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TATSÄCHLICH… LIEBE mit Emma Thompson | Film 2003 | Kritik, Review

Wir haben gerade Anfang Juni und draußen brütet die Sonne. Na ja, für deutsche Verhältnisse. Hin und wieder mal über 25 Grad und ich möchte mir den Schädel scheren, die Haut abziehen, Richtung Norden auswandern. Da muss man sich kühle Gedanken machen, um nicht meschugge zu werden – aber woran? Weihnachten vielleicht. Hier also mein Sommer-Review zu: Tatsächlich… Liebe?

Schöner Schrott im Namen der Liebe

Der starbesetzte Film aus dem Jahr 2003 gilt inzwischen als moderner Klassiker. Vergangenes Jahr erst gab’s anlässlich des Red Nose Day ein spektakuläres Revival als kleiner Teil 2, wieder mit Rowan Atkinson als Slow-Motion-Verpacker und Andrew Lincoln mit romantischer Slide-Show (samt Rick-Grimes-Bart!). In dieser 15-minütigen Fortsetzung wurden einige der vor nunmehr 15 Jahren miteinander verstrickten Liebesgeschichten weitererzählt. Wir widmen uns hier dem Original: der 135-minütigen, tragikomischen Monumental-Schnulze Tatsächlich… Liebe.

Hinweis: Liebe Leser*innen, was Spoiler angeht, hab ich den Überblick verloren. Keine Ahnung, ob ich hier die eine oder andere Kleinigkeit verrate. Da es sich um ein Feel-Good-Movie für die Weihnachtszeit handelt, ist der Generalverdacht, dass es in allen Handlungssträngen irgendwie gut ausgeht, sowieso nicht verfehlt. Aktuelle Streamingangebote zu Tatsächlich… Liebe gibt’s bei JustWatch.

Schauspielerin Emma Thompson öffnet ihr Weihnachtsgeschenk – ein Standbild aus Tatsächlich... Liebe. | Bild: StudioCanal
Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht: Emma Thompson mit dem verräterischen Weihnachtsgeschenk von Alan Rickman. | Bild: StudioCanal

Totale: Tatsächlich… Liebe im Zusammenhang

Historischer Kontext

2003. Die Veröffentlichung von Tatsächlich… Liebe fällt in das Jahr des dritten Teils von Der Herr der Ringe und dem ersten Teil von Fluch der Karibik. Der Clownfisch Nemo paddelt über die Leinwände und die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland fällt einmal mehr, in Good Bye, Lenin!

Der ewige Junggeselle Hugh Grant, der in Tatsächlich… Liebe als tanzender, singender Prime Minister auftritt,  hat jetzt im Mai 2018 im Alter von 57 Jahren übrigens geheiratet – die schwedische TV-Produzentin Anna Elisabet Eberstein. Glückwunsch, ihr beiden!

Persönlicher Kontext

Ach, puuh… ja, was soll ich sagen? Tatsächlich… Liebe hab ich tatsächlich zig mal gesehen. So eine Weihnachtstradition, der zu frönen ich nicht müde werde. Ich mag den Film, trotz allem, was daran auszusetzen ist (siehe unten). Warum aber jetzt darüber schreiben, im Hochsommer, unter dem fadenscheinigen Vorwand, einen kühlen Kopf bewahren zu wollen? Ehrlich gesagt: Ein schlechtes Gewissen treibt mich an. Nachdem ich den neuen Martin-Freeman-Film Cargo (2018) gestern so genüßlich zerrissen habe (weil er aber auch einfach mies war!), fürchte ich nun um mein Karma. Um das wiederherzustellen, hier also ein Loblied für einen alten Martin-Freeman-Film, den ich ehrlichen Herzens feiern kann.

Martin Freeman spielt in Tatsächlich… Liebe übrigens einen schüchternen Pornodarsteller, der seine Spielpartnerin nach einem Date fragt. Kleine Nebenrolle, aber fürs Karma wird’s reichen.

Close-up: Tatsächlich… Liebe im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Tatsächlich… Liebe ist gespickt mit Kultszenen, über die sich im Internet Trivia-Infos türmen. Gleich der Auftakt des Films ist eine solche Szene, obwohl sie als Prolog vorweg ohne berühmte Schauspieler*innen auskommt. Allein die Stimme von Hugh Grant (beziehungsweise seinem deutschen Synchronsprecher Patrick Winczewski) begleitet den Filmanfang aus dem Off, mit den Worten…

Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert, denke ich immer an die Ankunftshalle im Flughafen Heathrow. Es wird allgemein behauptet, wir lebten in einer Welt voller Hass und Habgier. Aber das stimmt nicht. Im Gegenteil, mir scheint, wir sind überall von Liebe umgeben. Oft ist sie weder besonders glanzvoll, noch spektakulär, aber sie ist immer da. Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Ehepaare, frisch Verliebte, alte Freunde…

