Film

KÜSS MICH, ZOMBIE mit Shellie Marie Shartzer | Film 2008 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 1. August 2018 um 6:44

Auf dem deutschen DVD-Cover bildet ein blutrotes Herz den Hintergrund für das Abbild eines bizarren Pärchens: ein Brille und Jackett tragender Junge neben seiner offensichtlich untoten Freundin. Darüber prangt der Titel Küss mich, Zombie!. Derselbe Film, Übersee: Das DVD-Cover zeigt ein blutrotes Herz vor einem pink eingefärbten Hintergrund, der die Gestalt eines Mädchens andeutet. Darunter der Titel: Make-Out with Violence – ein tragikomischer Coming-Of-Age-Independentfilm, aus dem der Verleih im Handumdrehen einen Zombie-Streifen gemacht haben. Muss an dem Zombie liegen.

Wenn im Vorfeld so verantwortungslos mit der Erwartungshaltung der Zuschauer*innen gespielt wird, sind enttäuschte Gemüter vorprogrammiert. Gleichwohl findet ein eher unbekannter Film auf diesem Wege ein breiteres Publikum und weiß manch Trash-, Splatter-, oder Horrorfreund*in womöglich positiv zu überraschen. Obwohl diese Elemente selten bis gar nicht in dem ungewöhnlichen Genre-Mix auftauchen.

Zwei Jungs steht ratlos am Bett eines untoten Mädchen, Standbild aus: Küss mich, Zombie

Das Schweigen der Grillen

Vielmehr dominiert in dem Debüt der Deagol Brothers das Drama, um nicht zu sagen: Die Tragödie. Hinter jeder Torte mit achtzehn Kerzen, die ein Geburtstagskind nicht mehr auszupusten vermag, hinter jeder Beerdigung mit einem leeren Sarg voller Erinnerungen verbirgt sich die grausame Geschichte vom Verlust eines geliebten Menschen. In diesem Fall: die Jugendliche Wendy Hearst.

Spurlos verschwunden nehmen die Verwandten und Freund*innen im Rahmen einer Zeremonie irgendwann Abschied von ihrer Tochter, Freundin, ersten großen Liebe, die dann – eines Tages – plötzlich gefunden wird. Die Brüder Carol und Beetle streunen gerade durch die Wiesen, als auf einmal das Zirpen der Grillen verstummt, nur für einen Moment, wie um das Unheil anzukündigen: Wendy ist weder tot, noch lebendig.

Weder Rage, noch Romero…

Sie ist ebenso weder eine rasend tollwütige Rage-Infizierte, noch ein um sich greifender, schlurfender Konsum-Zombie à la George A. Romero. Stattdessen ist sie auf ihre eigene, ganz spezielle Weise untot. Wie das passierte, wird ebenso wenig erklärt, wie das Phänomen an sich. In der Selbstverständlichkeit, mit der die Jungs das Mädchen mit nach Hause nehmen und verstecken, wie ein Haustier pflegen und weiterhin begehren, schwingt ein schräger Surrealismus mit.

Küss mich, Zombie! ist weniger ein Zombie-Film mit Teenager*innen, als ein Teenie-Film mit einem Zombie. Es geht, wie in Teenie-Filmen so üblich, ums Loslassen können und Erwachsenwerden. Hier eben versinnbildlicht am Umgang mit dem seelenlosen Körper Wendys. Hin und wieder erwacht sie aus ihrer Leblosigkeit, erhebt sich mit abartigen Bewegungen, sämtlicher Sinne beraubt, nur um direkt wieder umzufallen (die motorische Leistung von Schauspielerin Shellie Marie Shartzer muss an dieser Stelle hervorgehoben werden).

…sondern makabere Romanze

Bei den Deagol Brothers handelt es sich um ein Pseudonym für ein Künstler-Duo aus Tennessee: Die Independent-Filmemacher Chris Doyle und Andy Duensing. Küss mich, Zombie! ist ihr Langfilm-Debüt, was man der visuell und schauspielerisch einwandfreien Produktion zu keiner Zeit anmerkt. Das junge Ensemble liefert eine durchweg glaubwürdige Performance, eingefangen in poetisch schönen Bildern. Die makabere Romanze verweigert sich ganz bewusst Aufsehen erregenden Schock-Momenten und allzu großen Gesten, weist nur rar gesäte Situationskomik und ansonsten erstaunlich britischen Humor auf. Alles in Kombination wird so über die Laufzeit von 105 Minuten dem Eindruck von Langatmigkeit nicht gerade entgegengewirkt.

Nach einem flotten Auftakt schlägt der Film ruhigere Töne ein und räumt einer ganzen Handvoll von Figuren viel Platz ein, um sich zu entfalten. Besonders der Subplot rund um Anne Haran alias Tia Shearer ist zu ausführlich geraten. Doch ob den Zuschauer*innen ein Film nun gefällt oder nicht, hängt selten von 5 Minuten gefühlter Überlänge ab – sehr wiederum vom Soundtrack. Und der ist absolut gelungen. Ein treibender, mystischer Score begleitet den gesamten Film und trägt maßgeblich zu dessen Wirkung bei.

Die Entstehungsgeschichte und ein Blick hinter die Kulissen von Küss mich, Zombie! im Video:

Unter Filmkritiker*innen schneidet Küss mich, Zombie! durchschnittlich weit schlechter ab, an in diesem Beitrag. Ein repräsentatives Urteil lautet:

Leider fehlt diesem Film eines: Einen gut durchdachten fesselnden Plot, denn schon nach kurzer Laufzeit wird sich eine gewisse Langeweile und Belanglosigkeit bei vielen Cineasten einstellen. Der Film ist somit weder Fisch noch Fleisch. | Ruben Scheu (filmempfehlung.com)

Fazit zu Küss mich, Zombie!

Freunde alternativen Indie-Rocks und Musik à la Brian Eno dürfen sich diesen Film eigentlich nicht entgehen lassen. Wer wiederum die Idee von einem Zombiefilm ohne Epidemie zwar interessant findet, bei der Geschichte rund um ein untotes Mädchen aber nicht auf die üblichen Horror-Elemente und einen gewissen Blutzoll verzichten möchte, dem sei eher der Film Deadgirl von Marcel Sarmiento und Gadi Harel aus dem gleichen Jahr ans Herz gelegt: Ähnlicher Ausgangspunkt, ganz andere Story.

Die Köpfe hinter dem Projekt Küss mich, Zombie! im Gespräch:


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