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ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND | Film 2011 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 30. April 2018 um 10:33

Zuletzt gesehen: Almanya – Willkommen in Deutschland von der Filmemacherin Yasemin Şamdereli. Geschrieben hat sie das außergewöhnliche, teils autobiografische Werk mit ihrer Schwester Nesrin. Geschickt vermengen sie Drama und Komödie, Kulturen und Konflikte zwischen Generationen zu einem kraftstrotzenden Ganzen.

Die Zuwanderer und der Zombie-Jesus

Es ist immer wieder erfrischend, Filme zu sehen, die ein breites Repertoire filmischer Erzählmittel spielerisch kombinieren. Wenn sich das Medium auf seine Möglichkeiten und Stärken besinnt, eine Geschichte auf besonders wirkungsvolle Weise zu servieren, dann darf man gespannt sein.

Hinweis: Liebe Leser*innen, keine Spoiler weit und breit. Wer den Film sehen möchte, findet bei JustWatch eine Übersicht zu aktuellen legalen Streamingangeboten.

Die deutsch-türkische Familie im Film »Almanya – Willkommen in Deutschland« | Bild: Concorde Films
Ein letztes Mal lächelt die ganze Familie zusammen in die Kamera, in: »Almanya – Willkommen in Deutschland« | Bild: Concorde Films

Totale: Almanya – Willkommen in Deutschland im Zusammenhang

Historischer Kontext

Ein Film über türkische Gastarbeiter im Deutschland der 1960er Jahren – und ihre Nachkommen in der Gegenwart. Als Almanya 2011 in die Kinos kam, lag Thilo Sarrazins Pamphlet Deutschland schafft sich ab zuhauf in deutschen Buchhandlungen. Mit Aussagen wie diesen: »[…] wir wollen keine nationalen Minderheiten. […] Und wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.« (2. Auflage, S. 326) Man kann sich vorstellen, wie eine Debatte auf diesem Diskussionsniveau auf Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gewirkt haben muss. Die Samdereli-Schwester erzählen davon, sowie von ihrem Film über das deutsch-türkische Verhältnis, im Gespräch mit Der Tagesspiegel.

Vor einem Monat – im März 2018 – unterzeichnete Sarrazin als einer der Ersten die Gemeinsame Erklärung 2018 über Bedenken hinsichtlich der illegalen Masseneinwanderung und mangelnde »rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes«. Ich möchte so einen Scheiß hier gar nicht zitieren, aber irgendwie scheint es mir nötig, um den Kontrast zwischen heute und gestern zu verdeutlichen – und vorgestern.

Damals, als in den 60er Jahren ausländische Gastarbeiter mit Kusshand begrüßt wurden. Im Abspann des davon erzählenden Films Almanya – Willkommen in Deutschland wird der Schriftsteller Max Frisch zitiert: »Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen.« Auch wenn keiner mehr gerufen wird und mechanisch tätige Arbeitskräfte zunehmend weniger gebraucht werden: Es kommen immer noch Menschen. Allein, dass das Prädikat »Mensch« als Qualitätsmerkmal generell ein bisschen überstrapaziert wirkt, in einer Zeit, da wir mit so viel verfügbarem und vernetztem Wissen nach wie vor in verschreckten Horden unsere Reviere abstecken.

Apropos Rassismus: Wie man das Spiel mit den Kulturen weniger gekonnt in einem Film unterbringt, zeigt Monsieur Claude und seine Töchter.

Persönlicher Kontext

Der Film Almanya kam ein paar Jahre vor der Zuwanderungswelle von Menschen aus Armuts- und/oder Kriegsgebieten nach Europa. Also dem Staatenverband, der zu den Armuts- und Kriegszuständen anderswo einen guten Teil beiträgt. Diese Flüchtlingskrise ab dem Jahr 2015 war für mich (geboren 1989, aufgewachsen im Hinterland einer kleinen Stadt) die erste Erfahrung mit der Begegnung verschiedener Kulturen unter extremen bzw. »extremen« Umständen. Extrem für die, die auf unabsehbare Zeit ihr Zuhause verlassen mussten. »Extrem« für die, die für ein paar Monate auf ihre Schützenhalle verzichten mussten.

Andere Zeiten, andere Sitten

Menschen jedenfalls, die wie die türkischen Gastarbeiter in den 60er Jahren in den Wogen der Welle von 2015 aufgebrochen sind, obwohl kein Krieg sie vertrieb, die werden heute als »Wirtschaftsflüchtlinge« verunglimpft. Es ist wohltuend, einen Film zu sehen, der solche »Wirtschaftsflüchtlinge« als das darstellt, was sie sind: Menschen mit ihren eigenen Problemen und Sorgen, Klischees und Vorurteilen, Marotten und Meinungen, Geschichten und Träumen und dem vollen Programm eben. Es macht auf traurige Weise Sinn, dass eine immer mehr vom Kapitalismus beherrschte Gesellschaft dann am empfindlichsten reagiert, wenn es um kapitalistische Interessen geht. Nicht um Banalität wie Leben und Tod.

Almanya weitet den Blick, erzählt von Leben und Tod und dem täglichen Brot, das man sich ja irgendwie verdienen muss. Dabei geht es lustiger zu, als die letzten Absätze vermuten lassen. Schluss jetzt mit dem Ernst der Lage, schauen wir auf den Film an sich.

