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PLATONS HÖHLENGLEICHNIS | Theoretische Philosophie

Zuletzt aktualisiert am 5. Juni 2018 um 13:51

Platons Höhle, Schatten an Felswänden und angekettete Menschen – das vielleicht berühmteste Gleichnis der Philosophie ist ein grausig Schönes. Seit seiner Entstehung im antiken Griechenland vor rund 2500 Jahren hat es bis heute nichts an seiner Relevanz und Wirkungskraft eingebüßt. Schauen wir uns Platons Höhlengleichnis näher an! Ein Ausflug in die Theoretische Philosophie.

Die Höhle als Ort der Erleuchtung

Wir finden Platons Höhlengleichnis in seinem Werk Politeia, oft übersetzt als »der Staat«, was missverstanden werden kann: Polis ist die Stadt, oder der Personenverband, der die Bürgergemeinde einer solchen Stadt bildete. Eine Stadt wie Athen in der Antike, auch Stadtstaat genannt, aber mit einem Staat wie Deutschland nicht zu vergleichen. Der perfekte Staat, den Platon beschreibt, unterscheidet sich sehr von unserem Land. Zum Beispiel, indem er nicht von einer promovierten Politikerin angeführt wird, sondern von einem Philosophen. Und zwar einem, der die Idee des Guten erkannt hat.

Was das ist, diese Idee des Guten? Die Antwort darauf, soweit Platon eine geben kann, findet sich da, wo auch Platons Höhlengleichnis zu finden ist. Im siebten Buch der Politeia.

Eine Höhle in einer Felswand, dazu der Text: Platons Höhlengleichnis

Wozu ein Gleichnis?

Ein Gleichnis stellt einen Vergleich her, um ein besseres Verständnis zu bewirken. Oder um eine Erklärung zu haben, die für Ruhe im Karton sorgt. Wenn der Nachbarsjunge quengelt, warum wir den Hund statt ihn mit ins Haus zu nehmen in einen Zwinger im Garten einsperren, erkläre ich das dem Jungen mit einem Gleichnis. So sei doch für den Hund, der uns von seinem Zwinger aus durch die Tür ins Haus gehen sieht, dieses Haus nicht anderes als der Zwinger für uns Menschen. Ist das ne gute Idee? Schwer zu sagen, man müsste den Hund fragen können.

Widmen wir uns leichteren Dingen: Besagter Idee des Guten, die jener Staatsführer kennen muss. Verrät uns Platon, was diese Idee des Guten ist? Nö. Aber er erzählt uns eine Geschichte, damit wir eine Ahnung davon haben, was er meint. Denn dazu gibt es Platons Höhlengleichnis: Um eine vage Vorstellung der Idee des Guten zu vermitteln.

Mehr über Platons Ideenlehre gibt’s in diesem Blogbeitrag.

Ketten, Schatten, Sonnenschein

Wer Platons Höhlengleichnis im Original nachlesen möchte, kann dies beim Projekt Gutenberg-DE vom Spiegel tun. Vorwarnung: Platon lässt das Gleichnis von Sokrates erzählen, etwas ausschweifend – und ständig quatscht Glaukon dazwischen. Denn wie so vieles in Platons Werk ist auch das Höhlengleichnis als Dialog angelegt. Hier folgt eine eigene, sorgfältigst dem persönlichen Sprachgebrauch angepasste Fassung des Höhlengleichnisses. Etwaige Änderungen beziehen sich auf kleine Logiklücken im Original, die jede*r für sich selbst entdecken möge. Vorhang auf:

Ein wunderliches Bild

In einer Höhle harren die Menschen aus, von Geburt an festgekettet und so fixiert, dass sie nichts Anderes sehen können, als die gegenüberliegende Felswand. Hinter und über ihnen, jenseits eines Felsvorsprungs, lodert ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Menschen führt eine Mauer entlang. Dahinter spazieren Wesen hin und her, plaudern und tragen Gegenstände auf den Köpfen.

»Ein gar wunderliches Bild«, wirft Glaukon ein, im Original. Seht, wie das nervt?

Die Menschen also, sie erblicken von diesem Schauspiel hinter ihnen nur die Schatten, die das Feuer auf die Felswand vor ihnen wirft – und da sie von Geburt an nichts Anderes kennen, denken sie, dass dieses Schattenspiel die Wirklichkeit ist. Das Echo der Plauderstimmen schreiben sie den Schatten zu und baldowern Bezeichnungen für sie aus: Einen Schatten nennen sie Hund, einen anderen nennen sie Haus und so weiter – bis einer der Menschen freikommt.

Die Sonne sehen

Der befreite Mensch klettert über den Felsvorsprung und überwindet die Mauer. Erstmals nimmt er die Wesen wahr – und die wirklichen Gegenstände, deren Schatten bisher sein Weltbild waren. Der Mensch gelangt zum Höhleneingang und an die Erdoberfläche, wo seine in der Finsternis verkümmerten Glubscher nichts sehen – seine »Augen voll Strahlen«, wie Platon schreibt (bzw. Platons Übersetzer). Langsam gewöhnt sich der Entkommene daran, vermag Schatten zu erkennen und Spiegelungen im Wasser. Erst, wenn er sich an die helle Wirklichkeit gewöhnt hat, vermag er gar aufzublicken, zur Sonne.

