Film Interview

Oscar-Preisträger Anthony Dod Mantle im Interview

In Marburg fanden am ersten Märzwochenende die Marburger Kameragespräche statt. Dieses Mal im Fokus: Die Arbeiten des Oscar-Preisträgers Anthony Dod Mantle. Seit dem Erfolg von Slumdog Millionär steht der Brite international im Rampenlicht. Kurz vor der Verleihung bekam ich die Gelegenheit, der Bildermacher für das Filmmagazin Schnitt zu interviewen.

Wie er so durch die Marburger Oberstadt schlendert, sieht Anthony Dod Mantle aus wie einer der zahlreichen Touristen. Er trägt eine gefütterte Wintermütze mit Ohrklappen, aus der Brusttasche seines Jacketts ragt eine gelb-gerahmte Sonnenbrille. Ein Tourist, der von Dreharbeiten in Afrika über die Wahlheimat Dänemark nach Deutschland gereist ist. Das T-Shirt unter dem Jackett verrät den unscheinbaren Mann: »Dredd« lautet der aufgedruckte Schriftzug und Titel seines aktuellen Filmprojekts. Mit großen Schritten spaziert der Kameramann den Steinweg bergab, begleitet von Frau und Sohn, unterwegs zum Marburger Filmkunsttheater.

Dieses Interview mit Anthony Dod Mantle ist zuvor im Filmmagazin Schnitt erschienen.

Anthony Dod Mantle in Marburg

Willkommen in Hogwarts

David J. Lensing: Gestern überreichte Ihnen der Oberbürgermeister der Stadt Marburg in der Alten Aula den Marburger Kamerapreis. Die Verleihung ist eingebettet in die Kameragespräche, die sich gezielt mit Ihrer Arbeit auseinandersetzen. Mit welchen Erwartungen sind Sie in dieses Wochenende gegangen?

Anthony Dod Mantle: Ich freue mich, daß ich hierher eingeladen wurde. Wenn man als Kameramann überleben möchte, lernt man sehr schnell, daß man sich mit einer gewissen Anonymität abfinden muß. All die schwer beschäftigten, hart arbeitenden Kameraleute haben ihre Erfahrungen damit: Nach monatelangen Mühen für ein Filmprojekt, sieht man zu, wie andere Leute den Applaus dafür ernten. Das liegt wohl in der Natur des Menschen, sich nur die Schauspieler zu merken. Für gewöhnlich erinnern sich die Männer an die Frauen, die Frauen an die Männer und bestenfalls, wenn es sich um eine echte Persönlichkeit handelt, kennen die Zuschauer den Regisseur. Das war’s.

Es gibt nur wenige Veranstaltungen, auf denen die Kameraarbeit gefeiert wird. In Polen gibt es das »Camerimage«, in Amerika den »Cinematographer’s Day« – ich bin überall gewesen und denke, daß Marburg zu den bedeutenderen Begegnungen gehört. Es geht um keine Trophäe, für die man auf die Bühne kommt, seine Danksagungen spricht, ein bißchen weint, sich küssen läßt und am Ende betrinkt – hier ist es anders: Ich bekomme einerseits Aufmerksamkeit und Applaus, andererseits ist es sehr intim.

Das Fest

Da ist zum Beispiel Philip Gröning, mein alter Freund, der mich dem Publikum vorstellt und Geschichten über mich erzählt, die ich längst vergessen habe. Und dann sind da absolute Fachleute, Professoren und Studenten, die über die Filme reden, bei denen ich mitgewirkt habe. Die Tatsache, daß ich in eine kleine Stadt komme, in der die Leute seit zwei Monaten meine Filme bei Sonderaufführungen auf großer Leinwand sehen, ist beeindruckend. Nach zwei Jahren, in denen ich sehr oft auf Bühnen stand, merke ich, wie das Sensationsgefühl mich langsam verläßt – aber als ich gestern aufgestanden bin, in Hogwarts, in dieser wunderschönen Alten Aula, und all die Studenten sah, mit denen ich ins Gespräch gekommen war, das war ein wirklich emotionaler Moment für mich. Danke dafür! Und das sage ich nicht nur, weil wir gerade in Marburg sind.

Dieses Wochenende wurde mit Das Fest, bestens bekannt als Dogma-Debüt, eröffnet. Wenn man bedenkt, daß es inzwischen etwa 30 zertifizierte und über 200 nicht zertifizierte Dogma-Filme gibt, paßt der Begriff einer Bewegung. Aber war es für Sie persönlich nicht eher ein Experiment?

