Film

KODACHROME mit Jason Sudeikis | Film 2018 | Kritik, Review

Der Titel sagt es an: Das Roadmovie Kodachrome handelt nur oberflächlich von einer Vater-Sohn-Beziehung, einem Roadtrip, einem Abschied nach langer Krankheit und vielen Streitereien. Die heimliche Hauptrolle in diesem starbesetzten Film mit Ed Harris (Die Truman Show), Jason Sudeikis und Elizabeth Olsen spielt Kodachrome selbst. Dabei handelt es sich um den ersten kommerziell erfolgreichen Dreifarbenfilm, der Farbfotografie im 20. Jahrhundert maßgeblich prägte. Inzwischen ist er Geschichte – und der neue Netflix-Film eine späte Verneigung.

Fühlen, weil man es anfassen kann

Wenn man es nicht weißt, könnte man meinen, im Film Kodachrome geht’s um Musik. Eigentlich tut es das auch, über weite Teile. Kodachrome richtet den Fokus in der Vater-Sohn-Beziehung, die der Film entfaltet, zunächst auf den Sohn. Der arbeitet eben als Musikexperte für ein Plattenlabel. Erst im letzten Akt offenbart Kodachrome sein eigentliches Thema oder Wesen oder Gesicht, oder wie man es nennen mag. Ein Film zwischen zwei Welten – liegt darin seine besondere Güte oder verschenktes Potential? Schauen wir mal.

Hinweis: Liebe Leser*innen, mit der Logline »sterbenskranker Vater lädt entfremdeten Sohn auf einen letzten Roadtrip ein« ist man gut gewappnet, um sich spoilerfrei durchs Internet zu bewegen. Aus den zuweilen sehr schönen Einzelszenen nehme ich nichts vorweg – und im Gesamtplot gibt’s nicht viel vorwegzunehmen. Der Film ist exklusiv bei Netflix zu sehen.

Ed Harris, Elizabeth Olsen und Jason Sudeikis in Kodachrome. | Bild: Netflix
Ed Harris, Elizabeth Olsen und Jason Sudeikis in Kodachrome. | Bild: Netflix

Totale: Kodachrome im Zusammenhang

Historischer Kontext

Das afghanische Mädchen Sharbat Gula im Alter von etwa 12 Jahren | Bild: Steve McCurry
Das afghanische Mädchen Sharbat Gula im Alter von etwa 12 Jahren | Bild: Steve McCurry

Im Juni 2009 gab der Hersteller Kodak bekannt, dass die Produktion des letzten bis dahin verbliebenen Diafilms (dem Kodachrome 64) aufgrund mangelnder Nachfrage eingestellt würde. Im Zeitalter digitaler Fotografie sind die Nostalgiker in der schwindenden Unterzahl. Die letzte Rolle Kodachrome wurde dem preisgekrönten Fotografen Steve McCurry anvertraut, bekannt für sein Porträt des »Afghanischen Mädchens« mit den strahlend grünen Augen, Sharbat Gula.

Die Fotografien Steve McCurrys finden sich auch in dem Film Kodachrome.

Schon im Jahr 2006 schloss das letzte Kodachrome-Labor in Europa. Seitdem wurden weltweit sämtliche Kodachrome-Filme zum weltweit einzigen Entwicklungslabor geschickt, nach Kansas im Mittleren Westen der USA. Dabei handelte es sich um das Privatlabor eines Fotodienstleisters namens Dwayne’s Photo. 1956 gegründet und noch immer in Familienhand, erlebte das Unternehmen im Jahr 2010 eine regelrechte Belagerung von Kodachrome-Enthusiasten, die ihre letzten Filme entwickeln lassen wollten.

If you ask me, they should stop making film every year. | aus: Kodachrome, 01:23:00

Von dieser Belagerung erzählte im Dezember 2010 der Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas des Journalisten Arthur Gregg Sulzberger. Geschrieben für die New York Times, zu deren Herausgeber Sulzberger Anfang dieses Jahres aufgestiegen ist. Auf diesem Zeitungsartikel basiert der Film Kodachrome.

