Film Kurzfilme

31. Bundes.Festival.Film. in Hildesheim | Rückblick, Tag 1

Wenn sich Jesus und kranke Sadisten das Rampenlicht teilen, dann lohnt sich der Blick auf die Bühne. Und auf die Leinwand, natürlich, auf der sich Rapperinnen anranzen und kleine Möchtegern-Astronauten zum Mond schießen wollen. Bunt ging’s zu beim 31. Bundes.Festival.Film. in Hildesheim. 38 Filme an einem Wochenende voller Eindrücke und Begegnungen – hier ein Rückblick zur Sause rund um den Thega Filmpalast.

Auftakt zum 31. Bundes.Festival.Film.

Der Veranstaltungsort hätte nicht besser gewählt sein können. Damit ist erstmal Hildesheim selbst gemeint. Die Gastgeberstadt des 31. Bundes.Festival.Film punktet zwar nicht mit einer 1A-Lage (aus Richtung Aachen von der A2 runter, darf man noch ne knappe Stunde durch die Pampa gurken, geil), aber ist man einmal da, ist alles nah. Der Thega Filmpalast als Hauptschauplatz des Festivals liegt in Sichtweite zu dem Hotel, das alle Filmemacher*innen beherbergte – und fußläufig zu den Locations, in denen sich eine spannende Panel-Diskussion und eine gebührende Aftershow-Party abspielten, nach der Preisverleihung am Samstagabend. Doch der Reihe nach.

Die Schauspieler Langston Uibel und Maja-Celiné Probst in dem lange nachwirkenden Kurzfilm Liebesstreifen, gezeigt auf dem Bundes.Festival.Film. | Bild: Liebesstreifen/Wendefilmkollektiv
Die Schauspieler Langston Uibel und Maja-Celiné Probst in dem Kurzfilm Liebesstreifen. | Bild: Wendefilmkollektiv

Hier geht’s zur Geschichte des Deutschen Jugendfilmpreises, der seit 1988 (unter wechselndem Namen) alljährlich auf dem Bundes.Festival.Film verliehen wird.

Hier geht’s zu einem Beitrag über die Jury zum Deutschen Jugendfilmpreis und über die Gastgeberstadt.

Los ging’s am Freitagnachmittag mit einem ersten Filmblock, der inhaltlich schon bestens auf die Bandbreite des Bundes.Festival.Film einstimmte. In anderthalb Stunden gab es fünf kurze Filme zu sehen, je gefolgt von Gesprächen mit den kreativen Köpfen hinter den Projekten. Mit dabei: jung und alt, Jungen, Mädchen, Laien und Semi-Profis, Freunde, Familien und Filmnerds natürlich. Nach der Jurysitzung im März, bei der wir fünf Juror*innen noch ob mancher Hintergrund-Geschichten zu den eingereichten Filmen rätselten, war es großartig, die Gesichter zu gesichteten Werken kennenzulernen.

Filmblock 1: Unsichtbare Schüler und große Kunst

Ein Streich mit Folgen | Wenn Schüler*innen Unfug machen, kann das Ärger geben. Oder es kommt ein richtig cooler Film dabei rum. Highlight dieses heiteren Streifens ist der Auftritt eines verschollenen Schülers, der einst mit Chemikalien einen Streichen spielen wollte… | 8.47 Minuten, von Schüler*innen (14-15 Jahre) der Albert-Schweitzer-Schule in Denkendorf, Baden-Württemberg.

Vielleicht | Ein Videoslam aus der Generation Y, die für ihr Faible fürs »maybe« bekannt ist. Aber macht der Hang, die Entscheidung vor sich her zu schieben, das Leben wirklich leichter? | 2.49 Minuten, von Designerin und »GIF-Girl« Hanna Viellehner (hier ihr Online-Portfolio), zusammen mit Sophia Stöhr und Lena Schell (20-24 Jahre) aus Oberbergkirchen, Bayern.

Ricardo Porro – Der Salto Mortale | Das Porträt eines Mannes namens Ricardo Porro, der als junger Architekt in Kuba erst ein, zwei, drei Häuser entworfen hat. Dann gab Fidel Castro ihm den Auftrag, Kunstschulen für Havanna zu entwerfen. Das Mammutprojekt, das Porro als seinen »Salto Mortale« bezeichnet, schildert dieser Dokumentarfilm. | 19.38 Minuten, von Roberto Santana (61) aus Erfurt, Thüringen. Hier gibt’s weitere Infos + einen Filmausschnitt.

