Film Kurzfilme

31. Bundes.Festival.Film. in Hildesheim | Rückblick, Tag 2

Der zweite Tag des 31. Bundes.Festival.Film. in Hildesheim war mit 20 Filmbeiträgen ein langer, eindrucksvoller, abwechslungsreicher Tag. Was bleibt davon hängen, welche Werke haben wir gesehen? Nachfolgend ein kleiner Rückblick zum Programm am vergangenen Samstag, 23. Juni, das um 9:30 Uhr mit einer Zeitreise begann. Es ging zurück in die Vergangenheit und das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte – vielbesprochen in Film und Literatur, und doch selten aus einer derart jungen Perspektive.

Vielfalt beim 31. Bundes.Festival.Film.

Alice im Wunderland, inszeniert von Tanja Hurrle, aus dem Bilderreigen des 31. Bundes.Festival.Film.

Filmblock 4: Reisen in die Vergangenheit – und zum Mond

Braunhemd – die Begegnung | In diesem Film begegnen 3 Kinder aus dem Dritten Reich durch eine magische Tür in der Jugendherberge Sachsenhausen einigen Schüler*innen (12-13 Jahre alt) der Gegenwart, die sich dort mit den NS-Verbrechen auseinandersetzen sollen. Eine Zeitreise mit Folgen, lernen doch alle Beteiligten intensiver denn je über die entsetzlichen Taten der 1930/40er Jahre und die gesellschaftlichen Dynamiken, die sie hervorbrachten. Gleichzeitig hält der Film einen Finger in die Wunden unserer Zeit, in der Smartphones die Kommunikation verstümmeln und Cybermobbing Tür und Tor öffnen. | 57.47 Minuten, von Gerd Manzke (58) aus Linden, Schleswig-Holstein. Der Focus widmete dem beeindruckenden Projekt einen ausführlichen Artikel.

[Ksjucha] | Wieder geht’s um Vergangenheitsbewältigung, doch dieses Mal in einem viel kleineren Rahmen: Eine junge Frau namens Ksenia (vom Griechischen Xenia – die Fremde) reist mit dem Zug nach Omsk, um gegen den Willen ihrer Mutter ihren Vater in dessen Heimat näher kennenzulernen. Begleitet wird sie dabei von einer Freundin, die diese Begegnung mit der Kamera dokumentiert. Ein intimer, kleiner, schöner Film. Ein wenig entzaubert wurde [Ksjucha], als die Filmemacher*innen beim Bühnengespräch im Anschluss offenlegten, dass die Montage (der Schnitt und die Ausschnitte) nicht ganz die tatsächlichen Familien- und Reiseumstände wiedergeben. Nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deshalb sehenswert: Ein Film von der Kunst des suggestiven Erzählens. | 6.02 Minuten, von Eva Hoffmann (25, @iwyiwi) aus Berlin.

Kindlich kreatives Schaffen

Ab zum Mond | Der jüngste Regisseur des Festivals hat die Kamera seines Vaters mal auf seine Geschwister gehalten. Es geht darum, wie sein kleiner Bruder seine noch kleinere Schwester zum Mond schießen will. Ein charmantes Projekt, sowohl die Mond-Aktion als auch der Film selbst. | 2.54 Minuten, von Gaetano Romagnoli (8) aus Köln, Nordrhein-Westfalen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Der Name Romagnoli hat mich schon in der Jurysitzung im März hellhörig werden lassen. Aus Köln, auch das noch! Da ist doch Marco Romagnoli aktiv, der berüchtigte Filmemacher mit dem markanten Schnitt und Look und Sound, Musikvideos für die deutsche Rap-Szene, Kurzfilmfutter für Festivals, fleißiger Mann (siehe: sein Vimeo-Profil). Tatsächlich ist Gaetano sein ältester Sohnemann, der sich wohl anschickt, in Papas kreative Fußstapfen zu treten. In der Jurysitzung für den Deutschen Jugendfilmpreis haben wir immer mal wieder darüber diskutiert, wie groß bei etwaigen Projekt von besonders jungen Einreicher*innen der Einfluss von Erwachsenen gewesen sein mochte. So auch bei Ab zum Mond, der gerade im gekonnten Musikeinsatz zumindest den Einfluss des väterlichen Mentors vermuten lässt.

