Film Geschichte

NORDRAND mit Edita Malovčić, Nina Proll | Film 1999 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 18. August 2018 um 11:33

1999: Über ein halbes Jahrhundert lang war kein österreichischer Film mehr für den Goldenen Löwen nominiert gewesen, auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Das sollte sich in diesem Jahr ändern, mit einem Beitrag der 28-jährigen Barbara Albert aus Wien. Direkt nach dem Eröffnungsfilm  Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (!)  wurde ihr Spielfilmdebüt Nordrand gezeigt. Am Ende räumte er den Marcello-Mastroianni-Preis ab, für Nina Proll als »Beste Nachwuchsdarstellerin«. Und Barbara Albert galt als Vorreiterin, die österreichisches Filmschaffen wieder ins Rampenlicht weltweiter Festivals rückte.

Und das mitten im Frieden

Logline: Während auf dem Balkan der Bosnien-Krieg tobt, treffen am Wiener Nordrand junge Menschen aus Österreich und Osteuropa zusammen  Flüchtlinge, Träumende und zwei junge Frauen, die sich aus der Kindheit kennen und in einer Abtreibungsklinik wieder begegnen.  

Hinweis: Folgender Beitrag enthält keine Spoiler. Aktuelle Streaming-Angebote lassen sich, wenn vorhanden, bei JustWatch finden. Diese Filmkritik basiert auf der der DVD-Edition von Der Standard.

Die Schauspielerinnen Edita Malovčić und Nina Proll in dem Film Nordrand

Totale: Nordrand im Zusammenhang

Historischer Kontext

Als der Bosnien-Krieg zu Ende war, begann eine junge Filmschaffende zu schreiben  im Jahr 1995. In Paris unterzeichneten die Vertreter der Kriegsparteien (unter anderem der später zum Völkermord verurteilte serbische Präsident Slobodan Milošević) den Friedensvertrag, während Barbara Albert erste Notizen dessen schrieb, dass später Nordrand werden sollte  ein mit eigenen Erfahrungen angereicherter Film über junge Menschen in Wien zur Zeit des Bosnien-Krieges. 1996 fuhr Albert mit ihrer Kamerafrau Christine Maier für die Dokumentation Somewhere else (1998) nach Sarajevo, in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina.

Ich wollte wissen, wie die Situation dort während und nach dem Krieg war. Zur gleichen Zeit begann ich, an der Figur des Senad [für den Film Nordrand] zu arbeiten. Zu dieser Zeit war es sehr schwierig, in Sarajewo zu drehen. Manchmal schämte ich mich richtiggehend dafür, »Kriegs-Tourist« zu sein. Krieg ist etwas, das ich nie verstanden habe. 

Barbara Albert im Interview (FAMA FILM AG)

Warum Krieg? Dieser Frage widmen wir uns ein einem Beitrag über den Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud.

Auf Krieg folgt Krieg folgt…

Schon während der Entwicklungsphase zu Nordrand verschärfte sich dann der Kosovo-Konflikt. Albert überlegte, ihr Drehbuch auf die aktuellen Geschehnisse umzumünzen und aus dem bosnischen Flüchtling etwa einen Kosovo-Albaner zu machen. Sie entschied sich dagegen (im Film wir die Figur des Senad zwar von einem Kosovo-Albaner gespielt, seine Rolle blieb aber ein bosnischer Flüchtling – und der Film handelte, wie geplant, vom Bosnien-Krieg).

Als der Kosovo-Konflikt zu einem offenen Krieg wurde, war Nordrand bereits im Schnitt. Während der Postproduktionsphase flog die NATO unter Beteiligung der deutschen Bundeswehr ihre Angriffe auf Jugoslawien und warf Bomben auf die Bevölkerung ab  bis in Frühjahr 1999. 

Der Beginn der Synchronisation war am ersten Tag, an dem keine Bomben mehr fielen und viele der Darsteller waren da. Tudor hat gerufen »Hey, the war is over!« aber letztlich war der Krieg noch nicht vorbei.