Dieter Rupp als melancholischer Träumer

Ein Mann, der vom Fliegen träumt | In Bildern, die an Federico Fellinis traumwandlerischen Szenen aus Achteinhalb (1963) erinnern, erzählt dieser wortkarge Kurzfilm von einem Mann, der einen Traum verfolgt. In der Hauptrolle: der Schauspieler Dieter Rupp (Frohzusein, Jenes innere Wesen). | 11.48 Minuten, von Pascal Rosengardt (19) aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Angst vor | Bei einem Spaziergang bleibt der Hund plötzlich stehen – oder sitzen, vielmehr. Und er bewegt sich nicht mehr vom Fleck, obwohl es um ihn und sein ratloses Herrchen herum langsam Nacht wird. | 4.13 Minuten, von Welf Reinhart (22) aus Kassel, Hessen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Mit seinen 61 Jahren war der Filmemacher Roberto Santana nicht für den Deutschen Jugendfilmpreis nominiert, sondern den Deutschen Generationenfilmpreis. Dieser wurde 1998 gegründet und richtet sich an Filmemacher*innen bis 25 Jahre, die sich inhaltlich mit dem Thema Alter(n) auseinandersetzen – sowie an Filmemacher*innen über 50 Jahre. Auch gemeinsame Projekte beider Altersklassen sind zugelassen und werden in der Preiskategorie »Generationenübergreifend« gewürdigt. Dazu gehörte etwa Angst vor des 22-jährigen Welf Reinhart.

Der Deutsche Generationenfilmpreis

Die Jury für den Deutschen Generationenfilmpreis setzte sich in diesem Jahr zusammen aus: Sarah Kuschel (Kulturwissenschaftlerin an der Uni Hildesheim), Phan Thieu Hoa Nguyen (Studentin der Kulturwissenschaft und ästhetischen Praxis, ebenfalls in Hildesheim), Ben Scharf (Drehbuchautor aus Berlin), Paul Scholten (ehemaliger Wettbewerbsteilnehmer aus Pforzheim) und Claudia Telschow (Bund Deutscher Film-Autoren, Filmfestival FILMthuer, aus Jena). Dieser Jury wohnte ich nicht bei, womit ich im Rahmen des diesjährigen Programms des Bundes.Festival.Film. einige starke Filme selbst erstmals zu sehen bekam.

Filmblock 2: Dem Vater so nah, der Heimat so fern

Hypothetic Crimestory | Im Look & Feel der BBC-Serie Sherlock Holmes wickelt dieser Kurzfilm ein Verbrechen von hinten auf. Dabei spielt er gekonnt mit Zeit- und Erzählebenen, so dass am Ende die Frage offen bleibt: Wessen Geschichte wurde hier eigentlich erzählt? | 5.40 Minuten, von Rasmus Dankert (15) aus Rheinbach, Nordrhein-Westfalen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Meerjungfrau frisch vom Baum | In farbenfrohen Scherenschnitt-Bildern geht es in diesem Märchen um das Schicksal einer Meerjungfrau, die von zwielichtigen Forschern entführt wird. Dabei werden alle menschlichen, tierischen und fantastischen Rollen von den Kindern (8-13 Jahre) gesprochen, die dieses Projekt umgesetzt haben | 5.24 Minuten, von der Feriengruppe Kind & Werk e.V. / angeleitet durch Sonja Wessel aus Weilheim, Bayern. Hier geht’s zur Website der Medienwirkstatt von Sonja Wessel.

Babam | Ein Filmemacher-Sohn porträtiert seinen Fischhändler-Vater und geht dabei so nah ran, wie möglich. Dieser bemerkenswert persönliche Dokumentarfilm hat es auch ins Programm 2018 der Werkstatt der Jungen Filmszene in Wiesbaden geschafft. | 29.31 Minuten, von Cemil Sorgun (25) aus Berlin. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Schönheit und Schrecken auf dem Bundes.Festival.Film.

Wie die Weltrettung zur Welt kam | In verrückten Episoden, die sich Culture Clash und damit einhergehende Phänomene wie Fremdenfeindlichkeit zum Thema machen, lässt dieser Film eine albanisch-arabische Hochzeit entgleisen – und findet doch zu einem schönen Ende. | 15 Minuten, von dieWeltrettung.org (19-25 Jahre) aus Drochtersen-Hüll, Niedersachsen.

Detailverliebt | Ein Film in Blau und Gelb und voller schöner Einfälle. Es geht um zwei junge Menschen der digital-vernetzten Gegenwart, die sich im Real Life begegnen – mit amüsanten Folgen. | 12.50 Minuten, von Joschua Keßler (22) aus Darmstadt, Hessen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Zwischen den Fronten | Wie die Flucht aus Syrien vor die Küste Lybiens führt. Erzählt in beeindruckend durchdachten und animierten Bildern, die trotz ihrer Schönheit den Schrecken vermitteln. | 7.33 Minuten, von Nora Johanna Brockamp (22) aus Ludwigsburg, Baden-Württemberg. Dieser Film ist bei Amazon verfügbar.

Moderiert wurde das Bundes.Festival.Film. übrigens, wie schon im vergangenen Jahr, von Filmemacherin Lena Liberta. Selbst gelernte Regisseurin, konnte sie den Filmemacher*innen auf der Bühne auf Augenhöhe begegnen und hat immer wieder ihren Blick für Details der Kameraarbeit oder Erzählweise miteinfließen lassen – ein echter Mehrwert für die Gespräche zwischen den Filmbeiträgen beim Bundes.Festival.Film.

