Cinemathek

ABGESCHNITTEN mit Jasna Fritzi Bauer | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 27. Dezember 2018 um 10:32

Einer der fleißigsten Krimi-Autoren Deutschlands und der hierzulande wohl bekannteste Rechtsmediziner schreiben gemeinsam einen Thriller. Er trägt den Titel Abgeschnitten (2013) und geht in die Tiefe – in die von toten Körpern, ihrer Anatomie und den Zersetzungsprozessen im Wettlauf gegen die Zeit. Der Roman ist in diesem Jahr verfilmt worden und »dieser Film gefiel 94 % der Nutzer«. So der aktuelle Stand im Infokasten, wenn man »abgeschnitten film« bei Google eingibt. Daneben die Möglichkeit, selbst einen Daumen hoch oder runter zu geben. Ja, was machen wir denn da?

Zum Inhalt: Der Berliner Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) findet bei der Autopsie einer entstellten Leiche etwas, das ihm den kalten Schweiß auf die Stirn treibt: eine kleine Kapsel, darin ein Zettel, darauf eine Handynummer – die seiner 17-jährigen Tochter Hannah. Die junge Frau wurde von einem Sadisten entführt und dient nun als Ansporn in einer Schnitzeljagd. Diese führt auf die idyllische Insel Helgoland, allerdings während einer weniger idyllischen Wetterlage und dort in die so gar nicht idyllischen Räume der Rechtsmedizin.

Jasna Fritzi Bauer und Moritz Bleibtreu in dem Film »Abgeschnitten«, Bild: Warner Bros.

Sezierung einer Leichenschau

Die Grundidee ist cool: Was passiert, wenn aufgrund eines Sturms eine Insel vom Festland abgeschnitten wird, während auf eben dieser Insel eine super-wichtige Autopsie vorgenommen werden muss? Diese Frage scheint am Anfang des kreativen Prozesses gestanden zu haben, der uns den Krimi Abgeschnitten beschert hat. So rekonstruieren es zumindest die Herren der Schöpfung: Sebastian Fitzek und Michael Tsokos.

Letzterer habe selbst die Situation erlebt, dass er zu einer Autopsie nach Helgoland gerufen wurde – und just zur gleichen Zeit tobte ein Orkan. Über diesen Ausgangspunkt von Abgeschnitten und über schwierige Praktikanten und die Grenzen des Rechtsstaats schnacken der Krimi-Autor und der Rechtsmediziner in diesem Video von der Verlagsgruppe Droemer Knaur, stilecht über einem blutigen Steak:

Stürmischer Auftakt

Was wäre jedoch passiert, wenn es keinen Sturm gegeben hätte, der Helgoland lahm legt und vom Festland abschneidet? Normalerweise wendet man den Begriff »Deus ex machina« auf die Lösung eines Konflikts durch Einwirkung übermächtiger Kräfte an. Kräfte wie eine Gottheit, oder ein Unwetter zum Beispiel. Heutzutage reicht schon eine unerwartet auftretende Figur, die Handlung oder Held*innen aus ihrem Dilemma befreit, um vom »Deus ex machina« zu sprechen. Dieser »Gott aus der Maschine« genießt einen schlechten Ruf, weil es immer nach einem etwas billigen Ausweg wirkt: Da wussten die Autor*innen wohl nicht, wohin mit der erdichteten Geschicht‘. 

Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!


Fun Fact: Das Wort »Schnitzel« bedeutet auch »Fetzen« eines Ganzen, wie hier bei Goethe (Faust) ein kleiner Fetzen des menschlichen Wissens gemeint ist. In diesem Zusammenhang erklärt sich der Begriff »Schnitzeljagd«, bei der man immer nur fetzenweise Kenntnisse sammelt.