Echte Gefühle

Wir sehen dokumentarische Aufnahmen, die tatsächlich am Flughafen Heathrow (der unter anderem schon Gastgeber für die Flughafen-Szene in Ein Fisch namens Wanda war) entstanden sind. Regisseur Richard Curtis hat damals einfach Kameraleute losgeschickt und echte Reisende filmen lassen. Heute hätte er dafür im Sinne der DSGVO vermutlich erstmal einen Schwung Handzettel in der Halle verteilen müssen. Was es wohl für eine Szene geworden wäre, wenn nur noch die vorfreudigen »Wir kommen ins Kino!!!«-Flughafenbesucher für diesen Vorspann hätten verwendet werden dürfen: theatralisches übereinander Herfallen, dramatisches Rumgeknutsche, fake smiles und duck faces. Vor 15 Jahren ließ Curtis die gefilmten Menschen stattdessen erst im Nachhinein fragen, ob er das Material verwenden dürfte. Deshalb sind all die Begrüßungen, die wir sehen, die Umarmungen und Blicke und Gesichtsausdrücke tatsächlich… Liebe. Oder wie Videostore-Franky sagen würde: 90 Sekunden Hardcore, echte Gefühle.

Vom romantischen Anfang zum alternden Rockstar

Auf den rührseligen Flughafen-Einstieg folgt erstmal ein Bruch, mit einem Schnitt zum famosen Bill Nighy (aktuell zu sehen in Der Buchladen der Florence Green). Als altender Rockstar Billy Mack vereint er das Selbstbewusstsein von Videostore-Franky mit dem Fame eines Mick Jagger. Er soll den Troggs-Klassiker Love is All Around als Weihnachtsedition neu einsingen, was nicht auf Anhieb klappt – doch sein Manager Joe ist ein geduldiger Mann (für mich sind und bleiben die beiden ja das tollste Liebespaar in diesem Film). Irgendwann klappt’s mit dem Einspielen des Liedes, das von Billy Mack unverhohlen als Kommerz-Aktion kommuniziert wird:

Das Lied ist Schrott, aber kauft es trotzdem!

Sympathisch, so viel Offenheit. Und weil’s so schön ist, hier der Song zu einem Best-Of-Moments aus Tatsächlich… Liebe:

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Die Balance zwischen romantischen und witzigen, tragischen und schönen Szenen ist das, was Tatsächlich… Liebe tatsächlich großartig gelingt. Die Kunst liegt darin, nicht bloß ein Schaulaufen der Stars zu veranstalten, sondern den vielen großen Schauspieler*innen (und damit meine ich nicht nur die bekannten Gesichter) in der Kürze ihrer jeweiligen Screentime möglichst viel Raum für ihre Rollen zu geben. Obwohl ihnen allen eher Zeitfenster im Kurzfilm-Format zur Verfügung stehen, erleben wir den trauernden Ehemann, seinen verliebten Sohn, den Familienvater auf Irrwegen, seine gekränkte Frau, eine herzzerreißende Geschwisterliebe… so viele Szenen, in denen starke Gefühle vermittelt werden, ohne dass die Zuschauer*innen sich lange auf die Charaktere einlassen konnten.

Gekonnte Übergänge

Dass dieser Coup aufgeht, liegt auch am sorgfältigen Arrangement der Szenen. Die vielen Episoden werden mit teils echt pfiffigen, teils schlicht stimmigen Übergängen miteinander verknüpft, mit Komik und Tragik im gekonnten Wechselspiel. Nehmen wir die Szene mit dem britischen Sextouristen Colin, der (völlig erwartungsgemäß) an seinem ersten Abend in Amerika sein Bett gleich mit vier attraktiven Frauen teilen darf. Zuletzt sehen wir ihn und seine Begleiterinnen von außen durchs Schlafzimmerfenster einander ausziehen, natürlich ganz jugendfrei als Schattenspiel im Gegenlicht: Der junge Mann, der mit drei Damen ins Bett fällt, während die vierte schon auf dem Weg ist. Schnitt zur Bescherung bei einer anderen Familie, deren Mutter (Emma Thompson) direkt ankündigt:

Heute Abend gibt’s für jeden nur ein Geschenk.

