Film

ASPHALTGORILLAS mit Ella Rumpf | Film 2018 | Kritik

Der Titel erinnert an Asphalt-Cowboy (1969), der Look an Drive (2011), die Inszenierung an Rock N Rolla (2008) und hey, ist das nicht das Apartment aus 4 Blocks, in der die stylische Schießerei stattfindet? Der halbe Cast aus dieser Serie ist auch am Start. Außerdem SSIO und SXTN und die Poetry-Slammerin Julia Engelmann und Germany’s Topmodel Stefanie Giesinger und Capital Bra als schlagkräftiger Grasdealer – eine Parade an Referenzen, Gastauftritten und Ausnahme-Besetzungen. Aber ist Asphaltgorillas auch für sich genommen ein rundes Ding, ein guter Film?

Chaos geht durch den Magen

Inhalt: Zwei Sandkastenfreunde treffen sich eines Nachts in Berlin zufällig wieder. Der eine – Atris – lebt noch bei seiner Mutter und arbeitet den Gangsterboss El Keitar. Der andere – Frank – fährt einen fetten Sportflitzer und verdingt sich als Hochstapler. Frank überredet Artis zu einem Job, ganz easy natürlich. Bis alles schief geht. Natürlich.

Hinweis: Folgender Blogbeitrag enthält keine Spoiler zum neuen Film von Detlev Buck. Aktuelle Streaming-Angebote finden sich bei JustWatch.

Schauspielerin Ella Rumpf in dem Film Asphaltgorillas | Bild: Constantin Verleih GmbH

Totale: Asphaltgorillas im Zusammenhang

Literarischer Kontext

Ich habe zwanzig Jahre Mörder, Drogendealer und Zuhälter verteidigt. Ich war bei Obduktionen, habe Tatorte in Kellern gesehen, in denen das Blut stand, abgeschnittene Köpfe, herausgerissene Geschlechtsteile, verfaulte Körper, die wochenlang im Wasser lagen.

Ferdinand von Schirach im Interview (SZ Magazin)

Dieser Mann, der Strafverteidiger, Synästhetiker und Schriftsteller Ferdinand von Schirach, hat die Kurzgeschichte Der Schlüssel (2012) geschrieben. Darin geht es um Atris und Frank, um Falschgeld, einen geklauten Maserati und den titelgebenden Schlüssel zu einem Schließfach, den eine Dogge frisst und damit für reichlich Chaos sorgt.

Schneid das Vieh auf, hol den Schlüssel raus und mach ihn wieder zu. | Atris zum Tierarzt

Unterschiede zwischen Film und Vorlage

Regisseur Detlev Buck hat im Wesentlichen den Tierarzt gestrichen, den Maserati gegen einen Lamborghini eingetauscht und die Figur des Atris weniger mit Anabolika aufgepumpt, mehr schlau angelegt und durch die Besetzung mit Samuel Schneider sehr sympathisch gemacht. Die »Frau mit Kapuzenpullover« ist bei ihm eine schweigsame Mongolin mit tarantinoesker Coolness (gespielt von der Regisseurin und Schauspielerin Uisenma Borchu). Von der wirklich absurden Geschichte, die sich in Literaturvorlage und Kinofilm entfaltet, muss man annehmen, dass sie zumindest in Teilen auf »wahren Begebenheiten« beruht. Aus den Erfahrungen eines gestandenen Strafanwalts, zu dessen Vorfahren übrigens sowohl ein NS-Reichsjugendführer als auch ein USA-Gründervater gehört. Ja, das Leben schreibt solch irren Geschichten.

Persönlicher Kontext

Ein Kinobesuch mit dem Schauspieler Florian Gierlichs (AMUREUS KISS) im Rex am Ring hat mich mit Asphaltgorillas bekannt gemacht. Die Kurzgeschichte Ferdinand von Schirachs hörte ich erst später, den Rapper Captain Bro konnte ich nicht visuell zuordnen und SSIO allein, weil er zuvor schon in Özgür Yıldırıms grandiosem Gangsterfilm Nur Gott kann mir richten (2017) kurz auftrat. Von Stefanie Giesinger wusste ich bloß, sie »mal irgendwo gesehen« zu haben – und Julia Engelmann? Hat sich mir bei ihrem Hörsaal-Slam vor 5 Jahren ins Gedächtnis gebrannt, allerdings weniger mit ihrem Gedicht als ihrem Gesicht, kurzum: Auch sie erkannte ich nicht wieder.

Viele der Fame-Facetten dieses Films gingen also an mir vorbei. Stattdessen sah ich (der ich nicht einmal den Trailer gesehen hatte) Asphaltgorillas zunächst unvoreingenommen. Und nach den ersten paar Minuten dann tendenziell in eher ablehnender Haltung, leider.

Close-up: Asphaltgorillas im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Was in Asphaltgorillas »by Buck« (nice!) sofort ins Auge sticht, ist die starke Kamera und das tolle Licht. Berlin als buntes Wunderland für dunkle Gestalten, diese Atmosphäre wird schnell und gelungen heraufbeschwört und aufrecht gehalten. Erzählerisch wirkt die Begegnung von Atris und Frank dagegen weniger gelungen. Da wird via Voice-Over von dicken Vertrauten gesprochen, wie sie in den Szenen nicht rüberkommen. Eine kurze Rückblende ist mehr Gag denn Figurenzeichnung. Hinzukommt, dass mir persönlich das Spiel von Jannis Niewöhner ein bisschen »drüber« erschien. Viele feiern seine Performance und Filmkritikerin Antje Wessels vergleicht seine Figur sogar mit Jordan Belfort aus The Wolf of Wall Street (2013). Insofern ist etwaiges Overacting sicher so gezielt und gekonnt eingesetzt, wie es eben bei den meisten gut ankommt. Bloß, wenn man die Figur des Frank ein bisschen arg flippig findet, ist es schwierig, in diesen Film reinzukommen.