Persönlicher Kontext

1989 geboren und als Kind eines Vaters aufgewachsen, der immer gerne und viel fotografiert hat – vor meiner Zeit auch mit eigener Dunkelkammer – habe ich meine ersten eigenen Fotografie-Erfahrungen ebenfalls noch analog gemacht. Doch im Alter von 16 Jahren stieg ich mit meiner ersten eigenen DSLR (einer Nikon D50) dann auf digitale Fotografie um. Insofern bin ich leider zu spät geboren, beziehungsweise zu weit weg von etwaigen echten Kodachrome-Anhängern, um deren Bedauern so richtig mitzuempfinden. Digitale Kameras halten das Leben ebenfalls in warmen Farben fest, denke ich mir – und sei’s mit dem richtigen Filter in der Nachbearbeitung. Aber das zählt sicher nicht.

Ob es am besonderen Kodachrome-Look lag, oder doch am Motiv: Das Foto von Sharbat Gula hat mich schon als Jugendlicher sehr beeindruckt und beschäftigt. »Wozu deine Sprache lernen«, schrieb ich als 15-Jähriger (mit Hang zur Dramatik) in mein Tagebuch, »wenn dein Blick Fragen stellt, auf die ich keine Antwort weiß?« Heute fasziniert mich die Vorstellung, dass ein Foto aus einem Flüchtlingslager solche Wellen schlagen kann, dass es selbst das Interesse irgendwelcher ahnungslosen Wohlstandskinder rund 10 Jahre später auf die historischen Umstände lenkt, unter denen das Foto entstanden ist. Das macht Fotografie so verdammt wichtig.

Close-up: Kodachrome im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Kodachrome beginnt mit Detailaufnahmen, die aussehen, wie aus dem Entwicklungsprozess analoger Fotos, farblich erst in Blau, dann in Gelb, dann in Rot gehalten. Drei Farben. Dazu auf der Tonspur die Zugabe einer Rockband vor begeistertem Publikum. Die Schrift Vorspanntitel schön ranzig, halb verblichen. Auf Nostalgie und Coolness ist dieses kurze Intro getrimmt. Es endet mit einem Foto, das 1996 in der indischen Stadt Jodhpur geschossen wurde:

Ein kleiner Junge klammert sich an den Rücken seines Vaters, während der sich eine Zigarette anzündet. Sinnbildlich nimmt das Motiv die folgende Vater-Sohn-Story schon vorweg, in a nutshell, schön gewählt. Eigentlich stammt dieses Bild von dem besagten Fotografen Steve McCurry, doch im Film Kodachrome wird dieses – wie andere McCurry-Fotos – dem fiktiven Fotografen Benjamin »Ben« Ryder (gespielt von Ed Harris) zugeschrieben. Abgesehen von den Fotografien hat der echte (liebenswerte) Steve McCurry übrigens nichts gemeinsam mit dem (unausstehlichen) Filmfotografen Ben. Doch um den geht’s erstmal nicht.

Das Vater-Sohn-Foto wird in einer Zeitschrift abgebildet, die offen auf einem Tisch liegt, neben einem angebissenen Sandwich und einem Handy, auf dem eine SMS aufploppt: »ENCORE STARTING«. Die Zugabe beginnt.

Mangelnde Ambitionen

Aus der Detailaufnahme schneidet der Film in die Halbnahe von dem Schauspieler Jason Sudeikis, der das Handy nimmt und aus dem Imbiss auf die Straße tritt. Er geht ein paar Meter, biegt dann in eine Gasse ab, vorbei am Türsteher, der seinen Backstage-Pass sehen will. Die Kamera folgt ihm bis rein in die Location, direkt hinter die Bühne – ein Weg, der in drei längeren Einstellungen aufgelöst wird, wo manch Regisseur dieser Tage einen ambitionierteren Oneshot versucht hätte. Zumal am Ende die Rockmusik, die als Soundtrack begonnen hat, in der Live-Performance der Band auf der Bühne übergeht, eine schöne Idee, nur eben recht schlicht umgesetzt. Ambitioniert kann man die Inszenierung soweit nicht nennen, zumindest in technischer Hinsicht ist sie auch im weiteren Verlauf sehr konventionell geraten.

