Film

CARGO von Yolanda Ramke, Ben Howling | Film 2018 | Zerriss

Man muss einen Film schon aufmerksam schauen, um sich einen ordentlichen Zerriss erlauben zu dürfen. Den Anfang des Films Cargo – einem Netflix-Original, das im Mai 2018 erschienen ist – den habe ich wohl nicht aufmerksam genug gesehen. Das musste ich bei meiner späteren Recherche feststellen. Okay, dadurch fällt ein Teil meiner Kritik flach. Aber es kommt ein neuer Teil hinzu. Und es bleibt ein Zerriss. Und was für einer! Nichts als Fetzen werden von Cargo übrig bleiben, wenn ich mit dem Filmfraß fertig bin!

Watson auf Irrwegen

Um mein Missfallen über Cargo in geeignete und nachvollziehbare Bahnen zu lenken, wähle ich die Form des rekonstruierten Gedankenprotokolls unter Ergänzung und Richtigstellung später recherchierter Details. Das wird dem Film gerechter als nötig, aber es soll ja ein anständiger Zerriss werden. Unter Wahrung der Fairness.

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Text wird ein Spoiler-Feuerwerk! Ich meine es dabei nur gut mich euch. Cargo sind 100 Netflix-Minuten, die ihr euch schenken könnt. Nach den folgenden rund 10 fluffigen Leseminuten (länger soll dieser Disstrack nicht dauern) gibt’s zur Belohnung einen kleinen Lifehack. Denn das zweifelhafte Sehvergnügen des Films Cargo lässt sich auch in einem Bruchteil der Spielfilmdauer genießen.

Schauspieler Martin Freeman in dem Film Cargo
Genau, Martin. So hab ich beim Sichten deines neuen Films auch geschaut. | Bild: Netflix.

Prämisse: Vom Porno-Typen reingelockt

Ausgangssituation. Ich auf Netflix, sehe: Oh, kürzlich hinzufügt! Ein Film mit Martin Freeman! Mr. Bilbo »Hobbit« Beutlin, Dr. Watson, der Pechvogel aus Fargo, der Porno-Typ aus Tatsächlich… Liebe, Mann, ich mag dich! Nix über den Film gelesen, keinen Trailer gesehen, einfach mal auf »Play« gedrückt. Wird schon gut sein, wenn der Martin da mitmacht, ja ja. Das Thumbnail zeigte Martin Freeman mit einem dunkelhäutigen Kind (jedenfalls dunkelhäutiger als Martin, diese britische Kalkleiste). Zu zweit unterwegs in irgendeiner Art von Pampa, irgendwie dachte ich: Vielleicht so ein Grenzgänger-Film wie Babel, hatte noch das Bild von der armen Frau darin im Kopf, die mit den Kindern durch die Wüste zwischen Mexiko und den USA stolpert… ja, das könnte doch sein. Das würde gut zu Martin passen.

Protokoll: Von Minute 1 an skeptisch

Minute 1. Cargo beginnt mit der Luftaufnahme von einer Steppe, in der ein paar Feuer brennen. Wie schon bei Captain Fantastic frage ich mich – immer noch geprägt von der Jurysitzung zum Deutschen Jugendfilmpreis – ist dieser Drohnen-Shot gerechtfertigt, oder reiner Show-Off, reine Angeberei? Bei Captain Fantastic dachte ich noch: Na ja, fette Hollywood-Produktion mit Viggo »Aragorn« Mortensen, die haben Angeben mit Kameratechnik nun wirklich nicht nötig. Aber bei diesem Netflix-Film mit Martin »Bilbo« Freeman bin ich mir nicht mehr so sicher… die Qualmsäulen der Steppenfeuer sehen verdächtig nach billigem CGI aus. | Der Eindruck wird sich später bestätigen. Es gibt auch eine völlig unnötige super-miese CGI-Brücke. Und auch abgesehen von den Computer-Effekten übersteigt der Produktionsaufwand nicht RTL-2-Trash-TV-Produktion. Ein »Netflix Original« ist definitiv kein Gütesiegel.

Minute 3. Martin Freeman schippert mit Frau (Susie Porter) und Baby (extrem süß) in einem Hausboot über einen Fluss. Durch die bisherigen Naturbilder nehme ich Australien als Handlungsort an, war wohl nix mit Grenze zu Mexiko. Aber als Martin eine andere Familie am Flussufer Geburtstag feiern sieht, zeigt ihm der Vater dieser Familie wie zur Abschreckung die Knarre in seinem Gürtel. Na, wenigstens ein bisschen amerikanischer Flair da draußen. Warum denn so feindlich gestimmt?, frage ich mich. Erste Vermutungen, dass in der Gegend irgendwas nicht stimmt.

Vielleicht ein Horrorfilm?