Doch wie soll ein achtjähriger Junge zum Filmschaffen kommen, wenn ihm gar niemand aushilft? Film ist Teamwork, ist doch klar. Wenn ein Kind Musik macht, stören wir uns auch nicht daran, dass es sich das Instrument von Erwachsenen beibringen lässt und fremde Noten spielt. Wenn es später mal ganz Eigenes komponiert, wunderbar, aber das Handwerk will erstmal gelernt sein. Und so ist es auch beim Film von Kindern und Jugendlichen: Manchmal ist es für die Jury ein schmaler Grat, zu entscheiden, ab wann der Fremdeinfluss zu groß ist und die kreative Leistung dominiert. Bei Ab zum Mond von Gaetano Romagnoli kamen wir zu dem Schluss, dass der Junge die Zügel zur Genüge selbst in der Hand hatte. Der Film ist visuell, thematisch und sprachlich aus Kinderperspektive erzählt.

Filmblock 5: DDR-Verhöre und andere Alpträume

Und alles wird wie früher… | In Sachen Kadrage und Farben spricht dieser schöne, subtile Film schon eine richtig cineastische Sprache. Es geht um ein Mädchen (gespielt von Kristin Braun), das nach langer Zeit ein Freundin aus Kindheitstagen wieder trifft. Und es ist eben nicht, »alles wie früher« … der Film hat den Nachwuchspreis beim Christian-Tasche-Filmpreis gewonnen und ist hier in voller Länge zu sehen. Für mein Gefühl hätte der Film (konkreter: die Tanzszenen) deutlich kürzer geschnitten werden können, ohne etwas von der intensiven Gesamtwirkung einzubüßen, doch Bildsprache und Erzählweise des jungen Regisseurs lassen ein Faible für Langfilme vermuten – da macht es absolut Sinn, sich im gemächlichen Erzählen zu üben. Ich bin gespannt, mehr zu sehen! | 15 Minuten, von Victor Gütay (17) aus Gifhorn, Niedersachsen.

Der Törtchendieb | Eine rasante Verfolgungsjagd von Knetfiguren durch eine liebevolle Pappstadtkulisse. Dieser Film stach allein ob seines Produktionsaufwandes und Charme des Handgemachten aus dem bunten Kurzfilm-Reigen am Wochenende des Bundes.Festival.Film. hervor. Eine großartige Geschwisterleistung, von der amüsanten Stop-Motion-Animation bis hin zur gekonnten Dramaturgie. | 2.42 Minuten, von Ferdinand Maurer und seiner Schwester Fanny (13-14) aus Frankfurt am Main, Hessen.

Nicht ohne Stacheln

Spiel-Film | Ein Computerspiel in der Entwicklungsphase – mit Menschen, die ins Spiel reingesogen werden, und Monstern, die aus dem Spiel herausklettern. Was für ein Spaß! Bei der kleinen Referenz an Pulp Fiction (der goldene Schein aus dem geöffneten Koffer) frage ich mich, ob man da wirklich erwachsenen Einfluss vermuten muss, oder diese Referenz so sehr in unsere Popkultur übergegangen ist, dass die Kinder sie selbst einbringen. Denn sie wissen nicht, was sie tun… | 6.30 Minuten, von den Kindern der Trickfilm-AG aus Bochum, Nordrhein-Westfalen.

OSTKAKTUS | Eine Punkband redet über das Wesen des Punk. Erst werden die jungen Musiker*innen interviewt, dann verhört – alles in der detailverliebt heraufbeschworenen DDR. Der Film gipfelt in einem Konzert, das in geschickter Parallelmontage zum Geschehen am Grenzübergang Gänsehaut hervorruft. Für mich einer der besten Beiträge zum 31. Bundes.Festival.Film.; bin immer noch schwer beeindruckt davon, dass die Filmemacher*innen sogar den Song fürs Finale selbst geschrieben und so großartig »geil scheiße« in Szene gesetzt haben: »Ohne Stacheln woll’n sie ihn, doch der Kaktus mag das nicht!«. Inspiriert wurde der Film von Gilbert Furians Buch Auch im Osten trägt man Westen. | 16.01 Minuten, von Johanna Ziemer, David Vagt (21, 19) aus Potsdam, Brandenburg. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Trends unter den jungen Kreativen

