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GENDER TROUBLE / Das Unbehagen der Geschlechter | Buch 1990 | Übersicht

Zuletzt aktualisiert am 23. Juli 2018 um 15:52

Im Jahr 1990 veröffentlichte die Philosophin Judith Butler ihr (nach ihrer Dissertation) erstes und bekanntestes Buch: Gender Trouble. Hierzulande: Das Unbehagen der Geschlechter. Es wurde bereits kurz nach dem Erscheinen von Vertreter*innen des Feminismus und der Gender Studies (Geschlechterforschung) kontrovers diskutiert. Der Grund liegt vor allem in der These, dass neben Geschlechtsidentitäten (gender) auch der Körper als sozialer Geschlechtskörper diskursiv geformt wird. Dass Natur demnach schon Ergebnis kultureller Erkenntnisse (und nicht diesen vorausgehend) sei, ist diejenige Prämisse Butlers, die den Zugang zu ihrem Werk für viele Leser*innen erschwert.

Im Folgenden soll eine grobe Übersicht zu dem Werk Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter und den davon ausgehenden Kontroversen gegeben werden. Eine Zusammenfassung des Vorworts findet sich hier.

Artwork von Drag-Queen Divine, dazu der Text: Zum Wort von Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter

Vielfalt in die Kategorien katapultieren

In der Doku Judith Butler, Philosophin der Gender (2006) des Sender arte, sinniert die Autorin über den Ursprung von Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter. Dabei geht es um ihre jüdische Familie und deren Assimilation in Amerika. Judith Butler kam 1956 in Cleveland, Ohio zur Welt.

Umgeben von Hollywoods Helden

Die Familie meiner Mutter besaß einige Kinos in Cleveland. Wie viele Juden waren sie in diese neue Industrie eingestiegen, die im 20. Jahrhundert boomte. Für diese Generation amerikanischer Juden, die mich aufzog, bedeutete Assimilation offenbar, dass man sich den Geschlechtsrollen anzupassen hatte, die in Hollywood-Filmen gezeigt wurden. So wurde meine Großmutter langsam aber sicher zu Helen Hayes. Meine Mutter wurde langsam aber sicher zu einer Art Joan Crawford. Und mein Großvater war dann vielleicht so etwas wie Clark Gable oder Omar Sharif. […]

In den späten 60ern und frühen 70ern, als ich versuchte, mit der Verteilung der Geschlechtsrollen klarzukommen, war ich dann mit diesen völlig übertriebenen Rollenerwartungen konfrontiert. […] Vielleicht ist die Theorie von Das Unbehagen der Geschlechter sogar aus meinem Versuch entstanden zu verstehen, wie meine Familie diese Hollywood-Normen verkörpert hat. Und dann auch wieder nicht. Sie versuchten sie zwar zu verkörpern, aber in gewisser Hinsicht war es ihnen gar nicht möglich.

Meine Schlussfolgerung war, dass jeder, der sich bemüht, diese Normen zu verkörpern, auf eine Weise daran scheitert, die viel interessanter ist, als ein Erfolg es sein könnte. | aus: Judith Butler, Philosophin der Gender (Frankreich, 2006) [hier zu sehen]

Gender Trouble sei eine Schrift, so Butler, in der es darum geht, wie wir als Gesellschaft gewisse Geschlechtsnormen konstruieren. In dieser Schrift wird die Geschlechtsidentität (gender) als eine Tätigkeit beschrieben. Wir stellen etwas dar, handeln in einer bestimmten Weise, sind ständig im Werden begriffen. Darüber definieren wir unsere Identität. Es geht um die Frage, auf welche Arten wir unsere Geschlechtsrollen erschaffen und was wir damit anstellen können?

Übersicht der drei Haupt-Kapitel

Judith Butlers Buch Gender TroubleDas Unbehagen der Geschlechter unterteilt sich in folgende drei Kapitel.

1. Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren

Das erste Kapitel handelt von »Frauen« als Subjekte (handelnde Wesen) des Feminismus und der Unterscheidung zwischen Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender). Zwei zentrale Begriffe dieses Kapitels sind die »Zwangsheterosexualität« (die gesellschaftliche Fixierung auf heterosexuelle Lebensweisen) sowie der »Phallogozentrismus« (demnach viele Festlegungen dessen, was in der Gesellschaft als »weiblich« gilt, von Männern ausgehen). Ist zum Beispiel die »Frau« nur eine sprachliche konstruierte Geschlechter-Kategorie und die Sprache selbst phallogozentrisch? So sieht es die Psychoanalytikerin Luce Irigaray. Neben ihr geht es um die Schriftstellerin Monique Wittig. Sie stellte die These auf, dass »das Weibliche« das einzige Geschlecht sei, das in einer Sprache repräsentiert wird, die das Weibliche mit dem Sexuellen verknüpft.