Anthony Dod Mantle: Auf jeden Fall. Es war ein Experiment, eine Erfahrung, eine Exekution, wenn ich mal für mich und meine Kamerakollegen spreche. Ich habe damals dafür meinen Kopf hingehalten. Viele Leute dachten, es sei ein Schritt zurück, aber ich denke, es war ein großer Schritt vorwärts, künstlerisch, denn man mußte die Dinge auf eine andere Art und Weise angehen. Trotzdem war es keine organisierte Mission. Wir saßen nicht etwa gemeinsam am Tisch, mit den Regisseuren und Produzenten als Gruppe, und redeten darüber, was wir da genau machten.

»Drehen wir hier ein Meisterwerk?«

Gestern erst erzählten Sie die Anekdote von einer Autofahrt mit Thomas Vinterberg. Unterwegs zum Set habe er gefragt: »Was meinst du, drehen wir hier ein Meisterwerk?« Ihre Antwort sei gewesen: »Mit Sicherheit nicht!« Aber es wurde eines. Möchten Sie das irgendwann noch einmal versuchen, oder ist dieses Thema für Sie abgehakt? Nie wieder Dogma?

Anthony Dod Mantle: Ich sage niemals nie. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, nicht für Lars von Trier, den Geschäftsmann und Strategen. Er ist ein großer Künstler, der immer etwas planen wird. Thomas Vinterberg, unser junger, gutaussehender Thomas, der wollte damals einfach nur ein Abenteuer. Und er hatte Talent! Das war die Situation und wir hatten eine großartige Zeit, aber was für mich entscheidend ist: Ich habe vier Dogma-Filme gemacht und das reichte schon, um zu merken, daß sich Automatismen einspielen – und das ist verdammt langweilig.

Verrückterweise reden die Leute so viele Jahre später immer noch über Das Fest und heben die Kameraarbeit hervor, ebenso wie bei Julien Donkey-Boy. Bei anderen Dogma-Filmen passiert das wohlgemerkt nicht in diesem Maße. Es geht also nicht um meine Kameraarbeit, sondern die Art, wie wir als Team funktionierten, arbeiteten und die Idee regelrecht umarmten. Beim Filmemachen geht es darum, auf einer Wellenlänge zu sein. Besonders mit den Cuttern. Bei Das Fest saß Valdís am Schnittpult, meiner Meinung nach eine der besten Cutterinnen der Welt: Sie ist eine Frau mit dem Gesicht eines Footballs, raucht Pfeife und ist ein Monster mit Scheren. Sie weiß, wie sie dem vorhandenen Rohmaterial den Feinschliff gibt – in ihren Händen wächst es zu etwas Größerem.

Die Macht der Cutter

Im europäischen Kino der späten 1980er Jahre gab es eine Zeit – man könnte ein Buch darüber schreiben – da wurden die Cutter im Zuge der technischen Entwicklung sehr mächtig. Denn mit den digitalen Aufnahmeverfahren eröffnete sich den Regisseuren die Möglichkeit, Entscheidungen zu verschieben. Die Tage, an denen Kameramänner und Regisseure noch am Drehort unter Berücksichtigung des Budgets die Einstellungen planten, waren gezählt. Stattdessen wurde aus allen Ecken und Winkeln geschossen, um die Auswahl später im Schnitt zu treffen.

Das hat eine gute und eine katastrophale Seite: Der Regisseur möchte seine Entscheidung vielleicht aufschieben, doch der Kameramann muß hier und jetzt das Licht setzen und die Szene einfangen. »Absicherung« ist für mich in diesem Zusammenhang eines der schlimmsten Wörter überhaupt. Wenn es ums Fernsehen geht, ist es wirtschaftlich sinnvoll, aber ein Geschehen aus jeder denkbaren Ecke zu filmen, nur um sicher zu gehen – das ist eine Verschwendung kreativer Zeit! Als hätte man ein Glas voll kostbarem, 30 Jahre altem Wein vor sich stehen und gießt Wasser dazu, damit es mehr wird und länger währt. Das funktioniert nicht.

London evakuieren

Sie nutzen Ihre kreative Zeit bekanntermaßen damit, sämtlicher Techniken Herr zu werden. Dabei scheint es für Sie keine auszusterbenden Formate zu geben, sondern nur Alternativen. Angesichts der Dogma-Regeln war es nachvollziehbar, Das Fest auf Sony Hi-8 Videotape zu drehen. Auf jeden Fall lag es näher, als für 28 Days Later das beim Amateurfilm weit verbreitete MiniDV-Format zu verwenden. Wie kam es zu dieser ausgefallenen Idee? Spielten da die finanziellen Aspekte eine wesentliche Rolle?

