Film

SUN DOGS von Jennifer Morrison | Film 2017 | Kritik, Review

Zuletzt gesehen: Sun Dogs von Jennifer Morrison. Die Regisseurin kennt man als Schauspielerin aus Dr. House – dort spielte sie die junge Ärztin Dr. Allison Cameron. Auch den Helden aus ihrem Regie-Debüt könnte man problemlos in der Fernsehserie unterbringen. Denn sein Handeln gibt Rätsel auf und scheint krankhaften Ursprungs zu sein…

Zumindest Sonia und ich ergingen uns während des Films in eifriger Hobbydiagnostik. Sie tippte auf Autismus, ich nahm eine posttraumatische Belastungsstörung an. Unser Patient, die von Michael Angarano gespielte Hauptfigur aus Sun Dogs, setzte indes ungestört seine merkwürdigen Machenschaften fort. Als junger, durchtrainierter Terroristenhasser will er unbedingt zur US-Marine. Sein Eifer ist vorbildlich – und doch wird er immer wieder abgelehnt.

Wie Harry Potter, nur anders

Hinweis: Liebe Leser*innen, im Folgenden gibt es keinen richtigen Spoiler zu Sun Dogs. Unter »Bleibender Eindruck« schreibe ich über eine nicht überraschende Wendung. Wer sich von dieser Wendung lieber selbst nicht überraschen lassen möchte, findet bei JustWatch aktuelle legale Streamingangebote von Sun Dogs.

Ein Mensch mit einer Puma-Maske, Standbild aus dem Film »Sun Dogs«
Beliebt in Indie-Filmen: Übergroße Maskenköpfe zum Aufsetzen. Siehe auch: das wunderschöne Musik-Drama »Frank«. | Bild: Caviar

Totale: Sun Dogs im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Die Parallelen sind nennenswert: Sowohl Jennifer Morrison (*1979) als auch Greta Gerwig (*1983) drehten im Jahr 2016 ihr Regie-Debüt in Spielfilmlänge. Beide waren bis dato vor allem als Schauspielerinnen vor der Kamera unterwegs – allerdings in völlig unterschiedlichen Filmen und Kreisen. Dementsprechend verschieden sind nun auch die Werke geworden.

Lady Bird von Greta Gerwig ist ein Coming-of-Age-Film über eine Teenagerin in den Jahren 2002/03, der seinen Humor aus besonderer Lebensnähe bezieht. Wenn das jugendliche Flirten etwas unbeholfen daherkommt oder in familiären Streitereien böse Spitzen gesetzt werden, kann man als Zuschauer*in herzlich mitlachen, dank maximalem Identifikationspotential.

Sun Dogs ist eine Komödie über einen Mittzwanziger im Jahr 2004, die ihren Humor aus der Absurdität ihres Helden bezieht. Wenn sich der erwachsene Möchtegern-Soldat in aller gegebenen Ernsthaftigkeit wie ein Kind verhält oder sich die Welt in der inneren Logik seiner realitätsfernen Fantasiewelt erklärt, kann man lachen. Oder das Lachen bleibt einem im Halse stecken, weil man sich fragt: Wie krank ist dieser Typ eigentlich? Und merkt das keiner? Und kümmert sich keiner?

Persönlicher Kontext

Ein random pick bei Netflix. Sowas machen wir selten: Aus einer Laune heraus einfach auf irgendeinen Film klicken, ohne etwas über Backstory, Cast oder Trailer zu wissen. Ich hatte null Bezug zu dem Film und erkannte allein ein paar Schauspieler vom Sehen her wieder. Ed O’Neill (Eine schrecklich nette Familie, Modern Family) tritt als Ersatzvater auf und die Regisseurin hat ein Cameo als Marine-Rezeptionistin. Hauptdarsteller Michael Angarano konnte ich nur nachträglich zuordnen: Er spielt die junge Version des Helden aus Almost Famous, einem meiner all time favourites. Das wird Sun Dogs leider nicht.

