Film Gesellschaft Rechtsphilosophie

Staatskritik von »Antigone« bis »Captain Fantastic«

Der Film Captain Fantastic mit Viggo Mortensen handelt von einer Aussteiger-Familie, die sich in die Wildnis zurückgezogen hat. Dort werden die Kinder nach eigenen Gutdünken erzogen, Leben und Sterben in Einklang mit der Natur gelehrt. Doch mit dem Tod eines Familienmitglieds kommt es zur Konfrontation zwischen den Freidenkern und ihren städtischen Verwandten, die »Recht und Ordnung« wollen. Damit fasst Captain Fantastic ein immer noch brandheißes Eisen an – obwohl es seit Jahrtausenden glüht: Staatskritik.

Die Filmkritik zu Captain Fantasic findet sich in diesem Blogbeitrag.

Bewohner einer kuntergrauen Welt

…denn den Menschen insgesamt gemeinsam ist das In-die-Irre-Gehen.

Dieser Satz stammt im griechischen Original von Sophokles. Genauer, aus dessen Tragödie Antigone. Geschrieben vor rund 2500 Jahren. In diesem Stoff finden sich Motive, die in Captain Fantastic in zeitgemäßem Gewand wieder aufgegriffen werden. Das ist nicht ungewöhnlich – viele der Geschichten, die wir heute erzählen, haben ihre Wurzeln in antiken Schriften. Daran ist immer wieder zu erleben, wie die Menschen sich trotz allen äußeren Fortschritts vom inneren Wesen her treu geblieben sind. Ideale und Werte überdauern Kriege und Königreiche, ganze Zeitalter. Ebenso die menschlichen Makel.

Schauen wir mit Captain Fantastic auf ein spannendes Beispiel für den Bogenschlag urmenschlicher Bedürfnisse und Schwächen von der griechischen Antike bis ins Kino der Gegenwart. Fangen wir mit den Schwächen an.

Ein kaputtes Haus, dazu der Text: Staatskritik von Antigone bis Captain Fantastic

Spielzeuge in Händen von Kindsköpfen

In Sophokles‘ Antigone kommt bereits eine allgemeine Staatskritik zur Sprache, die an Aktualität heute nichts eingebüßt hat. Kein Wunder, sind doch die zugrunde liegenden Schwächen menschlicher Natur und damit überaus beständig. Wenn der Staat von Individuen angeführt wird, deren Ich-Entwicklung in einer vorkonventionellen Handlungslogik feststeckt, kommt sein Zweck als Institution für die Gesellschaft abhanden. Man lausche nur dem Herrscher Kreon im Austausch mit Sohn Haimon.

Kreon: Dann will die Stadt mir sagen, was ich zu verfügen hab?
Haimon: Siehst du, wie allzu jungenhaft du dieses sagst?
Kreon: Soll ich zu anderm als dem eignen Nutzen dieses Land regieren?
Haimon: Das ist kein Staat, der nur dem Vorteil eines Mannes dient.
| Sophokles: Antigone, S. 39 (Literaturangaben unten)

Die Normen der Gesellschaft

Zum eigenen Nutzen das Land regieren, diese Agenda verfolgt aktuell das Oberhaupt des einflussreichsten Staatenverbandes der Welt, den USA. Ob griechischer Tyrann oder gegenwärtig Trump, da tut sich in der gedanklichen Grundhaltung nicht viel. »Die Normen der Gesellschaft haben noch keinen Eingang in ihr Denken und Handeln gefunden«, schreibt der Psychologe Christoph Burger über vorkonventionelle Handlungslogiker. Diese Stufe der Ich-Entwicklung ordnet er in seinem Artikel Der Matrix-Effekt (ein Blogbeitrag, der Film und Psychologie verknüpft, wie schön!) übrigens nicht der Erwachsenen-Welt zu. Es geht um Kindsköpfe. Immerhin wird deren Willen heutzutage – so viel Fortschritt ist bei aller modernen Staatskritik gegenüber der Antike erkennbar – von etablierten Erziehungsmaßnahmen in Schach gehalten. Unseren mehr oder weniger tauglichen Rechtssystemen.

Die Krankheit der Gesellschaft

Diese Rechtssysteme machen gleichsam wie die Natur (langsam und mit nicht immer sinnvollen Auswüchsen) eine geradezu evolutionäre Entwicklung durch. Es dauert noch ein wenig, bis künstliche Intelligenz uns dieses Rechtssystem aus der Hand nimmt – wie der große Bruder seinem kleinen Geschwisterkind ein gefährliches Spielzeug. Gut so. Bis dahin sind wir den Kreons der Gegenwart ausgesetzt.

Nun ist der Donald kein von Ideologien getriebener Bösewicht, sondern das Symptom einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Geld- und Geltungssucht ihr den Verstand vernebelt hat. Dieser Gesellschaft den Rücken kehren zu wollen ist schwierig, weil sie sich in die privatesten Lebensbereiche hineindrängt. Da muss man sich schon radikal zurückziehen – in die Wildnis, aus der wir gekommen sind.

Ein echter Aussteiger

Die Tragödie von Sophokles, die man hier und heute so handlich im Reclam-Heftchen lesen kann, die kursierte auch im Amerika des 19. Jahrhunderts. Ein Land, das mit dem Griechenland vor 2500 Jahre noch eine markante Gemeinsamkeit hatte: Sklaven. In die englischen Sprache wurde Antigone unter anderem von dem amerikanischen Schreiberling, Philosophen und vehementen Gegner der Sklaverei, Henry David Thoreau (*1817) übersetzt. Manch Amerikanern heute noch bekannt als der Mann, der einmal einen Waldbrand ausgelöst hat. Aber das war ein Versehen, natürlich, denn Thoreau lebte in den Wäldern.

