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AUSLÖSCHUNG mit Natalie Portman | Film 2018 | Kritik, Review

Ein bildgewaltiges Science-Fiction-Märchen mit Oscar-Preisträgerin Natalie Portman und Jennifer Jason Leigh in den Hauptrollen, das ist Auslöschung. Der Film ist für die große Leinwand gedreht worden. Stattdessen konnten wir das Werk hierzulande nur rund 3 Wochen nach dem US-Kinostart auf unseren heimischen Fernsehern sehen. Seitdem darf das deutschsprachige Internet mitmischen beim Entzwiebeln dieses rätselhaften Films.

Schönheit und Schauer hinterm Schimmer

Eine angenehme Abwechslung, einen Film über eine quasi-militärische Operation ohne Macho-Gehabe zu sehen. Stattdessen sind es fünf Frauen, die sich in die Area X vorwagen (nachdem alle Männer gescheitert sind, muss man wohl dazu sagen). Obwohl die Schauspielerinnen Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tessa Thompson und Tuva Novotny jede für sich eine tolle Performance abliefern, wurde Auslöschung für seine Besetzung kritisiert. Und außerdem sei der Film zu kompliziert. Was hat es mit dieser Kritik auf sich? Schauen wir mal.

Hinweis: Liebe Leser*innen, im Absatz Erklärungen wird auf einige Szenen respektive das Setting genauer eingegangen. Ansonsten gibt’s keine Spoiler. Der Film ist exklusiv nur bei Netflix zu sehen.

Die Schauspielerinnen Gina Rodriguez und Tessa Thompson in dem Film »Auslöschung« | Bild: Paramount Pictures
Gina Rodriguez und Tessa Thompson in Auslöschung, wie man sieht: kein Feel-Good-Movie. | Bild: Paramount Pictures

Totale: Auslöschung im Zusammenhang

Zeitgenössischer Kontext

Noch ist es eine Besonderheit, aber sie sollte Kinobesitzer mulmig stimmen. Der visuell hervorragende, starbesetzte Science-Fiction-Film Auslöschung lief nur in Amerika, Kanada und China in den Lichtspielhäusern an, am 23. Februar 2018. In allen anderen Ländern übersprang die internationale Auswertung das Kino. Stattdessen hat das verantwortliche Studio, Paramount Pictures, die Rechte an den Streamingdienst Netflix verkauft. Dieser machte Auslöschung schon am 12. März online verfügbar. Somit war der Film in Deutschland nicht im Kino zu sehen, sondern direkt auf heimischen Endgeräten. Sei es auf dem Tablet, dem Fernseher, oder eben einem Beamer, der dem Kinoerlebnis beachtlich nahe kommt (abzüglich der Negativerfahrungen wie klingelnden Handys oder quatschenden Sitznachbarn).

Man kann diese Entwicklung gut oder schlecht finden, das hält den Gang der Dinge nicht auf. Alles, was marktwirtschaftlich Sinn macht, bahnt sich in unserer Gesellschaft seinen Weg und wird auf Dauer angenommen. Auch die Filmindustrie ist ein Ökosystem – und wie Jurassic Park uns lehrte: Das Leben findet einen Weg.

Die Schuld am Kinosterben

Der Grund dafür, dass ausgerechnet dieser Film diesen Weg ging, ist ziemlich banal. Aber auf gewisse Weise ein herrlich ironischer Wink des Schicksals. Was ist passiert? Kurzum: Die Hintermänner der beteiligten Produktionsfirmen haben sich verkracht. Bei einem Testscreening im Sommer 2017 wurde der Film als zu intellektuell und kompliziert empfunden. Zwar konnte verhindert werden, dass der Regisseur sein Werk zu einer gefälligeren Fassung umschneiden musste. Der Kompromiss lief aber darauf hinaus, dass Paramount Pictures keinen kostspieligen Flop an internationalen Kinokassen riskierte.

So sehr der Regisseur diese Entscheidung bedauert – etwa im Interview mit Tommy Cook (Collider) – macht dies vonseiten des Studios nur Sinn. Paramount Pictures hat bereits zahlreiche Projekte von berüchtigt genialen (respektive vermeintlich erfolgsversprechenden) Filmemachern finanziert. Das Ergebnis: oft künstlerisch wertvoll, aber kommerziell katastrophal. Im Jahr 2017 waren etwa Darren Aronofskys mother! und Alexander Paynes Downsizing zwei vergleichbare Vorhaben, die an den Kinokassen eine Schlappe erfuhren. Statt Paramount für den Verkauf an Netflix also zu kritisieren, sollte man das Studio dafür achten, dass es visionären Regisseuren überhaupt noch die Möglichkeit gibt, ihre Ideen zu verwirklichen – auch wenn sie am Mainstream vorbeizielen.

Oh, Ironie!

