Film

Filmtipp: Oh Boy (Jan Ole Gerster, 2012)

Kürzlich gesehen: Oh Boy von Jan Ole Gerster. Ein monochromer Müßiggang durch Berlin, von eines Morgens bis zum nächsten Morgen. Es beginnt als Suche nach einem Kaffee und eigentlich bleibt es das auch, sehr sympathisch also. Ob es aber Mitgefühl für den Helden war, der verdammt nochmal seinen Kaffee kriegen soll, dass dieser Film mit Preisen überschüttet wurde?

Wie so ein Tag ohne Kaffee eben ist

Er lernte erstmal Leben zu retten. Vom Rettungssanitäter zum Regisseur schulte Jan Ole Gerster dann im Rahmen einiger Praktika um. Etwa bei der Produktionsfirma X Filme, in deren Verleih sein Film Oh Boy später aufgenommen wird. Es handelt sich um Gersters Abschlussfilm, mit dem er sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ziemlich beeindruckend beendet.

Hinweis: Liebe Leser*innen, der Film Oh Boy erzählt episodisch aus dem Tag eines Taugenichts. Im Folgenden gehe ich auf einige der Episoden ein, versuche aber, nichts vorwegzunehmen, dass die Wirkung des Films versaut. Trotzdem empfehle ich zum spoilerfreien Lesen nur die Lektüre bis zum Abschnitt »Bleibender Eindruck«. Zu sehen gibt es Oh Boy aktuell bei Amazon Prime (Stand: April 2018).

Standbild aus dem Film »Oh Boy« | Bild: X Verleih
Tom Schilling im Film »Oh Boy« | Bild: X Verleih

Totale: Oh Boy im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

2012. Das Jahr, in dem die schwarzweiße Tragikomödie Oh Boy herauskommt, ist das Jahr, in dem The Artist den British Academy Film Award abräumt, sowie den Golden Globe Award, den César und den Oscar. Jeweils in der Kategorie »Bester Film«. Gefeiert wird The Artist, der vom Übergang von der Stummfilm- in die Tonfilm-Ära handelt und selbst im Gewand eines Stummfilms aus den 1920er Jahren daherkommt, als Verneigung vor eben dieser frühen Zeit des Filmemachens. Inzwischen können wir nicht nur Ton, sondern alles, wie es scheint.

Als weltweit erfolgreichster Film spielt Marvel’s The Avengers 2012 Millionen ein (an den deutschen Kinokassen trotzdem in den Schatten gestellt von Ziemlich beste Freunde – ziemlich coole Sache). Unter den Top 10 tummeln sich international außerdem Batman, Spider-Man, James Bond und der Hobbit. Computer Generated Images bringen Jahr um Jahr mehr Effekte, Spektakel, ganze Welten auf die Leinwand, um irgendwie unsere abgestumpften Sehgewohnheiten zu rocken. Im 21. Jahrhundert ist ein klassischer Schwarzweißfilm (also nicht: Sin City) schon immer ein Kunstgriff für sich, der mit diesem Spektakel-Wahn bricht.

Trotzdem ist ein Schwarzweißfilm dieser Tage nichts allzu Besonderes. Neben Oh Boy erscheinen allein 2012 als Schwarzweißfilme unter anderem Frances Ha von Noah Baumbach, Viel Lärm um nichts (Much Ado About Nothing) von Joss Whedon und Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld von Miguel Gomes.

Persönlicher Kontext

Oh Boy wurde mir seit seinem Erscheinen immer wieder als sehenswert ans Herz gelegt. Der deutsche Filmpreis in fünf Kategorien, der Bayerische Filmpreis in zwei Kategorien, neben etlichen anderen Auszeichnungen, unter anderem dem Europäischen Filmpreis, ja, schon gut, ich schau mal. Lang hat’s gedauert, bis ich jetzt – immer noch in meinen Mumblecore-Recherchen rotierend – wieder auf Oh Boy gestoßen bin. Und zwar in einer online einsehbaren Bachelorarbeit der Hochschule Mittweida (Mumblecore – Eine neue Stilrichtung im zeitgenössischen Film aus dem Jahr 2016, hier als PDF-Download). Darin wird die Frage diskutiert, warum »die Fachpresse« Oh Boy nicht dem German Mumblecore zuordnet.

Nach einer Analyse des Films (nebst Analysen zu Funny Ha Ha als gemeinhin anerkannten erstem Mumblecore-Film und Frances Ha von Noah Baumbach, der gemeinsam mit seiner Hauptdarstellerin Greta Gerwig immerhin irgendwie mit dem amerikanischen Mumblecore verbändelt ist) kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass Oh Boy ein Mumblecore-Film ist. Das überrascht mich.

Man kann Mumblecore von verschiedenen Seiten aus betrachten und beschreiben, als Filme mit (tatsächlich oder vermeintlich) improvisierten Dialogen, mit geringem Budget, einfachster Technik, thematischer Fixierung auf ins eigenständige Leben startende und/oder prokrastinierende Mittzwanziger… besagte Bachelorarbeit beschränkt sich auf diesen letzten Aspekt. Wenn man bedenkt, dass die Wortschöpfung Mumblecore auf einen Tontechniker zurückgeht, dem die Dialoge arg genuschelt vorkamen, erscheint es mir unnötig, für Oh Boy dieses Genre zu bemühen. Alle Filme mit prokrastinierenden Mittzwanzigern darunter zu fassen, bringt die Schublade zum Platzen. Dann ließe sich auch Good Will Hunting (1997) als Mumblecore diskutieren. Also lassen wir das.