Fragen, die in diesem Kapitel zu erörtern sind

Wie bringt Sprache selbst die fiktive Konstruktion des »Geschlechts« hervor, die diese verschiedenen Macht-Regime trägt? (als solche nämlich werden Zwangsheterosexualität und Phallogozentrismus verstanden  in ihnen bündelt sich gesellschaftliche Macht)

Welche Kontinuitäten zwischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren suggeriert eine Sprache unterstellter Heterosexualität? Sind diese Begriffe eventuell diskret, also in ihrer jeweiligen Bedeutung gar nicht stetig fest und eindeutig bestimmt?

Und wenn Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren nicht fest bestimmt sind, welche kulturellen Verfahren bringen ihre angeblichen Beziehungen ins Wanken?

2. Das Verbot, die Psychoanalyse und die Produktion der heterosexuellen Matrix

Das zweite Kapitel behandelt unter anderem das Inzesttabu, das in fast allen Kulturen sexuelle Beziehungen zwischen Blutsverwandten untersagt. Dieses Verbot kann als ein Mechanismus dargestellt werden, der innerhalb eines heterosexuellen Rahmens versucht, bestimmte Geschlechtsidentitäten (gender identities) zu erzwingen. So lässt es sich in strukturalistischen, psychoanalytischen und feministischen Schriften darstellen, drei Perspektiven, die Judith Butler hier vorgestellt.

Sie unterzieht das Inzesttabu einer Kritik vermittels der Repressionshypothese von Michel Foucault. Er sieht das Zurückdrängen individueller Triebregungen und -äußerungen durch gesellschaftliche Strukturen als gegeben. Dieser im Fall des Inzesttabus prohibitive Umstand festigt die Zwangsheterosexualität in der männlich bestimmten Sexualökonomie, öffnet selbige jedoch im gleichen Zug für Kritik.

Des Weiteren werden im zweiten Kapitel die Begriffe »Identität«, »Identifizierung« und »Maskerade« analysiert. Sowohl im Werk der Psychoanalytikerin Joan Riviere als auch in anderen Theorien der Psychoanalytik.

Fragen, die in diesem Kapitel zu erörtern sind

Können psychoanalytische Theorien für eine Darstellung der komplexen geschlechtlich bestimmten »Identitäten« angewendet werden?

Handelt es sich bei der Psychoanalyse um eine anti-fundamentalistische Theorie, die sexuelle Vielschichtigkeit bejaht, womit die hierarchischen sexuellen Codes unserer Gesellschaft de-reguliert werden?

Oder arbeitet die Psychoanalyse eben zugunsten dieser Hierarchien, indem sie einen Komplex von Voraussetzungen über Identitätsgrundlagen aufrecht erhält?

3. Subversive Körperakte

Das dritte Kapitel von Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter unterzieht zunächst die Konstruktion des mütterlichen Körpers bei der Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva einer Kritik. Butler verweist auf die impliziten Normen, die Kristevas Ausführungen zu Geschlecht und Sexualität zugrunde liegen. Für diese Kritik zieht Butler wieder den Philosophen Foucault heran. Jedoch nicht, ohne auch Kritik an diesem zu formulieren und auf Widersprüche in seinem Werk hinzuweisen. Nichtsdestotrotz erweist sich Foucaults Auseinandersetzung mit der Kategorie des Sexus (die differenzierte Ausprägung eines Lebewesens bezüglich seiner Rolle bei der Fortpflanzung) als hilfreich, um zu Butlers Zeiten aktuelle, medizinische Fiktionen als solche zu entlarven.

Außerdem thematisiert Butler Wittigs Vorschlag einer »Desintegration« kulturell konstituierter Körper, deren Morphologie selbst eine »Folgeerscheinung des hegemonialen Begriffsschemas« sei, sowie – mit Rückgriff auf Mary Douglas und einmal mehr Julia Kristeva – die Begrenzung und Oberfläche von Körpern als politische Konstruktion.

Zuletzt schlägt Judith Butler einige parodistische Praktiken vor, die auf einer performativen Theorie der Geschlechter-Akte (gender acts) beruhen. Akte, welche die Kategorien des Körpers und Geschlechts, der Geschlechtsidentität und Sexualität ins Wanken bringen. Ziel ist es, diese Kategorien zu resignifizieren (also neu zu bezeichnen) und eine Vervielfältigung innerhalb des binären Rahmens herbeizuführen.

Oder wie Butler es zusammenfasst:

Die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung [ihres Buchs Gender TroubleDas Unbehagen der Geschlechter] ist, sich auf solche definierenden Institutionen: den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu zentrieren – und sie zu dezentrieren. | Vorwort, S. 9


Wichtige Namen/Personen aus Gender TroubleDas Unbehagen der Geschlechter

Simone de Beauvoir · Jacques Derrida · Mary Douglas · Michel Foucault · Sigmund Freud · Luce Irigaray · Franz Kafka · Julia Kristeva · Jacques Lacan · Claude Lévi-Strauss · Friedrich Nietzsche · Joan Riviere · Jacqueline Rose · Jean-Paul Sartre · Joan Scott · Monique Wittig · uvm.

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