Cinemathek

VENOM mit Michelle Williams | Film 2018 | Kritik, Review

Mit Venom setzt Sony dem cinematischen Universum von Marvel seinen eigenen Comic-Blockbuster entgegen – und will damit in der Nische fischen, in der sich die bis dato erfolgreichste Filmreihe der Kinogeschichte breit gemacht hat. Venom als Figur ist aus der Feder des kanadischen Comic-Zeichners Todd McFarlane entstanden und in Marvel-Comics der 80er und 90er Jahre berühmt geworden. Doch die Rechte, diese Figur auf der Leinwand in Szene zu setzen, liegen seit geraumer Zeit bei Sony Pictures. Für eine Produktionsfirma ist eine Comic-Verfilmung eine feine Sache: Man kann sich eines gewissen Publikums sicher sein, dass da draußen nach dem Film lechzt. Der Hype um Venom war tatsächlich enorm.

Venom und Hardy

Für ein Publikum wiederum ist eine Comic-Verfilmung ein zweischneidiges Schwert: Entweder du kennst und magst die Comic-Figur und hast einfach Lust, sie auf der Leinwand zu erleben. Oder du kannst dich – in diesem Fall – bereit machen für eine Aneinanderreihung von Szenen, die wissen, wo sie hinwollen. Nämlich zum Auftritt einer monströsen Hauptfigur und der Action mit ihr. Allein, auf dem Weg dorthin haben die Szenen viel Potential zu verschenken. Diejenigen also, die eher gelegentlich mal einen Blick ins Comic-Film-Genre wagen, fragen sich einmal mehr: Was soll die ganze Aufregung?

Inhalt: Eddie Brock ist ein erfolgreicher Journalist, bis er einem noch erfolgreicheren Firmenchef ans Bein pisst. Dieser heißt Dr. Carlton Drake und macht in den Laboren seiner Life Foundation Menschenversuche mit symbiotisch lebenden Aliens. Nachdem Eddie alles verloren hat (Job, Frau, Nerven), bricht er in die Labore ein und nimmt, eher unfreiwillig, eines der Aliens daraus mit. Es lebt fortan in seinem Körper, verleiht ihm Superkräfte und Bärenhunger.

Hinweis: Dieser Text enthält keine Spoiler, nur eine ausführlichere Inhaltsangabe zum ersten Akt. Der Film läuft seit Donnerstag, 4. Oktober in den deutschen Kinos.

Schauspielerin Michelle Williams in dem Film Venom | Bild: Sony Pictures

Totale: Venom im Zusammenhang

Historischer Zusammenhang

In den 80er Jahren tauchte in den Spider-Man-Comics erstmals eine Kreatur namens Venom auf. Zunächst erschien sie dem Helden nur als eine Art cooler, neuer Anzug, der ihm ein paar zusätzliche Superkräfte verlieh. Später realisierte Spider-Man, dass es sich tatsächlich um eine symbiotische Lebensform handelt, die ihn als Wirt benutzt. Die Grundidee ist spannend und kraftvoll: Da ist also diese Kreatur, ein Alien übrigens, from outta space, die als formlose Masse über die Erde kreucht und fleucht und nicht viel mit sich anzufangen weiß, ehe sie sich nicht an einen Menschen haftet und in und an diesem Menschen materialisieren kann – zu einer monströsen Gestalt mit langen Fangzähnen und einer noch längeren Zunge.

Venoms Zähne sind nicht nur da, um cool auszusehen und für dieses Grinsen, dass sogar den Joker erschaudern lassen könnte. Nachdem Eddie Brock sich mit dem Symbionten verbunden hat, bekam er diesen ikonischen Mund zur Unterscheidung von Spider-Man – so dass die beiden nicht zu verwechseln waren. Hinzu kommt, dass Venoms Zähne großartige Waffen sind. Immerhin, er heißt nicht ohne Grund »Venom« (Gift). Diese unzerstörbaren Zähne beißen nicht nur Stücke aus ihren Feinden, sondern können ebenfalls eine tödliche Gift-Dosis ins feindliche System einflössen.

