Kreativität

Wie kommt man auf eine Idee? | Kreativität für Filmemacher (1)

Zuletzt aktualisiert am 28. Juni 2018 um 20:48

Sie ist der entscheidende Faktor in der Kunst. Wenn sie nicht erkannt wird, folgt bekanntlich die Frage: Kann das weg? Wenn sie begriffen wird, kommt es hingegen prompt zur Bewertung, dagegen vermag sich kaum wer zu wehren: Gefällt sie mir oder nicht? Es geht um die Idee.

Die wenigsten lassen sie unbewertet auf sich wirken. Und die meisten, die irgendwas mit Kunst machen, wurden bereits gefragt: Woher hast du bloß solche Ideen? Als gäbe es einen geheimen Grabbeltisch, wo sie zwischen coolen T-Shirts vergraben liegen. Bei Kurzfilmfestivals ist diese Frage sehr beliebt. Man möchte annehmen: Weil die Moderatoren keine Idee hatten, was man sonst fragen könnte. Dann macht es irre viel Sinn danach zu fragen, wo man sie findet. Diese Ideen. Der antike Philosoph Platon hat mit seiner Ideenlehre ein sehr schönes Bild dazu vermittelt. Platons Ideen haben zwar im Grunde nichts mit den Ideen zu tun, von denen hier die Rede ist, aber eine passende Metapher mit verwirrend ähnlichen Begriffen ist es allemal. Platon sagte, so in etwa:

Platons schöne Idee

Die Ideen sind alle schon da. Sie sind vollkommen und ewig, verändern sich nicht und sind Urbild und Ursache für alles, was es in der Welt zu sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen gibt. Denn Ideen selbst sind nicht mit den Sinnen zu finden – sie sind allein dem Denken zugänglich.

Zeichnung eines Mannes, Gehirn durch Schädeldecke sichtbar – dazu Schriftzug: Wie kommt man auf eine Idee?

Ich finde, diese platonische Vorstellung kann man prima auf die Ideen anwenden, die im Folgenden besprochen werden. Ideen, wie sie bei Kurzfilmfestivals zum Beispiel abgefragt werden. Gerade bei Filmen hat man oft das Gefühl: Das habe ich so oder ähnlich schonmal gesehen… (oder bei Liedern: gehört). Ja, das Rad wird nicht neu erfunden. Die Idee gibt es schon. Aber es gab sie nicht schon tausendmal. Es hat sie immer schon gegeben, im Denken – eben seit es Denken gibt. Inzwischen gibt es vielleicht tausend Annäherungen an eine bestimmte, vollkommene, ewige Idee. Der Film „Titanic“ zum Beispiel kommt ziemlich nah ran an die Idee eines perfekten Liebesdramas, für meinen Geschmack. Aber dieser Vergleich zu den platonischen Ideen ist nur ein schöner Gedanke zum Wesen von Ideen. Gehen wir nun zur Praxis über.

Ideen suchen und finden

Gerade läuft der 99Fire-Films Wettbewerb. Auch wenn die Veranstalter auf Facebook gerade ordentlich Beef kassieren, weil ein Burger-Imperium als Werbepartner mit ziemlich werbelastigen Vorgaben irgendwie nicht so gut ankommt bei den Kreativen, die sich voll in künstlerischer Freiheit suhlen wollten (darüber fucken wir uns einfach ein andermal ab). Das Regelwerk steht jedenfalls, die 99 Stunden laufen und bis Montag 13 Uhr gilt es, einen Film abzuliefern. Okay. Alles steht bereit: Kamera, Team, Location, Requisiten und ja, vielleicht so ’n Burger, der in echt sowieso ganz anders aussieht, als der Werbepartner es möchte.

Fehlt nur noch die Idee.

Bei anderen Kurzfilmfestivals lautet die Antwort auf die Frage:

Wie bist du bloß auf diese Idee gekommen?„, oft:
Weiß nicht, sie war einfach so da. Und dann hab ich sie umgesetzt.

