Film Zeit

LOLA RENNT mit Franka Potente | Film 1998 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 25. August 2018 um 10:37

9 Monate von der Idee zum ersten Drehtag  Lola rennt, dieser rasante Ritt durchs Berlin der 90er Jahre, ist eine Kopfgeburt, die genau zur richtigen Zeit kam. Gepusht durch MTV, gepackt in pulsierende Beats, Techno-Takt und Tatendrang, so rannte Franka »Lola« Potente daher, geschnitten von einer Rammstein-Cutterin, geschrieben von einem Wuppertaler Wunderkind, dem sich die Pforten ins internationale Filmgeschäft öffnen sollten: Tom Tykwer, 33, Regisseur.

[…] diesem Projekt wäre es ganz sicher nicht gut bekommen, wenn man das Drehbuch immer wieder überarbeitet hätte. Denn schließlich ist Lola rennt ein auf Film gebannter Geistesblitz.

Tom Tykwer im Interview mit Lars-Olav Beier (SPIEGEL Online)

Auf Schritt und Beat durch Berlin

Schauspielerin Franka Potente in dem Film Lola rennt

Zum Inhalt: Manni hat eine Tasche mit 100.000 D-Mark in der Bahn liegen lassen. Aber das kann er seinem Boss, der auf die Kohle wartet und keinen Spaß versteht, schlecht erzählen. 20 Minuten Zeit bleiben bis zur Übergabe. Was tun? Woher so schnell so viel Geld auftreiben? Manni ruft Lola an, seine Freundin… denn Lola tröstet, Lola grübelt, Lola rennt…

Der Clou: Nach 20 Minuten fängt der Film nochmal von vorne an – gleicher Ausgangspunkt, ganz anderer Verlauf…

Hinweis: Dieser Text enthält keine Spoiler zu Lola rennt. Aktuelle Streaming-Angebote gibt’s bei JustWatch.

Als Lola rennt am 20. August 1998 ins Kino kam, da war der Titel schon Programm dank Wish. Nein, nicht Wish, die App aus der Serie Wishlist, die in diesem Jahr von einer anderen Wuppertaler Wundercrew aus der Betaphase geboxt wurde. Sondern Wish (Komm Zu Mir), das Musikvideo mit Thomas D. feat. Franka Potente und Ausschnitte aus dem Next-to-be-Kultfilm. Mehrmals täglich lief es ’98 auf dem inzwischen eingestampften Musiksender und machte heiß auf diesen Film… Komm zu mir… kon-su-mier… rein ins Kino also!

Als ich das Video das erste Mal gesehen habe, habe ich gedacht: »Geil, daraus könnte man einen guten Film machen!« Als dann wirklich ein entsprechender Film in die Kinos kam, war klar, daß der besucht wird, denn er könnte ja eigentlich nur gut sein.

Astrofrank auf YouTube

I wish I was a hunter in search of different food,
I wish I was the animal which fits into that mood,
I wish I was a person with unlimited breath,
I wish I was a heartbeat that never comes to rest

Ich wünscht‘ ich wär…

Die Jagd, das Tier, der Atem und ein rastloses Herz, ich wünsch mir was und wünsch mir mehr, so gehen die Lyrics aus dem Titelsong.

I wish I was a stanger who wanders down the sky,
I wish I was a starship in silence flying by,
I wish I was a princess with armies at her hand,
I wish I was a ruler who’d make them understand

Eine Prinzessin mit Armeen in ihrer Gewalt, eine Herrscherin, die um Verständnis wirbt. Heute denkt man an die silberhaarige Daenerys Targaryen, die sich willensstark und ähnlich ungebremst wie rothaarige Lola ihren Weg bahnt. Doch Khaleesi reitet auf Drachen  Lola ist zu Fuß. Lola hat keine Verbündeten. Lola will auch keine 7 Königreiche. Sie braucht nur ein bisschen Kohle. Kein episches Set-up, trotzdem ganz großes Kino, wenn Lola rennt. Woher, wohin und warum so oft? Ein Rückblick.

