Film

Der beste Film seit gestern Abend

Ich wäre ihr gern über den Weg gelaufen. Hätte mich zu ihr gesetzt, als sie allein an der Theke saß, in diesem Club, der gar keiner ist. Noch’n Schnaps, Spaziergang zu ihrem Café, kleines Klavierintermezzo, dann die Nacht ausklingen lassen. Eine schöne Begegnung mit einer außergewöhnlichen Frau, deren süßer Akzent ihr tiefes Wesen überspielt.

Stattdessen trifft die Spanierin in Berlin um irgendwas zwischen vier und halb fünf Uhr morgens auf Sonne und seine Homies. Das ist auch okay. Es beschert uns den amüsanten, rasanten Streifen mit Ecken und Kanten und ohne einen einzigen Schnitt, den cineastischen Arschtritt: „VICTORIA„.

Gestern, 22. September, erst im Provinzkino meiner Heimatstadt gesehen. Einmalige Aufführung. Schon vor acht Monaten hing mir ein Kumpel auf der 99Firefilm-Fete, unmittelbar nachdem er das Ding auf der Berlinale-Premiere gesehen hatte, damit in den Ohren: Irrsinniger Ritt, grandiose Performance. Bester deutscher Film seit 16 Jahren (Die Welt meint sogar 20). Was war vor 16 Jahren? 1999. „Absolute Giganten“, nannte besagter Kumpel noch so einen Film von Sebastian Schipper. Weder jener Film, noch dieser Film, noch der Schipper sagte mir derzeit – im Februar – irgendwas. Welche schändliche Lücke im Fachwissen eines Möchtegern-Filmkenners. Gestern Abend also „Victoria“ auf großer Leinwand. Mit einem anderen Kumpel, der dafür vier Stunden Zugfahrt in Kauf genommen und den Film damit bereits zum dritten Mal im Kino gesehen hat. Mit ungebrochener Begeisterung. Nun haben die Monate seit der Berlin-Premiere einen ordentlichen Hype geschürt und meine Erwartungen schlicht und ergreifend ins Unermessliche steigen lassen…

… „Absolut gigantisch“ titulierte die Zeit.
… „Kein Film wie alle anderen“ hieß es in der FAZ.
… „Mitreißender 140-Minuten-Rausch“ schrieb der Spiegel.
… „One shot, two hours, total triumph„, sogar in The Guardian.
… und der obligatorische Niedermacher darf natürlich auch nicht fehlen.

Long story short: Trotz hoher Erwartungen war ich, bin ich begeistert. Dieses Projekt ist mir in allen Facetten sympathisch. Manch einer ärgert sich über die idiotischen Entscheidungen, die von den Protagonisten getroffen werden, oder über deren Leichtsinn – zuweilen gar mit dem Einwand, dass sei wenig glaubwürdig, wenig realistisch. Dazu möchte ich sagen: Was für ein Quatsch. Es ist nicht realistisch, dass eine junge Frau mit vier angetrunkenen Bekloppten loszieht und sich in ein krummes Ding verwickeln lässt? „Du bist doch selbst dabei!“, will ich tönen, ob des durch Echtzeit verstärkten Mittäter- oder wenigstens Augenzeugengefühls, das „Victoria“ hinterlässt. Aber sowas ist vermutlich plumpes Argumentieren.
Wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, lese ich dort jedenfalls jeden Tag über Leute, bei denen Leichtsinn über Vernunft Oberhand gewonnen hat und/oder die einfach ne fette Portion Pech haben. Oder einfach mal ne saublöde Entscheidung treffen. Bauchgefühl. Laune. Lust. Komm mir nicht mit „realistisch“. Du bist nicht „realistisch“!

Was mir daran an dem Film „Victoria“ am besten gefällt, kann der gestandene Filmredakteur Hanns-Georg Rodek viel geschickter in Worte fassen, als ich, zitiere:

Schipper nutzt den technischen Fortschritt, wie „Star Wars“ und „Batman“ den technischen Fortschritt nutzen, aber diametral anders. Ihm geht es nicht um die Perfektionierung der Illusion, sondern um die Augmentierung von Realität.

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