Handprints | Als hoffnungslos verlorener Rezipient im Angesicht von abstrakter Kunst, hatte ich es auch bei diesem Experimentalfilm schwer. In krassen, gesättigten, flackernden Bildern beschwört Handprints eine alptraumhafte Atmosphäre herauf, die an David Lynch denken lässt. Bloß, dass es sich bei dem Kopf dahinter um einen erst 15 Jahre alten, kreativen Filmemacher handelt. Dieser Umstand, dass ein so junger Typ ein so vielschichtiges, undurchsichtiges Werk hervorbringt, hat mich am meisten fasziniert. Den Film konnte ich in seinen Bedeutungsschichten leider nicht entzwiebeln. | 6.05 Minuten, von Janis Kraffzik (15) aus Tostedt, Niedersachsen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Insgesamt gab es beim 31. Bundes.Festival.Film. nur wenige solcher außergewöhnlicher Experimentalfilme – und auch Dokumentarfilme waren vergleichsweise rar gesät. Als einen Trend nahmen wir seitens der Jury des Deutschen Jugendfilmpreises vielmehr das fiktionale Erzählen wahr, das sich dramaturgisch und visuell oft an den großen Vorbildern orientierte. Gekonnte Nachahmung der Technik und Soft Skills etablierter Kino-Größen wie David Fincher oder Xavier Dolan, weniger der Bruch mit Konventionen des Erzählens. Doch Ausnahmen gibt es immer wieder, und Handprints würde ich dazu zählen. Spannender Beitrag!

Filmblock 6: Ninja Babykilling Pilzkonzert

Immer Beste Freunde | Eine liebevolle Collage von besten Freund*innen (9-12 Jahre alt), die einander ihre Freundschaft erklären. Dabei kommen Dialoge zustande, die mit zu den witzigsten den Bundes.Festival.Film. zählen. Bezaubernder, kleiner Film! | 14.46 Minuten, vom Filmclub Gera-Pforten e.V. / Stefan Gabel (58) aus Gera, Thüringen. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Advents-Überraschung | Ein Stop-Motion-Film von drei Jungs, die eine Kriminalgeschichte rund um den Weihnachtsmann erzählen. Mit ideenreichen Bildern und unterhaltsamen Wendungen. | 3.12 Minuten, von Eric Hendrich, Anton und Julius Kleinhanß (7-8) aus Alsheim, Rheinland-Pfalz. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Reni | Das Porträt einer Frau, die mit einer durch das Schlafmittel Contergan verursachten Behinderung ihr Leben bestreitet. Als Künstlerin und Schauspielerin weiß sie dabei ein ums andere Mal, das Publikum dieses interessanten Dokumentarfilms zu überraschen. | 18.10 Minuten, von Josef Pettinger (70) aus Göppingen, Baden-Württemberg. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Schwerks neues Werk

Ninja Motherfucking Destruction | Hinter dem Titel hab ich erstmal ein Trash-Fest vermutet. Stattdessen: Ausschnitte aus dem Leben dreier Freundinnen, unaufgeregt arrangiert, lebensnah inszeniert, ein Film wie eine Kapsel. Konserviert werden darin kleine Momente, Gesten, Blicke zwischen den Protagonistinnen, über deren Gedanken und Beziehungen zueinander wir nur rätseln dürfen. | 11.22 Minuten, von Lotta Schwerk (20, auch: Was wir wissen, Okay.) aus Berlin. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Aye, Aye! | Eine komische Bohne gerät in hohen Regalschluchten plötzlich in Seenot. Eine Animation als Verbildlichung dessen, wie es im Kopf eines an Demenz erkrankten, pensionierten Seemannes zugeht. Ein berührender Film! | 4.57 Minuten, von Aruna Gallas, Julia Maier, Majda Sehovic (21) aus Ravensburg, Baden-Württemberg. Weitere Infos + Filmausschnitt.

punktpunktkommastrich | In mancherlei Hinsicht der heftigste Beitrag zum 31. Bundes.Festival.Film.: Die schwangere Tilda soll sich im Rahmen eines Schulprojektes um einen Babysimulator kümmern. Dieser Film hat wie kein Anderer ob kontroverser und interessanter Einzelszenen und Bilder zu Diskussionen in der Jury geführt. Die Filmemacherinnen arbeiten bereits an ihrem nächsten Projekt. Man darf auf deren weiteres Schaffen gespannt sein. | 14.52 Minuten, von Georgia Bauer und Rahel Jung (18-19) aus Stuttgart, Baden-Württemberg. Hier geht es zum YouTube-Kanal der beiden, auf denen auch punktpunktkommastrich in voller Länge zu sehen ist.

