Film

ABSOLUTE GIGANTEN von Sebastian Schipper | Film 1999 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 1. Mai 2018 um 19:13

Kürzlich gesehen: Absolute Giganten von Sebastian Schipper. Ein Film, der Freundschaft und Abschied feiert, ohne sentimental zu werden. Ein Denkmal an Hamburg und den Tischfußball. Ein Werk wie eine Zeitkapsel: Es war’n einmal drei Jungs in einer Nacht vor knapp zwanzig Jahren…

Die letzte lange Nacht des lauten Lebens

Um die Produktionszeit von Absolute Giganten herum erlebte Regisseur Sebastian Schipper seinen 30. Geburtstag. Die drei Helden seines Debütfilms sind so um die Mitte 20. Zwei leben bei Mutti, mindestens einer hat definitiv Flausen im Kopf. Aber sie alle Drei sind noch mehr Kind als Mann – wobei man Erwachsensein ohnehin nicht ans Alter koppeln sollte. Sie hängen einfach gern zusammen ab, die absoluten Giganten, bis zu diesem einen verdammten Balkongespräch…

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Film lebt mehr von vielen starken Einzelszenen als dem übergeordneten Plot. Im Folgenden gehe ich auf einige dieser Szenen ein, versuche aber, nichts vorwegzunehmen, dass die Wirkung des Films versaut. Trotzdem empfehle ich zum spoilerfreien Lesen nur die Lektüre bis zum Abschnitt »Das Mädchen mit dem Cowboyhut«. Zu sehen gibt es Absolute Giganten aktuell bei Amazon Prime (Stand: April 2018).

Standbild aus dem Film »Absolute Giganten« | Bild: X Verleih
Von links: Floyd, Ricco und Walter im Film »Absolute Giganten« | Bild: X Verleih

Totale: Absolute Giganten im Zusammenhang

Cineastischer/historischer Kontext

1998. Produziert wird Absolute Giganten in dem Jahr, da Amazon die Filmdatenbank IMDb sowie das Unternehmen telebuch.de übernimmt und damit in den deutschen Markt eintritt. Genau 20 Jahre später schalte ich wie selbstverständlich den Fernseher ein und sehe Absolute Giganten über die Online-Videothek von Amazon. Aber 20 Jahre sind ja auch verdammt viel Zeit, wäre ja enttäuschend, wenn Amazon bis dahin nicht die Weltherrschaft an sich gerissen hätte.

Andererseits, was Fortschritte angeht: 1998 wählt der US-Bundesstaat Minnesota einen Wrestler/Schauspieler (Jesse Ventura, mit dem Slogan: »Don’t vote for politics as usual«) zum Gouverneur. Der hatte immerhin politische Erfahrung als Bürgermeister, im Gegensatz zu dem augenscheinlich ernsthaft geisteskranken Misogynisten/Rassisten, der 20 Jahre später das höchste US-Amt innehat.

Das Ende eines Jahrtausends

Zurück zum Film: 1998 feiern mit Das Fest und Idioten die ersten Werke Premiere, die nach dem Dogma-95-Manifest entstanden sind – als Gegenbewegung zum Autorenfilm. Heute nennt man diese Gegenbewegung Mumblecore, eine alte Idee, neu aufgelegt – und genauso inbrünstig geliebt/gehasst.

1999. Absolute Giganten erscheint schließlich in dem Jahr großer und kleiner Kultfilme: Fight Club, American Beauty, Blair Witch Project und der deutsche Streifen Bang Boom Bang kommen heraus. Als wolle das zweite Jahrtausend es nochmal krachen lassen, vor’m Abgang. Genauso, wie die drei Giganten selbst, um die es im Folgenden geht.

Persönlicher Kontext

Zum ersten Mal gehört von dem Film Absolute Giganten habe ich am Abend der Preisverleihung des 99Fire-Films Award im Berlin im Jahr 2015. Damals waren wir eingeladen mit unserem Kurzfilm Der Sack. Ebenso eingeladen in den Admiralspalast war Marc Schießer mit Der ultimative Kick (starring: die Helden seiner Webserie vivi&denny) – doch Marc kam etwas verspätet, weil er noch auf der Berlinale unterwegs war. Begeistert berichtete er: »Ich habe gerade den besten deutschen Film seit 16 Jahren gesehen.« Die Rede war von Victoria, Sebastian Schippers 140-minütige Plansequenz durch die Berliner Nacht, klar.

Aber was war vor 16 Jahren? »Absolute Giganten, der erste Film von Sebastian Schipper«, so Schießer. Seitdem hat der Film also einen festen Platz in meinem Hinterhirn, oder was auch immer im Schädel fürs Langzeit-Merken zuständig ist. Jedenfalls brauchte es weitere knapp drei Jahre, bis ich eines gemütlichen Abends von Amazon darauf hingewiesen werde, dass Absolute Giganten in Prime enthalten ist. Jetzt anschauen. Prima.

Das ist quasi das heutige Pendant zu dem schmierigen Typen mit dem Koffer voller VHS-Kassetten, der einem beim Pinkeln in der Disco von der Seite anquatscht.

Na Jungs, Lust auf ein paar Videos?

Gigantische Szene.

