Film

Filmtipp: Dicke Mädchen (Axel Ranisch, 2011)

Zuletzt aktualisiert am 11. April 2018 um 17:33

Zuletzt gesehen: Dicke Mädchen von Axel Ranisch. Wurde auch höchste Zeit. In den vergangenen Tagen kam ich mal wieder mit dem German Mumblecore in Berührung. Darüber schreiben zu wollen, ohne Dicke Mädchen gesehen zu haben, das scheint mir wie über Fantasyfilme schreiben zu wollen, ohne Herr der Ringe gesehen zu haben. In-kom-pe-tent. Dicke Mädchen gehört zum Mumblecore-Kanon und basta. Also, wo kann man sich den Streifen schnell und schön ansehen und wie isser?

Hinweis: Liebe Leser*innen, erst der letzte Abschnitt zum Thema des Films enthält Spoiler. Kurz davor wird noch einmal entsprechend gewarnt. Bis dahin, entspanntes Lesen! Übrigens: Der offizielle Trailer des Films nimmt vieles von seinen überraschenden Absurditäten und dem Thema vorweg, weshalb ich persönlich empfehlen möchte, sich ohne Trailer-Sichtung direkt auf den Film zu stürzen.

Persönlicher Kontext

Eine kurze Google-Suche machte mich mit der Video-on-Demand-Plattform Flimmit bekannt. Filme und Serien mit Fokus auf österreichische und europäische Produktionen, nice! Dort fand ich Dicke Mädchen als Online-Stream und konnte ihn mir für einen Obolus via PayPal-Überweisung ansehen. Herrlich, dieses Filmschauen in Zeiten des Internets. Zwischen dem Gedanken »musste sehen« bis zum Button »drücke Play« vergingen zehn Minütchen. Einfach herrlich.

Zuvor habe ich mir – schon im Mumblecore-Modus – den Film Love Steaks von Jakob Lass angeschaut. Der erfüllte das Mumblecore-Element der improvisierten Dialoge und eines kleinen Produktionsbudgets, sah dabei aber ziemlich schick aus. Vielleicht lag’s am Luxushotel als Kulisse oder dem attraktiven Filmpaar. Dass Dicke Mädchen dazu einen Kontrast darstellen würde, war mir schon vor der Sichtung bewusst. Nirgends wird über den Film gesprochen oder geschrieben, ohne die ruppige MiniDV-Ästhetik zu erwähnen. Ein Film wie ein Homevideo. Und doch wird zuweilen übertrieben.

Standbild aus dem Film »Dicke Mädchen«

»Die Bilder sind unscharf und verzerrt, der Ton ist miserabel«, so schrieb Julian Hanich im Anschluss an die Hofer Filmtage damals für Der Tagesspiegel. Dabei war 2011 ja noch nicht einmal 4K so en vogue, wie es heute ist. Woher die hohen Sehgewohnheiten? Im Jahr 2011, in dem Dicke Mädchen auf den ersten Festivals lief, drehte ich selbst meine letzten MiniDV-Filme, bereits vermengt mit DSLR-Aufnahmen. Unter anderem den Kurzfilm Käfighaltung, mit dem ich 2012 auf dem FiSH Festival in Rostock zu Gast war, als Dicke-Mädchen-Regisseur Axel Ranisch dort die Moderation übernommen hatte. So dermaßen antik war MiniDV zu der Zeit nun auch noch nicht…

Erster Eindruck

…und der Ton ist doch gar nicht so miserabel. Vielleicht hat der Film inzwischen eine digitale Überarbeitung erfahren, das weiß ich nicht. Im Abspann wird ein gewisser Johannes Varga als »Tonretter« aufgeführt. Jedenfalls kam ich bei Dicke Mädchen in absoluten Sehgenuss, ohne von unverständlichem Ton oder verzerrten Bildern abgelenkt zu werden. Allerdings habe ich, vor und seit meinem Interview mit Anthony Dod Mantle, dem Kameramann von Das Fest, einige Dogma-Filme der 90er und frühen 2000er Jahre gesehen (etwa Idioten, Mifune, The King is Alive, Open Hearts). Ebenso feiere ich Found-Footage-Filme à la The Blair Witch Project sehr.

Will sagen: Vielleicht sind meine Ansprüche an hochwertige Filmtechnik nicht repräsentativ. Ist eine Geschichte gut erzählt, lasse ich mich davon schnell gefangen nehmen und bin gerne bereit, die Bildspur als Mittel zum Zweck zu betrachten.

Der Film Dicke Mädchen beginnt einem Blick aufs Ehebett. Da liegen »Mutti« Edeltraud und ihr Sohn Sven, während die Sonne schon ins Schlafzimmer scheint. Edeltraud wacht auf, erschrickt, »och was, schon so spät?« Die alte Dame kraxelt aus dem Bett und macht sich flott davon, »muss zur Arbeit«. Sven, ein etwas korpulenter Mann mit dicker Brille, quält sich hinterher, fängt seine Mutti ein und lotst sie zurück ins Bett. Heute sei doch Wochenende. Sei doch »immer Wochenende, Mutti«. Dazu Antonín Dvořáks Humoreske op. 101 Nr. 7.

Die Tragik der Demenz und die Komik der Situation, wie sie sich in diesen ersten Minuten die Waage halten, bestimmen die erste Hälfte des Films.

Als zum Frühstück zu Beginn der Altenpfleger Daniel hinzustößt, sind die wichtigsten Figuren auch schon etabliert. Eine quietschfidele Mutti, ein etwas mürrischer Sohnemann und ein munterer Pfleger.