Das ist okay. Dann stelle ich meine Filmemacher-Fetische eben zurück und konzentriere mich ganz auf die Geschichte, die da serviert wird:

Jason Sudeikis spielt Matt, den Vertreter eines Plattenlabels, der gerade eine seiner Bands nach dem Gig besuchen will. Der Manager der Band aber steckt ihm, dass die Musiker gerade bei einem anderen Label unterschrieben haben. Matt sei einfach »zu langsam«. Nach dieser Schlappe: deprimierter Heimweg zu trauriger Musik.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Solche Musikeinsätze, die Wege und Depri-Phasen und Handlungspausen überbrücken, gibt es einige in dem Film. Als Roadmovie darf man das auch. Und wenn der Wagen für dieses Roadmovie (ein schicker, knallroter Oldtimer natürlich) die meiste Zeit von Matt gefahren wird, von dem wir ja wissen, dass er »zu langsam« ist, dann darf es auch ruhige Musik zu entschleunigter Story sein. Die Fahrt beginnt, nachdem Matt seinen entfremdeten Vater auf dessen Wunsch hin aufgesucht hat. Dieser Vater wird von Ed Harris gespielt, so unnahbar es eben geht. Als berühmter Fotograf, den in seinem Lebensabend eine Krebserkankung plagt und nicht mehr viel Zeit lässt, sucht er den gebührenden Abschluss für seine Karriere. Ein paar letzte Rollen vollgeschossener Kodachrome-Filme, die viele Jahre liegen geblieben sind, will er persönlich und mithilfe seines Sohnes zum einzigen Entwicklungslabor fahren, bevor auch das seine Pforten schließt. Dwayne’s Photo, natürlich.

Begleitet werden der Sohn und sein Vater von dessen Krankenschwester, gespielt von Elizabeth Olsen. Professionell und doch liebevoll kümmert sie sich um ihren meist kratzbürstigen Patienten und gibt den beiden Zankhähnen gut Konter.

In gewohnten Bahnen

Der Wagen bleibt auf dem Weg nach Kansas indes die ganze Zeit auf altbekannten Bahnen, keine Schlenker oder Stops, die aus den Konventionen ausbrechen. Somit ist der Film Kodachrome nicht nur handwerklich unspektakulär, sondern auch dramaturgisch. Trotzdem ist er solide gemacht und sehr gut gespielt. Die Schauspieler – Ed Harris und Jason Sudeikis, aber eben auch Nebendarstellerin Elizabeth Olsen – haben es geschafft, meine Antihaltung, die sich dem Film gegenüber bald eingestellt hat, in der zweiten Hälfte einzureißen. Zugegeben, ich hab doch ein bisschen viel mitgefiebert und -gefühlt.

Da mein eigenes Empathie-Vermögen eher unterdurchschnittlich ausgeprägt ist, gehe ich davon aus, dass viele Zuschauer*innen dem Film in seiner Wirkung noch mehr abgewinnen können, als ich es letztendlich tue.

Fazit zu Kodachrome

Kodachrome lässt mich mit dem mulmigen Gefühl zurück, dass er mehr hätte sein können (und vielleicht sogar sein wollen). Nach der besseren zweiten Hälfte und einem wirklich schönen Ende (rund um den Fotografen-Vater und Kodachrome an sich) wünsche ich mir fast, man könnte die erste Hälfte (rund um den Musiker-Sohn und dessen beleidigter Attitüde) nochmal überarbeiten. Verschenktes Potential, möchte ich urteilen. Andererseits, vielleicht braucht der Film den langsamen, gemächlichen Einstieg zur Zeichnung seiner Charaktere. Wie die Entwicklungen eines analogen Fotos seine Zeit in Anspruch nimmt, dauert es auch in Kodachrome etwas, bis sich dem Publikum ein klares Bild vom eigentlichen Motiv darstellt.

Und oh, Ironie! Wie schon bei Auslöschung von Alex Garland ist auch Kodachrome eine bemerkenswerte Perle im Netflix-Programm. Dass der digitale Streamingdienst ausgerechnet die Rechte an diesem Film (der natürlich auf 35mm Kodak Film gedreht wurde) gekauft hat, mutet bizarr an. Ein bisschen so, als wolle Netflix den widerwilligen Nostalgikern unter seinen Anwendern beschwichtigend entgegenkommen: Wir vermissen es doch auch, das gute alte Filme-zum-Anfassen-Zeitalter.


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