Filmblock 3: Aufs Maul

Blaue Flecken | Hamburg in Schwarzweiß, zwei Rapperinnen unterwegs. Wir folgen Ella und Dahlia durch einen Tag mit Höhen und Tiefen, eingerahmt von den intimen Momenten der Ideenfindung. Ella ist es, die sich am blanken Blatt Papier abarbeitet und versucht, Zeilen von Bedeutung niederzuschreiben. Dahlia hingegen denkt eher ans Feiern – das kann auf Dauer nicht gut gehen, zwischen den beiden. | 16.38 Minuten, von Martin-Oliver Czaja (24) aus Bremen, aktiv auf Facebook und Vimeo | Hier gibt’s weitere Infos zum Film, sowie einen Teaser zu Blaue Flecken

Fair teilen. Fair kochen. Lokale Rebellen gegen Lebensmittelverschwendung | Ein liebevoll gemachtes Porträt der »Offenbacher Küche«. Dieses Projekt setzt sich für Alternativen gegen das massenhafte Wegwerfen von Lebensmitteln ein. | 9.20 Minuten, von der Video-Gruppe 55+ im Mehrgenerationenhaus des KJK Sandgasse, Offenbach am Main. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Ein Thema, viele Herangehensweisen

Borderline | Eine technisch gesehen beeindruckende Plansequenz. Über 6 Minuten lang folgt die Kamera dem scheinbaren Waldspaziergang von ein paar Deutschen. Bloß, dass es kein Spaziergang ist… ein weiterer, anderer, streitbarer Film über Flüchtlinge in Europa. | 6.09 Minuten, von Pascal Fenkart (23) aus Offenburg, Baden-Württemberg. Hier ein Filmauschnitt inklusive dem kontroversen Ende.

Tage des Meeres | Und wieder ein politischer Film zum Thema Flüchtling, und wieder ganz anders. Eine Collage aus kunstvoll arrangierten Bildern, Home-Video-Aufnahmen aus der Nachbarschaften und realen Mitschnitten aus Nachrichten, alles in grober Auflösung gehalten. Unscharf, so wie die Situation eben ist, bleibt dieser Experimentalfilm. Am Ende baden wir in demselben Wasser, in dem unsere Mitmenschen ertrinken. | 4.44 Minuten, von Jan & Eva Walentek (72, 69) aus Winnenden, Baden-Württemberg. Hier geht’s zu einem Interview mit Jan Walentek, der beim Bundes.Festival.Film. mit seinen Beiträgen ein Stammgast ist.

Liebesstreifen | Die einfühlsame Geschichte zweier Liebender, die sich nicht lieben können. Sie versuchen es, an einem idyllischen Sommertag im Grünen – doch irgendetwas Unaussprechliches steht zwischen ihnen. Für mich eines der Highlights des Bundes.Festival.Film., dieser so leise, so intime, so wunderschöne Film. | 12.31 Minuten, von Adrian Schwartz (23) aus Offenburg, Baden-Württemberg. Hier geht’s zur Facebook-Seite des Wendefilmkollektivs, dem Adrian Schwartz angehört.

Der Messias und die Motorrad-Gang

Das Abendmahl | Jesus als Anführer einer Motorrad-Gang mit einem Rudel wirklich eindrucksvoller Aposteln. Diese Neuverfilmung des Neuen Testaments hätt‘ ich mir auch drei Stunden lang angesehen. Grandios in Szene gesetzt, diese krassen Charaktertypen vor der Kamera! | 13.41 Minuten, von Harald & Steven Takke (22) aus Frankfurt am Main, Hessen. Hier geht’s zum YouTube-Kanal der TAKKE TWINS, zwei Typen, die man sich merken kann.

Sommerhaus | Zu guter Letzt noch ’n bissel Kunstblut und Sadismus. Schön als Abschluss des ersten Tages vom Bundes.Festival.Film., wenn alle Kiddis schon zurück im Hotel sind: Ein junger Mann im abgelegenen Sommerhaus, allein, bis ein Zweiter angekrochen kommt. Wortwörtlich. Der eine Mann gibt dem Ankömmling etwas zu trinken und einen Schlafplatz. Der andere Mann übernimmt als Gegenleistung ein paar Aufgaben rund ums Haus – ein Hin und Her, das ruckzuck ausartet. | 10.52 Minuten, von Niklas Kielmann (18) aus Kiel, Schleswig Holstein. Hier ist das Ding:

Zum zweiten Tag und der Preisverleihung des Bundes.Festival.Film. gibt es in Kürze mehr.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Hey Hanna,

    der Dank ist meinerseits – für den wirklich schönen Beitrag, den du zum Festival geleistet hast. Ich bin gespannt, ob es im nächsten Jahr …. vielleicht? … wieder etwas von dir zu sehen gibt. In diesem Sinne: Frohes Schaffen weiterhin!

    Herzliche Grüße, David

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