Totale: Lola rennt im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Man könnte sagen, »Die Wahrheit ist eine Frage der Perspektive«, was eher ein Element von Rashomon (1950) ist – aber darum geht’s hier nicht wirklich. Es geht vielmehr um die Frage: »Was hätte aus deinem Leben werden können, und warum ist es eben diesen Weg gegangen?«

Tom Tykwer im Interview mit Gary Dretzka (Chicago Tribune), 1999

Erst war da Der Zufall möglicherweise (1987) des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski, der als berühmtes Vorbild von Lola rennt diese Idee bereits auf Celluloid festhielt: Eine Geschichte, die nochmal und nochmal von vorne beginnt, mit kleinen Unterschieden im Auftakt, die zu gewaltigen Auswirkungen im weiteren Verlauf führen. Später hat auch Jaco van Dormael diese Idee mit Mr. Nobody (2009) zu einem spektakulären Multiversum aufgebläht. Doch während Kieślowskis Werk vorrangig ein politisches Drama über das kommunistische Polen ist und van Dormaels Film durch seinen wundersam assoziativen Schnitt im chronologischen Durcheinander besticht, ist Tom Tykwers Lola rennt in erster Linie ein Konzeptfilm im Dienste der Idee, was wäre wenn… eine Frage, der sich Tykwer übrigens schon in seinem Kurzfilm Because (1990) angenommen hat: Eine Ausgangssituation, erzählt in 3 Variationen.

Persönlicher Kontext

Fun Fact: Es gibt noch (mindestens) eine vierte Variante dessen, was Lola so erlebt. Allerdings rennt sie darin nicht durch die Hauptstadt Berlin, sondern meine Heimatstadt Bocholt – und nicht 20 sondern 4 Minuten lang. Wir hatten halt kein Budget… und keine Schauspieler*innen… keine Ahnung sowieso… aber einen Camcorder und die Deutsch-Hausaufgabe: »Dreht eine vierte Variante des Films Lola rennt.« Das war 2007. Wir waren alle etwa 18 Jahre alt. Und aus einem unerfindlichen Grund haben wir einen Eimer Blut aus der Metzgerei angekarrt und ein heiter-ekliges Szenario gedreht, in dem sowohl Lola als auch Manni das Zeitliche segnen. Fand der Lehrer eher so mittel.

Seitdem jedenfalls bin ich ein großer Fan von Lola rennt.

Randnotiz: Das Goethe-Institut hat Arbeitsmaterialien für den Unterricht zu dem Film Lola rennt online verfügbar gemacht. Und von Neue Wege des Lernens e.V. gibt es jetzt ein didaktisches Angebot mit interaktiven Aufgaben zum Film – ziemlich cool aufgemacht!

Close-up: Lola rennt im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Wir lassen nie vom Suchen ab,
und doch, am Ende allen unseren Suchens,
sind wir am Ausgangspunkt zurück
und werden diesen Ort zum ersten Mal erfassen.

T. S. Eliot

Mit diesem bedeutungsschwangeren Zitat als schlichte Texteinblendung beginnt Lola rennt  gefolgt von:

Nach dem Spiel
ist vor dem Spiel.

S. Herberger

Mystische Musik setzt ein, begleitet vom enervierenden Ticken einer Uhr, deren goldenes, ungeheuerlich verziertes Pendel in das schwarze Bild schwingt  hin und her und dazwischen die Vorspanntitel, bis das Pendel stehenbleibt. Die Kamera fährt daran hoch zu der monströsen Uhr, deren Zeiger im Gegensatz zum Pendel durchdrehen. Darüber schwebt die Kamera hinweg und taucht ab in das sich öffnende Maul eines Fabelwesens, dessen Kopf die Uhr ziert. (Diese Kamerafahrt hinein in den offenen Mund mutet wie eine kleine Verneigung an Kieślowski Przypadek / Der Zufall möglicherweise an, in dessen erster Einstellung die Kamera im Mund des schreienden Helden verschwindet.

Weiter geht es  mit Silhouetten von Menschen, die in einem großen Pulk wie Zombies herumlaufen, Zeitraffer. Franks Stimme haucht aus dem Off: »Ich wäre so gern…«, ihr Echo schreit es auf Englisch heraus: »I wish I was… !« – und stimmt damit auf besagten Titelsong ein. Eine männliche Off-Stimme sinniert:

Der Mensch. Die wohl geheimnisvollste Spezies unseres Planeten. Ein Mysterium offener Fragen. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben? Wieso glauben wir überhaupt etwas?

Victoria streunt

Aus dem unscharfen Menschengedränge rücken ein paar Einzelne in den Fokus. Ein Frau, die uns später als Bankangestellte mit Fetisch-Affäre wiederbegegnet. Ein Mann, im roten Trikot, auf dem der Name »Gott« geschrieben steht. Dieser Mann will der rennenden Lola später quasi im Vorbei-Radeln ein Fahrrad verticken. Und dieser Mann wird viel später, lange nach Lola rennt, selbst einen Film über eine junge Frau drehen, die Berlin zu Fuß erlebt, wenn auch nicht so flott unterwegs: Victoria (2015), den zweistündigen One-Shot. Denn es handelt sich bei diesem Mann, der in Lola rennt eine winzige Rolle spielt, um einen Regie-Kollegen Tom Tykwers: den Filmemacher Sebastian Schipper (Absolute Giganten).