Minute 4. Vermutung bestätigt sich. Martin und Susie reden abends am Tisch über ihre Vorräte. Martin nimmt dabei sowas wie ein Erste-Hilfe-Set auseinander, dass er aus dem Wasser gefischt hat. Susie macht sich Sorgen, das Baby könnte verhungern. Ich sehe das ganze im englischen Original und höre (shame on me) nicht so gaaanz aufmerksam zu. Eigentlich total anmaßend gegenüber den Filmemachern und ein Ausschlusskriterium für jede*n, die oder der meint, sich nach halbaufmerksamer Sichtung das Maul über einen Film zerreißen zu dürfen. Aber keine Bange, Cargo wurde so schnell so schlecht, dass er meine voll fokussierte Skepsis auf sich gezogen hat.

Minute 8. Martin ist gerade, während Susie schlief, vom Hausboot rüber zu einem Segelboot-Wrack gerudert und hat es geplündert. Die Tür zur finsteren Kajüte unter Deck stand einen Spalt auf, dahinter gruselige Geräusche… Martin ist ohne Nachzuschauen wieder abgehauen. Kluger Mann, wäre ja auch mega dämlich und ein Horrorfilm-Klischee, da jetzt reinzulünkern. Wer weiß, was da lauert. Allein im normalen Reallife-Australien gibt’s doch ungefähr zweitausend Wassertierarten, die schon mit ihren Blicken töten können. Aber mir dämmert aufgrund der Atmosphäre, dass ich es mit einem (nicht unbedingt Reallife-)Horrorfilm zu tun haben könnte. Cool. Im parallelen Handlungsstrang verfolgt die Kamera ein Aborigines-Kind, 11-jähriger Junge, schätze ich.

It’s the apocalypse, stupid!

Bei meiner nachträglichen Szenenanalyse wird mir klar, dass bis zu diesem Zeitpunkt schon ein Endzeit-Szenario etabliert ist. Huch, wie konnte ich das nicht merken? Martin und Susie haben sich nicht einfach in der Pampa verirrt (wie ich dachte), sondern sind auf dem Hausboot sicher vor dem, was »seit Wochen da draußen abgeht«. Ich habe offenbar beschämend wenig von dem englischen Dialog ordentlich verstanden, wird mir klar. Reue und Unbehagen, aber na ja.

Minute 12. Jetzt schläft Martin, nachdem er Susie die geplünderten Vorräte zeigt. Das rettet sie über die nächste paar Monate, juchee! Aber Susie, anstatt happy damit, rudert heimlich nochmal rüber zu dem Grusel-Wrack. Möge das mega dämliche Horrorfilm-Klischee-Verhalten beginnen… auch sie bemerkt die spooky Kajütentür. Auch sie will umdrehen und abhauen – doch Susie wird von irgendwas gewaltsam zurückgezogen, unter Deck.

Das seltsame Armband

Schnitt zu Martin, der aufwacht und merkt, dass Susie weg ist. Mit dem Baby schlurft er durchs Hausboot und bemerkt Blutspuren auf dem Boden. Super Setup denke ich: Was auch immer Susie auf dem Wrack attackiert hat, ist jetzt auf dem Hausboot! Wie spannend! Aber Martin öffnet die Badezimmertür und da sitzt Susie mit blutigem Bein. Okay, Spannung erstmal vorbei. Was ist denn passiert? Sie verarzten ihre Wunde und Susie schnallt sich erstmals ein strahlend weißes Armband ums Handgelenk, schaltet einen Countdown ein: 48 Stunden.

Das Armband strahlt so weiß, dass es mich ablenkt und denken lässt: ist doch bestimmt Product Placement, war da ein Hinweis, am Filmanfang? Von wegen: »Diese Sendung enthält Produktplatzierungen«, wie bei Kodachrome? Mh… was für Produkte waren nochmal in Kodachrome? Na ja, außer Kodachrome halt, die Fotofilmrollen vom Hersteller Kodak, ja, stimmt, ziemlich offensichtlich eigentlich…

Baby, was kannst du eigentlich!?

Das Armband erscheint mir wie ein futuristisches biometric device, ein Lifestyle-Gimmick mit sexy Design, vielleicht der neuste Shit von Apple? Ich fange an, darauf zu achten, und bemerke, dass dieses Armband rund alle 10 Minuten prominent im Bild ist, benutzt wird, später Besitzer wechselt, bis sogar das Baby damit rumspielt (und meine Aufmerksamkeit – inzwischen hat sie der Film, herzlichen Glückwunsch – auf einen fetten Schnittfehler in der Baby-spielt-mit-Armband-Szene hinweist, Filmminute 79, aber das hat wohl eher das Baby als die Continuity verkackt… Babys halt, diese unprofessionellen Schauspiel-Graupen.)

Nachträglich erst vergewissere ich mich und siehe da: Diese Sendung enthält keine Produktplatzierungen. Ich hatte mich schon gewundert: Was für ein deplatziertes Marketing ist das denn, wo ich auf Teufel komm raus nicht erkennen kann, was für ne Marke diese Uhr da tragen soll? Stattdessen soll dieses Ding nur die eine Funktion haben: Countdown herunterzählen, 48 Stunden. Dass es so häufig im Bild ist, muss daran liegen, dass da jemand mächtig stolz auf seine oder ihre Idee war…

Hurra, die Welt geht unter – lass mal was Unnützes entwickeln

Bei dem Armband handelt es sich um eine postapokalyptische Innovation. Es wurde für die Menschen entwickelt, die sich mit dem gefährlichen Virus infiziert haben, wegen dem in Cargo alle Figuren so schlechte Laune schieben. Die Welt ist Schauplatz einer gewaltigen Epidemie, von der man im australischen Outback einfach sehr wenig sieht. Für ein niedriges Budget nicht zufällig praktisch. Um die »Endzeit« zu etablieren, zeigen wir ein paar Steppenfeuer im Auftakt und lassen die Leute dann über ihre miese Lage reden.

