Cinemathek

SHAPE OF WATER mit Sally Hawkins | Film 2017 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 21. August 2018 um 10:30

Die Form des Wasser ist wandelbar. »So sanft es auch sein kann, ist es zugleich die stärkste und verformbarste Kraft des Universums«, erklärte der Regisseur Guillermo del Toro im Gespräch mit Cicero und fügte hinzu, »Gilt das nicht ebenso für die Liebe?« Denn auch diese könne jede Form annehmen und einem Menschen oder eben einer anderen Kreatur gelten. Von einer solchen Liebe, zwischen einer Frau und einer Wasser-Kreatur, erzählt Guillermo del Toros Film Shape of Water.

Unbekannte Liebesformen

Das ist doch eine schöne Herleitung des Filmtitels. Durchdacht, auf den Punkt, kurz und gut. Nun: Wer hatte denn bitte die Idee, Shape of Water in Deutschland mit dem Untertitel Das Flüstern des Wassers in die Kinos zu bringen? Was lässt sich an dem Wort »Form« so schlecht übersetzen oder vermarkten, dass man einfach knallhart den Fehler bringt? Oder soll das Kunst sein? Oder dachte da irgendwer, The Whisper of Water wäre der bessere Titel gewesen und dieser del Toro habe doch keine Ahnung? Was muss passieren, damit Englischlehrer*innen endlich protestieren?

Zum Inhalt: In Südamerika wird eine Kreatur aus dem Amazonas gefischt und nach Amerika geschafft. Dort landet sie in einem Geheimlabor, untersucht von Wissenschaftlern, gefoltert von einem Sadisten – und geliebt von einer Putzfrau, die von Geburt an stumm ist.

Hinweis: Folgender Text enthält Spoiler – aber nur in den Absätzen »Eine geheimnisvolle Heldin« und »Die Freiheit, zu atmen«, ansonsten: Entspanntes Lesen!

Die Schauspielerinnen Sally Hawkins und Octavia Spencer im Film Shape of Water

Totale: Shape of Water im Zusammenhang

Cineastischer und historischer Kontext

Shape of Water spielt 1962 in Maryland, Baltimore. Amerika und die Sowjetunion stehen sich im Kalten Krieg gegenüber. Es ist das Jahr der Kubakrise. Innerhalb der USA stehen sich die schwarzen und weißen Bürger*innen gegenüber. Es herrschen immer noch die infamen Jim-Crow-Gesetze, Rassentrennung, Rassenhass. Und in dem alten Kino unter dem Apartment der Heldin laufen die historische Romanze The Story of Ruth (1960) und die Musical-Komödie Mardi Gras (1958).

Als Kind wuchs ich in Mexiko auf und war ein großer Verehrer ausländischer Filme. Von E.T. oder William Wyler oder Douglas Sirk oder Frank Capra; und vor wenigen Wochen, da sagte Steven Spielberg, »wenn du dich selbst dort findest, wenn du dich auf dem Podium wiederfindest, dann erinnere dich daran, dass du Teil eines Vermächtnisses bist. Dass du Teil einer Welt von Filmemacher*innen bist – und sei stolz darauf!« Ich bin sehr, sehr stolz.

Guillermo del Toro

Der Junge aus Mexiko

Das waren Guillermo del Toros Worte bei der Oscarverleihung 2018 in Los Angeles, Kalifornien. Ein US-Bundesstaat, der im Süden an del Toros Heimatland grenzt – die Grenze, die der geisteskranke Clown im Weißen Haus am liebsten zumauern würde.

Ich möchte diese Auszeichnung allen jungen Filmemacher*innen widmen. Der Jugend, die uns zeigt, wie man Dinge macht. Denn das tun sie, in jedem Land dieser Welt. Als Kind war ich verliebt in Filme. Da ich in Mexiko aufwuchs, dachte ich, dass sowas hier niemals passieren könnte. Aber es ist passiert und ich will euch sagen, dass jede*r, der oder die davon träumt, das Fantasy-Genre zu nutzen, um eine Parabel über die wirklichen Dinge in der Welt zu erzählen – du kannst es tun. Das ist die Tür, trete sie ein und komm rein!

Guillermo Del Toros Ansprache bei den Oscar 2018 (aus dem Englischen)

Eine Parabel über die wirkliche Welt – wie man Shape of Water unter diesem Gesichtspunkt sehen kann, wird unter „Bleibender Eindruck“ näher besprochen.