In Abgeschnitten drängt sich nun das Gefühl auf, dass der Deus ex machina hier als Auslöser einer Schnitzeljagd steht, die ohne den Sturm nicht nur anders verlaufen, sondern regelrecht in sich zusammengefallen wäre. Das ist insofern kein Problem als wahnsinnig viele Geschichten durch einen unerwarteten Auslöser überhaupt erst zu einer Geschichte werden. Kein Spiderman ohne Spinnenbiss. Oder, um nah am Thema zu bleiben: Was wäre Der Sturm (2000) mit Diane Lane ohne, na ja, dem Sturm?

Salziger Nachgeschmack

Dass Abgeschnitten also mit einer abgeschnittenen Insel beginnt ist also absolut legitim. Weshalb also der böse Gedanke, ob die Story so wacklig sei, dass sie ohne Sturm in sich zusammenfiele? Dieser Gedanke rührt von einer Reihe an Unwahrscheinlichkeiten her, welche die Geschichte auf Trab halten. Wie unwahrscheinlich ist es zum Beispiel, dass inmitten des aufkommenden Sturms zufällig die Figur der Linda (großartig gespielt von Jasna Fritzi Bauer) mutterseelenallein in Hörweite dieser Leiche am Strand herumlungert, recht zu Beginn des Films?

Die Leiche bekommt einen Anruf von unserem verzweifelten Helden Paul Herzfeld auf der Suche nach seiner entführten Tochter – als Teil der Schnitzeljagd. Es ergibt sich, dass Linda dem auf dem Festland festsitzenden Rechtsmediziner helfen muss, die Leiche auf der Insel zu öffnen – via Anleitung übers Telefon. Wenn Linda nicht zufällig neben der Leiche gewesen wäre, dann… joa, hätte Herzfeld bis nach dem Sturm warten müssen, auf die nächstbesten Spaziergänger*innen in Leichennähe. Oder der Körper wäre, weggefegt vom Sturm, einfach im Meer verschollen, Ende der Geschichte. Blöd für den diabolischen Plan der Hintermänner.

Veggie meets Menschenfleisch

Nun gehört aber auch die Figur der Linda – die natürlich Vegetarierin ist (und offenbar extrem gute Comic-Zeichnerin, was aber nichts zum Plot beiträgt) – quasi zur grundlegenden Idee des Films, wie die Herren im Verlagsvideo erzählen. Was wäre wenn… ein Fachmann einen Menschen berät, der so gar nicht vom Fach und bestenfalls noch Vegetarier*in ist? Somit also entschuldigt: Diese Unwahrscheinlichkeit bringt die Geschichte erst in Gang!

Die Aufgabe von Schriftsteller*innen ist es, von einer starken, ungewöhnlichen Prämisse aus eine Geschichte zu konstruieren, die unterhält. Im Science-Fiction- oder Fantasy-Genre darf man sich dabei maßlos austoben. In einer Kriminal-Geschichte sollte man sich in gewissen Grenzen halten. Nicht nur in Grenzen des Möglichen, sondern denen des Wahrscheinlichen. Schön und gut etwa, dass es in der Wirklichkeit einen total unfähigen Praktikanten in der Rechtsmedizin gegeben hat, der das Autoren-Duo zur Figur des Praktikanten im Buch/Film inspirierte. Mit welcher Motivation dieser aber in die Story hineingestrickt wird, ist – für mein Empfinden – wahnsinnig unwahrscheinlich. Immer wieder plöppt im Hinterkopf die Frage auf: »Warum sollte er… !?« Eine befriedigende Antwort bleibt aus.

Zu viel Zufall

Am Ende ist natürlich alles eine Sache des persönlichen Empfindens. Fitzek und Tsokos empfanden die Wendungen als wahrscheinlich genug, um sie so geschehen zu lassen. Ich wiederum hab im Kinosaal ungefähr in Filmmitte meine Brille von der Nase gerissen und wollte sie gen Leinwand schmeißen – empört über das Sammelsurium an Zufällen, das sich da abspielt. Hab die Brille dann aus Protest auch nicht mehr aufgesetzt und mir den Rest der ohnehin schwammigen Geschichte in extra-unscharf gegeben. 