Das ist wahr. Oft muss man gar nicht auf Ideen kommen, sondern die Ideen kommen zu einem und drängen und quängeln und wollen umgesetzt werden – sonst gehen sie nämlich weiter, zum nächsten zugänglichen denkenden Kopf. Unter Zeitdruck fehlt jedoch der Luxus, darauf zu warten, dass eine Idee vorbeikommt. Wir müssen sie suchen. Also, wo und wie?

Konstanten plus Variablen minus Mathe

Ich mache das so: Mein Gelaber von „Kreativität braucht Grenzen“ ist bierernst gemeint. Innerhalb von Grenzen, wie sie etwa ein Wettbewerb vorgibt, finde ich viel eher Ideen, als wenn ich zu Hause rumhänge, an die Decke starre und in mich reinhorche. 99 Stunden und ein paar Bedingungen („Dreht bitte was mit Schleichwerbung“) sind zurzeit die gegebenen Grenzen. Nun habe ich mir ein paar weitere Grenzen gesteckt, indem ich vor dem Startschuss ein Team zusammengestellt und eine Location gefunden habe.

Die Location (in meinem Fall: ein uriger Buchladen) ist eine Konstante, eine schöne Kulisse, einfach weil eine schöne Kulisse einen Film schon sehr aufwerten kann. Die Teammitglieder vor der Kamera, also die Schauspieler, sind noch Variablen. Sie sind einigermaßen konstant in ihrem Erscheinungsbild – Mann mit langem Bart, extrem drahtiger Mann, Frau mit blondem Haar (schrecklich oberflächlich zusammengefasst) – aber als Schauspieler eben recht variabel, in den Rollen, die sie spielen.

Was ich an Mathe gehasst habe, war der Eindruck, dass es zu jeder Rechnung nur ein Ergebnis gibt (ich weiß bis heute nicht, ob es so ist). Eine Rechnung mit Variablen bleibt von Natur aus unbestimmt, doch bei der Suche nach einer Filmidee gibt es auch dann kein einziges, festes Ergebnis, wenn man die Variablen ausfüllt. Gut, man könnte mit Platon argumentieren und sagen: Die ewige, perfekte Idee ist das angestrebte Ergebnis – aber man erreicht halt nur eine Annäherung. So wie es keinen perfekten rechten Winkel gibt, unter dem Mikroskop betrachtet, sondern nur etwas, das nah rankommt.

Mit Methode zur Idee

Das was ich hier mache, rumsabbeln entlang eines anscheinend losen Gedankenstrangs, das ist übrigens Teil der Methode. Wenn du deine Grenzen abgesteckt hast, mit ein paar Konstanten und ein paar Variablen, dann geht der Spaß los: Szenarien durchspielen. Das geht nicht überall gleich gut. Wenn du den ganzen Tag auf der Arbeit bist und die Art von Job hast, in der du viel reden, regeln, denken musst, dann fehlt es an Zeit, Szenarien durchzuspielen. Nun funktioniert jedes Hirn anders und viele schneller als meines – durchaus wahrscheinlich, dass man es mit Geistesblitzen und flottem Denken auch so zu einer Idee bringt.

Ich persönlich stoße am besten beim Auto- oder Radfahren auf Ideen. Eher beim Autofahren, ehrlich gesagt, weil es längere Fahrten sind (ich bin faul). Warum überhaupt beim Fahren? Weil man die Finger von seinem Smartphone lassen sollte und sowieso nix Anderes tun kann. Die Gedanken sind frei, zu wandeln – das sind sie verdammt selten, heutzutage. Wenn selbstfahrende Autos erstmal etabliert sind und selbst der „Fahrer“ auf der Rückbank daddeln kann, dann bin ich wohl raus aus dem Ideen-haben-Business. Aber noch nicht. Noch sitze ich in meinem Auto und fahre und spiele im Kopf innerhalb meiner Grenzen mit den Konstanten und Variablen.

Wie das Schritt für Schritt aussieht, erläutere ich am Beispiel einer Ideensuche für den aktuellen 99Fire-Films Wettbewerb im nächsten Artikel: Wie kommt man auf eine Idee? – Teil II

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