Waldstück | Zwischendurch mal eine kleine musikalische Einlage, zum Besten gegeben von einem witzig animierten Pilz-Orchester, das Vater und Tochter bei Waldspaziergängen in Bildern eingefangen und am Computer zum Leben erweckt haben. | 2.06 Minuten, von Stella Raith (21) aus Ditzingen, Baden-Württemberg. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Filmblock 7: Alice und die Logik der Steine

Die Schatten auf meinem Gesicht | Ein Mann erzählt offen von seinen Depressionen. Ein junge Frau findet dazu bedrückend schöne, schlichte Bilder. Dieser kurze Dokumentarfilm gehörte zu den relevantesten Beiträgen, insbesondere durch das Gespräch der Beteiligten im Anschluss an die Filmvorführung beim Bundes.Festival.Film. Eine lobenswerter Umgang mit einem Tabuthema, ein Film, der als Türöffner dienen kann. | 4.32 Minuten, von Ann-Kathrin Jahn (22) aus Winnenden, Baden-Württemberg. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Wunderland | Im blauen Wald erwacht ein gelb gekleidetes Mädchen. Um sie herum: verwirrende, exzentrische Figuren, die eine auf den Kopf gestellte Sprache sprechen. Was ist da los? Eine hintersinnige Hommage an jene Alice von Lewis Carroll. | 11.55 Minuten, von Tanja Hurrle (19, auf Vimeo aktiv) aus Dieburg, Hessen. Die Filmemacherin stand auch stellvertretend für Joschua Keßler (Detailverliebt) auf der Bühne und hat die Gesprächsrunden nach den Filmen um zahlreiche Fragen bereichert. Eine aufgeweckte Kreative, die uns sicher noch weitere spannende Projekt bescheren wird.

CHRIST/EL | Alte Super8-Aufnahmen, arrangiert zu einem Familienporträt. Ein Sohn erzählt in einiger zeitlicher und scheinbar auch persönlicher Distanz von seiner Heimat, seinen Eltern, seiner Jugendzeit. Doch immer wieder wartet er mit intimen Einsichten und Momenten auf – ein bemerkenswertes Werk! | 8.58 Minuten, von Andreas Grützner (54) aus Hamburg. Hier geht’s zu seiner Website.

Von Haussteinen und Kondom-Konflikten

Der Zombiehausstein | DAAA HABEN WIR DAS TRASH-FEST! Auf die Idee muss man erstmal kommen. Ein Stein wird als Hausstein in die Familie aufgenommen, bis er stirbt und beerdigt wird (so richtig mit Grabstein, wie es sich gehört). Eines Nachts aber erwacht er wieder, der blutrünstige Stein, und geht auf Menschenjagd. Das ganze Ding ist in Rückblenden erzählt, aus einer schwarzweißen, bierernsten Polizei-Verhör-Rahmenhandlung heraus. Großartig: Im Anschluss stellte doch tatsächlich ein Zuschauer die Logik des Films in Frage. Müsse ein Zombiestein nicht eher Jagd auf andere Steine machen, statt auf Menschen? Ja, stimmt. Ansonsten ist Der Zombiehausstein in Sachen Logik aber wasserdicht. Ein weiteres irrationales Verhalten seitens des domestizierten Steines. | 5.27 Minuten, von Fynn Boitin, Sophia Heldt und Leon Schlemminger (15) aus Düsseldorf, Wismar, Mecklenburg-Vorpommern. Weitere Infos + Filmausschnitt.

Sardinien | Ein junges Paar verbringt ein paar letzte gemeinsame Stunden, bevor er Richtung Sardinien abdüst. Hätte ein ach so entspannter Abend werden können, wenn da nicht die Kondome im Kulturbeutel wären. Grandios inszenierte Komödie, auf den Punkt gespielt von Marie Mayer und Konstantin Gerlach. Was haben wir gelacht, bei der Jurysitzung im März und jetzt im Thega Filmpalast, beim Bundes.Festival.Film. Dieser Streifen ist für ein großes Publikum gemacht. Obwohl ein gekonnt in sich geschlossener, schöner, kleiner Film, hätte Sardinien auch getrost als Szene einem Kinofilm entnommen sein können. So professionell ist der Film gemacht, so ausgearbeitet kommen die Figuren daher. Mehr davon! | 10 Minuten, von Alexander Conrads (25) aus Bad Vilbel, Hessen.

Hier geht’s zu einem Rückblick zu Tag 1 des 31. Bundes.Festival.Film. in Hildesheim.

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