Anthony Dod Mantle: Um noch einmal auf Das Fest zu sprechen zu kommen: Hier war es auf jeden Fall eine kreative, keine ökonomische Entscheidung. Ich habe eine Menge ausprobiert und eine Woche vor Drehstart wollten die Produzenten den Schwanz einziehen und meinten: »Anthony, willst Du das nicht auf einer Digibeta drehen? Ist sicherer.« Aber ich wollte eine kleine Kamera und lehnte ab. Ich traf diese Entscheidung, weil ich emotionaler agieren wollte. Ich mußte mich bewegen können, ohne auch nur die Zeit zu haben, darüber nachzudenken, denn darum geht’s in Das Fest. Um das Bauchgefühl. Ich war der Mann, der mittendrin steht und zu verstehen versucht, was in dieser verrückten Familie vor sich geht.

Canon. Vier Jahre später. 28 Days Later. Das ist eine gruselige Geschichte, weil wir praktisch Pioniere waren. Danny kam gerade von The Beach zurück, mit Darius Khondji und seinen wundervollen 35-Millimeter-Aufnahmen. Der Film war nicht schlecht, nur einfach nicht gut genug. Danny hatte das Gefühl, als wiche das Leben aus seiner Arbeit, als ginge seinem Werk das Charisma abhanden – und er wußte, daß er selbst dafür verantwortlich war. Irgendwie kam er auf mich, rief mich an und wir machten zwei TV-Shows zusammen. Danach kam 28 Days Later.

Zwei Tage nach 9/11

Einerseits wollten wir den Film digital auf MiniDV drehen, andererseits wollte Danny London evakuieren, was Filmgeschichte und verdammt nochmal gigantisch ist! Ich sagte ihm: Ich will nicht London evakuieren und dann einen Consumer Camcorder auspacken! Aber wir haben es getan und damit eine Menge Geld gespart. Doch auch hier ging es nicht um das Geld, sondern um das technische Potential dieses Camcorders. Wir haben damals mit der Canon XL1 gedreht und waren damit die Ersten, die diese Kamera für Spielfilme verwendeten. Nie zuvor hat ein Filmemacher das versucht und wir jagten direkt eine Tankstelle in die Luft – was uns irrsinnig viel Budget kostete – um das auf kleinen MiniDV-Kassetten aufzuzeichnen. Zwei Tage nach 9/11.

Es heißt, Sie entscheiden sich erst nach der Lektüre des Drehbuchs für ein Filmprojekt. Jetzt sind die Drehbücher zu Slumdog Millionär127 Hours oder Antichrist sehr unterschiedlich. Ihre Gemeinsamkeit liegt in ihrer Dialogarmut begründet. Ist das für Sie ein Kriterium? Geht es Ihnen um bildgewaltige Geschichten oder sind bei der Auswahl andere, persönliche Interessen im Spiel?

Anthony Dod Mantle: Ein Drehbuch muß mich überraschen! Wenn mir jemand ein Stück Papier unter meiner Tür durchschiebt und mir damit eine ganz neue Sicht auf die Welt eröffnet, bin ich dabei. Der Autor soll meine Gedanken auf etwas lenken, worüber ich noch nie nachgedacht habe. Ob ich dieses Etwas mag oder nicht, ist natürlich eine andere Sache. Zweitens ist ausschlaggebend, in welcher Beziehung ich zu dem Thema stehe. Jedes Mal frage ich mich, was ich als nächstes in Angriff nehmen möchte – und das verändert sich dauernd.

Alles Mögliche hat darauf Einfluß: Die Stimmung zu Hause, mein Haarschnitt, die Weltpolitik. Zurzeit liest man viel über Nordafrika und die Unruhen in Libyen. Solche Nachrichten haben immer eine Wirkung auf mich, was nicht heißt, daß mein nächster Film von Libyen handeln muß. Aber wenn ich an Libyen denke, denke ich an Gewalt, denke ich an meine Kinder, denke ich an die Zukunft, an Religionskonflikte, an Korruption und vielleicht handelt davon mein nächstes Projekt. Es geht also immer um eine Kombination aus Faktoren, nicht einfach nur um ein gutes Drehbuch.

Aus dem Römischen Reich in die Zukunft

Was hat Sie dazu gebracht, den recht konventionell geratenen Der Adler der neunten Legion zu drehen?

