Serien

FRIENDS und politische Korrektheit | Serie 1994-2004 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2018 um 6:07

Ross und Rachel aus Friends gehören seit den 90er Jahren zu den populärsten Liebespaaren der Popkultur, irgendwo zwischen Romeo und Julia von Shakespeare (1597) und Rose und Jack aus Titanic (1997). Dabei ist mindestens Ross eigentlich ein arg problematischer Typ, der ohne seine Freunde ziemlich dumm dastehen würde…. oder nicht? Aktuell wird die Sitcom nicht nur für ihren markigsten Helden gescholten – was ist da los?

Wenn Freunde älter werden

Während die HBO-Serie The Wire seit 2008 als »beste TV-Serie aller Zeiten« aus dem Gespräch gedrängt wurde, weil es zu viele neue »beste TV-Serie aller Zeiten« gibt, schien der Platz für »Beste Sitcom aller Zeiten« für alle Zeiten belegt: Friends for the win! Selbst die Sitcom How I Met Your Mother, die Vieles aus Friends gut kopiert und umso mehr Eigenes neu hinzugefügt hat, schubste ihr übergroßes Vorbild nicht vom Thron. Zu vermurkst war die letzte Staffel, das Serienfinale geradezu legen… warte, es kommt gleich… där daneben.

Seit Anfang 2018 ist Friends auf Netflix zu sehen, begeistert aufgenommen von etlichen Fans, die jede Folge kennen und trotzdem immer wieder reinschauen. Doch mit diesen Hardcore-Fans knüpft sich derzeit ein neues Publikum die Serie vor. Das Urteil der späten Millennials und Generation Z fällt dabei nicht gerade gnädig aus.

Hinweis: Liebe Leser*innen, hier gibt’s keine Spoiler. Aktuelle Streamingangebote der Serie Friends findet ihr bei JustWatch.

Die Hauptdarsteller der Serie Friends begutachten einen kleinen Millennial. | Bild: NBC
Die Hauptdarsteller der Serie Friends begutachten einen kleinen Millennial… sie ahnten noch nicht, es mit ihrem schärfsten Kritiker zu tun zu haben. Na ja, Phoebe ahnte es. Vermutlich. | Bild: NBC

Totale: Friends im Zusammenhang

Historischer Kontext

Sarah Gosling hat es für The Guardian im Januar 2018 gut auf den Punkt gebracht: Nicht viele Dinge werden mit dem Alter besser. Von Wein, Käse und George Clooney mal abgesehen. Und so hat auch die Serie Friends inzwischen ein paar Witze auf Lager, die uns so unangenehm sind, wie manch Witze von Eltern eben sind (all die Serienbabys, die die Friends geboren haben, würden heute derjenigen Generation angehören, der Friends unangenehm wird – ist das ein Friends-Problem oder ein Generationen-Problem?). Ausgestrahlt wurde Friends von 1994 bis 2004, ein Jahrzehnt, in das die Anschläge vom 11. September und die völkerrechtswidrige US-Invasion im Irak fallen.

Ein Film zum 11. September 2001 ist, wenn auch indirekt, Jennifer Morrisons Sun Dogs (2017) – hier geht’s zur Filmkritik.

Bloß nie zu nah ans Zeitgeschehen

Die erste Friends-Episode, die nach 9/11 ausgestrahlt wurde – Folge 1, Staffel 8, am 27. September 2001 – schließt mit einer Widmung am Ende ab, in weißer Schrift auf schwarzem Grund: »To the people of New York City«. Politischer wird’s nicht. Episode 3 derselben Staffel (The One Where Rachel Tells…) wurde extra geändert und eine ganze Szenenfolge rund um Chandler und Monica am Flughafen neu gedreht, weil etwaige Bombenwitze zu nah am tragischen Zeitgeschehen waren (für sich genommen ist die Szenenfolgen, die nachträglich veröffentlicht wurde, wohlgemerkt ziemlich witzig – überzeugt euch auf YouTube). Trotz einiger dezenter Gesten in Bezug auf das Post-9/11-New-York, etwa in Form von Aufdrucken auf den Klamotten der Serienfiguren, hat sich Friends stets bemüht, absolut unpolitisch zu bleiben. Schon in den 90er Jahren liefen weder Nachrichten im Hintergrund, noch gab es sonstige zeitgenössische Referenzen.

