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Die Magie des 99Fire-Films

Zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2018 um 8:08

Bereits zum 10. Mal steigt der 99Fire-Films Award – großes Jubiläum. Andererseits, da sich bei diesem Wettbewerb, der erst die Top 99, dann die Top 9 der 99-sekündigen Filme kürt, die in 99 Stunden produziert wurden, da dürfte das 9. Mal wohl das größere Jubiläum gewesen sein, im vergangenen Jahr. In jedem Fall kann man da ruhig mal klatschen, in die Hände, auf die Stirn, sonst wohin. Sich freuen, ärgern und gegenseitig anstacheln: Es geht wieder los! Der selbsternannte „größte Kurzfilmwettbewerb der Welt“ wird alljährlich heiß diskutiert unter solchen, die er mit seinem undurchsichtigen Wesen nicht vergrault hat. Mich zum Beispiel. Warum und wieso? Ein Rückblick zum 99Fire-Films Jubiläum.

99Fire-Films Jubiläum – ein Rückblick

2009 | Im fernen Berlin findet erstmals der 99-Fire-Films Wettbewerb statt. Ins Leben gerufen von einem PR-Fachmann namens Stefan Kiwit, gesponsert vom Industrieverband Feuerverzinken e.V. – das Konzept: Filmschaffende werden dazu aufgerufen, in 99 Stunden einen 99-sekündigen Film zu drehen. Die Zahl 9, wage ich mal zu behaupten, geht auf das Auftaktjahr ZweitausendNEUN zurück. Die Bedingungen lauten: Im Film müssen ein Ampelmast sowie andere feuerverzinkte Gegenstände auftauchen. Eine Rolle spielen sollen außerdem die Schlagworte Nachhaltigkeit und Natürlichkeit. Soweit, so klar. Ein Werbefilm für den Hauptsponsor, die Feuerverzinker, könnte dabei rumkommen. Der Industrieverband hat nachweislich ein Faible für Werbung im Filmkontext, siehe: dessen Image-Kampagne aus Fake-Filmplakaten zu Blockbustern wie „Zink in the City“ und „Rostbusters“ (>Demnächst an Ihren Gebäuden!). Zum besten Film aus den mehr als 200 Einreichungen küren die 99-Fire-Films-Veranstalter die Slapstick-Komödie „Schlafstörung“ von Sebastian Runsche, Markus Matschke und Sven Falge:

Über den Preis, der „im Windschatten der Berlinale“ verliehen wird und mit 9.999 Euro dotiert ist, berichtet die Rems-Murr Rundschau. Schon in diesem ersten 99Fire-Films-Jahr fällt der Ton kritisch aus, in diesem Artikel: „Wir sind quasi Berlinale-Sieger“ (PDF). Im Westen Deutschlands, auf dem platten Land, kriege ich noch nichts von diesem Kurzfilmwettbewerb mit. Ein Jahr zuvor habe ich erst die Schule und erste aufwändigere Filmprojekte abgeschlossen. 2009 folgten weitere Projekte – doch die Teilnahme an Kurzfilmfestivals beschränkte sich noch auf NRW. Im Rahmen der 23. Videoaktion „No Clip“ des Medienprojekts Wuppertal zum Beispiel beteilige ich mich an einem Wochenende, an dem es gilt, in 24 Stunden einen Film zum Thema „Verboten“ zu drehen. Zusammengelost werde ich damals mit dem Wuppertaler Filmemacher Marc Schießer – er wird es sein, von dem ich später erstmals einen „Hinter die Kulissen“-Eindruck von der 99Fire-Films-Award-Verleihung bekomme.

2010 | Der 99Fire-Films Award, plötzlich schon das „wohl spektakulärste Kurzfilmfestival Deutschlands“ (Pressemitteilung der Feuerverzinker) geht völlig ungesehen/ungehört an mir vorbei. Als bester Film räumt ab: Sofia Bavas‘ „Zinkowski gegen den Rost der Welt“, eine tragische Komödie über Nachhaltigkeit und Suizid:

99Fire-Films wächst und wächst…

2011 | Noch so ein Jahr, in dem ich irgendwas anderes gemacht habe, als den Nachrichten zu lauschen. Aus inzwischen 1500 eingereichten Kurzfilmen (Info von hier) gewinnt der One-Shot „Ding Dong“ von Peter Schnöllhorn den Hauptpreis für den „Besten Film“. Für mich immer noch einer der gelungensten 99Fire-Filme.