Dann hat der Mensch alles erblickt und rennt begeistert in die Höhle zurück, um seinen Leuten zu berichten. Die sehen ihn aber nur als tanzenden Schatten, dessen Gerede sie verwirrt. Aus den Fesseln lösen will er sie, heraufführen ans Licht. Müsse man nicht, fragt Sokrates, diesen scheinbar kranken Schwätzers habhaft werden und wenn man »ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?«

Tod dem Schwätzer

Jene Sonne, die unsere physische Welt erleuchtet, alles Leben in Gang bringt und am Leben hält, diese Sonne, die auch über Platons Höhle scheint, entspricht der Idee des Guten. Diese ist in der noetischen Welt, also der Welt unserer Gedanken, der oberste Grund alles Seins und Handelns. So hat Platon uns die Idee des Guten verständlich gemacht, ohne konkret zu erklären, was sie sein mag. Erst derjenige Philosoph, der die Idee des Guten erblickt und erkannt habe, und bereit sei, uns Höhlenmenschen, die wir nur schattenhafte Abbilder sehen, ans Licht heranzuführen – erst dieser Philosoph könne an der Spitze des perfekten Staates stehen. Klingt das nicht sinnvoll?

Wir Höhlenmenschen aber, die wir unsere Schattenbilder lieben und nix Neues lernen wollen, wenn wir des erleuchteten Philosophen nur habhaft werden können (was ja nicht geht, eigentlich, weil wir angekettet sind, aber wenn) – dann töten wir diesen Erleuchteten lieber und bringen ihn zum Schweigen. So ist es Sokrates selbst ergangen, dem Lehrer Platons: Die Athener ließen ihn für sein Gerede zum Tode verurteilen. Mit einem Schluck aus dem Schierlingsbecher sollte er sich selbst vergiften. Sokrates wehrte sich nicht, sagte »Zum Wohl!« – und verabschiedete sich ins Jenseits.

Den Blogbeitrag als Video gibt’s hier:

 

Hollywoods Höhlengleichnis

In Platons Höhlengleichnis geht es um das Erwachen des Bewusstseins. Das Bewusstsein ist das Vermögen eines Menschen, die Außenwelt mit allen Sinn zu erkennen und sich selbst als von ihr zu verstehen. Die Höhlenbewohner, die nur Schatten tanzen sehen, sind nicht mit vollem Bewusstsein bei der Sache. Erst der Mensch, der aus der Höhle entkommt und seine Umwelt in ihrer wahren Gestalt erkennt, wird sich der Welt und seiner selbst bewusst. Soweit hat uns Platons Gleichnis die Idee vom Bewusstseinserwachen eindrucksvoll vermittelt.

Nun mag das Setting aus heutiger Perspektive etwas arg naturbelassen und realitätsfern daherkommen. Welcher urbane Mensch des 21. Jahrhunderts war schon in einer Höhle, in der Feuer brannten? Die Felshöhle ist letztlich nichts anderes als ein Sinnbild für die Familien oder Kreise, in denen wir aufwachsen.

Die maßgeschneiderte Wahrnehmung

Im Zeitalter maßgeschneiderter Newsfeeds und sozialmedialer bubbles machen wir uns die Welt womöglich mehr denn je, »widde widde wie sie uns gefällt.« Dabei bleibt die Realität manchmal außen vor, außerhalb unserer Seifenblasen. Wir werden hineingeboren in ein Umfeld, wachsen mit diesem auf, adaptieren seine Ideale und Werte, definieren darüber unsere Identität und was gut, wahr oder richtig ist.

Die wenigsten Kids wachsen in Kreisen auf, die ihnen von klein auf beibringen, sich ihre Meinung selbst zu bilden, indem sie über das tradierte Wissen der Älteren hinausschauen. Zahlreiche Entscheidungen wurden über unsere jungen Köpfe hinweg gefällt und ebneten den Weg für die Entscheidungen, die wir als ältere Köpfe selbst zu fällen glauben. Tatsächlich bewegen wir uns dabei in den Bahnen der Gesellschaft, zu der wir gehören. Innerhalb unserer Höhle.

Platons Höhlengleichnis im Studioformat

Sehr anschaulich erzählt wird uns Platons Höhlengleichnis, in die Gegenwart übertragen, von dem Film Die Truman Show (1998) mit Laura Linney. Darin geht es um einen Mann, der seit seiner Geburt die Hauptfigur seiner eigenen Show ist, ohne etwas davon zu wissen. Umgeben von professionellen Schauspielern fristet er sein Dasein in einer Kleinstadt, die eigentlich ein Studio ist – beobachtet von Hunderten versteckten Kameras. Dass Trumans Kleinstadt dessen Höhle ist, die ihm das Erkennen der wirklichen Welt unmöglich macht, das wird uns Zuschauern auf Anhieb klar. All seine Entscheidungen entspringen nur vermeintlich seinem eigenen Kopf, sondern werden von außen gesteuert. Selbst seine Ängste wurden sorgsam gepflanzt. Angst vor dem Meer etwa. Diese Angst verhindert, dass Truman seine Höhle verlässt.

Unser echtes Leben ist weniger dramatisiert und überzeichnet, als dass es uns ähnlich deutlich klar wird: Eigentlich sind wir alle True-mans und True-womans (denn ja, von diesem platten Wortspiel rührt der Name des Protagonisten her).

Eine Filmkritik zu Die Truman Show gibt’s hier als Video:


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