Frank in seinem schicken Anzug und seinem schnittigen Lamborghini bietet Sandkastenfreund Atris an, ihm beim Absprung aus dem Kleinkriminellen-Milieu zu helfen. Sprungbrett soll ein Falschgeld-Deal sein, bei dem Atris nur als Bote dienen müsste… Atris, geblendet vom Lambo-Lack, vertraut seinem alten Kumpel.

Eine unglaubwürdige Freundschaft

Die rasante Einführung der beiden anscheinend wichtigsten Figuren blieb bei mir als Zuschauer leider im Verlaufe des Films zu sehr hängen, als dass ich den Streifen so richtig hätte feiern können. Als großer Fan von diversen Guy-Ritchie-Filme oder auch dem deutschen Genre-Klassiker Bang Boom Bang (1999) würde ich mich durchaus in der Zielgruppe von Asphaltgorillas vermuten. Doch Atris und Frank haben zu wenige »zweisame Momente« (in einem nicht homoerotischen Sinne). Das wegbrechende Vertrauen seitens Atris gegenüber Frank spielt eine große Rolle – obwohl wir Frank gegenüber Atris eigentlich permanent als hochtrabenden Penner erleben. Was findet Atris an dem? Da schimmert wieder der naive Gorilla durch, der Atris in der Kurzgeschichte Der Schlüssel ist – was aber nicht wirklich mit Atris‘ sonstigem Auftreten in Asphaltgorillas zusammenpasst. Überhaupt, der Titel Asphaltgorillas: Zum Kurzgeschichten-Atris passt er prima, im Film bezieht man ihn eher auf die aufgepumpten Gangster in Atris‘ Umfeld.

Man musste die Hauptfigur vollkommen neu erfinden, weil der Atris in der Kurzgeschichte nicht zu gebrauchen ist für den Film. Einfach, weil er dämlich ist. Der ist richtig dumm. Bei uns hingegen macht er eigentlich die klassische Heldenreise.

Regisseur Detlev Buck im Interview (Ray Magazin)

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Frauen kann man einfach nicht trauen.

Auf diesen Satz endet die Kurzgeschichte Der Schlüssel, mit Bezug auf jene Kapuzenpullover-Frau, die in der Kurzgeschichte etwas gesprächiger ist, als im Film. Titel und Thema von Asphaltgorillas drehen sich rund um das Macho-Gehabe testosteron-gepushter Kerle, da verwundert es kaum, dass Frauen eher als Sexobjekte in Szene gesetzt werden. Schon in Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichte gibt es neben der Kapuzen-Frau noch drei Mädchen in einem Hotelzimmer, die mit Drogen für Sexspiele gefügig gemacht werden, und eine Tierarzt-Helferin, der Atris beim Stichwort »Euter« auf die Brüste schaut.

Und auch in Detlev Bucks Film gibt es halbnackte Tänzerinnen, die sich wie Raumdekoration räkeln, während die Typen ihren Tätigkeiten nachgehen. Schlägereien in Zeitlupe zum Beispiel. Die Freundin von Frank (gespielt von Stefanie Giesinger), die in deren Beziehung scheinbar die Hosen anhat, steht wiederum unter dem Pantoffel ihres Vaters – einem Russen, der wie das Sinnbild patriarchalischer Herrschaft jede seiner Szenen dominiert.

Ladendiebin im Lamborghini

Doch Detlev Buck führt noch eine weitere Figur ein, die in der Kurzgeschichte nicht vorhanden ist: Ladendiebin Marie. Gespielt von Ella Rumpf bietet sie einen angenehmen Gegenpol zu den Stadtaffen.

[…] bei uns stellt die Frau den Status der Männer in Frage. Besonders deutlich wird das im Gespräch mit El Keitar, den Marie selbstbewusst provoziert. Und dessen Phobie, einer Frau die Hand zu geben, am Ende ziemlich lächerlich wirken lässt.

Regisseur Detlev Buck im Interview (Ray Magazin)

Als love interest von Atris nimmt Marie auch in dem Coup, in den Atris durch Frank verstrickt wird, eine Schlüsselrolle ein. Die beiden bilden ein kleinkriminelles Paar, das ein wenig an Lola und Manni aus Lola rennt (1998) erinnert. Ella rennt nur anfangs. Später steigt sich auf einen goldenen Lamborghini um. Dass sie diesen nicht bei der ersten Gelegenheit gegen ein unauffälligeres Fluchtauto eintauscht, gehört zu den paar Logiklücken, die ich an dem Film Asphaltgorillas noch zu bemängeln hätte. Aber das kann man auch lassen.

Fazit zu Asphaltgorillas

Er macht Spaß und gibt Gas. Mehr will Asphaltgorillas auch gar nicht, weshalb etwaige Kritikpunkte nicht überbewertet werden sollten. Detlev Bucks neuer Gangster-Streifen ist ein solider Genre-Film mit vielen unterhaltsamen Momenten und gut aufgelegten Schauspieler*innen in einem schillernden Cast. Besonders Octay Özdemir und Georg Friedrich stechen dabei hervor. Wer gefallen an kauzigen Charakteren in skurrilen Situationen hat, wird an Asphaltgorillas Freude haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.