Sucht man für das Aussterben der Kinos einen Schuldigen, muss man wohl auf die Kinogänger selbst zeigen. Diejenigen, die dieser Tage lieber daheim bleiben. Nicht vergessen: Professionelle Streamingdienste waren die Folge von illegalen Streaming-Machenschaften. Die Leute bleiben nicht zu Hause, weil es Netflix gibt. Netflix gibt es, weil die Leute zu Hause bleiben.

Was den ironischen Wink des Schicksals anbelangt: In Auslöschung geht es darum, wie Organismus – also bestehende Strukturen – zersetzt und neu formiert werden. Nichts Anderes passiert aktuell (mal wieder) in der Filmindustrie. Dass Auslöschung am Kino vorbei den Weg direkt ins Wohnzimmer findet, ist eine Auslöschung der etablierten Kinos und die Etablierung neuer Kinos daheim. Na, wenn das dem Film nicht eine besondere Würze verleiht.

Persönlicher Kontext

Der Science-Fiction-Streifen Auslöschung basiert auf dem gleichnamigen Buch von Jeff VanderMeers, der sein literarisches Werk inzwischen zu einer Trilogie ausgebaut hat. Wie gern würde ich mich vor jeder filmischen Interpretation erst einmal mit der zugrunde liegenden Romanvorlage beschäftigen. Dafür ist ein Menschenleben leider zu kurz. Trotzdem stellte ich mir die

Frage: Sollte man im Fall von Auslöschung den Roman von Jeff VanderMeer kennen, ehe man den Film von Alex Garland sieht?

Die Antwort lautet: nicht unbedingt. Zum Einen hat der Drehbuchautor und Regisseur Alex Garland selbst das Skript basierend auf seinen Erinnerungen an die Lektüre des Romans geschrieben und bewusst nicht streng gemäß der Vorlage. Zum Anderen ist der Film auch (vermutlich: eben deswegen) völlig anders als das Buch. Der YouTuber Brockrin vermutet eine Schnittmenge von 8 Prozent, die Buch und Film gemeinsam haben. Indiewire findet den Film sogar besser als das Buch und führt dazu etliche Gründe auf (englisch).

Kritisiert wurde das Casting von Natalie Portman und Jennifer Jason Leigh übrigens dafür, dass deren Charaktere in der literarischen Vorlage als asiatisch beziehungsweise halb-indianisch beschrieben werden. Allerdings erst im zweiten Buch der Trilogie, das Alex Garland beim Schreiben des Drehbuchs noch nicht vorlag. So sehr ich es persönlich also ätzend finde, wenn amerikanische Schauspieler in Rollen besetzt werden, die eigentlich für andere Ethnien bestimmt sind: Hier kann ich die Argumentation des Regisseurs noch verstehen.

Close-up: Auslöschung im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Es beginnt mit einer Halbtotale von Natalie Portman. Sie sitzt in weißer Kluft auf einem Stuhl, vor kahler Wand. Neben ihr ein Beistelltisch, darauf ein Glas Wasser. Deprimierend karges Setting. Schnitt auf eine Nahe im Profil, von der Seite. Die Frau trägt kleine Narben im verstört dreinschauenden Gesicht, das Licht gibt ihrer Haut einen gelbgrünen Stich. Jetzt sehen wir, im Hintergrund, die Glaswand neben ihr, hinter der Menschen in blauen Anzügen stehen und sie betrachten wie ein Tier im Zoo. Wieder ein Schnitt in die Halbtotale, dieses Mal in die andere Richtung. Über die Schultern der Frau hinweg sehen wir drei Menschen in weißen Anzügen, die ihr gegenüberstehen. Der mittlere, bullige Mann fragt:

Was haben Sie gegessen? Sie hatten Vorräte für vier Wochen und waren fast vier Monate da drin.

Urknall 2.0

Der Auftakt zu einem Verhör. Die Frau ohne Zeitgefühl und mit brüchiger Erinnerung wird nach ihren Begleitern gefragt. Eine sei tot, vom Verbleib der Restlichen wisse sie nichts. Soweit der bedrückende Auftakt. Die Anfangsszene erinnert an Filme über Epidemien, Contagion (2011) etwa. Portman scheint eine Infizierte oder Kontaminierte zu spielen. Von dieser Rahmenhandlung aus werden wir zurückgeworfen.