Close-up: Sun Dogs im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Sun Dogs ist einer dieser Filme, die mit Detailaufnahmen einer guten alten mechanischen Schreibmaschine in Aktion beginnen. Das kommt so häufig vor, dass ich von einer eigenen Kategorie von Filmen sprechen möchte, doch meine Recherchen dazu stehen noch ganz am Anfang, also weiter: Einzelne Finger tippen, bedächtig langsam, aber schnell geschnitten, einen Satz…

»Temperate and nearly cloudless.«

Dann sehen wir die Hauptfigur Ned Chipley in Boxershorts auf dem Teppich liegen. Offenbar schläft er da, auf dem Boden. In übersättigten, unscharf vignettierten Bildern werden Archivaufnahmen von den 9/11-Anschlägen und Overshoulder-Shots von Ned, der als Soldat durch den Dschungel wandelt, zu kurzen Traummontagen montiert. Dschungelsoldaten, wie man sie aus 1001 Filmen zum Vietnamkrieg kennt. Das passt nicht. Tatsächlich passt da einiges nicht:

Topflappen von Al Quaida

Als der Mann aufwacht und die Uhr checkt, wie das Datum eingeblendet: 11. September 2004. Er absolviert eine Morgenroutine wie bei den Marines, allerdings in seinem heimischen Zimmer. Mit Schreibmaschine bedruckte Karteikarten klemmen am Spiegel, sein Trainingsplan der Woche. Schnitt auf eine sonnige Allee, dazu der Titel: SUN DOGS in großen Indie-gelb leuchtenden Lettern. Wir sehen den Mann rennen. Er trägt eine markante Narbe auf der Stirn.

Bei der Heimkehr reißt er sich das Shirt vom Leib und seine Mutter fotografiert ihn wortlos. Im Blitzlicht wird ein Bild von dem jungen Mann in voller Soldatenuniform zwischen geschnitten. In der Küche kriegt er seinen Kraftdrink serviert und nimmt aus der Post einen Umschlag entgegen. Muttis Lebensgefährte scherzt: »Lass mich raten, Al-Quaida-Topflappen?« Tatsächlich ist es ein dicker Schinken ringgehefteter Dokumente. Der Bericht der 9/11-Kommission.

Damit ist die Prämisse des Films etabliert: Alltag in einem Haus, in dem ein junger Mann wohnt, der sich aus weiß Allah welchen Gründen für einen Terror-Bekämpfer-to-be hält. Seine Familie nimmt es mit gediegenem Humor. Die Leute im Marine-Office, die wir bei seinem dritten Besuch später an diesem Tag erleben, ebenfalls. Wohin geht die Reise dieses komischen Kauzes?

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

»Temperate and nearly cloudless«, so war das Wetter am 11. September 2001. Der Tag, von dem die Figur Ned besessen ist. Man kann den Wettersatz auch ganz gut auf den Film selbst übertragen: gemäßigt und annähernd wolkenlos. Es gibt keine dramaturgischen Spitzen und auch keine allzu großen Steine, die den Protagonisten in den Weg gelegt werden. Ned Chiply ist wie ein uncooler Harry Potter, hinter dessen Stirnnarbe ne lahme Geschichte steckt. Der eine wird unter den Magiern als Legende gefeiert, der andere kommt bei den Marines nicht mal rein.

Während der Film seine Geschichte vor mir ausbreitete, schwankte ich zwischen Mitglied für die Hauptfigur und Amüsement über seine Unreifheit. Das ergibt ein seltsames Seherlebnis. Wenn man das meiste aus dem Drama herausholen will, muss man einfach den Antrieb und das Durchhaltevermögen dieses Mannes bewundern, anstatt auf seine Macken zu achten. Ich fand das ganze Ding grotesk. Am schlimmsten ist wohl, dass ich nicht einmal spoilern könnte, weil es nichts zu spoilern gibt! | IMDb User-Review von Frame-By-Frame (aus dem Englischen übersetzt)

Die peinliche Wendung

Es gibt nichts zu spoilern, obwohl der Film tatsächlich einen Sixth-Sense-Moment hat (einen überaus peinlichen). Zur Erläuterung muss ich The Sixth Sense spoilern, also Achtung! Achtung! Wer den überbewerteten »Ich kann tote Menschen sehen«-Kultfilm von vor knapp 20 Jahren (das ist echt, als würde man aus der Bibel spoilern!) noch unbedarft sehen will, meide den folgenden Absatz.