Doch ist es am Ende nicht immer wieder die gleiche Frage – und immer wieder die gleiche Antwort?

Ein besonderes Seherlebnis

Die Kamera fliegt schließlich hoch über die Menschenmenge hinaus, deren Körper zusammen den Schriftzug bilden: LOLA RENNT. Davon geht’s über in eine Zeichentrick-Sequenz, dann eine Mugshot-Parade zur Vorstellung des Casts, allen voran: Franka Potente als Lola. An ihrer Seite: Moritz Bleibtreu als verpeilter Freund Manni, der die Kohle für seinen Gangsterboss Ronnie verliert, gespielt von Heino Ferch – das auslösende Ereignis dieses Films, von dem man schon weiß, dass er ein besonderes Seherlebnis wieder, noch bevor die Handlung überhaupt begonnen hat.

Der Vorspann zum Film Lola rennt:

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Ein Instant Classic, ein viel gefeiertes Meisterwerk, schon damals, als Lola rennt ins Kino kam. Wenige Jahre später zollte sogar die Serie The Simpsons dem Film Tribut, in der Folge Trilogy of Error (Episode 266, 2001), die mit einer Renn-Sequenz zur Musik aus Tykwers Film eine deutliche Referenz an denselben eingebaut hat. In Amerika wurde Lola rennt übrigens unter dem Titel Run Lola Run vermarktet – eine Referenz an die schon damals berühmte Zeile »Run, Forrest, Run!« (»Lauf, Forrest, lauf!«) aus Forrest Gump (1994)? Oder handelt es sich gar um eine Fortsetzung? Bei Yahoo! Answers wurde tatsächlich die Frage gestellt, ob Lola rennt das Sequel zu Forrest Gump sei? Beste Antwort:

Ja… genau genommen ist es eine Trilogie, die mit Marathon Mann (1976) begann. Heutzutage nennt man diese Filme die »Trilogie über ziellos herumrennende Menschen«.

Yahoo! Answers, da wo dir nicht geholfen wird

Bullshit Deluxe. Damit ist bewiesen, dass Lola rennt seinen festen Platz im popkulturellen Diskurs hat. Um den Film ernstlich zu kritisieren, muss man sich schon ein bisschen Mühe geben…

Kritik um der Kritik willen

Die Zukunftsflashes angerempelter Passanten sind monströs einfallslos: Lottogewinn, Drogentod, Liebesgeschichten […]

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

Was darf’s denn sein, Herr Knörer? Noch ein bisschen mehr Inception-Feeling in den sekundenlangen Foto-Serien, die kurz über die Leinwand flackern? Diese »Zukunftsflashes« sind in sich nicht einfallsreich genug? Mann, die sind ein Einfall für sich und in einem Blinzeln vorbei – wer denkt denn in diesem Zeitfenster denn schon »gääähn, wie einfallslos«? Generation Vine vielleicht, dieses Portal für 6-Sekunden-Videos, das 2013 mit Hype an den Start ging und 2017 – Hype vorbei – eingestellt wurde. In diesem Sinne: Ein Hoch auf 20 Jahre Lola rennt!

Fazit zu Lola rennt

Wie alt dieser Film (und man selbst) inzwischen ist, das merkt man dieser Tage daran, dass in Inhaltsangaben zu Lola rennt zuweilen von »100.000 D-Mark (also etwa 51.000 Euro)« die Rede ist (siehe: Gregor Tholl, BBV). Tatsächlich: Telefonzelle statt Smartphone, Bares statt Bitcoin und Berlin als leer gefegte Hauptstadt statt multikulturelle Metropole – Lola rennt wurde in mancher Hinsicht vom Zeitgeist überholt.

Doch die Mucke, die Schnitte, das Tempo, der Plot – genauso werden flotte, coole Filme gemacht, heute wie damals, da war Lola rennt seiner Zeit voraus. Und als Bindeglied zwischen dem Überholten und dem Vorauseilenden liegt die Nostalgie im Angesicht des Looks dieses Films; die Liebe für die späten 90er Jahre, die Lola rennt ganz ohne historische Bezüge trotzdem als ein Werk der Erinnerungskultur erscheinen lässt. Na ja, erinnerungswürdige Popkultur auf jeden Fall.

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