Anthony Dod Mantle: Der Adler der neunten Legion erzählt ein altmodisches Epos. Da hätten wir den Vater-Sohn-Konflikt, eine universelle Filmstory. Außerdem geht es um die Brutalität im einfachen Leben eines Kämpfers. Aber vor allem ist da Kevin MacDonald. Kevin, mit dem ich aus Uganda gekommen bin, nach Der letzte König von Schottland. Kevin, mit dem ich gerne Zeit verbringe, weil er ein intelligenter und interessanter Filmemacher ist. Wir mußten uns einfach mal wieder sehen nach Der letzte König von Schottland. Die Dreharbeiten dazu haben wir sehr genossen, aber es war auch harte Arbeit, immerhin war es Kevins erster Film und wir haben uns mehr als einmal in die Haare gekriegt. Er gehört zu dem kleinen Kreis an Leuten, mit denen ich mich sehr verbunden fühle.

Ich kam gerade aus Indien, Chaos und Erfolg, und einem fremdartigen, dunklen Tunnel namens Antichrist. Ein Film, auf den ich einerseits stolz bin, der mich andererseits verstört zurückgelassen hat, als ich ihn dann das erste Mal sah. Der Adler der neunten Legion ging ich mit einer anderen Mentalität an: Hey, laßt uns was Historisches machen, laßt uns Kämpfe veranstalten! Ich würde den Film nicht als Pause bezeichnen, dafür waren die Dreharbeiten zu anstrengend. Das Projekt war groß, ambitioniert und mit zu wenig Budget ausgestattet, es gab Kämpfe, Stunts und einen zweimonatigen Aufenthalt in Budapest. Dort versuchten wir, ein herbstliches Schottland einzufangen, was viele Schwierigkeiten mit sich brachte.

Der Adler der neunten Legion war ein Abenteuer, ein typischer Jungs-Film. Oder sagen wir: Die Mädchen lieben Channing, die Jungs lieben die Kämpfe. Nicht zuletzt fehlte in meiner Filmographie solch ein historisches Epos.

Blade Runner trifft Uhrwerk Orange

Von Der Adler der neunten Legion ging es dann zu Dredd, dem krassen Gegenteil: ein futuristischer Mix aus Blade Runner und Uhrwerk Orange, wie ich ihn auch noch nie gedreht habe – und dann noch in 3D!

Wieder eine neue Technik. Ist die dritte Dimension für Sie denn relevant?

Anthony Dod Mantle: Jede Dimension ist für mich relevant. 3D ist beeindruckend, eine weitere Möglichkeit, den Status, die Schönheit und das Potential des Kinos weiterzuentwickeln. Genau daran bin ich doch interessiert: Die Leute dazu bringen, sich anderthalb Stunden hinzusetzen und eine Erfahrung mit nach Hause zu nehmen, ein sensitives Erlebnis. So kompliziert 3D auch ist, solange es dieses Erlebnis verstärkt, ist es wichtig. Sie haben sicher Avatar gesehen. Dieser Film hat mich nicht wirklich fasziniert. Er hat mich beeindruckt, war aber einfach nicht mein Fall. Ich habe tiefen Respekt vor den technischen Innovationen, trotzdem war die Story enttäuschend.

Jede Dimension ist relevant

Dredd wird kein Science-Fiction-Film. Sylvester Stallone hat die Geschichte vor 20 Jahren schon einmal verfilmt. Das Ergebnis war ein verdammt schlechter Film. Wir haben die Grundidee aufgegriffen und Dredd zum Symbol für das Gesetz stilisiert, vergleichbar mit Clint Eastwood in Dirty Harry. Wir haben auf der einen Seite die Protagonisten, denen alles erlaubt ist: schützen, richten, schießen. Auf der anderen Seite stehen die Anarchisten und in der Mitte die Leute, die dran glauben müssen.

Das Drehbuch stammt wieder von Alex Garland, einem Autor, der immer über andere Welten geschrieben hat. An der Oberfläche geht es um einen Actionhelden und wir haben Fans, denen wir einen passenden Film liefern wollen – so viel zum Franchise, die Produzenten sind happy, haben ihr Geld längst gemacht. Ich jedoch habe diesem Projekt zugestimmt, weil ich einen Film über Gewalt machen wollte. Ich meine, warum sitzen wir da und lassen uns von Quentin Tarantino zeigen, wie ein blutiges Hirn an eine Heckscheibe spritzt? Warum ziehen wir uns dieses Zeug überhaupt rein? Warum wachsen unsere Kinder in einer so gewalttätigen Welt auf?

