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PLATONS IDEENLEHRE aus dem PHAIDON | Theoretische Philosophie

Zuletzt aktualisiert am 28. Juni 2018 um 20:55

Den Anfang der Metaphysik als Wissenschaft markiert Platons Ideenlehre aus dem Phaidon. In diesem Dialog behauptet Sokrates, eine Erklärung für die Ursache von etwas Empirischem müsse auf etwas Nicht-Empirisches zurückgreifen. Was meint er damit?

Sokrates fragt zum Beispiel gerne Dinge wie: »Was ist Tapferkeit?« – und bekommt zur Antwort sowas wie: »Tapfer ist ein Kämpfer, der im Schlachtgetümmel nicht flieht, sondern seine Feinde abwehrt.« Doch Sokrates sucht keine Beispiele, sondern Eigenschaften von Tapferkeit, die in allen Einzelfällen identisch sind – um sicher zu gehen, dass mit »Tapferkeit« stets dasselbe gemeint war.

Was ist… das zugrunde liegende Prinzip?

1. Tapferkeit ist, wenn eine Mutter ihr Kind aus dem Feuer holt
2. Tapferkeit ist, wenn ein Schüler einen gemobbten Mitschüler verteidigt
3. Tapferkeit ist, wenn jemand aus einem Kriegsgebiet berichtet
…ja, mag sein, aber was haben diese Tapferen gemeinsam?

Dahinter steckt eine neue Denkweise. Nämlich die der formalen Beantwortung einer solchen Frage, was etwas ist. Gesucht wird eine allgemeine Definition. Sokrates ging es um den Begriff und das zugrundeliegende Prinzip. Er erkannte, dass die Prinzipien der Dinge von anderer Art sein müssen, als die sinnlich erfahrbaren Bereiche des Dinglichen, in denen sie gelten. Das sind etwa die Schlacht, das Feuer, der Klassenraum, oder das Kriegsgebiet, in denen die Tapferkeit zur Geltung kommt. Wissenschaftliche Erklärungen können nicht von derselben Art sein, wie die durch sie erklärten Phänomene. Galileis Fallgesetze »fallen« bekanntlich nicht.

Der Dinge wegen Gedanken machen

Die Ursache von materiellen Prozessen (wie einem herabfallenden Marmeladenbrot) ist nicht selbst materieller Natur. Die Ursache kann man weder anfassen, noch sehen, geschweige denn essen. Eine „Ursache« ist kein Phänomen. Sie abstrakt, von Phänomenen grundverschieden. Wolle man Ursachen also erklären, so hat Sokrates überlegt, müsse man statt seinen sechs Sinnen eher seinen Kopf anstrengen – das logische Denken. Man müsse sich über Dinge Gedanken machen (im Griechischen heißen sie: logoi) und diese Gedanken dem zu klärenden Sachverhalt sozusagen zugrunde legen.

Das ist die Methode der Hypothesis, bei der – wie der Name schon verrät – Hypothesen herumkommen. Auf diese Weise hat Sokrates den Weg bereitet, für die Ideenlehre seines Schülers Platon. Randnotiz: Platons Ideenlehre ist nicht eine bestimmte Schrift oder ein bestimmter Dialog des Philosophen (auch nicht der eingangs erwähnte Phaidon, hier in deutscher Fassung als PDF). Vielmehr ist die Ideenlehre ein nachträgliches, wissenschaftliches Konstrukt, zustande gekommen aus der Betrachtung von Platons Gesamtwerk.

Das Parthenon auf der Akropolis in Athen, dazu der Schriftzug: Platons Ideenlehre

Von Sokrates‘ Hypothesen zu Platons Ideenlehre

Für Platon verinnerlicht echtes, wahrheitsfähiges Wissen folgende Eigenschaften: Es ist allgemeingültig, unveränderlich und begründbar. Empirisches Wissen hingegen, also alles, was wir über die sinnlich erfahrbare Welt um uns herum zu wissen glauben, ist ungeeignet für echte Erkenntnisse. Es ist nicht wahrheitsfähig. Denn Sinneswahrnehmung täuschen sich häufig – und sinnlich wahrnehmbare Dinge verändern sich. Erreicht man etwa das Straßenende, ist die Fata Morgana dort verschwunden. Und bleibt man dort ein paar Jahrzehnte stehen, wir die Straße auch ganz anders aussehen, brüchig und umwuchert, wenn sich niemand kümmert.

Nun sagt Platon, dass Hypothesen – also die Gedanken, die wir uns über die Ursache von Sachverhalten gemacht haben – konsistent (widerspruchsfrei) sein müssen, und von den Ideen her ableitbar.

Eine Idee in Platons Ideenlehre ist etwas, das nur mit dem geistigen Auge zu sehen ist. In diesem Sinne ist eine Idee unveränderlich, perfekt und jeder menschlichen Manipulation entzogen. Sie ist das, was das Wesen einer Sache ausmacht. Bekanntes Beispiel: Die Definition eines Kreises als Menge aller Punkte im gleichen Abstand zu einem gegebenen Punkt. In der sinnlich wahrnehmbaren Welt ist es unmöglich, einen solchen perfekten Kreis zu finden. Wenn man nur nah genug rangeht, und sei es mit einem Mikroskop, wird man immer Punkte finden, die von der „perfekten« Kreisbahn abweichen. Den perfekten Kreis findet man nur in der Welt der logoi, in unseren Gedanken.

