Film

CAPTAIN FANTASTIC von Matt Ross | Film 2016 | Kritik, Review

Neu bei Netflix: Captain Fantastic von Matt Ross. Ein Film über eine Aussteiger-Familie, die in den Wäldern von Washington lebt, dem US-Bundesstaat an der Grenze zu Kanada. Ein tragischer Vorfall zwingt die Familie Fantastic zu einem Ausflug in die Zivilisation – mit ihrem endcoolen Schulbus.

Wildniskinder vs. Außerirdische

So einen Bus habe ich zuletzt in Expedition Happiness (2017) gesehen, dem Dokumentarfilm von Weltenbummler Felix Starck (Pedal the World). Der Bus war sogar ne Ecke komfortabler, obwohl weniger Leute mitgefahren sind. Nur Felix und die Musikerin Mogli. Zwei Digital Natives mit »Follow Us«-Stickern an der Heckscheibe. Sie waren ebenfalls in der Washington Wilderness unterwegs, allerdings mit weit weniger Aussteiger-Ambitionen als Familienvater Captain Fantastic.

Hinweis: Liebe Leser*innen, die Totale und Fazit kann man entspannt lesen. Der Abschnitt Close-up enthält wie immer insofern mäßige Spoiler, als der Filmanfang ein wenig seziert wird. Alles in allem wird jedoch wenig über den ereignisreichen Handlungsverlauf verraten. Wo man den Film aktuell legal streamen kann, darüber informiert JustWatch.

Captain Fantastic und eine seiner Töchter. | Bild: Mars Distribution
Captain Fantastic und eine seiner Töchter. | Bild: Mars Distribution

Totale: Captain Fantastic im Zusammenhang

Historischer Kontext

Tja. Der historische Kontext wurde mir aufgrund epischer Überlänge von meiner Lektorin um die Ohren gehauen. (Sie lektoriert nicht jeden Beitrag, aber wenn sie’s tut, dann gnadenlos.) Ich habe diesen Abschnitt als eigenen Beitrag ausgelagert, wird in Kürze nachgereicht – mit einem krassen Bogenschlag zu den antiken Wurzeln von Captain Fantastic!

Persönlicher Kontext

2016 ist Captain Fantastic im Kino erschienen. Das Jahr der Wahl von Donald Trump. Seitdem glaube und hoffe ich, dass Künstliche Intelligenz uns bekloppten Raubaffen als Herrscher über diesen Planeten zeitnah ablöst. Mein Held und Trostspender John Oliver hat das komplette Jahr gleich mal komplett in die Luft gesprengt hat. Wortwörtlich, siehste hier (in den letzten sechs Minuten des Videos).

Kurzum: Genau das richtige Jahr, um vom Ausziehen in die Wälder zu träumen. Fuck you, 2016.

Ich habe Captain Fantastic damals im Kino gesehen, in Bonn. Danach waren wir – zu viert unterwegs – noch was trinken und haben angestoßen von dem Film über Gott und die Welt geredet, tatsächlich. Wann kann man schonmal ungezwungen in die Runde fragen, wer eigentlich woran glaubt, was eine gerechte Gesellschaft, den Kapitalismus und das Leben nach dem Tod anbelangt? Nach Captain Fantastic fühlt es sich ethisch unvertretbar an, etwas Banaleres zu fragen: »Willst du auch ne Rum-Cola?« – »WEISST DU NICHT, DASS COLA VERGIFTETES WASSER IST!?« Achso, ja, stimmt… sorry.

Belesene Spongebobs

2016 hatte ich gerade im Rahmen einer Recherche einige Bücher über Nahtod-Erfahrungen gelesen und meine Vorstellungen vom »Leben danach« überdacht – ein Thema, das in Captain Fantastic ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt. Sonia meint, ich sei »ein Schwamm«, wenn es um Bücher geht. Bloß weil ich gerne mal ein paar Argumente eines Autors adaptiere, der eben überzeugend formulieren kann… na und? Dafür konnte ich mich sehr schön mit dem ältesten Sohn in Captain Fantastic identifizieren, der da sagte:

(…) und ich bin jetzt kein Trotzkist mehr! Ich bin Maoist.

