Film

Filmtipp: Frances Ha (Noah Baumbach, 2012)

Kürzlich gesehen: Frances Ha von Noah Baumbach. Der Film wird gerne in einem Atemzug mit dem deutschen Oh Boy genannt. Weil aus dem gleichen Jahr – 2012 – und in gleicher Kolorierung – Schwarz und Weiß. Allein, dass der eine Film einen jungen Mann begleitet, Frances Ha hingegen die gleichnamige junge Frau. War’s das schon mit den Unterschieden?

Frances tanzt aus der Reihe

Die Figur Frances wird verkörpert von Greta Gerwig, die aktuell (April 2018) nicht mehr nur Filmbegeisterten bekannt sein dürfte. Allerdings nicht als Schauspielerin, sondern als Regisseurin. Ihr Film Ladybird mit Saoirse Ronan in der Hauptrolle war fünf Mal bei den Oscars nominiert. Unter anderem für Beste Regie, womit Gerwig die fünfte Frau der Oscar-Geschichte ist, die je in dieser Kategorie nominiert war. Auch wenn es am Ende keinen der Goldjungen für Ladybird gab, wurde der Streifen mit diversen Preisen ausgezeichnet und von der Kritik gefeiert. Ulrich Kriest von der Stuttgarter Zeitung hatte den richtigen Fühler, als er Greta Gerwig damals mit Frances Ha den »endgültige Durchbruch« prophezeite – als vielseitige Filmschaffende vor und hinter der Kamera.

Hinweis: Liebe Leser*innen, im Folgenden werden einige Szenen und Wendungen aus dem Film Frances Ha besprochen. Damit wird weniger vorweggenommen, als etwa im offiziellen deutschen Trailer (nicht anschauen! Ach, doch? Pff, bitte: hier entlang). Schon an dieser Stelle möchte ich eine Empfehlung für den Film aussprechen, der wie so viele Werke wohl am besten dann funktioniert, wenn man noch möglichst wenig darüber weiß. Zu sehen gibt es Frances Ha aktuell bei Amazon Prime (Stand: April 2018).

Greta Gerwig in einem Standbild aus dem Film »Frances Ha«

Totale: Frances Ha im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

2012. Die schwarzweiße Tragikomödie Frances Ha über die Quarterlife Crisis einer 27-jährigen Frau erscheint im selben Jahr wie die schwarzweiße Tragikomödie Oh Boy über die Quarterlife Crisis eines 27-jährigen Mannes (mehr über die Kassenschlager des Filmjahres 2012 im Blogbeitrag zu Oh Boy). Beide werden prompt mit den Werken von François Truffaut verglichen. Der Held von Oh Boy erinnert an Truffauts Protagonisten Antoine Doinel. Die Musik in Frances Ha ist zum Teil direkt dem Œuvre Truffauts entnommen (das hab nicht ich bemerkt, so präsent sind mir Truffauts Filme nicht mehr; unter anderem Sven von Reden schreibt darüber in der taz). Doch Frances Ha ist mehr als nur eine Verneigung an den 80 Jahre zuvor geborenen französischen Altmeister.

Baumbach verankert Frances Ha ikonographisch in der French New Wave (Nouvelle Vague) und ihren Nachfolgern. Er dreht den Film in Schwarz und Weiß. Schmückt ihn mit Musik aus Truffauts Filmen – etwa dem Theme aus Ein schönes Mädchen wie ich (Une belle fille comme moi, 1972). Und Baumbach verfilmt eine Szene aus Leos Carax‘ Bad Blood/The Night Is Young (Mauvais Sang, 1986) neu, zur selben Musik, David Bowie’s Modern Love. Sogar der Titel ist eine Nouvelle-Vague-Referenz: Figuren in Jean-Luc Godards Made in U.S.A (1966) erwähnen häufig eine bestimmte Person, deren Nachname nie ganz zu hören ist, sondern immer von etwas übertönt wird, etwa Pistolenschüssen, Telefonen oder Autohupen: »Richard Po––« | Richard Brody, übersetzt aus The New Yorker: »Frances Ha« an the Pursuit of Happiness

Das bestechende an der Idee der Nouvelle Vague sei für Filmemacher wie Baumbach (und anderen Zeitgenossen, die gerne an die französischen Filme der 60er, 70er, 80er erinnern), einen Film über die eigene Lebenswelt im Stil derjenigen Filme zu machen, die man liebt. So fasst es Richard Brody zusammen. Hier mal die Szenen aus Frances Ha und Mauvais Sang nebeneinander:

Persönlicher Kontext

Von der Sichtung von und Recherche über Oh Boy kam ich zu Frances Ha. Neugierig geworden über jene Bachelor-Arbeit (hier als PDF-Download), die beide Filme im Kontext des Subgenres Mumblecore analysiert. Hatte schon 2012 von Frances Ha gehört, bloß waren Gelegenheit und Gemütslage eben nie so recht gegeben. Jetzt hab ich das Ding gesehen – und während ich bei Oh Boy ein klares innere »nö, kein Mumblecore« verspüre, bringt Frances Ha mein Verständnis dieses ohnehin wuschigen Begriffs wieder ins Wanken.

