Philosophie

Theoretische Philosophie, Praktische Philosophie | Einteilung, Unterschied

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 17:10

Die oberste Einteilung der Philosophie ist diejenige in die beiden Bereiche: Theoretische Philosophie und Praktische Philosophie. Im Folgenden soll der Unterschied zwischen diesen Bereichen genauer erläutert werden. Dazu werfen wir einen Blick zurück, zu den Anfängen der Einteilung in philosophische Bereiche und Disziplinen. Wer hat damit begonnen – und wann? Dann werde ich darlegen, weshalb eine Einteilung auch heute noch sinnvoll ist. Insbesondere für Student*innen der Philosophie, die diese Wissenschaft erst kennenlernen, schaffen die beiden Bereiche einen ersten Überblick. Zuletzt wird gezeigt, wie sich die philosophischen Disziplinen den jeweiligen Bereichen zuordnen. Was zeichnet die Theoretische Philosophie und die Praktische Philosophie im Einzelnen aus?

Das Sein und das Handeln

Bloggerin Sonia Lensing auf einem Felsen, dazu der Text: Theoretische Philosophie & Praktische Philosophie

Warnung: In der Philosophie ist alles kontrovers. Während andere Wissenschaften oft konkrete Objekte untersuchen, kann man sich die Philosophie als eine runde Tafel vorstellen. An dieser Tafel sitzen Menschen, die gerne denken und diskutieren. Regelmäßig verlassen einige die Runde und neue kommen hinzu. Doch das Gespräch bricht nie ab. Die Gesprächsgegenstände sind dabei meist keine Dinge, die zwischen den Diskutierenden auf dem Tisch liegen und betrachtet werden können. Stattdessen geht es um allgemeine Frage, etwa: »Warum sind wir hier? Wie sollen wir miteinander umgehen?« Finale Antworten gibt es keine, an dieser Tafel. Und so versteht sich auch folgender Beitrag über die Einteilung in die Theoretische und die Praktische Philosophie nicht als finale Antwort, sondern eine Arbeitsgrundlage, um sich der Philosophie anzunähern. Wichtig: kompakt sticht komplex – um diesen Beitrag übersichtlich zu halten, sind Sachverhalte hier vereinfacht dargestellt.

Zusammenfassung: Im philosophischen Diskurs hängt letztendlich immer alles mit allem zusammen. Doch weil man nicht gut über »alles« reden kann, hat sich eine Unterteilung der Philosophie in ihre Teilbereiche als sinnvoll erwiesen. Viele philosophische Teildisziplinen, die heute noch bestehen – wie Ethik, Logik, Naturphilosophie – gehen auf Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurück. Er begann, die Philosophie als Wissenschaft zu behandeln und auf ihre Ziele hin zu untersuchen.

So gilt als Ziel der Theoretischen Philosophie das Herausfinden oder Verstehen in Bezug auf Dinge, die sind. Das Ziel der Praktischen Philosophie ist das Herbeiführen oder Handeln in Bezug auf Dinge, die sein sollen. Heute hat sich die Unterteilung zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie institutionell etabliert. In vielen philosophischen Instituten gibt es jeweils eigene Professuren für die beiden Bereiche.

Begriffliche Herleitung

Wie so viele unserer Begriffe lassen sich auch »theoretisch« / »Theorie« und »praktisch« / »Praxis« etymologisch auf griechische Wörter zurückführen. Diese Herleitung verschafft ein erstes Verständnis von der Bedeutung des Begriffspaars.

Das deutsche Wort »Theorie« geht auf
das griechischen Wort ἡ θεωρία (hē theoría) zurück.
Es bedeutet: die Anschauung, Betrachtung, Überlegung.

Das deutsche Wort »Praxis« geht auf
das griechische Wort πρᾶξις (prâxis) zurück. 
Es bedeutet: die Handlung, Tat, Verrichtung.

Die Theorie will herausfinden, was der Fall ist. Die Praxis will etwas herbeiführen, was noch nicht der Fall ist. Beziehungsweise dafür sorgen, dass etwas bleibt und nicht vergeht. Ganz grob kann man sagen: Theorie verhält sich zu Praxis wie »Sein« zu »Sollen«.

Prof. Dr. Hoyningen-Huene, Einführung in die Theoretische Philosophie (YouTube, 2013)

Historischer Kontext

Die Philosophie in Europa ist nichts weiter als eine Reihe von Fußnoten zu Platon – dieser berühmte Gedanke stammt von Alfred Whitehead. Das ist der Mann, der an anderer Stelle schrieb: »Wissen hält sich keinesfalls besser als Fisch.« Und damit das Wissen um die oberste Einteilung der Philosophie nicht schlecht wird, sei es auch hier noch einmal aufgefrischt:

Tatsächlich ist Aristoteles der Erste in jener Reihe von Fußnoten zu Platon. Und zwar als dessen berühmtester Schüler. Zu Platons Zeit, im 5. Jahrhundert vor Christus, da behandelte man die Philosophie als Ganzes. Platons »Idee des Guten« zum Beispiel (ein zentrales Element in Platons Ideenlehre, veranschaulicht im Höhlengleichnis), ist die Ursache und der Auslöser von allem Seienden sowie allem Handeln. Hier nahm Aristoteles nun eine Unterteilung vor.