Man stelle sich einfach vor, in The Sixth Sense würde irgendwo relativ am Anfang und eher nebensächlich etabliert: dieser Bruce-Willis-Typ, der ist übrigens tot und weiß es nur nicht. Später kommt dann der große Auflösungs-Moment für den höchst betroffenen Protagonist, bloß dass halt alle Zuschauer*innen schon Bescheid wissen. Genau so ist es in Sun Dogs. Der Moment, in dem das Mädchen Tally, mit dem Ned sich im Laufe des Films anfreundet, plötzlich merkt, dass dieser Ned einen an der Klatsche hat, kommt reichlich spät. Wie zum Geier konntest Tally das nicht früher checken!? Fragt man sich. Diese Wendung erscheint besonders unlogisch, wenn man genau drüber nachdenkt – über die Szenen, die man gesehen hat, und die Szenen, die man nicht gesehen hat.

Die Szenen zwischen den Szenen

Was ich meine: Dem Publikum werden in einem Film bekanntlich eine Reihe von Szenen präsentiert, in denen sich die Charaktere und/oder die Story weiterentwickeln. In diesen Szenen gibt es bei Sun Dogs schon ein paar seltsame Momente, in denen Tally auf den Trichter kommen könnte, dass Ned nicht der Undercover-Soldat ist, als der er sich ihr gegenüber ausgibt. Das soll so sein und für witzige Pointen sorgen. Aber zwischen diesen präsentierten Szenen verbringen die Charaktere ja durchaus mehr Zeit miteinander, als uns gezeigt wird. Sie fahren irgendwohin, warten, reden, lernen sich kennen…

Wir sehen nur Ausschnitte, weil Echtzeit-Darstellung sich selten fürs Filmformat eignet. Aber wenn ich mir vorstelle, wie viel Zeit Tally und Ned miteinander verbracht haben dürften, ohne das Tally Neds Problem checkt – bis sie es explizit gesagt bekommt – das finde ich nicht glaubwürdig.

Genauso ist es übrigens bei The Sixth Sense. Wir sehen ja nur eine handvoll spookiger Szenen, in denen das Kind mit Bruce Willis unterwegs ist oder Bruce Willis sich ins Restaurant an den Tisch seiner ignoranten Frau setzt. Was passiert zwischen den Szenen? Bruce Willis rennt tage- und nächtelang durch die Stadt und findet es nicht komisch, dass er von absolut niemanden wahrgenommen wird, außer dem irren kleinen Tote-Menschen-Seher? Oder hat Bruce Willis jeden Abend einen nervösen Breakdown bei der Erkenntnis, dass er ja vor Jahren erschossen wurde? Wo schläft er überhaupt, wenn schon eine Frau, die einen wahrnimmt, an den äußersten Rand eines Doppelbettes drängt!? ES ERGIBT KEINEN SINN!

Fazit zu Sun Dogs

Netter Film, sag ich mal. Mit vollem Bewusstsein darüber, wessen kleine Schwester »nett« ist. Sun Dogs funktioniert sicher gut für Liebhaber des absurden Humors und solche, die sich trotz des eher ungewöhnlichen Set-Ups mit den Charakteren identifizieren können. Ach, und vielleicht sollte man Durch die Hölle gehen gesehen haben. Wenn man den Film klasse findet, kann man Sun Dogs sicher ein paar Sympathiepunkte mehr abgewinnen.


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