Mal abgesehen von Referenzen, Vergleichen und Zuordnungen, wie ist denn Frances Ha erstmal als Film für sich?

Close-up: Frances Ha im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Frances Ha beginnt mit einer Szenenmontage, die eine Freundschaft illustriert (übrigens wie Truffauts Jules et Jim, wieder ein Vergleich, den Sven von Reden gesehen hat, jetzt aber Schluss mit den Referenzen). Wir sehen also zwei junge Frau. In der ersten Einstellung kloppen sie sich. Dann spielt die eine Ukulele, während die andere dazu tanzt. Daneben ein Spendenhut, den sie nach ihrer Tanzeinlage anderen Straßenmusikern zu Füßen legen und wegrennen.

Das sind also Frances und Sophie, beste Freundin, miteinander verbandelt »wie ein lesbisches Paar, das keinen Sex mehr hat«. Bloß dass sie eben nicht homo- sondern heterosexuell sind. Während Frances gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht hat, will Sophie mit ihrem zusammenziehen. In mit Pointen gespickten, geschickt montierten, munter erzählten Szenen beginnt Frances‘ freier Fall in die Quarterlife Crisis (ein Begriff, den ich erst bei der Recherche zu diesem Beitrag kennengelernt habe, ein bisschen spät, was schade ist, weil ich die Dinge in meinem Leben doch so gerne beim Namen nenne – Quarterlife Crisis wäre seit dem 25. Lebensjahr durchaus relevant für mein Vokabular… naja…)

Bleibender Eindruck | Zur Wirkung des Films

Kurz und kurzweilig und vor Lebensfreude sprühend, obwohl im Leben der Heldin nicht eben wenig schiefgeht. Das ist ein Film, den ich mag. Greta Gerwig schaue ich gerne dabei zu, wie sie als Frances von einer Wohnung in die nächste tanzt (der Film ist tatsächlich in Wohnanschriften unterteilt) oder einen spontanen Trip nach Paris unternimmt (dem vielleicht unspektakulärsten Paris-Trip der Filmgeschichte?). Und ohne hier einen Vergleich zu Benjamin Button bemühen zu wollen, verläuft Frances‘ Leben doch erstaunlich rückwärtsgewandt. Indem sie versucht, am geliebten Lebensabschnitt festzuhalten statt herauszuwachsen, landet sich in der zweiten Hälfte irgendwie wieder im Studentenwohnheim.

Ihre Probleme sind das, wofür selbst hierzulande der zynische Begriff »First World Problems« etabliert wurde: finanziell, aber nicht existenziell, zwischenmenschlich, aber nicht emotional erschütternd. Frances ist der Frohsinn so sehr ins Wesen gestrickt, dass sie über ihr Wankeln nicht ins Selbstmitleid, ja überhaupt nicht in Wehleidigkeit gerät. Vielleicht liegt es daran, dass ich die beiden Filme so nah nacheinander gesehen habe, aber Frances wirkt auf mich wie die große, lustige Schwester von Marnie aus Funny Ha Ha.

Fazit zu Frances Ha

Der internationale Pressespiegel lässt keinen Zweifel daran, dass Regisseur Noah Baumbach hier ein Werk vorgelegt hat, das mehrere Ebenen hat und mit vielen kleinen Bonbons für Filmkenner gespickt ist. Ein Herzblut-Projekt also, allein das ist ein Gütesiegel. Doch mehr noch funktioniert Frances Ha auch ganz wunderbar, wenn man all die Referenzen nicht zur Kenntnis nimmt. Die Erzählweise spielt gekonnt mit verschiedenen Geschwindigkeiten und Stimmungen – herum kommt dabei ein Werk, das rund ist, unterhält, aus dem Leben erzählt.

Wie immer ist es sicher entscheidend, ob und wie sehr man sich mit der Hauptfigur identifizieren kann, um einen Film »einfach so« zu genießen. Ohne analytische Brille. Geschrieben wurde der Film übrigens von dem Regisseur und der Hauptdarstellerin zusammen. Seitdem gehen Greta Gerwig und Noah Baumbach auch privat gemeinsame Wege.


Weblinks:

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