Nicht nur spielt der Dialog damit auf die vorausgegangene, vom überzogenen Humor lebende Szene an. Auch leitet eben dieser Dialog, im weiteren Verlauf, die wohl bitterste Szene des Films ein: Die Ehefrau, die als Geschenk ihres Mannes ein Album mit trauriger Musik bekommt, statt des erhofften Herzschmucks (der dann wohl an die Geliebte ging…). Vor kurzem wies ich für die Kritik zu Whale Rider (2002) noch auf die Zusammenstellung traurigster Szenen durch Autor*innen und Leser*innen von The Guardian hin. Nun, wenn Emma Thompson als enttäuschte Ehefrau zur Stimme von Joni Mitchell versucht, ihre Gefühle zu kontrollieren – diese Szene ist natürlich auch in der Zusammenstellung zu finden.

Trotzdem… Wermutstropfen

Man dürfte es in den vorausgegangenen zwei Absätzen gemerkt haben: Gut gealtert ist Tatsächlich… Liebe in Sachen stereotypische Geschlechterrollen nicht: die scheue Haushaltsgehilfin, die sexy Sekretärin, die andere sexy Sekretärin von dem Prime-Minister und seinem notgeilen Amtskollegen aus Amerika (na ja, in der Hinsicht war Tatsächlich… Liebe schmerzhaft prophetisch). Da gibt’s die Hausfrau und Mutter, die fürsorgliche und schwer verliebte Schwester, die begehrenswerte Frau des Anderen und besagte Sex-Gespielinnen für britische Touristen. Während alle Macht und Initiative den Männern (und Jungs) zugeschrieben wird, sind die Frauen vor allem hübsch anzusehen und begehrenswert, ansonsten aber still und passiv. Sie sollen sich erobern lassen wollen.

Hinzu kommt: neun erzählte Liebesgeschichten, alle hetero (eine Szene zwischen einem lesbischen Paar wurde herausgeschnitten, siehe: deleted scenes). Und für ein, zwei billige Jokes macht der Film übergewichtiger Menschen runter, was tatsächlich… nicht sehr liebenswert ist.

Auf die Masse, fertig, los.

An der Mentalität von Richard Curtis könnten all solche Bemängelungen abprallen. Auf die Kritik des berüchtigten Chef-Filmkritikers der New York Times hin, sagte der Regisseur bei der Premiere seines Films damals: Lieber mache er einen Film, den die meisten Zuschauer mögen und einige Kritiker nicht, anstatt einen Film, den die Kritiker mögen, aber keiner sehen mag. Curtis wollte den Mainstream bedienen und das hat er getan. Allein, dass der Mainstream inzwischen bunter geworden ist.

Was hatte besagter Chefkritiker, namentlich A.O. Scott, denn eigentlich an Tatsächlich… Liebe auszusetzen? Oh, so einiges:

Tatsächlich… Liebe […] ist ein unverdaulicher Weihnachtspudding aus der britischen Schrullenfabrik, die auch für die leidlich schmackhafteren Zuckerwerke Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Notting Hill und Bridget Jones verantwortlich sind. Eine romantische Komödie, herangeschwollen zu einem nach Oscars fischenden Epos. | A.O. Scott (übersetzt aus dem Englischen)

Fazit zu Tatsächlich… Liebe

Es gibt genug Gründe, Tatsächlich… Liebe zu ignorieren. Der Film ist schnulzig und sicher ein wenig zu lang. Er zeichnet ein Gesellschaftsbild, das Hetero-Männern ja nur schmeicheln kann, gezeichnet als Herren der Welt, begehrenswert oder Begehrende, die ihr Begehrtes kriegen. Für solche Schmeicheleien bin ich selbst durchaus anfällig und so sehr ich alle Minuspunkte abnicken kann, mag ich das Gesamtwerk immer noch. Zumal ich sehr empfänglich bin für Musik-Einsatz in Filmen. Ein ernüchternd einfaches Mittel, von dem Tatsächlich… Liebe nicht wenig Gebrauch macht. Doch on top finde ich das Ding schlicht gut geschrieben, gespielt und dramaturgisch arrangiert.

Bemerkenswert: Es gibt eine deleted scene, die ich vor Jahren gesehen und nie vergessen habe. Darin ist das Plakat einer Hilfsorganisation zu sehen. Es zeigt zwei Frauen, die dicke Bündel von Ästen durch die afrikanische Wüste schleppen. »Help shoulder their burden«, steht darunter: »Hilf, ihre Lasten zu tragen«. Die Kamera fährt hinein in das Plakat, ist plötzlich bei den armen Frauen in der Wüste…

Sie reden darüber, dass sich eine Tochter in einen Typen verknallt hat, ein Idiot, aber was solle man machen? Und hätten sie nicht selbst große Idioten geheiratet? Lachend gehen die Frauen weiter ihren Weg, alltäglich plänkelnd. Irgendwie fand ich diese kleine Einsicht sehr schön.


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