Philosophie

Platons Höhlengleichnis

Platons Höhle, Schatten an Felswänden und angekettete Menschen – das vielleicht berühmteste Gleichnis der Philosophie ist ein grausig Schönes. Schauen wir’s uns näher an!

Wir finden Platons Höhle in seinem Werk „Politeia“, oft übersetzt als „der Staat“, was missverstanden werden kann: Polis ist die Stadt, oder der Personenverband, der die Bürgergemeinde einer solchen Stadt bildete, eine Stadt wie Athen in der Antike, auch Stadtstaat genannt, aber mit einem Staat wie Deutschland nicht zu vergleichen. Der perfekte Staat, den Platon beschreibt, unterscheidet sich sehr von unserem Land. Zum Beispiel, indem er nicht von einer promovierten Politikerin angeführt wird, sondern von einem Philosophen. Und zwar einem, der die Idee des Guten erkannt hat.
Was das ist? Die Antwort darauf, soweit Platon eine geben kann, findet sich da, wo auch sein Höhlengleichnis zu finden ist: Im siebten Buch der „Politeia“.

Wozu ein Höhlengleichnis?

Ein Gleichnis stellt einen Vergleich her, um ein besseres Verständnis zu bewirken – oder um eine Erklärung zu haben, die für Ruhe im Karton sorgt. Wenn der Nachbarsjunge quengelt, warum wir den Hund – statt ihn mit ins Haus zu nehmen – in einen Zwinger im Garten einsperren, erkläre ich das dem Jungen mit einem Gleichnis: So sei doch für den Hund, der uns von seinem Zwinger aus durch die Tür ins Haus gegenüber gehen sieht, dieses Haus nicht anderes als der Zwinger für uns Menschen. Ist das ne gute Idee? Schwer zu sagen, man müsste den Hund fragen können. Widmen wir uns leichteren Dingen: Besagter Idee des Guten, die jener Staatsführer kennen muss. Verrät uns Platon, was diese Idee des Guten ist? Nö. Aber er erzählt uns eine Geschichte, damit wir eine Ahnung davon haben, was er meint. Denn dazu gibt es Platons Höhlengleichnis: Um eine vage Vorstellung der Idee des Guten zu vermitteln.

Ketten, Schatten, Sonnenschein

Wer das Gleichnis im Original nachlesen möchte, kann dies beim Projekt Gutenberg-DE vom Spiegel tun. Vorwarnung: Platon lässt das Gleichnis von Sokrates erzählen, etwas ausschweifend – und ständig quatscht Glaukon dazwischen, denn wie so vieles in Platons Werk ist auch das Höhlengleichnis als Dialog angelegt. Hier folgt eine eigene, sorgfältigst dem persönlichen Sprachgebrauch angepasste Fassung des Höhlengleichnisses. Etwaige Änderungen beziehen sich auf kleine Logiklücken im Original, die jeder für sich selbst entdecken möge. Vorhang auf:

In einer Höhle harren die Menschen aus, von Geburt an festgekettet und so fixiert, dass sie nichts Anderes sehen können, als die gegenüberliegende Felswand. Hinter und über ihnen, jenseits eines Felsvorsprungs, lodert ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Menschen führt eine Mauer entlang. Dahinter spazieren Wesen hin und her, plaudern und tragen Gegenstände auf den Köpfen. „Ein gar wunderliches Bild“, wirft Glaukon ein, im Original. Seht, wie das nervt!? Die Menschen also, sie erblicken von diesem Schauspiel hinter ihnen nur die Schatten, die das Feuer auf die Felswand vor ihnen wirft – und da sie von Geburt an nichts Anderes kennen, denken sie, dass dieses Schattenspiel die Wirklichkeit ist. Das Echo der Plauderstimmen schreiben sie den Schatten zu und baldowern Bezeichnungen für sie aus: Einen Schatten nennen sie Hund, einen anderen nennen sie Haus und so weiter – bis einer der Menschen freikommt.
Der befreite Mensch klettert über den Felsvorsprung und überwindet die Mauer. Erstmals nimmt er die Wesen wahr – und die wirklichen Gegenstände, deren Schatten bisher sein Weltbild waren. Der Mensch gelangt zum Höhleneingang und an die Erdoberfläche, wo seine in der Finsternis verkümmerten Glubscher nichts sehen – seine „Augen voll Strahlen“, wie Platon schreibt. Langsam gewöhnt sich der Entkommene daran, vermag Schatten zu erkennen und Spiegelungen im Wasser. Erst, wenn er sich an die helle Wirklichkeit gewöhnt hat, vermag er gar aufzublicken, zur Sonne. Dann hat der Mensch alles erblickt und rennt begeistert in die Höhle zurück, um seinen Leuten zu berichten. Die sehen ihn aber nur als tanzenden Schatten, dessen Gerede sie verwirrt. Aus den Fesseln lösen will er sie, heraufführen ans Licht. Müsse man nicht, fragt Sokrates, diesen scheinbar kranken Schwätzers habhaft werden und wenn man „ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?“

Tod dem Schwätzer

Jene Sonne, die unsere physische Welt erleuchtet, alles Leben in Gang bringt und am Leben hält, diese Sonne, die auch über Platons Höhle scheint, entspricht der Idee des Guten, die in der noetischen Welt, also der Welt unserer Gedanken, der oberste Grund alles Seins und Handelns ist. So hat Platon uns also die Idee des Guten verständlich gemacht, ohne konkret zu erklären, was sie sein mag. Erst derjenige Philosoph, der die Idee des Guten erblickt und erkannt habe, und bereit sei, uns Höhlenmenschen, die wir nur schattenhafte Abbilder sehen, ans Licht heranzuführen – erst dieser Philosoph könne an der Spitze des perfekten Staates stehen. Klingt das nicht sinnvoll?

Wir Höhlenmenschen aber, die wir unsere Schattenbilder lieben und nix Neues lernen wollen, wenn wir des erleuchteten Philosophen nur habhaft werden können (was ja nicht geht, eigentlich, weil wir angekettet sind, aber wenn) – dann töten wir diesen Erleuchteten lieber und bringen ihn zum Schweigen. So ist es Sokrates selbst ergangen, dem Lehrer Platons: Die Athener ließen ihn für sein Gerede zum Tode verurteilen. Mit einem Schluck aus dem Schierlingsbecher sollte er sich selbst vergiften. Sokrates wehrte sich nicht, sagte „Zum Wohl!“ – und verabschiedete sich ins Jenseits.

Den Blogbeitrag als Video gibt’s hier:

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