[Aristoteles] unterschied theoretische und praktische Philosophie anhand ihrer Ziele. Das Ziel der theoretischen Philosophie sei das Verstehen [des Seienden], das der praktischen Philosophie das Handeln. Theoretische Fragen, so meinte Aristoteles, gehen wir aus reinem Erkenntnisdrang nach und nicht aus praktischen Interessen, praktische Fragen stellen wir dagegen, wenn wir wissen wollen, wie wir handeln sollen.

Johannes Hübner, in: Einführung in die theoretische Philosophie (Springer-Verlag, 2015), S. 1

Das Ziel der Fragestellung

Damit lässt sich der Unterschied zwischen dem, was Theoretische und Praktische Philosophie im Kern unterscheidet, an zwei allgemeinen Fragerichtungen aufzeigen. Die Theoretische Philosophie fragt: Was kann ich wissen? Die Praktische Philosophie fragt: Was soll ich tun?

Mit dem Gedanken einer praktischen Philosophie setzt sich Aristoteles erneut von Platon ab, hier von dessen Vorhaben einer Einheitsphilosophie, die er vor allem in der Politeia mit einer letztlich praktisch-politischen Ausrichtung verbindet. Dort wird die gesamte Philosophie Platons zu einer praktischen Philosophie.

Im Gegenzug setzt sich Aristoteles dafür ein, daß große Bereiche der Philosophie von jeder praktischen Intention freigesetzt werden. Weniger der Gedanke einer wahrhaft praktischen als der einer rein theoretischen Philosophie ist typisch Aristotelisch. Für Aristoteles bedeutet »Theorie« nicht jedes relativ grundsätzliche Wissen, sondern allein dasjenige, das um seiner selbst willen gesucht wird.

Otfried Höffe, in: Aristoteles: Die Hauptwerke. Ein Lesebuch, S. 286-287
Das Buch Aristoteles – Hauptwerke von Otfried Höffe

Über Aristoteles. Aristoteles hat sich für alles interessiert: Biologie, Politik, Rhetorik, das Wetter. In Athen war Aristoteles ein Ausländer ohne Bürgerrechte. Deshalb wurde er zu Lebzeiten weniger zur Kenntnis genommen als Platon. Dieser kam aus einem angesehenen Hause. Rückblickend ist Aristoteles’ Einfluss auf seine Nachwelt aber kaum zu überschätzen. Jeden Gegenstand seines Interesses hat er mit einem wissenschaftlichen Anspruch betrachtet. Das machte es nötig, diese Gegenstände zu differenzieren. Und so nahm Aristoteles auch eine Einteilung der Philosophie vor. Diese hat sich über viele Generationen und Jahrhunderte hinweg erstaunlich wacker gehalten hat.

Es ist egal, an welcher Universität man lernt, oder ob im Internet. Wer sich in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts – rund 2500 Jahre nach Aristoteles – mit Philosophie beschäftigt, wird diese in Disziplinen kennenlernen, die zum Teil noch auf den antiken Denker zurückgehen.

Persönlicher Kontext

Seit dem Sommersemester 2016 studiere ich an der FernUniversität in Hagen. Mein Studiengang heißt Kulturwissenschaft B.A. mit den Fächern Geschichte, Literaturwissenschaft und eben Philosophie. Ein Fach wird über verschiedene Module vermittelt. In Philosophie sind das etwa die Module P1, P2, P3 und so weiter. Sie werden jeweils von mehreren Kursheften begleitet, auch Studienbriefe genannt. Man wählt ein Modul (im Teilzeitstudium) oder zwei Module (im Vollzeitstudium) und bekommt die entsprechenden Arbeitsmaterialen nach Hause geliefert.

Als Einsteiger*in in das Studium der Philosophie an der FernUni Hagen lernt man das Fach direkt in den Bereichen Theoretische und Praktische Philosophie kennen. Diese oberste Einteilung und die weitere Auffächerung in Disziplinen (Sprachphilosophie, Rechtsphilosophie etc.) erscheinen aus Sicht von Anfänger*innen notwendig. Sonst würde man von dem gewaltigen Themenspektrum und Literaturkanon der Philosophie gerade erschlagen werden.