Barbara Albert im Interview (FAMA FILM AG)

Persönlicher Kontext

Letztlich ist der Krieg nie vorbei. Während der Kosovokrieg der erste war, den ich als Kind bewusst wahrgenommen habe, nahm ich den Syrienkrieg durch Begegnungen mit Flüchtlingen in Deutschland erstmals in einer Weise wahr, wie sie vielleicht Barbara Alberts langjährige Beschäftigung mit dem Bosnienkrieg und seinen Folgen für bestimmte Einzelschicksale in Gang setzte.

So wird jede*n von uns dieser oder jener Krieg näher beschäftigen, als andere – grauenvoll sind sie im Kern alle. Albert hat gut daran getan, ihren Film nicht an aktuelle Geschehnisse anzupassen. Man merkt Nordrand ihren persönlichen Bezug zu der konkreten Zeit und dem konkreten Ort des Films an. Der Krieg ist letztlich austauschbar, die Schicksale sind zeitlos. Doch im Einzelnen und Persönlichen entfaltet sich die ganze emotionale Wirkung, die ein Film haben kann.  

Hier ein paar Stimmungsbilder aus Nordrand:

Close-up: Nordrand im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Nordrand beginnt mit Stimmen aus dem Off. Aus dem wirren Flüstern von Kindern heben sich hörbare Sätze ab, Berufswünsche. Dazu sehen wir die ersten Bilder des Films – gemalt von Kinderhand. Berufsbilder. Ein Mädchen möchte Seiltänzerin werden. Ein Junge Astronaut. Typische Berufsbilder. 

– Wenn ich groß bin, werd‘ ich ganz viele Kinder haben. Jasmin
– Wenn ich groß bin, will ich Krankenschwester werden. Tamara

Die Flüsterstimmen gehen über in Gesang. Eine Schulklasse singt gemeinsam die Österreichische Bundeshymne:

Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome,
Land der Hämmer, zukunftsreich!
Heimat bist du großer Söhne! […]

…und »großer Töchter«, doch diese Ergänzung im Hymnentext wurde erst 2011 vorgenommen, in Absprache mit dem kreativen Kopf hinter der einst 1946 geschriebenen Fassung. Dieses Original österreichischen Bundeshymne stammt übrigens von der Tochter eines kroatischen Nationaldichters.

Randnotiz: Albert betont in mehreren Interviews, dass sie es nicht mag, wenn Nordrand als »Frauenfilm« bezeichnet wird, bloß weil zwei Frauen im Mittelpunkt stehen und eine im Regiestuhl sitzt. Niemand käme auf die Idee, ein Drama wie Die Truman Show (1998) von Andrew Niccol als »Männerfilm« zu bezeichnen, weil mit Jim Carrey und Ed Harris zwei Männer im Mittelpunkt stehen (weiße Männer übrigens, wie immer noch  in der großen Mehrheit aller Filme). Das stimmt. Trotzdem ist der Nordrand reich an Andeutungen und Momenten, die eine nach wie vor bestehende Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft schmerzhaft spürbar machen.

Die Außenseiterin und die Drachenführerin

Zurück in den Klassenraum: Wir sehen ein blondes Mädchen im grünen Pulli, Jasmin, die später mal »ganze viele Kinder« will. Dann ein brünettes Mädchen mit Zöpfen, das Jasmin heimlich einen Zettel reicht: »Lernst du mir der Zauberwürfel? Bittet Tamara«  das ist die zukünftige Krankenschwester, die in Serbien geboren wurde und als Kind noch kein Österreichisch spricht, so richtig. Die anderen Mädchen lachen, über sie, wie es aussieht. Dazwischen geschnitten die Hände Jasmins, die im Zeitraffer den Zauberwürfel knackt. Vom Klassenzimmer geht’s  harter Schnitt  zu einem Papierdrachen (eigentlich: Schmetterling), den die Mädchen steigen lassen. Tamara schaut nur vom Rande aus zu, Jasmin hält die Schnur  alle anderen Kinder laufen ihr nach, die den Drachen führt.