Persönlicher Kontext

Ich liebe Guillermo del Toro. Leider kann ich seinen Vornamen nicht aussprechen und ihm deshalb diese Liebe nie auf einem wirklich persönlichen Level, so von Fanboy zu Filmgott gestehen, aber im Geiste, denke ich, weiß er Bescheid. Von Hellboy (2004) über den fantastischen Klassiker Pans Labyrinth (2006) bis – zuletzt – Crimson Peak (2015) bewundere ich die visionäre Vorstellungskraft dieses Ausnahme-Regisseurs. In Shape Of Water nun paart sich seine typische visuelle Handschrift mit der besten Geschichte, die er je umgesetzt hat.

Die Auszeichnung mit dem Oscar für »Bester Film« war trotz starker Konkurrenz (darunter Dunkirk, Get Out und Die Schöne und das Biest) hochverdient. Shape Of Water erzählt vom Krieg, wie Dunkirk, vom Rassenhass, wie Get Out, und ist im Ganzen eine große Neuerzählung von Die Schöne und das Biest – alles in allem auf jeden Fall der bildgewaltigste, dramaturgisch gelungenste Film, den ich seit langem gesehen habe.

Close-up: Shape of Water im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Zum Auftakt ein Staunen: Shape of Water beginnt mit einer märchenhaften Einstellung unter Wasser. Wie in ein versunkenes Schloss begleiten wir die schwebende Kamera über einen Korridor – in dem, trotz des Wasser noch die Lichter brennen – hinein in eine Wohnung, in der sämtliche Möbel und Gegenstände schweben. Samt dem Sofa. Samt der Frau darauf. Langsam sinkt sie herab, sinkt auf das Sofa, das ebenfalls geschmeidig auf dem Boden aufsetzt – so, wie der Wecker auf das Beistelltischchen sinkt…. und klingelt. Ganz großes Kino, das man gesehen haben muss. Deshalb, hier diese wundervolle Eröffnungssequenz:

Der Wecker reißt Elisa Esposito aus ihrem Traum – und sie beginnt ihre Morgenroutine: sich ein Bad einlassen, Eier kochen, Eieruhr stellen, baden, masturbieren, Kalenderblatt abreißen, Kalenderspruch lesen (»Time is but a river flowing from our past«) und die Schuhe polieren. Ein entspannter Start in den Tag.

Elisa arbeitet als Putzfrau in einem amerikanischen Geheimlabor, in dem sie die dort gefangen gehaltene Kreatur kennen und lieben lernt.

Eine geheimnisvolle Heldin

Denn, so war Guillermo del Toros erklärtes Ziel, er wollte mal einen Monsterfilm drehen, in dem das Monster am Ende sein love interest kriegt – und zwar in gegenseitiger Hingabe. Dabei ist dieses love interest, die Hauptfigur und Heldin des Films, nicht minder geheimnisvoll, das die Kreatur aus dem Amazonas – wie Paul Tassi für Forbes scharfsinnig zusammengefasst hat.

Was wir von Elisa im Laufe von Shape Of Water erfahren – eher nebensächlich und ohne Rückblende – ist, dass sie als Kind am Flussufer gefunden wurde. Ausgesetzt, wie es scheint. Mit Narben am Hals, die ihren Stimmverlust zur Folge hatten. Wie es scheint. Schon während des Films offenbart sich uns, den Zuschauer*innen, ihr intimer Bezug zum Wasser, in dem sie sich wohler als sonstwo zu fühlen scheint. Dass sie in der Badewanne masturbiert, mag nicht ungewöhnlich sein. Dass sie ihr Badezimmer bis zur Decke flutet, um darin mit der Kreatur Sex haben zu können, das verwundert schon eher.

Die Freiheit, zu atmen

Am Ende wissen wir bereits, dass die Kreatur durch Auflegen ihrer Pranken Wunden heilen kann. In der letzten Szene, als die Kreatur mit Elisa unter Wasser im Hafenbecken schwebt, legt es seine Pranken aus die Narben an Elisas Hals. Und plötzlich – funktionieren diese Narben als Kiemen! Selbst in einem Fantasy-Film wie diesem scheint es unsinnig, dass die Kreatur normal Wunden in Kiemen verwandeln kann (mit dem ganzen Atemapparats-Kladderadatsch, der subkutan dazu gehört). Sinniger scheint, dass diese Narben – diese schmalen, geradlinigen Schlitze, die schon am Hals des Findelkindes waren und niemand erklären konnte – dass diese Narben schon immer Kiemen waren.