Doch die Zeit reißt heile Welten ein: Seit Friends in einer Gegenwart von Gedanken-Livestreams via Hashtag-Debatten online neu rezipiert wird, ist die Serie als politischer denn je im Gespräch – oder vielmehr: als politisch unkorrekt. Mehr dazu im Close-up weiter unten.

Persönlicher Kontext

Als ich im Jahr 2008 gerade in den Abiturprüfungen steckte, kam mir der Gedanke: Jetzt sei doch ne gute Zeit, mit dem systematischen Suchten von Serien anzufangen. Offiziell rechtfertigte ich es mir selbst und meinen Eltern gegenüber als »Englisch lernen«. Aber offensichtlich professionalisierte ich bloß meine Prokrastinations-Methoden. Immerhin sah ich Friends – bis dato nur sporadisch im deutschen FreeTV mitverfolgt – erstmals im Ganzen und im Original. Wer nicht gerne Serien im (englischen) Original sieht, lasset euch gesagt sein: Friends ist prima geeignet, um damit anzufangen! 2 Gründe:

Englisch lernen mit Friends

Erstens ist das Englisch in Friends durch die vielen alltäglichen Situationen in der Serien nicht zu schwer. Professor Alexander Argüelles (der Dutzende von Sprachen spricht) schätzt das Vokabular, das im Alltagsgebrauch einer Sprache genutzt wird, auf nur rund 750 Wörter. Mit denen hat man in Friends schnell Bekanntschaft gemacht (die meisten kennt man ja doch schon irgendwie aus dem Schulunterricht) und erlebt in der Serie den kreativen Umgang mit ihnen.

Zweitens ergibt sich in Friends ein deutlicher Mehrwert, wenn man sich die Serie im Originalton gibt. Die Stimmen klingen echter (na ja: weil sie es sind) – und die Gagdichte ist deutlich höher. Hut ab an die Verantwortlichen der deutschen Synchronfassung, sie haben einen guten, undankbaren, selten gewürdigten Job gemacht. Doch Friends lebt von vielen starken Wortspielen, die bei der Übersetzung natürlich verloren gehen (müssen, weil sie in der Sprache verankert sind). Um dem Vorausgegangenen noch etwas Glaubwürdigkeit zu verleihen, möchte ich mir an dieser Stelle die Blöße geben, meine Englisch-Fähigkeiten zu Schulzeiten mit einem Wort zu beschreiben: nicht vorhanden. (Fun fact: Meine Mathe-Fähigkeiten sind’s heut noch nicht!)

Während ich mir damals noch die DVDs einer Freundin geliehen habe (und mir irgendwann meine eigenen DVDs kaufte), sah ich Friends nun bei der x-ten Sichtung erstmals als Stream via Netflix. Dass die Serie dafür von 4:3 auf 16:9 eingepasst wurde (was bei dem Gesamtkunstwerk The Wire einst zu einem Aufschrei führte), juckt eher niemanden. Friends ist vieles, aber kein großes Kino. Da kann man ruhig mal was vom Rand abschneiden, bestenfalls das Mikrofon, das nicht selten sichtbar am oberen Bildrand rumlungert.

Close-up: Friends im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt der Serie

Die Sitcom Friends beginnt mit einer Kamera-Kranfahrt aufs Schaufenster des Cafés Central Perk. Diese Einstellung wird uns noch gefühlt eine Million Mal wiederbegegnen, denn beim Central Perk handelt es sich um das Stammlokal der sechs Freunde, die wir im Folgenden kennenlernen sollen. Wir hören ihre Stimmen schon aus dem Off, ehe zur Totale von der berühmten Friends-Couch geschnitten wird (bemerkenswerte Abweichungen im englischen Original-Dialog in Klammern).

Monica: Da gibt es nichts zu erzählen. Wir arbeiten zusammen, sonst nichts.

Joey: Erzähl mir nichts. Du gehst mit diesem Kerl aus, irgendwas muss doch an ihm faul sein, Monica.

Chandler: Hat der Typ vielleicht ’n Buckel und ein Tourpet?

Phoebe: Hey wartet, frisst er Kreide? Es wäre schrecklich, wenn sie das Gleiche durchmacht, wie ich mit Karl.