Close-up: Almanya – Willkommen in Deutschland im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Die Kamera schwebt im Detail über einen Orientteppich als Hintergrund für die Vorspanntitel. Schwebt über ein Foto von einem Mann mit Kind auf den Schultern, zu dem die Stimme einer Erzählerin ansetzt: Das sei sie mit ihrem Opa. Das erste Foto, das es von ihnen beiden gibt. Die Kamera schwebt weiter, zum nächsten und letzten Foto, das es von ihnen beiden und der ganzen großen Familie gibt. Drei Generationen, Türken, Deutsche und Deutschtürken, die gemeinsam an einem Tisch sitzen. Dieses Bild wird uns später in einem schönen dramaturgischen Rahmenschluss wieder begegnen.

Der Titel wird eingeschoben: Almanya steht da in goldglänzender Schnörkelschrift. Aladin, daran erinnert mich der Schriftzug.

Von dort aus schwebt die Kamera weiter über Fotos, taucht jetzt in die deutsche Geschichte ein. 50er/60er Jahre, Wirtschaftswunderzeit, die nach Arbeitskräften schreit: Kupferschmiede, Stenotypistinnen, Bohrwerksdreher, her mit euch! Wir stellen ein! Die Fotomotive geraten in Bewegung, Archivaufnahmen der Einstellungsverfahren. Menschen unter der Lupe, Hosen runter, Münder auf. Die Kamera fliegt über das Cover vom SPIEGEL 41/1964 und versinkt in einem letzten Fotorahmen, der bewegte Archivaufnahmen in Schwarzweiß zeigt – bis ein bekanntes Gesicht aus einem Zug steigt.

Der Schauspieler Fahri Ogün Yardım spielt die junge Version besagten Opas der Erzählerin. Als strahlender Mann betritt er den Bahnsteig, deutschen Boden, und wird dort als 1.000.001. Gastarbeiter registriert. Vom Verlassen des Bahnhofsgebäudes schneidet der Film in die Gegenwart – als griesgrämiger Mann verlässt der Opa in Begleitung der Oma den Supermarkt. Sie zanken auf Türkisch.

In der nächsten Szene bekommt die Stimme der Erzählerin ein Gesicht: Aylin Tezel spielt die Enkelin, die immer wieder zum Einsatz kommen wird, um die Zeitebenen damals und heute zu verknüpfen.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Das gelingt dem Film Almanya – Willkommen in Deutschland dermaßen gut, dass die Auszeichnung fürs beste Drehbuch beim Deutschen Filmpreis 2011 mit Almanya einen würdigen Preisträger gefunden hat. Nicht nur die erzählerischen Schnittstellen sind homogen eingebracht, auch technisch ist der Schnitt bemerkenswert: Viele schöne, kleine Ideen wie das Bett-Quietschen, das rhythmisch ins Klo-Putzen übergeht (Min. 46), oder das Tasche-Öffnen zum Kasse-Klingeln (Min. 51) sind für mich immer ein kleiner Liebesbeweis seitens der Filmemacher an ihr Projekt.

In Erinnerungen bleiben werden mir vor allem die Traumszenen mit Axel Milberg als Personifikation des deutschen Beamtentums und natürlich: der Cola-Fetisch und Zombie-Jesus. Insbesondere letztere Szene ist von so kindischer Imagination geprägt, dass man nicht anders kann, als herzhaft zu Lachen. Wie soll es auf einen kleinen Jungen, der eben nicht damit aufgewachsen ist, denn auch wirken, wenn er eine Menschengruppe kennenlernt, die ein Kreuz anbetet? Also ein Hinrichtungswerkzeug, an dem auch noch eine entstellte Leiche hängt? Und die sich regelmäßig vor Altaren trifft, um von deren Leib in kleinen Scheiben zu speisen und ihr Blut zu trinken? Wie barbarisch klingt das in den Ohren eines Menschen, der nicht von Kind auf daran gewöhnt wurde!?

Vom Fetisch zum Jenseits

Der Cola-Fetisch wird später im Film Almanya – Willkommen in Deutschland noch einmal thematisiert. Da mussten wir pausieren, weil Sonia mir – apropos Fetisch – von den Roboter-Puffs erzählen wollte, von denen sie kürzlich gelesen hat. Wir diskutieren kurz darüber, wie moralisch vertretbar oder erforderlich es ist, in solchen Puffs jegliche Neigungen zu bedienen. Darüber kamen wir auf unser Dauerbrenner-Thema »Künstliche Intelligenz vs. Menschliche Seele«, wobei Sonia das Seelenwesen verteidigt und ich für Homo Deus in die Presche springe, den Cyborgmenschen von morgen. Wie immer endete der Disput bei der Frage: Ja, was ist denn nun nach dem Tod? Weiß ja keiner! Also haben wir den Film weitergeschaut.

Und siehe da, er gibt Antwort! In der zweiten Hälfte von Almanya – Willkommen in Deutschland gibt es ein Gespräch zwischen Schauspieler Denis Moschitto und mit dem kleinen Star des Films (übertrieben putzig: Rafael Koussouris im Alter von etwa 8 Jahren). Darin geht es um Leben und Tod und was nach dem Sterben passiert. Und glaubt’s oder nicht: Der Film hat eine großartige Antwort darauf!

Fazit zu Almanya – Willkommen in Deutschland

Willkommen in einem Deutschland, das karikaturistisch überzeichnet ist und in dem die Menschen eine komische Fantasie-Sprache sprechen. Willkommen unter Türken, die bekannte Klischees erfüllen und mit neuen Marotten überraschen. Dieser Film ist so bunt wie das echte Leben und so rund wie das erzählte Leben in guten Geschichten. Er hält die Waage zwischen Klamauk und Emotionalem und beschert, wenn man sich drauf einlässt, ein sehr unterhaltsames Sehvergnügen. Viel Spaß damit!


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