Close-up: Absolute Giganten im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Wir sehen noch den Vorspann in fetten weißen Großbuchstaben, da setzt die Mucke ein. Harter Schnitt auf den Kühlergrill einer fahrenden Karre, die Kamera fährt daran hoch – Blick über die Motorhaube in diesen Ford Granada, Baujahr 1974 (Kultkino-Regel #1: Karren machen Filme.) Wir sehen drei Jungs, die wir später als Floyd (Frank Giering), Ricco (Florian Lukas) und Walter (Antoine Monot Jr.) kennenlernen. Ricco sticht mit seinen wasserstoffblonden Haaren hervor, blättert auf der Rückbank in einem Magazin mit hübschen Frauen. Walter sitzt am Steuer, selig lächelnd, im Adidas-Shirt. Floyd auf dem Beifahrersitz schaut wie im Tagtraum hinaus. Er ist derjenige, der seinen besten Kumpels zu Beginn des Films (nach einem spontanen Autorennen, in das besagte erste Einstellung mündet) sagt, dass er weggehen möchte.

Es ist großartig: Die Jungs geben Gas, hängen irgendeinen Typen in seinem roten Flitzer ab, sie jodeln, haben Bock, Floyd hängt aus dem Fenster, streckt die Arme in den Fahrtwind. Dann knallt’s und es qualmt. Irgendwas ist hochgegangen, oder die Luft ist raus, oder sonstwas. Floyds Blick – zum immer wiederkehrenden musikalischen Leitmotiv (Reprise, hier zu hören) – dieser Blick liegt in der Ferne. Mann, vielleicht pulsiert zu dieser Musik einfach meine sentimentale Ader, aber dieser Auftakt ist wundervoll und der ganze Film in a nutshell.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Wie so viele Filme, spielt sich die Handlung dieses Streifen im Zeitraum von rund 24 Stunden ab, von Morgen zu Morgen (wie ich’s zuletzt bei Oh Boy gesehen habe, bloß dass Tom Schillings Figur meist allein und in Berlin unterwegs war). Wenn man Sebastian Schippers jüngste Regie-Arbeit Victoria (2015) kennt, kommt man nicht umhin, in Absolute Giganten sowas wie Vorboten zu suchen, auf jenes Werk, das da komme. Ricco erinnert mich in seiner kiebigen Art tatsächlich an Sonne (Frederick Lau) aus Victoria, doch in Wahrheit ist da nichts. Es sind zwei völlig unterschiedliche Cliquen und Nächte und Filme.

Und Telsa ist nicht Victoria. Telsa ist mir ein Rätsel. Es handelt sich um ein Mädchen, das in der ersten Filmhälfte ein kurzes Gespräch mit Floyd führt, im Fahrstuhl. Da erzählt ihr Floyd, was später zum wohl bekanntesten Zitat aus diesem Kultfilm avanciert.

Das Mädchen mit dem Cowboyhut

Weisst du was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenns so richtig scheisse ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle wo, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment. | Floyd, in Absolute Giganten (1999)

Telsa taucht später nochmal auf, mit Cowboy-Hut, wenn die Jungs gerade im Stimmungstief angekommen sind. Das Mädchen findet die Drei in ihrer übelst kaputt gekloppten Karre und überredet sie, nochmal mit feiern zu gehen. Tanzen, in irgendeinem zwielichtigen Kellerclub. Wie alt ist Telsa? Das fragt man sich bei dem kindlichen Gesicht doch unweigerlich. In meinen Augen sah das Mädchen wie 14 oder 15 Jahre alt aus. Völlig Fehl am Platz, in diesem Club. Mitten auf der Tanzfläche, im Stroboskop-Gewitter, weiße Blitze im roten Raum. Da tanzt das Mädchen ausgelassen und die Kamera bleibt eine Weile an dem schönen Bild hängen.

Telsa war die erste Rolle von Julia Hummer. Sie wurde im Produktionsjahr des Films gerade 18 Jahre alt. Beeindruckendes Debüt vor der Kamera, soviel ist sicher. Zwischendurch kam mir der Gedanke, ob diese Figur überhaupt real sei, also im Film. Oder ob sie sowas wie eine Verkörperung der Freundschaft dieser drei jungen Männer sein könnte. Zwischendurch geht es Telsa ziemlich dreckig. Doch das Mädchen lässt sich nicht unterkriegen, ist bis zuletzt, bis zum Sonnenaufgang mit dabei. Liegt da, schlafend, neben den anderen beiden Jungs – während der Dritte im Bunde bereit zum Aufbruch ist.

Diskussionsstoff | zum Thema des Films

Absolute Giganten ist ein Film über Freundschaft, mehr als alles andere (Abschied nehmen, erwachsen werden und so’n Rummel). Die Geschichte einer Freundschaft, die zeitlos ist – das habe Sebastian Schipper erzählen wollen. So wird der Regisseur in einem Heft (ihr als PDF-Download) des Irish Film Institute zitiert. Darin wird Absolute Giganten gar herangezogen, um sich anhand des Themas Freundschaft mit der deutschen Sprache zu beschäftigen.

Fazit zu Absolute Giganten

Naja, absolut gigantisch halt, wie oft wurde das wohl schon geschrieben? Also bitte: vollkommen großartig. Ein Film über eine kindsköpfige Männer-Freundschaft, der eine starke Szene an die nächste reiht. Dazwischen wird ein wirklich episches Kickerspiel und sowas wie Erwachsenwerden eingeschoben. Lässig montiert, das Ganze, ein unterhaltsamer, spannender, lustiger Ritt durch die Hansestadt.


Weblinks

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