Das Filmende deutet an, dass die Kreatur lediglich Elisas natürliches Dasein als Wesen irgendwo zwischen Fisch und Mensch wiederherstellt, indem sie ihre verschlossenen Kiemen öffnet – und sie frei atmen lässt, unter Wasser. Elisa ist nicht deshalb stumm, weil irgendetwas mit ihren Stimmbändern passiert ist – sondern weil sie nie Stimmbänder hatte.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

John Richardson hat für The Conversation den »Besten Film« der Oscars 2018 in seiner allegorischen Wirkungskraft unter die Lupe genommen. Das ist es, was Richardson als Englischlehrer und Assistenzprofessor gerne macht, mit seinen Schüler*innen und Student*innen: Hinterfragen, wie aktuelle Filme kluge Antworten geben, auf die rassistische, sexistische, fremdenfeindliche Politik und Rhetorik ihrer Zeit.

So zeigte Lady Bird (2017), dass das Leben einer jungen Frau es wert ist, cineastisch erkundet zu werden. Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri (2017) porträtierte Korruption, Gewalt und Rassenhass im Herzen des amerikanischen Traums. Und Black Panther (2018) hat triumphal bewiesen, dass schwarze Schauspieler*innen und Filmemacher*innen einen Hollywood-Film produzieren können – und dass die afroamerikanische Kultur eine spannende, mythologische Geschichte für alle möglichen Zuschauer*innen hervorbringen kann.

Oscar-reife Systemkritik

In Shape of Water nun sieht Richardson die detaillierteste und poetischste Kritik an Trump (und stellvertretend für diesen alternden Dudley-Dursley-Verschnitt alle, die seine »Politik« durchsetzen). Ebenso an dem hohlen Versprechen, Amerika wieder »great« zu machen. So »great«, wie in den 30er Jahren, den 40er oder 50er Jahren. Je nach dem, in welcher Stimmung man ihn erwischt, ruft Trump da eine andere Zeit aus seinem Streuhirn ab. Manchmal nennt er auch die 60er Jahre, in denen Shape of Water spielt. Die Hauptfiguren des Films (die stumme Elisa, die schwarze Zelda und der schwule Giles) erleben diese Zeit in stiller Unterdrückung.

Der Kalte Krieg läuft in dem Film gerade auf Hochtouren. Die Dichotomie zwischen den USA und Russland, zwischen »gut« und »böse«, wird sowohl angedeutet als auch untergraben. Amerika und Russland sind im Konflikt, aber es ist ein russischer Agent, der nach ethischen Maßstäben handelt.

Es gibt ein traditionell anmutendes Lokal an der Hauptstraße. Doch der Barkeeper entpuppt sich als Rassist und homophob. Seinen südlichen Akzent hat er aus Marketing-Gründen aufgelegt, während er eigentlich aus Ottawa (Kanada) kommt. Die servierten Kuchen sehen ansprechend aus, sind aber wenig schmackhafte Massenprodukte. Und das Lokal ist Teil eines neuen Phänomens, dem Franchise. Der Film Shape of Water balanciert an eben der Grenze, als alle Authentizität im Begriff war, an Illusion verloren zu gehen

John Richardson

This is America

Als Antagonisten haben wir Richard Strickland (Michael Shannon). Ein sadistischer Regierungsmitarbeiter, den ein Autoverkäufer großspurig als »Mann der Zukunft« bezeichnet. Auch Strickland selbst spricht die Zukunft an, rühmt sie als erstrebenswert, sagt zuversichtlich:

The future is bright. You gotta trust in that. This is America.

Richard Strickland (Michael Shannon)

Auch wenn es sich dabei um keine direkte Anspielung handelt: Ausgerechnet das Musikvideo This is America (2018) von Childish Gambino gibt ziemlich gut wieder, dass die Zukunft nicht so »bright« geworden ist, wie prophezeit worden ist. Und dass, andererseits, ein Typ wie Strickland tatsächlich »Mann der Zukunft« sein würde. Ein vulgärer Typ, der einen sexuellen Übergriff als Kavaliersdelikt ansieht.

Wenn die stumme Frau, die schwarze Frau und der schwule Mann gemeinsam handeln, um das schöne »unerwünschte Wesen« aus seinem Gefängnis zu befreien, suggeriert der Film, dass die Kreativität und der Humanismus von Außenseiter*innen siegen kann, gegen Grausamkeit und Korruption.

John Richardson, in: The Shape of Water: An allegorical critique of Trump (aus dem Englischen)

Fazit zu Shape of Water

Ob als zeitgenössische Allegorie oder zeitloses Märchen – Shape of Water ist ein mitreißender Film. Man muss sich auf die düstere Welt del Toros einlassen, in die immer wieder – unvorhersehbar – rohe Gewalt hinein brechen kann. Doch wenn man einmal drinsteckt, in dieser Welt, dann ist man umgeben von starken und stärkeren Charakteren in einer Haken schlagenden Handlung voller Gänsehaut-Momente. Sehr zu empfehlen, dieser Shape of Water – Das Knistern des Wassers. Ach, nee: Das Flüstern des Wassers. Mein Fehler.

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