2012 | Ein großes Wort für einen kleinen Film: „Würde“ heißt der Gewinner in diesem Jahr, ein sozialkritischer Beitrag zum Thema „Put a Smile on your Face“ von Anna Ewelina & Friends. Die diesjährige Bedingung, die Zahl 500 in den Film zu integrieren (Hauptsponsor: Fiat, Modell im Fokus: Fiat 500), ist ihnen unaufdringlich schön gelungen – auf einer Medikamentenpackung. Der entsprechende Medikamentenhersteller wird übrigens 5 Jahre später als Hauptsponsor das Thema vorgeben. Bis dahin werden die Award-AGBs übrigens noch ein bisschen angepasst, wegen drei nackten Männer und diesem eiskalten Beitrag.

Erstmals dabei

2013 | Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie wir erstmals drauf aufmerksam geworden sind – aber in diesem Jahr haben wir uns erstmals an dem Wettbewerb beteiligt, mit einer kleinen Amateurfilmgruppe aus meiner Heimatstadt. Unser Beitrag „Magie des Augenblicks“ schafft es in die Top 99, damit schweben wir schon über den Wolken, doch die Sieger steigen höher: Mit „Wenn Träume fliegen“ gewinnt Manuel Eckert den 99Fire-Films-Award.

Sein Beitrag wird oft in einem Atemzug mit der Kritik genannt, man hätte doch nur als Profi mit tollem Equipment eine Chance, den Award zu gewinnen. Einfach nochmal „Würde“ oder „Ding Dong“ gucken, um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Später in diesem Jahr treffe ich bei der Aufnahmeprüfung zur Filmakademie Ludwigsburg Marc Schießer wieder, der es mit seinem Beitrag „Willst du mich heiraten“ in die Top 9 geschafft hatte und zur Verleihung des 99Fire-Films-Award nach Berlin gefahren war. Wir diskutieren den Verdacht, dass es beim 99Fire-Films weniger um hohe Filmkunst als um Tamtam und Presserummel geht.

2014 | Der 99Fire-Films-Award nennt sich inzwischen in vorzüglichster Bescheidenheit „größter Kurzfilm-Award der Welt“ (guckste: Pressemitteilung). Das ist ein bisschen so, wie wenn Bauer Ewald vom Prickingshof den größten und schwersten Zuchtbullen der Welt präsentiert. Putzig. Die Niederlage jedenfalls, es nicht an die Filmakademie geschafft zu haben, ist inzwischen verdaut – und der Wille, diesen 99Fire-Zirkus mitzumachen, nicht gebrochen. Ein Freund sri-lankischer Abstammung besucht mich aus der Schweiz, mit ihm und der Schauspielerin Stephanie drehen wir „Inder Verzweiflung“ und schaffen es in die Top 9, juchee! Auf nach Berlin:

Wir werden in ein Hotel einquartiert, fahren mit dem Shuttle-Bus zur Location, dem Admiralspalast, roter Teppich, Blitzlichtgewitter, alles fühlt sich ganz oscar-isch an. Die Top 9 sitzen in einer Ecke neben der Bühne, um immer mal wieder von den Moderatoren angesprochen zu werden. Im Fokus steht das krasse Konzept, 99 Stunden, so wenig Zeit und Schlaf und wie kommt man da überhaupt auf Ideen? „Die bewegendste Geschichte schreibt das Leben“ war übrigens das Thema. Zum Gewinner wird an diesem Abend gekürt: „Red Coat“ von Kerem Arziman.

Damit gewinnt jemand, der zum ersten Mal einen Film gedreht hat, zumal mit sehr geringen Mitteln. Als hätten die Veranstalter auf jene Kritik reagieren wollen, nur Profis könnten es schaffen – lautet die Konterkritik, haters gonna hate. Auf YouTube indes startet in diesem Jahr die Webserie „vivi&denny„, featuring: das Filmpaar aus dem 2013er-Betrag „Willst du mich heiraten“ von Marc Schießer.