Ich komm derweil noch nicht auf die Vorstellung klar, dass ein Virus die Weltbewohner vor sich hertreibt, aber irgendwer die Zeit und Muße findet, hochwertige Erste-Hilfe-Kits herzustellen und bis ins australische Outback über den Globus zu streuen. Inklusive dem Armband mit dieser einen Funktion (die auch jedes Handy hat und jede*r selbst auf die Kette kriegt, der oder die kurz checkt, wo die Sonne steht und bis Zwei zählen kann, ZWEI TAGE eben.)

Was passiert denn überhaupt nach 48 Stunden? Die Infizierten werden – was auch sonst? – zu Zombies. Nach rund 20 Filmminuten, als Martin (schlecht drauf) und Susie (infiziert), das Boot verlassen haben und im Outback rumlungern, taucht der erste Zombie auf. Oha, denke ich! Hat mich kalt erwischt, diese Genre-Offenbarung. Das war dann auch die letzte Überraschung in Cargo. Oh, abgesehen davon, dass der Aborigines-Junge ein Mädchen ist!

Kino der Ereignislosigkeit

Der Film feiert jedes Klischee ab, das Zombie-Filme so populär gemacht hat. Das Besondere: Es werden keine Zombie-Massen oder Kämpfe gezeigt, der Fokus liegt eher auf dem, was zwischen den Konfrontationen Zombies/Menschen so passiert. Ein bisschen wie Richard Linklaters It’s Impossible To Learn To Plow By Reading Books also, ein Film, in dem nichts passiert, weil alle Szenen zwischen den bemerkenswerten Ereignissen des alltäglichen Lebens liegen. Der Protagonist wartet, hängt rum, ist unterwegs, wartet wieder… So ähnlich fühlt sich auch Cargo an. Nur mit Zombies. Aber ja nicht zu viele Zombies, weil Outback und wenig Budget und ach…

Natürlich passiert da schon was. Hin und wieder kommt Spannung auf, die in Rekordzeit aufgelöst wird. Ernsthaft: Einmal wacht Martin (Susie inzwischen tot) in der Steppe auf und das Baby ist weg. Oh shit! Er guckt nach links. Ach nee, da sitzt es. MANN! MACHT ES DOCH WENIGSTENS MAL FÜR 30 SEKUNDEN SPANNEND! Später gibt es sowas wie einen »spannenden Stand-Off«, der so bescheuert zustande kommt, dass ich nicht Mitfiebern konnte. Die Leute, die sich am helllichten Tag für den dunklen Tunnel als beste Route durch Zombieland entscheiden, die haben’s nicht anders verdient. Sorry, Martin und Baby.

Der Titel Cargo bezieht sich übrigens, fürchte ich, auf dieses Baby. Das ist quasi das Frachtgut (aus dem Englischen/Spanischen: cargo – Schiffsladung), das in Sicherheit gebracht werden muss. Dass durch diesen Titel ein kleiner Mensch objektifiziert wird, hätte ich woanders vielleicht kritisiert. Hier macht’s eh keinen Sinn mehr.

Cargo goes Swiss Army Man

Am Ende von Cargo wird Martin Freeman in Sachen Babyrettung kreativ – als menschlicher Packesel, der so sehr an Swiss Army Man erinnert, dass es einfach nur urkomisch ist. Leider bloß nicht so gemeint. Stattdessen strotzt das Ende vor Pathos, ist bierernst, schiebt noch ne politische, gesellschaftskritische und ökologische und haste nicht gesehen Message mit…

Dass Martin Freeman überhaupt mitgemacht hat, lag bestimmt auch an dem Titel Cargo. Das fand der Schauspieler mit dem britischen Humor nach seinem Auftritt in Fargo einfach mal witzig, für die Filmografie. Demnächst spielt er noch in Margo, Bargo oder Targo mit und wir haben alles was zu schmunzeln.

Der Cargo-Lifehack

Wie versprochen: Wer Cargo in einem Bruchteil der Spielfilmdauer sehen möchte, kann sich einfach den Kurzfilm geben, auf dem der neue Langfilm basiert. Dieser gleichnamige Kurzfilm ist schon 2013 von denselben Machern entstanden – Yolanda Ramke und Ben Howling – und hat bei YouTube sagenhaft 14 Millionen Views gesammelt. Grund genug für Netflix, einen billigen Spielfilm nachzuschieben. Viele potentielle Interessent*innen. Dabei ist vieles von dem, was ich dämlich fand (samt dem unfreiwillig komischen Ende) schon im Original drin. Immerhin: Es dauert nur 7 Minuten. Also bitte schön, stellt euch einfach vor, der Typ sei Martin Freeman:

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