David Sandhu (ScreenRant)
Punisher meets Peter Parker

In den 90er Jahren bekam Venom seine ersten Zeichentrick-Auftritte in bewegten Bildern – und mauserte sich zu Marvels populärstem Comic-Charakter. Der Grund liegt (laut Looper) auf der Hand: Venom ist im Wesentlichen Frank Castle (The Punisher) und Peter Parker (Spider-Man) mit einem Maul voller Zähne so lang und scharf, dass selbst Wolverine sie für ein bisschen übertrieben halten dürfte. Von 1993 bis 1998 gab es neue Comic-Ausgabe mit Venom – und zwar jeden einzelnen Monat, ohne Unterbrechung. Dabei wurde die Geschichte an sich jedoch alle paar Ausgaben auf Anfang zurückgedreht und neu oder anders erzählt, wohl aus dem kommerziellen Grund, dass eine »Ausgabe Nr. 1« einen höheren Wert unter Sammler*innen hat, als Ausgabe Nr. xy-irgendwas.

Hier ausschnittweise die Evolution von Venom in bewegten Bildern, von 1994 bis 2018:

Persönlicher Kontext

Ich bin kein Sammler von Comics, nicht einmal ein Leser. Hin und wieder bedauere ich, dass sich mir dieses Parallel-Universum spektakulärer Superheld*innen in der Kindheit nicht eröffnet hat. Andererseits liegt der Grund dafür wohl eher an meinem genuinen Desinteresse als Junge, weniger daran, dass ich in meiner Heimatstadt keine Comics hätte finden können… Superkräfte haben mich einfach nie gerockt. Pokémon hingegen sehr, das war näher an den echten Viechern, die ich damals gerne »studiert« habe (wenn man das von Marienkäfern im Marmeladen-Gläsern so sagen kann).

Mangels ernster Faszination für das Kulturgut Comic und seine filmischen Auswüchse habe ich die Befürchtung, dass diese Rezension A) in ihrer Relevanz angezweifelt wird, weil ich schlichtweg zu wenig Ahnung von der Materie habe und B) viel Angriffsfläche bietet, weil es ganz schön gewagt ist, über die Welt der Comic-Wesen zu schreiben, in der eine eigene Geschichte und eigene Gesetzmäßigkeiten von Fans in Ehren gehalten werden. Da kann man unwahrscheinlich viel falsch machen. Warum überhaupt über Venom schreiben? Weil es sich ergeben hat, dass ich diesen Film in dieser Woche zu sehen bekam – und wann gibt’s auf diesem Blog schonmal aktuellen Content zu populärem Kinozeugs? Also bitte, enjoy.

Close-up: Venom im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Der Film beginnt mit einer Totale des Weltalls. Dabei klingeln mir noch Teenagerin Jackies Worte aus Die wilden Siebziger in den Ohren: »I don’t like space«. Zum Glück geht es rasch zurück auf die Erde – mit einem abstürzenden Raumschiff, dass im Dschungel von Malaysia landet. Das Rolling Stone Magazin sieht in diesem CGI-Schrotthaufen am Anfang schon ein gutes Sinnbild für den restlichen Film. Aber geben wir ihm noch eine Chance…

Aus den Raumschiff-Trümmern werden von Sicherheitskräften seltsame Behälter geborgen – darin wabert eine außerirdische Lebensform. Eine von ihnen ist ausgebrochen und verbindet sich mit einer Frau vom Rettungsdienst, die fortan verstört durch die Gegend schlurft. Aber darum geht’s erstmal nur nebensächlich.

Läuft bei ihm

Nach dem Prolog lernen wir, in harmonischer Atmosphäre und hellen Bildern, Eddie Brock (Tom Hardy) in seinem beneidenswerten Leben kennen. Schönes Haus in beschaulicher Straße, über der schon die Sonne steht, als Eddie geweckt wird, von seiner liebenswerten Verlobten (Michelle Williams), die ihm sogleich einen Kaffee reicht. Läuft bei ihm. Dass er ein knallharter Journalist ist, erfahren wir in einer hippen Splitscreen-Collage während seinem Weg zu Arbeit. Soweit, so gewöhnlich. Ein wenig zu gewöhnlich.