Rot flattert er am blauen Himmel, rot hebt sich auch der Titel vom Hintergrund ab: NORDRAND. Dazu setzt mit ordentlich Wums der Song Modrice (zu Deutsch etwa: Blaue Flecken) der Band Zana aus Belgrad  ein Song, der 1995 herauskam.

Das Drama, zu dem die damals knapp 30-jährige Regisseurin auch das Drehbuch verfasste, besticht durch seine präzise örtliche und zeitliche Situierung.

Nicole Hess, Filmkritikerin und -publizistin

Wenn sie groß sind…

1995, in eben diesem Jahr landen wir, nach dem Prolog mit Ausschnitten aus Kindheitstagen. Die Mädchen sind jetzt erwachsen. Tamara trägt nur noch einen Zopf und ein Baby im Arm, während sie den Krankenhaus-Korridor entlang läuft  als Krankenschwester. Wir sehen sie von vorne mit dem Kind an der linken Schulter, in genau der Ansicht und Haltung wie auf dem kindlich gekritzelten Bild aus dem Vorspann. Sie bleibt vor einem Wartezimmer stehen, schaut durch die Scheibe auf einen Fernseher in der Ecke  Aufnahmen von Panzern und Soldaten. Aufnahmen aus Tamaras Heimat, Serbien.

Schnitt zu den Fernsehbildern in Großaufnahme, mit der Stimme eines Nachrichtensprechers aus dem Off:

Der Abzug der serbischen Truppen aus Teilen von Bosnien-Herzegowina hat gestern unter Kontrolle der UNO-Friedenstruppe begonnen. Nur vereinzelt kommt es an den Fronten noch zu Schießereien. Dabei starben […]

…ich musste an ein Zeile aus Im Rausch der Stille (2002) von Albert Sánchez Piñol denken: Es heißt, dass kein Soldat der letzte Tote in einem Krieg sein will… die Nachrichten schneiden auf Bilder einer Parade, rollende Panzer zwischen feiernden Menschen:

[…] Wien. anlässlich des 40-jährigen Bestehens der 2. Republik findet heute auf der Wiener Ringstraße eine großere Militärparade statt.

Schnitt von den Nachrichten zurück ins Zeitgeschehen:

Himmel, hier und da

Wir sehen eine blonde Frau in grüner Jacke  Jasmin, das blonde Mädchen in grünem Pullover von damals. Mit einem ihrer vielen Geschwisterkinder treibt sie sich auf der Militärparade herum. Irgendwo nicht weit von dort ist auch Tamara unterwegs, am Bahnhof  doch Jasmins und Tamaras Wege überschneiden sich erst später wieder. Tamara erblickt einen Mann mit langen Haaren. Ein flüchtiger Blickwechsel zwischen Fremden. Diesen Mann lernen wir (und Tamara) auch erst später kennen. Jasmin trifft indes auf alte Bekannte, während Militärflugzeuge über sie hinwegbrausen. Sie schauen hoch  und Schnitt zu Tamara, die ebenfalls hochschaut, unter demselben Stück Himmel wie Jasmin.