Wir waren zu viert im Kino. Vorher stand der Film Halloween (2018) für einen Kinobesuch zur Diskussion. Zwei von uns hätten den neu aufgelegten Horror-Klassiker super gerne gesehen, eine von uns »auf keinen Fall«. Zu brutal. Als Vermittler habe ich – argh, hätt ich mich doch nicht eingemischt! – den Film Abgeschnitten vorgeschlagen. Sah zwar auch sehr düster aus, aber wie brutal kann ein deutscher Krimi schon werden? Siehe da: Sehr brutal. Dreimal mehr brutal als Halloween, womit jene Gegnerin des Horrorfilms (meine Frau) letztlich nicht ganz so glücklich mit meinem Vorschlag war. Die reinste Leichenschau, dieser Film…

Sogar Mutti hatte sich in unsere Vor-Diskussion eingemischt: Abgeschnitten sei einer der wenigen Romane von Fitzek, den sie noch nicht gelesen habe – doch wenn der von Fitzek ist, »dann ist der gut.« Tatsächlich hatte ich gen Ende einer Literaturverfilmung noch nie so sehr das Gefühl, das ganze Buch in rund 100 Minuten serviert zu bekommen. So vollgestopft mit Plot war dieser Film – und klar, man kann nicht einfach Szenen herausnehmen, wenn sie schon im Buch dazu dienen, die irren Unwahrscheinlichkeiten irgendwie plausibel zu machen, die sich scheinbar als Notwendigkeit aus den Prämissen heraus ergeben.

Zu viert nix kapiert

Bei der Recherche über den Film stieß ich auf dieses Zitat des Regisseurs Christian Alvart (Antikörper, Dogs of Berlin):

Sebastian Fitzek ist genial darin, neue Plots zu finden, die Leute sofort verstehen. Das klingt so einfach im Nachhinein! Aber ihm fallen diese Sachen ein – es ist wie bei Stephen King, er kann aus einer Idee sofort einen tollen Plot machen.

Regisseur Christian Alvart im Gespräch mit Oliver Noelle (Goldene Kamera)

Diese Aussage gibt mir ein bisschen den Rest. Wie gesagt, wir haben zu viert im Kino gesessen – und danach in einer Bar. Über eine halbe Stunde lang haben wir versucht, uns gegenseitig diese Handlung zu erklären. Vergebens. Selbst die wohlwollende Hälfte unserer Gruppe konnte nicht all die offenen Fragen beantworten, die ich inzwischen wohlgemerkt größtenteils vergessen habe. Ist schon ein paar Wochen her, der Kinogang. Was ich jedoch so schnell nicht vergessen werde: Noch nie habe ich so empört im Kino gesessen: was für eine hanebüchene Handlung!

Fazit zu Abgeschnitten

Fitzek-Fans kommen auf ihre Kosten? Keine Ahnung, welchen Mehrwert dieser Film noch bietet, wenn man das Buch gelesen hat, das ja vom sich spannend entfaltenden Plot lebt (wer reinlesen möchte, hier geht’s zur Leseprobe). Schöne Bilder bietet der Film Abgeschnitten jedenfalls nicht besonders, weder im CGI-lastigen Sturm noch in den Detailaufnahmen aufgeschnittener Leichen. Trotzdem sind Letztere vermutlich der kalkulierte Schauwert für die voyeuristischen Lustmolche, als die wir Krimi-Fans uns doch immer mal wieder entlarven, mit unserer abstrusen Faszination für das Handwerk der Rechtsmedizin… also, davon gibt’s jede Menge. Die Story drumherum ist an den Haaren herbeigezogener Mumpitz, aber die Schauspieler*innen treten trotzdem überzeugend auf. Allen voran Jasna Fritzi Bauer, aber auch Fahri Yardım (Almanya) und Moritz Bleibtreu (Chiko, Lola rennt).

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