Wirkung des Films

Die Mutti ist der Star des Films. Gespielt von Axel Ranischs eigener Großmutter Ruth Bickelhaupt (so viel war mir vorher schon bekannt) schließt man diese gut aufgelegte Dame direkt ins Herz. Wie viele Filme und Serien versuchen nicht, eine irgendwie putzige, kauzige, sonstwie besondere Figur älteren Semesters in ihre Geschichte mit aufzunehmen?

Zuletzt habe ich das in Frau Ella (2013) von Markus Goller gesehen, in dem die titelgebende Frau Ella – durchaus liebenswert – wie ein Alien durch den Film spazierte. Als sei sich nicht über Jahrzehnte in die »moderne Welt« hineingewachsen, sondern plötzlich darin aufgewacht. Kann man machen, wirkte auf mich jedoch nicht sehr lebensecht. Die eigene Großmutter in Szene zu setzen mutet wiederum geradezu über-lebensecht an, erst recht, wenn man der Rolle eine nicht eben mindere Demenz auf die Brust schreibt. Das empfand ich gleich zu Beginn als derart glaubwürdig gespielt, dass ich hin und her gerissen war: Ist diese Frau tatsächlich Schauspielerin? Oder ist sie tatsächlich so dement? Weder, noch. Enkelsohn Axel Ranisch hat Ruth Bickelhaupt erst auf ihre alten Tage zu einer Nachwuchsdarstellerin besonderen Formats gemacht, mit eben diesem Film (der längst nicht ihr letzter war – im März dieses Jahres war sie noch im Tatort: Waldlust zu sehen, wieder unter der Regie ihres Enkels).

Kein Drehbuch, kein Gelaber

Es gab bekanntlich kein richtiges Drehbuch für Dicke Mädchen. Die Dialoge zwischen dem Dreiergespann Mutti/Sohn/Pfleger sind improvisiert und sprühen vor situativem Charme. Während geschriebene Dialoge gelegentlich drohen, ins Floskeln wie Kalendersprüche abzugleiten…

Wenn man so alt ist wie ich, dann bereut man nicht die Fehler die man gemacht hat, sondern das, was man nicht gemacht hat. | Frau Ella (2013)

…können sich improvisierte Dialoge gleichermaßen in Beliebigkeit zergehen. Gelaber gilt als größte Gefahr fürs Impro-Kino, reden um des Redens willen, ohne Inhalt, Figurenzeichnung oder humoristische Spitzen. Dieser Gefahr erliegt Dicke Mädchen nicht. Neben Ruth Bickelhaupt sind es die Schauspieler Heiko Pinkowski als Sohn und Peter Trabner als Pfleger, die zu der Unmittelbarkeit beitragen, die den Film stark macht. Die Geschichte, die sich zwischen den Dreien und beiden abspielt, wirkt zu keinem Zeitpunkt erzwungen, sondern ergibt sich wie eine Notwendigkeit aus den Wesen, die da miteinander interagieren.

Wie der Regisseur Axel Ranisch so tickt, davon gibt dieser Clip vom Filmfest München aus dem Jahr 2013 einen kurzen, knackigen Einblick:

– im nächsten Absatz wird über das Thema des Films geschrieben,
also Achtung, Achtung: Spoiler-Alarm! –

Thema des Films

Kaum ist uns Mutti Edeltraud ans Herz gewachsen, wird sie uns auch schon wieder genommen. Ziemlich genau in der Mitte des Films ereignet sich in Dicke Mädchen ein Bruch. Durch das friedliche Ableben seiner alten Mutter ist Sohn Sven plötzlich allein. Schmerzhaft allein. Wie sehr an »Mutti« das ganze Leben in dieser engen, altmodischen Wohnung hing, das merkt man ab dem Moment, da sie nicht mehr darin herumtanzt. Die zwischen Sven und dem Altenpfleger Daniel aufkeimende und kurz aufblühende Liebe bestimmt insbesondere die zweite Hälfte des Films, weshalb Homosexualität als das dominierende Thema naheliegt. Doch dafür wird diese Homosexualität – aller herrlichen Absurditäten, die sich abspielen, zum Trotz – bemerkenswert unbeschwert behandelt.

Selbst als Daniel, der verheiratet und Vater ist, seinen Sohn darauf anspricht, dass der Junge die beiden Mann im Fahrstuhl hat küssen sehen, geht es nicht darum, das Kind über die Mann-liebt-Mann-Wirklichkeit aufzuklären. Stattdessen geht es um Einsamkeit und Zuneigung, eben die wesentlichen Dinge im zwischenmenschlichen Leben. Am Ende bleibt »Abschied nehmen« das zentrale Thema des Films. Was Axel Ranisch im obigen Clip über ein gutes Ende für einen Films sagt…

Für mich ist ein Ende dann gut, wenn es beides ist. Wenn es einen positiven Ausblick gibt, aber eigentlich etwas Trauriges passiert ist.

…das trifft auf sein gefeiertes Debüt ziemlich genau zu. Obwohl Sohn Sven zweimal Abschied nehmen muss, einmal von seiner Mutter, einmal von seinem Freund, schließt Dicke Mädchen mit Zuversicht ab.

Fazit zu Dicke Mädchen

Wer Hochglanz-Kino und High-key-TV gewohnt ist, mag Schwierigkeiten damit haben, in Dicke Mädchen hereinzukommen. Auf die natürlich ausgeleuchtete Home-Video-Ästhetik muss man sich schlichtweg einlassen. Lässt man sich aber auf die Figuren ein – was durch ihre bloße Liebenswürdigkeit quasi ein Selbstläufer ist – dann gibt dieser Film einen schönen, kleinen Einblick in das Leben »ganz normaler Menschen«, die so normal gar nicht ticken. Fantasievoll und lebensnah, kurzweilig und nachwirkend, so wünscht man sich Filme!

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