Auf Tuchfühlung gehen

Und das Ganze in 3D. Wir haben es nicht im Nachhinein konvertiert, sondern direkt in 3D gedreht. Für unsere Zwecke habe ich eine Kamera entwickelt, die regelrecht auf Tuchfühlung mit den Protagonisten gehen kann: ich wollte so nah ran, wie nur möglich, bis ein Gesicht in Großaufnahme im Kino wie eine Landschaft, wie ein Gebirge wirkt. Die dritte Dimension würde übrigens am besten funktionieren, wenn man sie schon beim Schreiben berücksichtigen würde, doch das passiert noch nicht. Die Leute sagen: Laßt es uns in 3D machen. Aber sie denken 2D.

Aktuell läuft 127 Hours im Kino. Dafür hat Boyle zwei Kameramänner engagiert – Sie und Enrique Chediak. In einem Interview erzählte Danny Boyle, der Hintergrund sei ein kleines, psychologisches „Good Cop, Bad Cop“-Spielchen gewesen. Er habe gehofft, daß der Hauptdarsteller James Franco mit einem der Kameramänner besser, mit dem anderen schlechter klarkommen würde.

Anthony Dod Mantle: Das ist Bullshit. Was soll ich dazu sagen? Danny ist ein Regisseur, hey, glauben Sie wirklich, ein Regisseur will, daß seine Schauspieler mit den Kameraleuten polarisieren?

Drehen mit Danny Boyle

Zur Begründung gab Boyle an, daß er den Bad Cop in den Szenen einsetzen wollte, in denen Franco aggressiv und zermürbt wirken sollte, um sozusagen die Spannungen zu steigern. Mal abgesehen davon, daß der Plan offensichtlich nicht aufging, da letztendlich sowohl Sie als auch Enrique Chediak bestens mit Franco klarkamen – wissen Sie, als welcher Cop Sie angedacht waren?

Anthony Dod Mantle: Ich hab bis heute keine Ahnung, ob Quique – wie wir Enrique liebevoll nennen – oder ich der gute beziehungsweise böse Cop sein sollte. Was ich weiß, ist, wie unterschiedlich wir arbeiten. Der Grund, warum ein Regisseur einen bestimmten Kameramann anheuert, ist der: Er hofft, daß der Kameramann die Geschichte so gut versteht, daß er eine Hilfe dabei sein kann, sie bestmöglich umzusetzen. Die interessante Frage für den Regisseur lautet: Was kann ich über die normale Kameraarbeit hinaus von dieser Person erwarten? Ich arbeite mit solchen Regisseuren, weil sie das suchen, worum ich mich bemühe: Eine persönliche Handschrift. Bei 127 Hours hatte Danny ehrlich gesagt einen anderen Kameramann im Sinn, der aber aufgrund anderer Filmprojekte verhindert war.

Anthony Dod Mantle über 127 Hours, James Franco und vieles mehr
im CampusTV der Uni Marburg:

Wir mußten schnell Ersatz finden und da war Quique die beste Wahl. Da ich sechs Filme mit Danny gemacht habe, kannte ich ihn natürlich besser – was Quique wußte. Nebenbei: Es gibt das Gerücht, Michael Mann habe mal zwei Kameramänner eingesetzt, die sich verkrachten, was Mann wie auch immer für seine Zwecke nutzte. Bei einem ziemlich teuren Dinner, das auf Dannys Kosten ging, sagte ich ihm ganz klar: »Wenn du so etwas vorhast, bist du dran!« Damit war das Thema abgehakt, Danny hat nie in diese Richtung geplant.

Anthony Dod Mantle als Regisseur?

Zu guter Letzt, haben Sie Interesse daran, selbst mal auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen?

Anthony Dod Mantle: Katastrophale Idee! Aber Nic Roeg hat’s getan. Ich werde zuweilen gefragt, ob ich Regie führen möchte. Einmal habe ich eine Dokumentation inszeniert, ein ungeheuer kompliziertes Unterfangen. Seitdem habe ich großen Respekt vor Regisseuren und ihrer Arbeit. Ich sage: Solange ich meine Arbeit noch gut mache, Leute finde, die mit mir arbeiten wollen und ich mich in meinem Job erfüllt fühle, wird es nicht passieren. Wenn ich aber plötzlich über eine Geschichte stolpere, die mich sehr ergreift und die wirklich erzählt werden will, dann würde ich es – mit der Erfahrung, die ich schon, und der Energie, die ich noch habe – vermutlich versuchen. Vielleicht könnte ich es sogar. Nur weil man beeindruckende Bilder einfangen und damit einen Oscar absahnen kann, heißt das jedoch noch lange nicht, daß man zwangsweise ein guter Regisseur ist.


Nachtrag: Hier geht es zu einem Beitrag über den Unterschied von Film und Video.

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