Auf der Arbeit erleben wir ihn im Gespräch mit seinem Verleger – eine Szene, die mir ziemlich schematisch und verdächtig bekannt vorkam – und dann im Interview mit dem Chef einer berüchtigten Firma, der Life Foundation. Dabei stellt Brock sich derart brachial an, dass man sich wundern muss: Dieser Typ ist soll ein erfolgreicher Journalist? Wie? Wann? Wirklich?

Und zack: Er verliert alles, was wir bis dato zu sehen bekommen haben. Das Haus, die Frau, die gute Laune. Den Job natürlich auch. Denn jener Firmenchef (Riz Ahmed) ist ein mächtiger Mann und lässt sich nicht gerne von der Presse vorführen. Damit beginnt der Abstieg von Eddie Brock und er schlägt, laaangsam, den Weg ein, der ihn später zu Venom führt.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Obwohl der Film – den epischen Abspann samt Post-Credit-Scenes mal weggedacht – gar nicht so lang ist (satte anderthalb Stunden), lässt er sich viel Zeit, ehe die Alien-Action startet. Und man wünschte sich, der Film hätte sich sogar noch etwas mehr Zeit gelassen, angesichts eines durchaus gut aufgelegten Tom Hardy, der sich alle Mühe gibt, der finsteren Fratze von Venom ein ebenbürtig markantes Minenspiel entgegenzusetzen. Während Alper von Cinema Strikes Back in Hardys Performance auch Akzente für Skepsis am eigenen Projekt sieht, feiert Vanity Fair den Hauptdarsteller für seinen Einsatz.

Keine Computer-Animationen, so geschmeidig sie auch sein mag, kann es mit menschlichen Schauspieler*innen aufnehmen, die derart halsbrecherisch Vollgas geben.

Richard Lawson (Vanity Fair) | übersetzt aus dem Englischen
Eher Laurel & Hardy als Jekyll & Hyde

An Eddie Brock als eigensinniges Individuum dürfen wir uns ausführlich gewöhnen. Das Kennenlernen und Warmwerden mit Brock/Venom als widersinniges Mensch-Alien-Mischwesen findet hingegen eher so zwischen Tür und Angel statt. Heißt: Zwischen Verfolgungsjagd und Effekt-Feuerwerk. Und dieses Kennenlernen geht über Komik kaum hinaus. Es ist ärgerlich: Da steckt jede Menge Potential für interessante Szenen und Charakterzüge in dieser Idee, einen Menschen mit einer symbiotisch lebenden Alienform zu verbinden. Zwei Subjekte mit je eigenem Bewusstsein, die in einem gemeinsamen Körper miteinander kommunizieren.

[Eddie Brock] schert sich um seine Mitmenschen, also sollte da – man denke an Jekyll & Hyde – ein Schauer sein, wenn Venom über Brock Besitz ergreift und dieser in seinem Erwachen nichts als entstellter Körper vorfindet. Das ist der Stoff, aus dem Alpträume sind. Doch nicht hier. Unser Held quatscht stattdessen mit einem mentalen Mitbewohner und ermahnt das Monster, locker zu bleiben. 

Peter Travers (Rolling Stone), in: This Mess of a Marvel Supervillain Movie Bites | übersetzt aus dem Englischen

Etwas weniger Geballer und Gelaber und etwas tiefsinnigere Interaktion zwischen diesen Wesenheiten, dass hätte Venom für mich zu einem guten Film gemacht. Dass dieser Streifen den Bechdel-Test selbstredend nicht besteht (es gibt darin keine zwei weiblichen Charaktere, die sich miteinander unterhalten), trägt nur zum Gesamteindruck bei: Ein 08/15-CGI-Spektakel ohne emotionale Anknüpf-Punkte oder interessante Figurenzeichnung.

Apropos Zeichnung – hier ein bisschen Artwork zu Venom, von einem Comic-Nerd und Künstler, den man im Auge behalten sollte:

Fazit zu Venom

Meine Erwartungen wurden erfüllt. Das kann ich trotz aller Kritik sagen – oder gerade deswegen. Bei der holprigen Produktionsgeschichte zu diesem Projekt (ein anderes, riesiges Thema, für das ich herzlich zum Selbst-Googeln einlade) und angesichts bisheriger Comic-Film-Tiefpunkte (insbesondere im Spider-Man-Franchise), war die Möglichkeit eines missratenen Venom schon fast eine Wahrscheinlichkeit. Jetzt ist das Ding raus und jede*r mag sich selbst ein Bild machen – oder es lassen. Ich empfehle, stattdessen lieber noch einmal Mad Max: Fury Road (2015) zu sehen. Der bessere Tom-Hardy-Action-Film mit monströsen Gestalten.