Platons Idee der Schönheit

Ebenso die Schönheit: Wenn es sie gibt, dann als Idee der Schönheit. Diese ist im eigentlichen Sinne seiend. Sie ist vollkommen, unveränderlich, nur dem Denken zugänglich, Urbild und Ursache und zeitlich unbegrenzt. Wenn wir in der sinnlich wahrnehmbaren Welt um uns herum etwas als schön empfinden (eine Pflanze, einen Menschen, ein Gemälde), dann weil wir die Idee der Schönheit kennen und dieses Ding (also Pflanze, Mensch oder Bild) an der Idee teilhat. Das Ding ist Erscheinendes (also ein Phänomen) und im Gegensatz zur Idee unvollkommen, veränderlich, nur den Sinnen zugänglich, Abbild und Wirkung und zeitlich begrenzt.

Die Idee ist der Seinsgrund sinnlich wahrnehmbarer Dinge. Diese Dinge sind dementsprechend nur abgeschwächt »seiend«. Sie gibt es bloß, weil es die Ideen gibt. Und nur dann, wenn man die Ideen erkannt hat, ist man fähig, Einzeldinge zu begreifen. Platon ist mit seiner Lehre daran gelegen, die Beziehung zwischen dem Denkbaren und dem Erfahrbarem zu verdeutlichen.

Die Trennung zwischen Ideen und Dingen in Platons Ideenlehre geht jedoch mit Problemen einher.

Der dritte Mensch

Aristoteles, der berühmteste Schüler Platons, diskutierte etwa das Problem trítos ánthropos (dritter Mensch).

Zur Erklärung dafür, warum verschiedene Einzelmenschen im »Menschsein« identisch sind, bietet Platon die Idee des Menschen. Nun sind platonische Ideen wie gesagt selbst Seiendes (im eigentlichen Sinne sogar; wandelbare, wahrnehmbare Dinge wie einzelne Menschen hingegen nur abgeschwächt!). Die Idee des Menschen ist demnach »der Mensch« als unveränderlicher, auf ihr basiert die Einheit der Einzelmenschen. Wenn es neben Einzelmenschen jedoch die Idee des Menschen gibt, dann muss es darüber eine neue Einheit „Mensch« geben, jenen dritten einer quasi endlosen Reihe. Es kommt zum infiniten Regress.

Das hängt mit dem Problem der Selbstanwendung zusammen. Platons These, Ideen seien selbst das, was sie bezeichnen, erscheint bei der Idee der Schönheit, die ja selbst schön ist, unproblematisch. Hingegen kann die Idee der Zahl nicht selbst eine Zahl sein, sonst müsste sie sich irgendwo zwischen 1, 2, 3 und so weiter einreihen lassen. Auch die Idee des Menschen kann nicht selbst ein Mensch sein.

Seit dem Philosophen Bertrand Russell wird das Problem im Zusammenhang mit der »Menge aller Mengen«, die sich selbst als Element [nicht] enthält, diskutiert. Klingt kompliziert – ist es auch, ein bisschen. Russell wies nach, daß Selbstprädikation zu Widersprüchen führt. Was das heißt, kann man am berüchtigten Paradoxon des Kreters veranschaulichen, der sagt: »Alle Kreter lügen.«

Russells Typentheorie

Diese Art von Selbstanwendung (der Kreter bezieht sich selbst mit ein) bringt offensichtlich Schwierigkeiten. Wenn er lügt, sagt er die Wahrheit; sagt er aber die Wahrheit, lügen nicht alle Kreter. Dass solche Paradoxien machen ein Selbstanwendungsverbot nötig. Denn die Selbstprädikation ist die Ursache für die Widersinnigkeit des Satzes, in dem das Prädikat (lügende Kreter) auf denjenigen angewendet wird, der die Behauptung aufstellt (den Kreter).

In der »Typentheorie« von Bertrand Russell werden nun Aussageklassen in »Typen« unterschieden. Ein solcher Typus legt den Bedeutungsbereich einer Aussagefunktion fest. Dabei darf keine Gesamtheit Glieder enthalten, die durch ihr selbst angehörende Begriffe definiert werden. Die Menge aller Mengen kann nicht selbst Element ihrer selbst sein. Die Menge aller Mengen kann nicht eine all der Mengen sein, von denen sie selbst die Menge ist. Dasselbe gilt für den Kreter. Zwischen dem Übergeordneten und untergeordneten Elementen ist trotz gleicher Bezeichnungen zu differenzieren. Sonst kommt es zu logischen Problemen. Es gibt natürlich wie immer Ausnahmen: So wie die „Idee des Seienden“ ist zum Beispiel selbst natürlich etwas Seiendes.

Platon hat die Probleme seiner Lehre selbst diskutiert. Obwohl der Philosoph keine endgültigen Lösungen fand, muss man Platons Ideenlehre doch das Schaffen eines Problembewusstseins anrechnen, das bis heute noch Studentenköpfe qualmen lässt und Bücher füllt. Oder Blogartikel.

Hier gibt es den Blogbeitrag als Video zu sehen:

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