So ist das nämlich. Lektüre knetet den Verstand und formt Neues draus und dann ändert man mal eben seine Weltsicht. Genau diese Weisheit wird auch in Captain Fantastic vermittelt. Es geht immerhin um einen Vater, der seine Kids zu intellektuellen Freidenkern heranziehen möchte – und ganz nebenbei: zu tollen Musikern! Passend dazu ist der Soundtrack zum Film fantastisch.  Eine Spotify-Benutzerin hat der Community den Dienst erwiesen, die Lieder aus Captain Fantastic in einer Playlist zusammenzustellen. Ich sage: Danke, Martz Ina! Und bitteschön, alle Anderen:

Close-up: Captain Fantastic im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Captain Fantastic beginnt mit einem Kameraflug über die Wipfel eines dichten Nadelwaldes. In der Jurysitzung für den Deutschen Jugendfilmpreis wäre das erstmal kritisch begrüßt worden: Ist dieser Drohnen-Shot dramaturgisch gerechtfertigt? Oder reiner Show-off, einfach, weil man es kann – eine Kamera über einen Wald fliegen lassen? Aber hier geht’s ja nicht um Kurzfilme von Jugendlichen, sondern ein 5-Millionen-Dollar-Werk mit Viggo Mortensen in der Hauptrolle… bei dem Budget kann man ne ganze Menge. Bäume von oben zeigen sowieso. Und als Establishing Shot ist die Einstellung allemal gerechtfertigt. Immerhin spielt ein guter Teil des Filmes in eben diesem Wald, den Familie Fantastic ihr Zuhause nennt.

Der erste Schnitt schickt uns unter die Baumdecke, durch die ein paar Sonnenstrahlen fallen. Lensflares, Äste rascheln, Vögel zwitschern, ein Specht klopft. Ein Bach plätschert zwischen Farnen her. Das ist die Art von nature porn, auf die meine enthusiastische Partnerin voll anspringt. »Wo ist das? Da müssen wir auch hin!« – da wird Sonia im Kinosessel ganz wuschig. Aber dieses spontane Fernweh lässt sich schnell durch ein paar schöne Fotos aus der Eifel stillen. Is‘ ja überall schön, die Natur.

Eiskalter Tötungsakt

Die Kamera folgt einem jungen Hirsch durch den Wald. Nahaufnahmen vom friedlichen Blätterkauen. Der konditionierte Kinogänger ahnt bereits: Das nimmt kein gutes Ende. Solch herrliche Waldbewohner werden in Filmen meist nur zum Sterben gezeigt. Ich antizipierte den Knall eines Gewehrs oder einen hereinschießenden Pfeil. Womit ich nicht rechne, ist ein mit Schlamm bemalter Mann, der aus dem Gebüsch springt und den Hirsch mit einem Messer attackiert. In einem leidenschaftlich ausgeführten, eiskalten Tötungsakt findet der Hirsch sein Ende.

Hinter dem jungen Mann klettern mehr bemalte Menschen aus dem Unterholz. Jungs und Mädchen. Kinder so klein, dass sie auf dem Rücken getragen werden. Und ein bärtiger Mann, den meine Generation (*1989) als Viggo »Aragorn II. Elessar« Mortensen kennt. Er nähert sich dem Tierkadaver und schneidet ihm ein Organ heraus – das Herz, nehme ich an, schwer zu sagen, könnte alles sein – und schmiert dem jungen Mann das Hirschblut ins Gesicht. Dazu sagt er:

Heute stirbt der Junge und macht Platz für… (dramatische Kunstpause) …einen Mann.