Weitere Filme mit coolen Kreaturen:

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Daniel B. sagt:

    Nette „Post-Credit-Szene“ in deinem Artikel… hab ich nicht kommen sehen! 😀

    Hab das Ding jetzt auch mal gesehen (kann ja nicht jeder mittags schon ins Kino rennen für sowas…) und hätte nach den ersten Reviews echt schlimmeres erwartet. Konnte man wohl gucken…

    Nichtsdestoweniger ist das natürlich die Definition von Cash-grab… Ich kann mir schon vorstellen, wie der Sony-Chef aus dem Urlaub kam:

    „Ihr habt WAS gemacht, als ich weg war? Einen Deal mit Marvel Studios, der denen komplette kreative Kontrolle über Spider-Man einräumt und den Charakter ins MCU integriert? Und was sollen wir jetzt machen?? ETWA SPIDER-MAN FILME OHNE SPIDER-MAN???…. Hey, Moment mal… eigentlich eine super Idee!“ 😀

    Venom ohne Spider-Man ist ähnlich dämlich wie Batman ohne Batman (Gotham Serie, wink wink), Superman ohne Superman (Krypton Serie, wink wink), Joker ohne Batman (https://www.imdb.com/title/tt7286456/?ref_=fn_al_tt_1)… etc. pp

    Irgendwie ist es scheinbar schwer zu verstehen, dass der Hauptreiz bei den Helden liegt und nicht beim drumherum… oder bei irgendwelchen Nebenfiguren, die als Nebenfiguren konzipiert waren und nicht als Protagonisten.

    Und ich glaube mittlerweile, dass das der Grund ist, wieso die Marvel Studios Filme so erfolgreich sind und das meiste vom Fox/WB/Sony-Rummel nicht:

    Marvel Studios halten sich zu großen Teilen ans Ausgangsmaterial der Comics, wohingegen die anderen Studios verwässern und umdichten, was das Zeug hält. Da kriegen die X-Men plötzlich alle schwarze Kostüme, weil ja kurz zuvor Blade und Matrix erfolgreich waren. Da wird aus Superman plötzlich ein farblich desaturierter Emo, weil ja ein paar Jahre vorher The Dark Knight so düster war. Machen wir einfach alles düster, der Rest ist doch sowieso egal!

    Dort wird immer versucht, sich irgendwelchen Trends und vermeintlichen Vorlieben der Zuschauer anzupassen… Aber es hat schon seinen Grund, dass die ganzen Superhelden sich seit über 50 Jahren in sämtlichen Medien gehalten haben: Weil sie gut sind, wie sie sind!

    Das hat man bei Marvel begriffen, vertraut einfach dem Ausgangsmaterial und präsentiert es so akkurat wie möglich dem Zuschauer. Kein Weichspülen und dem Massengeschmack anpassen. Keine Angst vor bunten Kostümen. Und wenn uns danach ist, machen wir einen Film mit einem sprechenden Waschbär und einem lebenden Baum. Fuck it!

    Das schlimmste an Venom ist eigentlich, dass Sony den Ausschlachtungsprozess noch wesentlich weiter führen wird. Der Morbius-Film mit Jared Leto steht schon in den Startlöchern… Irgendwann hat Marvel Studios kein Material mehr für die kommenden Spider-Man Filme.

    Bleibt zu hoffen, dass irgendwer bei Sony mal auf den Tisch haut (https://www.youtube.com/watch?v=tN1GEiO1vmI) und die kompletten Rechte alle wieder nach Hause kommen. Bei Fox und den Fantastic Four/X-Men hat es ja schlussendlich auch geklappt.

    My 2 cents. 😉

    1. Aaah, die sehr wertvollen 2 Cents eines Fachmanns 😀 Danke dir, Daniel – für die erhellenden Einsichten! Jetzt checke ich ein bisschen mehr, wie der Hase läuft, was Sony und Marvel angeht. Immer gut, Experten in der Leserschaft zu haben.

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