Close-up: Oh Boy im Fokus

Erster Eindruck | Der Inhalt des Films

Eines Morgens in Berlin, Blick auf ein Schlafzimmer. Im Bett liegt eine schlafende Frau, daneben zieht sich ein Mann leise an. Eine Szene, wie man sie gefühlt tausend Mal gesehen hat. Die Frau wacht auf, erhebt sich aus den Federn, Kurzhaarschnitt und Querstreifen. Sieht aus wie die Frau aus Außer Atem (1960), denke ich, Nouvelle Vague, kommt jetzt ein später, deutscher Nachzügler? Wir folgen dem jungen Mann, nachdem er die Frau verlassen hat, in seine neue Wohnung. Die ist leer, abgesehen von ein paar Kartons. Das erste, was er auspackt, sind Fotos von sich und jener Frau, als Paar. Was in der ersten Szene aussah und beendet wurde wie ein One-Night-Stand war anscheinend eine Beziehung.

Der Mann heißt Niko Fischer (gespielt von Tom Schilling). Er lümmelt noch ein wenig in seiner Bude rum. Mit einem Blick auf die Uhr merkt Niko, dass er spät dran ist – und hetzt los. Was folgt, ist eine Parade grandioser Episoden, die ich nicht en detail vorwegnehmen möchte, nur in groben Zügen daher: Spoiler-Warnung für den nächsten Abschnitt.

Bleibender Eindruck | Die Wirkung des Films

»Schöne Schwarzweißbilder« – wenn das alles ist, was hängen bleibt, war der Film nicht mehr als ein netter Zeitvertreib. Je nach dem, wie weit entfernt man von diesem 27-jährigen Studienabbrecher Niko Fischer als Identifikationsfigur ist, mag das auch sein. Er macht Schluss, muss zum Idiotentest, kramt einem schlafenden Obdachlosen die Münzen aus dem Pappbecher, weil die Geldkarte eingezogen wird. Wie sich herausstellt, ist Papa dran Schuld. Der alte Herr hat den Geldhahn abgedreht. Zu allem Überfluss gibt es NIRGENDS IN DIESER GOTTVERFLUCHTEN STADT einen Kaffee.

Kurzum: Niko hat einen schlechten Tag und prompt mein Mitgefühl. Obwohl er erstmal nicht wie der netteste Zeitgenosse daherkommt (nett kann jeder…), fällt mir persönlich (28-jähriger Abbrecher des Angestelltendaseins) die Identifikation mit Niko nur allzu leicht. Sein grübelndes Wesen, das manchmal zu Wort kommt, spricht mir aus dem Herzen – etwa im Austausch mit seinem Vater:

»Was um alles in der Welt hast du zwei Jahre lang getrieben, während ich dir Monat für Monat Geld für dein Studium überwiesen habe?«
»Ich hab nachgedacht.«
»Nachgedacht. Und über was, wenn ich fragen darf?«
»Über mich. Über dich. Über alles.«
»Ich überweise dir 1000 Euro im Monat, damit du über mich nachdenkst?«

Selbst ohne Jurastudium und derart spendablen Paps kommt mir die verzweifelte Ehrlichkeit in Nikos Worten sehr nachvollziehbar vor. (Vielleicht muss man die Szene gesehen haben, um die Wirkung nachzuvollziehen… so rein im Schriftbild geht doch ein bisschen was verloren.) Nachdenken übers Leben, wären immer neue Impulse von außen diesen Gedankengang lenken, ablenken, durchbrechen und wieder aufnehmen lassen.

Diskussionsstoff | zum Thema des Films

»Monochromer Müßiggang« hab ich eingangs geschrieben – und eigentlich voll am Thema vorbei gefloskelt. Es ist die Muße, die Niko nicht ausleben kann, von der dieser Film am ehesten handelt. Wie ein Spielball rollt er von einer Szene in die nächste Szene, nie so recht willensfrei, sondern immer irgendeinem inneren oder äußeren Zwang folgend. Einmal, da spaziert Niko für eine Zigarette in ein Waldstück. Dort kann er für ein paar Minuten müßig sein, bevor er zurückmuss, zurückfährt mit der Bahn – ehe der Ball zwei Schaffnern zugespielt wird, die Niko für eine herrliche Diskussion aus dem Verkehr ziehen.

Die Dichte, in der dem Helden an diesem einen Tag in Berlin dumme Sachen passieren, die ist schon besonders. Doch ansonsten ist es ein Tag wie jeder andere für vielleicht die meisten von uns. Obwohl er sein Studium abgebrochen hat und in den Tag hinein lebt, ist Niko kaum Herr über seine freie Zeit, sondern rennt der Kohle oder einem Kaffee nach, beziehungsweise vor Beziehungen und wütenden Schaffnern davon. Er ist ein Getriebener.

Das Getriebensein in der vermeintlich freien Zeit, davon handelt Oh Boy – neben Einsamkeit und der Reflexion des jüngeren Selbsts und ach so vielen anderen Themen, die Nachdenker wie Niko so bewegen.

Fazit zu Oh Boy

Wie viel an der Faszination für Oh Boy ist den schönen Schwarzweißbildern geschuldet? Diese Frage muss jede*r für sich selbst beantworten. Wie der Film Absolute Giganten (1998) spielt Oh Boy in einem Zeitraum von 24 Stunden, von morgens bis morgens. Und wer weiß, vielleicht ist Niko ein einsamer Gigant, in sich gekehrt wie die Figur Floyd aus dem Jahr 1998, nur eben daheim und allein geblieben. In jedem Fall lohnt es sich, ihn einen Tag lang zu begleiten. Dieser Tag hat es in sich. Leben, Tod, Theater und echte Prügel, von allem was dabei.

Der englische Titel lautet übrigens A Coffee in Berlin. Ha, ha.


Weblinks

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