Zurück bis zum Urknall, so scheint es. Ein Feuerball schießt aus dem Weltall auf die Erde nieder. Er schlägt in einen Leuchtturm an einem entlegenen Strand ein, stumm. Dazu fast zärtliche, wenn auch monotone Musik. Abstrakte Bilder einer quellenden, dunklen Masse werden zwischen geschnitten, dann wieder der brennende Leuchtturm. Diese letzte Einstellung, kurz vor dem Titel, ist für heute CGI-Standards leider arg flach und künstlich geraten. Das verwundert mich, denn im großen Ganzen ist der Film visuell grandios geraten.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Die folgende, etwas holprige Exposition mit seltsam aufdringlichen Musikeinsatz spielt sich noch in der »normalen Welt« ab, die wir alsbald verlassen werden. Natalie Portman spielt (in der Rückblende) eine Professorin, ihr Fachgebiet ist die Biologie. Sie erzählt ihren Studenten, wie Zellen aus sich immerzu teilenden Zellen hervorgehen und das jede Zelle des Universums auf einen einzigen Organismus zurückzuführen sei. Atemberaubende Tatsache, wenn man drüber nachdenkt, was man selten tut, im Alltag unserer besagten »normalen Welt.

Doch in diese Welt ist ein Meteorit eingeschlagen, drei Jahre vor Beginn der Filmhandlung rund um Natalie Portmans Charakter. Sie wird Teil eines Teams, das das Areal rund um den eingeschlagenen Meteoriten erkunden soll. Dieses Areal breitet sich langsam aus – und niemand, der hineingeraten ist, kam wieder heraus. Umgeben ist das Areal (genannt: Area X) von einem mysteriösen Schimmer. Was sich dahinter abspielt, ist von solcher Schönheit und Spannung, dass es den für mein Empfinden schwachen Filmauftakt wettmacht.

Erklärungen zum Film Auslöschung

Was ist der Schimmer?

Als »der Schimmer« wird im Film das gesamte Areal genannt, das sich seit dem Einschlag des Meteoriten von dem Leuchtturm auf einem Landzipfel Floridas her ausbreitet. Das Areal ist umgeben von etwas, das wie ein gewaltiger Ölfilm aussieht. Bloß, dass dieser Ölfilm nicht auf Pfützen am Boden schimmert, sondern wie auf einer gigantischen Seifenblase, die »Außengrenze« des Schimmers.

Innerhalb des Schimmers vollziehen sich seltsame Mutationen. Der Charakter von Tessa Thompson – sie spielt die Physikerin – erklärt den Schimmer als eine Art Prisma. Als Prisma kann man etwa kleine Glasgebilde bezeichnen, in denen sich einfallende Lichtstrahlen brechen und in ihre Farben entfalten – beliebt als Brieföffner, die Dinger. Doch in dem Prisma, das der Schimmer darstellt, werden nicht nur Licht- sondern auch Radiowellen gebrochen. Mehr noch, der Schimmer beeinflusst die DNA der Pflanzen und Tiere in ihm, was zu den Mutationen führt.

Abgefahrene Viecher

Einmal ist ein weißer Hirsch zu sehen, an dessen Geweih rosa Blüten wachsen. Hübscher Anblick eigentlich, stünde hinter ihm nicht sein Doppelgänger, also der gleiche Hirsch noch einmal, der jede Bewegung des Ersteren kopiert. Kleiner Unterschied: Der Doppelgänger sieht halb verrottet aus, wie ein Zombie-Hirsch.

Und ja, es wird noch abgefahrener. Das Internet überschlägt sich mit Bedeutungen, interessant sind etwa die Interpretationsansätze von New Rockstars auf YouTube.

Bei dem Schimmer scheint es sich um ein Konglomerat außerirdischer Organismen zu handeln. Unsere gängigen Vorstellungen davon, wie außerirdisches Leben in unsere Welt vordringen würde, entsprechen unserem eigenen Verhalten: eher kriegerisch. Im berühmten Krieg der Welten sogar: plump kriegerisch. Wie oft sind Menschen im Laufe der Geschichte nicht wie Außerirdische an einem Strand gelandet und haben von dort aus alles mit Waffengewalt platt gemacht, was nicht nach Ihresgleichen aussah? Dass wir dieses markant menschliche Verhalten allzu oft irgendwelchen fiktionalen Aliens andichten, hängt wohl mit mangelnder Vorstellungskraft zusammen.

Fazit zu Auslöschung

Mangelnde Vorstellungskraft kann man dem Regisseur Alex Garland und seinem Team, sowie dem Autor des zugrunde liegenden Buchs, Jeff VanderMeer, nicht unterstellen. Im Gegenteil: Auslöschung ist absolut fantastisch geworden, voller starker Bilder, packender Momente und versteckter Bedeutungen. Wer seine Freude daran hat, mehr in einem Film zu sehen, als die bunte Oberfläche, ist hier genau richtig. Es gibt, wohlgemerkt, nicht nur zum Schwärmen schöne Naturkulissen, sondern auch abartig brutale Gewalt- und Ekel-Szenen mit monströsen Wesen, also… nur so am Rande.

Mir persönlich war das Ende (wie schon im von Alex Garland geschriebenen Sunshine) etwas zu fantastisch. Doch wenn man rund 120 Minuten gut unterhalten worden ist, sollte man sich nicht daran stören, dass ein Filmende von den eigenen Wunschvorstellungen abweicht.


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