe beim Klettern gezeigt (böse Ironie, dass die Realität rückblickend wie der spöttischere Schicksalswink daherkommt). Ralston war unwohl mit der Idee, erdachte Elemente in den Film einzubringen. Erst nachträglich verstand er diesen Kniff von Boyle als dramaturgisch sinnvolle Zuschauer*innenführung – hinein ins Dilemma. Dieses Dilemma wiederum ist »dermaßen akkurat dargestellt, dass es so nah an einer Dokumentation ist, wie es ein Drama nur sein kann«, erklärt es Ralston in einem Bericht von The Guardian (englisch).

Nachdem ich meinen Konzeptfilmfetisch überwunden habe, konnte ich mich auch hier voll auf das Filmerlebnis einlassen. Danny Boyles Inszenierung des äußeren Unglücks und der inneren Verzweiflung von Aron Ralston, macht es möglich, seinen schier unerträglichen Überlebenskampf mitzufühlen. Der Umstand, dass Danny Boyle und James Franco die einzigen Menschen außerhalb von Ralstons Familie sind, die dessen Camcorder-Material aus der Felsspalte bis dato einsehen durften, macht den Film umso glaubwürdiger. Ein Ausschnitt davon kursiert auf YouTube:

Dokument oder Filmkunst?

Nach erneutem Sehen wird mir 127 Hours eher als Dokument denn als Filmkunst im Gedächtnis bleiben. Ich glaube nicht an »some fucking chemical that makes us different from animals«, wenn damit der Überlebenswille gemeint ist. Im Gegenteil kommt mir Ralstons krasser Befreiungskampf geradezu animalisch vor (und Selbst-Amputationen kommen durchaus auch in der Tierwelt vor). Wenn mit der besungenen Substanz jedoch Adrenalin gemeint ist, dann stimmt’s wohl. Was Menschen für einen Adrenalin-Kick tun, käme anderen Tieren nicht in den Sinn (aus Vernunftgründen, möchte man sagen).

Aron Ralston ist wohlgemerkt kein repräsentativer Vertreter unserer Spezies. Während des Films haben Sonia und ich gezählt, wie oft wir höchstwahrscheinlich gestorben wären. Wir kamen auf etwa fünf Mal (angefangen bei dem Fahrradsturz am Anfang, der uns sicher schon den Rest gegeben hätte).

Fazit zu 127 Hours

Der Film hat es nicht nötig und übertreibt es auch nicht, das Spiel mit dem Pathos. Trotzdem ist die Inszenierung verspielt – nicht vergleichbar mit Gus Van Sants Typen-kurz-vorm-Sterben-in-der-Wüste-Drama Gerry. Boyle bleibt seinem Stil treu. Der Film ist bunt, schrill, schnell, stellenweise lustig. Trotzdem sind er und James Franco die Richtigen gewesen, um Ralstons Erlebnis zu verfilmen: Das Ergebnis von rund 95 Minuten Spieldauer fängt den Überlebenskampf von rund 127 Stunden zwischen Sturz und Rettungshubschrauber sehr gelungen ein. Man bekommt eine vage Idee davon, was Aron Ralston durchgemacht haben muss – und wozu Menschen fähig sind.


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