Henry Thoreau führte seinerzeit voller Inbrunst ein echtes Aussteiger-Leben, wie es heute in dem Film Captain Fantastic auf dem Bildschirm zu bewundern ist. In den 1840er Jahren, zu Thoreaus Lebzeiten, da konservierte der Autor Ralph Waldo Emerson den damaligen Zeitgeist in einer seiner Schriften:

Wir sind hier alle besessen von zahllosen Reformprojekten. Keiner, der lesen und schreiben kann, und nicht den Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Brusttasche trüge. | zitiert nach Richartz in Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, S. 71

Ein neuer Gesellschaftsentwurf, so etwas findet sich, wenn nicht in der Brusttasche, so sicherlich in den Hirngängen der Filmfigur Ben Cash alias Captain Fantastic. Der gleichnamige Film ist 2016 in die Kinos gekommen. Das Jahr, in dem rund ein Fünftel aller Amerikaner besagten Trump ins höchste Amt gewählt haben. Ein alter Mann, der sich durch misogynistische und rassistische Worte und Taten auszeichnet. Hätte richtig gut in die 1840er Jahre gepasst, der Typ. Was also neue Gesellschaftsentwürfe angeht: Da ist noch Luft nach oben!

Ungehorsam gegen den Staat

Henry Thoreau wurde einmal verhaftet. Davon erzählt er in seinem Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Weil er seine Wahlsteuer nicht bezahlt hatte, steckte man ihn für eine Nacht ins Gefängnis – »als wäre ich nicht mehr als Fleisch, Blut und Knochen, was man einschließen kann.« Weiter beschrieb er es so:

Da sie mich nicht fassen konnten, beschlossen sie, meinen Körper zu bestrafen; wie kleine Jungen, die, weil sie eine Wut auf jemanden haben, aber nicht an ihn herankönnen, dessen Hund mißhandeln. Ich sah, daß der Staat einfältig ist, […] und ich verlor die geringe Achtung vor ihm, die noch übrig war, und bedauerte ihn. | Thoreau, S. 24/25

Ungehorsam gegen den Staat, das mag Pflicht sein, wie Thoreau schreibt. Verachtung aber, das klingt nach Schießpulver. Von Thoreau zurück in die Gegenwart: Die Kinder von Captain Fantastic kennen sich (theoretisch) aus mit bewaffneten Arbeiterklassen, die sich gegen den Staat positionieren. Der Vater hat ihnen die entsprechende Lektüre zur Hand gegeben. Doch ist bewaffneter Widerstand der richtige Umgang mit einem dysfunktionalen, korrupten Staatswesen? Naheliegende Frage in einem Land, in dem sich links- und rechtsextreme Gruppen mit militanten Motivationen aufgrund eines nationalen Waffenfetisches im großen Stil ausrüsten können.

Viel gelesen wurden die Schriften über Staatskritik von Henry Thoreau in den Widerstandsgruppen der belgischen und französischen Résistance – im Kampf gegen das Dritte Reich, in dem systematisch Massenmord betrieben wurde. Verachtung gegen den Staat, das steht ganz außer Frage.

Die Familie zu Grabe tragen

Allzu politisch wird der Film Captain Fantastic (zum Glück) nicht. Und doch ist er als Neuauflage von Antigone durchaus kritisch gegenüber geltenden Rechtssystemen. Nun richtigen wir unseren Fokus von den Schwächen auf die urmenschlichen Bedürfnisse.

In Antigone geht es um das gleichnamige Mädchen, das ihren toten Bruder beerdigen will. Er ist im Kampf gefallen. Der neue Machthaber, Kreon, will ihn auf dem Schlachtfeld verrotten lassen. Und sein Wort ist Gesetz. Das Mädchen Antigone rebelliert gegen den neuen Gesetzgeber und versucht, ihrem Bruder ein angemessenes Grab zu schaffen.

Du hast ein heißes Herz bei schaurig kalten Dingen. | Schwester Ismene zu Antigone, S. 10

Staatskritik: Glauben vs. Gesetz

In Captain Fantastic geht es ebenfalls um eine angemessene Bestattung. Dafür widersetzt sich die Familie Fantastic dem geltenden positiven Recht, das vom Gesetz vorgeschrieben ist. Denn die Person, die bestattet werden soll, war Buddhistin. Für sie soll das überpositive Recht in Kraft treten, das die Religion vorschreibt. Es steht über dem vom Menschen gemachten Recht. (Hier geht’s zu einem Blogbeitrag über den Unterschied zwischen negativ, positiv und überpositiv)

Captain Fantastic handelt also von einer rebellischen Familie, die wie schon vor tausenden von Jahren das Mädchen Antigone einmal mehr die Macht des Staates in Frage stellt. Persönliche Glaubensvorstellungen treffen auf Gesetze und Regeln, letztlich auch »Normen der Gesellschaft«. Weiter oben im Text waren es noch die Tyrannen und Trumps dieser Welt, in deren Denken die gesellschaftlichen Normen keinen Eingang finden. Nun werden die Träumer hinzugezählt, die es doch eigentlich wirklich gut meinen.

Wo steht wir also, mit der Staatskritik? Inwiefern ist sie gut, gerecht, gerechtfertigt? Eine einfache Antwort bleibt aus – in Anerkennung der Tatsache, dass die Welt eben nicht schwarzweiß ist, sondern wie Casper singt, »kuntergrau dunkelbunt«.


Literatur
  • Sophokles: Antigone, Reclam XL Text und Kontext, ISBN: 978-3-257-20063-8
  • H.D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-20063-8

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