Schnitt zu einem anderen Stück Himmel, von einem dichten Vogelschwarm besiedelt. Zu diesem hoch schaut ein Grenzsoldat, der an einem Lagerfeuer vor sich hinfriert. Mitten auf einer Wiese im grünen Nirgendwo. Durch ein Fernglas sucht der die Landschaft ab, sieht nichts. Die Zuschauer*innen aber schon: Schnitt zu Close-ups von Flüchtlingen, die sich im Dickicht verstecken, sich erst im Morgengrauen die Flucht über die Wiese trauen, Richtung Wien. Einen dieser Flüchtlinge, einen Bosnier, lernen wir (und Jasmin) später in der Hauptstadt kennen…

Ich könnte noch ewig so weitermachen, die vielen durchdachten Details und Übergänge zu beschreiben. Na, nicht ewig  das waren die ersten 6 von 106 Minuten eines Films, der über seine gesamte Dauer derart kunstvoll verstrickt ist. Gespickt mit kleinen Szenen aus verschiedensten Leben und zeitgenössischer Musik, gekrönt von einem Kuss, bei dem die Welt scheinbar den Atem anhält, beendet mit einer letzten Sequenz, die dem Film einen wundervollen Rahmen verleiht. 

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Am Ende haben wir einen Einblick in die Welt junger Menschen bekommen, die mit der kalten Schönheit des Seins konfrontiert werden, mit der Zerrissenheit der Dinge zwischen den Gegensätzen, die in unseren Hirnen spuken: Gut und böse. Richtig und falsch. Vergangenheit, Zukunft. Diese Generation und die nächste. Aus Kindern, die Drachen im Wind tanzen lassen, werden Erwachsene, die nach Halt im Wirbel des Lebens suchen. Das Drama beginnt immer wieder von Neuem.

Über 3 Jahre hat Barbara Albrecht an dem Drehbuch gearbeitet und ein Sammelsurium von Erinnerungen, Ideen und Notizen zu einem (teils autobiografischen, größeren teils einfach vom Leben inspirierten) Puzzle zusammengesetzt. Verschiedene Sprachen werden gesprochen, neben dem Österreichischen, und viele große Themen tangiert, von Migration und Miteinander bis hin zu Missbrauch und Abtreibung. 

Jasmin: Sing ma en Weihnachtslied.
Tamara: I kann keins.
Jasmin: Was woaiß ich, »ihr Kinderlein kommet«
Tamara: Nicht so angebracht.

Zwischen Schwere und Leichtigkeit

Die zentrale Handlung des Films umfasst einen Zeitraum von mehreren Monaten. Das Schaufenster der Bäckerei, in der Jasmin arbeitet, dekoriert sie erst weihnachtlich, später mit Oster-Gebäcken. Dazwischen wird Silvester gefeiert, voller Zuversicht: Willkommen im Jahr 1996.

Die herausragende Qualität von Nordrand zeigt sich […] vor allem in der Leichtigkeit, mit der die Regisseurin der düsteren Alltagsrealität auch lichte Momente abgewinnt.

Nicole Hess, Filmkritikerin und -publizistin

Neben einer Filmkritik von Nicole Hess enthält die DVD-Edition von Der Standard noch ein 10-minütiges, unmoderiertes Making-of mit Stimmungsbilder vom Dreh sowie deutsch- und englischsprachige Interviews von Barbara Albert.

Eine lesenswerte Filmkritik zu Nordrand hat Veronika Rall (Der Tagesspiegel) geschrieben, unter dem Titel: Zu genau, um Klischee zu sein (August 2000)

Ein ausführliches Interview mit Barbara Albert, inbesondere über ihre Erfahrungen bei der Entstehung zum Drehbuch, veröffentlichte Martin Betz unter dem Titel: Die Wirklichkeit, die glaubt dir keiner (Februar 2000)

Fazit zu Nordrand

Ein Zeitdokument, fest verankert in den 90er Jahren  wie eine Konserve im Filmregal, die auch nach dem Öffnen nie abläuft: Mit Nordrand kann man eintauchen, in diese konservierte Zeit. Um dann festzustellen, wie wenig sie doch ändert, über die Jahrzehnte. Die Menschen plagen sich immer noch mit denselben von Menschen gemachten Problemen. Nordrand ist ein wirklich sehenswerter Film über urmenschliche Themen, lebensnah erzählt, stark gespielt und grandios zu einem runden Gesamtwerk arrangiert. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.