2015 | Jetzt erst recht. Wir machen wieder mit. Mittlerweile 3.421 Teilnehmer, auch aus Österreich und der Schweiz. Englische Filme sind zugelassen. Außerdem gibt es eine neue Kategorie mit Einreichungen aus Hollywood, Paraguay und Indien. Größenwahn? Will man in die Schuhe reinwachsen, die man sich letztes Jahr angezogen hat? Nein, es ist einfach gut getrommelt. Wir drehen „Der Sack“ mit den Schauspielern Stephanie Jost und Nikolai Will und werden wieder eingeladen: Top 9, Teil 2.

Dieses Mal schnappt uns Adalbert Wojaczek die Trophäe weg – mit seinem wirklich schönen „Malou“. Die Süddeutsche schreibt: „3.421 Teilnehmer (…) es ist anzunehmen, dass darunter auch einige Katzenvideos aussortiert werden mussten“. Aber „egal, wie viele und welche Videos eingereicht wurden – wenn ein solches Ergebnis dabei herauskommt, hat dieser Wettbewerb seine Daseinsberechtigung erlangt.“

Herz schlägt Humor?

2016 | So weit, so lustig. Wenn man gewinnen will, so legte uns der Gewinner vom Vorjahr ans Herz, dann müsse man was mit Herz machen. Humor kommt weit, aber Herz sticht zu. Stimmt, auf die letzten vier Gewinner trifft diese vage Formel zu. Auf die ersten drei Gewinner zwar nicht, aber so what? Wir nehmen an Gerüchten, was wir kriegen können – und gehen in die Vollen: sozialkritisch, rührselig, Kinderaugen in Großaufnahme, reales Leid filmisch inszeniert. Man könnte böse sagen: instrumentalisiert.

Rückblickend fühle ich mich ein bisschen schlecht damit, so unbedingt auf die Tränendrüse drücken zu wollen. Das Thema Flüchtlingskrise sollte man bei einem solchen Glitzer-und-Glamour-Fest mit 99-sekündiger Aufmerksamkeitsspanne (und „jährlich rund 7.000 Teilnehmer“ – seit welchem Jahr frag ich mich?) wirklich ausklammern. Das tut die Jury dann auch: Der Beitrag schafft es nicht in die Top 9, fair enough. War auch voll am Thema vorbei: „Hauptsache, ihr habt Spaß.“ Und der Gewinner, von wegen „mit Herz“, lässt es krachen. Besonders die Pointe mit der Virtual-Reality-Brille kam gut an, vermutlich auch beim Sponsor Media Markt. Es ist aber auch ein verdammter cooler Film:

2017 |“Da gibt’s doch was…“ lautet dieses Mal das Thema – diktiert von Ratiopharm. Und wenn man einen Tipp geben kann, was die Erhöhung der eigenen Chancen bei diesem Award angeht: Keinen Film drehen, in dem einer an Gift verreckt, wenn die Pharma-Industrie in der Jury sitzt. Unser Beitrag „Tüftlertrüffel“ war ein wenig am Geschmäckle vorbei und wurde wieder nicht nach Berlin eingeladen. Liegt natürlich nicht nur an Thema und Gifttod und so. Es waren einfach bessere Filme dabei. Der Gewinnerfilm „Glücklich“ hat auch die Bedingung, einen Zwilling im Film vorkommen zu lassen (you know, wie in dieser Werbung), fantastisch umgesetzt. Dass darin eine schwere psychische Störung mit einem Tablettchen geheilt wird ist wiederum unweigerlich in Pluspunkt auf dem Klemmbrett des, man mache sich nichts vor, Sponsorjurors.

2018 | ZEHN! Der 99Fire-Films Award geht in die ZEHNTE Runde! Das Thema wird am Donnerstag, 1. Februar verkündet. Wie man sich bis dahin am besten auf den Fire-Film vorbereiten kann, wenn man mitmachen möchte, das erörtere ich in einem weiteren Beitrag – inklusive der nicht irrelevanten Frage: Wie gewinnt man den 99Fire-Films Award? Das Wieder-Mitmachen hat sich indes zu einer Zwangsstörung entwickelt. Und es macht Spaß, ja, auch deshalb. Bis bald!

Hier gibt’s die Pressemitteilung zur aktuellen Anmeldephase (PDF).

Den Blogbeitrag als Video gibt’s hier:

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