Einmal Wildnis und… würg…

Es handelt sich um Vater und Sohn. Genauer genommen um einen Vater und seine Rasselbande von Wildniskindern. Vor ihren Augen beißt der älteste Bruder, besagter Maoist, der gerade zum Mann geworden ist, in das Organ. Yummy. Allerspätestens da ist Sonia neben mir vom nature porn geheilt. Der blutige Biss geschieht unter dem stolzen Blick des Vaters. Neben dem wird jetzt der Titel eingeblendet: Captain Fantastic – einmal Wildnis und zurück. (Bei den Untertiteln deutscher Filmverleiher stellen sich mir in Regelmäßigkeit die Nackenhaare hoch. Zuletzt bei Lady Bird – flieg los nach Hause, DAS PASST NICHT MAL ZUM FILM! Egal.)

Mit dieser martialischen Szene lernen wir Familie Fantastic kennen. Im Laufe des Films werden die im Wald aufgewachsenen Kinder mit dem konfrontiert, was wir »westliche Zivilisation« nennen.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Einerseits führt der Film vor Augen, woran unsere Gesellschaft krankt. Geld schlägt Geist. Andererseits zeigt Captain Fantastic aber auch, dass die romantische Idee vom Leben allein in der Wildnis in gewissem Sinne weltfremd ist. Im heutigen Sinne, vielleicht. Denn wir sind längst nicht mehr allein auf der Welt. Mit knapp 8 Milliarden von uns sogar weit davon entfernt. Wie der Schriftsteller Walter E. Richartz es über den Philosophen Henry Thoreau schrieb, der tatsächlich in der Wildnis lebte:

Spätestens in den 60er Jahren, durch die weltweiten gesellschaftlichen Bewegungen, […] wurden aber auch die Schwächen von Thoreaus Argumentationen offenbar. Der Individualismus, auf den er sich berief, war nur die Kehrseite der rabiaten Ausbeuter-Mentalität eines Carnegie, Frick oder Morgan. So können sich dessen Nachfolger auf eben jenen Individualismus berufen, wenn es um fehlende gesellschaftliche Verantwortung geht. | H.D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, Diogenes Verlag, S. 82 (ISBN: 978-3-257-20063-8)

Kontakt zu Außerirdischen

Fehlende gesellschaftliche Verantwortung, das ist ein Vorwurf, den man der Familie in Captain Fantastic durchaus machen kann. Die Kinder sitzen am Lagerfeuer und lesen Middlemarch von George Eliot (über die viktorianische Gesellschaft) oder werden zum Referieren über die M-Theorie (aus der Theoretischen Physik) aufgefordert. Doch während ihrer Auseinandersetzung mit solch kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften praktizieren sie Weltflucht.

Sie könnten sich ebenso gut mit dem geistigen Kosmos einer außerirdischen Zivilisation auseinandersetzen. Ist ja legitim, Aliens sind cool, aber inwiefern bereitet diese vom Vater geleitete Privatschule aufs Leben vor? Irgendwann werden die Kinder erwachsen und ihrer Familie entwachsen wollen. Spätestens das zwingt zur Kontaktaufnahme mit den Außerirdischen. Ob die Kinder auch Krieg der Welten zu lesen bekommen haben?

 

Fazit zu Captain Fantastic

Starke Schauspieler und beeindruckende Naturbilder zu toller Musik in schönen Einzelszenen, zusammengestrickt zu einem stimmigen, kurzweiligen Gesamtwerk. Was will man mehr? Ob die darin vermittelten Ideale nun persönlich gefallen, oder nicht – sehenswert ist Captain Fantastic allemal! Könnte noch weiter und weiter schreiben, aber höre jetzt auf. Ein loses Schlusswort überlasse ich Noam Chomsky, der in diesem Film immerhin die Rolle von Jesus einnimmt, also unbedingt zu Wort kommen sollte.

Es ist durchaus möglich, überwältigend wahrscheinlich, könnte man vermuten, dass wir über das Leben und die Persönlichkeiten von Menschen stets mehr aus Romanen lernen werden, als von der wissenschaftlichen Psychologie. | Noam Chomsky

Aus Romanen und aus Filmen, möchte ich ergänzen. ENDE.


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