Das Kursheft Einführung in die Theoretische Philosophie anhand ihrer Disziplinen (siehe: PDF-Vorschau) bildet den Leitkurs des Moduls P1. Prof. Dr. Hubertus Busche erläutert darin einleitend die Unterteilung von Wissenschaftsdisziplinen durch Aristoteles. Außerdem nennt er einige Vorteile und Nachteile einer Ausdifferenzierung der Wissenschaften in fachspezifische Disziplinen. Mit dem Modul P2 geht eine Einführung in die Praktische Philosophie durch Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann einher (siehe: Inhaltsverzeichnis des Kursheftes). Hoffmann betont darin, dass sich die Praktische Philosophie nicht um praktische Fragen des Lebensalltags dreht. Stattdessen nehme sie »eine ganz eigene Perspektive« auf menschliche Praxis im Allgemeinen ein. Dabei stünden die Zwecke und Ordnungen des Handelns ebenso im Fokus, wie die Voraussetzungen, überhaupt Handeln zu können. Dazu gehöre vor allem die Freiheit als zentrales Thema der Praktischen Philosophie.

Mehr zum Thema »Freiheit« im Blogbeitrag Was ist Freiheit? | Über den Grundbegriff der Praktischen Philosophie. Weiterführend außerdem: Innere und äußere Freiheit | Erläuterung des Unterschieds.

Fach, Bereiche, Disziplinen

Das Fach Philosophie unterteilt sich also in die Bereiche Theoretische und Praktische Philosophie. Diese fächern sich wiederum in Disziplinen oder Teilbereiche auf. Nach welchen Kriterien respektive Fragerichtungen wird diese Auffächerung vorgenommen?

Theoretische Philosophie

Die Theoretische Philosophie fragt Dinge wie: Was ist das Sein? Ist die Welt alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, oder noch mehr? Woher kommt unser Wissen? Wer sind wir überhaupt? Es geht um Erkenntnisse. Ziel ist es, die Welt in all ihren Erscheinungen besser zu verstehen. Darunter fallen – mit eigenen Fragen oder Themenbereichen – zum Beispiel folgende Disziplinen.

  • Erkenntnistheorie: Was können wir wissen und woher?
  • Metaphysik: Warum gibt es etwas und nicht nichts?
  • Sprachphilosophie: Besteht unser Wissen nur aus leeren Begriffen?
  • Philosophische Anthropologie: Was ist der Mensch?

Praktische Philosophie

Die Praktische Philosophie fragt Dinge wie: Wie soll ich handeln? Was ist Freiheit und was haben die Anderen damit zu tun? Es geht um praktisches Handeln. Nicht »praktisch« im Sinne von »praktisches Taschenmesser« – wie gesagt – sondern menschliche Praxis als Gegenstand, auf den Philosoph*innen ihren Fokus richten, Das machen sie mit dem Ziel, die menschliche Praxis zu untersuchen, verstehen und verbessern. Die Praktische Philosophie will mehr sein als eine deskriptive Wissenschaft, die Zustände beschreibt. Sie erhebt den Anspruch einer normativen Wissenschaft. Das heißt: eine Wissenschaft, die Regeln aufstellen kann. Eine Wissenschaft, die unserem Handeln den Weg weist. Auch die Praktische Philosophie unterteilt sich in weitere Disziplinen. Zum Beispiel:

  • Ethik: Was ist moralisch richtig? (Kerndisziplin der Praktischen Philosophie)
  • Rechtsphilosophie: Was ist Recht und was hat es mit Gerechtigkeit zu tun?
  • Politische Philosophie: Wie rechtfertigt sich Staatsgewalt – und wird das noch was, mit dem Frieden? (Apropos: Warum Krieg?)

Es gibt auch Disziplinen, die sich nicht einordnen lassen wollen, in die Theoretische Philosophie oder die Praktische Philosophie. Dazu gehören etwa die Ästhetik, die Logik oder die Philosophiegeschichte. Man kann nur noch einmal daran erinnern, dass nichts in der Philosophie jemals ausdiskutiert und final entschieden ist. Das Fragen und Ordnen geht immer weiter.

Abschließend hier noch ein Video über die Einteilung der Philosophie

Die Gerechtigkeit als Ziel

Beide Teilbereiche der Philosophie sind hier nur angerissen. Sie füllen nicht umsonst Bibliotheken, die in keinem Menschenleben mehr durchzulesen sind. Wohl aber von künstlicher Intelligenz. Für mich ist das eine der spannendsten Themen der Zukunft. Kann künstliche Intelligenz in den menschlichen Erkenntnissen der vergangenen Jahrtausende Antworten finden, die zu tief vergraben oder zu weit verstreut sind, um sie mit einer menschlichen Lebensspanne und Gehirnkapazität zu entdecken?

Antworten also auf Fragen der Theoretischen Philosophie. Warum es uns oder überhaupt etwas gibt? Und auf Fragen der Praktischen Philosophie, etwa, wie wir handeln sollen? Ob künstliche Intelligenz dabei unsere Vorstellungen von Moral oder Gerechtigkeit über den Haufen wirft und das Recht des Stärkeren proklamiert? Der Cyborgs oder Roboter womöglich? Mag sein. Mutet aber allzu menschlich gedacht an. Vielleicht ist gelebte Gerechtigkeit gar keine ganz so komplexe Angelegenheit, wie es einer von Gier, Geiz und Geltungssucht vernebelten Menschheit erscheint.

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