Monica: Okay, regt euch nicht auf. Es ist kein Rendevouz, versteht ihr? Wir beide werden nur essen gehen und dann trennen sich unsere Wege. (O-Ton: It’s just two people going out to dinner, not having sex.)

Chandler: So läuft’s bei mir auch immer… (O-Ton: Sounds like a date to me.)

Der tragische Held

Das harmlose Geplänkel geht weiter, bis Ross auftaucht. Der Bruder von Monica und als männlicher Part der tragenden Lovestory in Friends sozusagen der eigentliche, tragische Held der Serie – und der Charakter, der für den meisten Diskussionsstoff sorgt. Mit trauriger Miene und einem Regenschirm in den Händen begrüßt der begossene Pudel seine Freunde:

Ross: Hi…

Joey: Wenn dieser Kerl Hi sagt, möcht ich ihn am liebsten umbringen. (O-Ton: This guy says hello, I wanna kill myself.)

Monica: Ross, hast du irgendwas?

Ross: Ich fühle mich, als hätte man mir in den Rachen gegriffen, meinen Dünndarm gepackt, ihn mir mit Gewalt aus dem Mund gezogen und um den Hals gewickelt.

Chandler: Kekse?

Monica: (zu allen) Carol ist heute ausgezogen.

[…]

Ross: Ich komm schon allein zurecht. Ich wünsch ihr alles Gute für ihr zukünftiges Leben.

Phoebe: Du lügst.

Ross: Stimmt. Zur Hölle mit ihr, sie hat mich verlassen!

Joey: Dir ist nie aufgefallen, dass Carol lesbisch ist?

Ross: Nein! Und eure ewige Fragerei bringt mich noch in Schwulitäten!

Das geschärfte Bewusstsein

Die Kritik an Friends bezüglich politischer Inkorrektheit setzt schon bei dieser ersten Szene ein. Es wird nicht mehr als zeitgemäß, geschweige denn cool oder lustig empfunden, einer Clique von heterosexuellen Weißen der wohlhabenderen Mittelschicht dabei zuzusehen, wie sie über Homosexuelle reden und scherzen wie über Außerirdische. Immer wieder im Verlauf der Serie machen insbesondere die Männer der Runde deutlich, dass sie auf keinen Fall für schwul gehalten werden wollen. Und auch Menschen der Transgender-Community und Übergewichtige bekommen in der Serie ihr Fett weg – auf eben so plumpe Weise, wie dieses Wortspiel.

Dass Friends dabei auch herrliche verzwickte Plots und großartige Pointen für alle Gemüter mitbringt, fällt bei aktuellen Diskussion etwas unter den Tisch. Man kann es dem jungen Publikum nicht verübeln. Ich selbst (*1989) hatte das zweifelhafte Glück, die Serie beim ersten Mal ohne ein solch geschärftes Bewusstsein für Diskriminierung und Sexismus zu sehen, wie es heute im öffentlichen Diskurs vorausgesetzt wird (wenn man gesellschaftlichen Fortschritt leben will – ist ja auch nicht jedertrumps Sache.)

Bleibender Eindruck | zur Wirkung der Serie

So sehr sich Friends also beste Mühe gegeben hat, zeitlos zu sein und bleiben, ist die kulturelle Standortverbundheit einer Situation Comedy nicht zu verschleiern. Als die Serie 1994 an den Start ging, hätte niemand in Amerika geglaubt, noch selbst einen schwarzen Präsidenten zu erleben. Es gab kein Facebook, kein Twitter, keine Hashtags zur Lenkung der Aufmerksamkeit. Das war bevor das Internet salonfähig wurde. Die isolierende »Bubble« vor der heute in Hinblick auf personalisierte Newsfeeds gewarnt wird, die war 1994 noch vielmehr gegeben: vom persönlichen Umfeld, der Nachbarschaft oder anderen kleinen Gemeinschaften, in denen sich das Leben abspielte.

All sowas kann man sagen, um die doch etwas präsente Diskriminierung von Randgruppen in Friends als »zeitgemäß gerechtfertigt« abzutun. Das ändert nichts daran, dass zukünftige Generationen die Serie nicht mehr so sehen können, wie Generation X und (die frühe) Y – ebenso, wie man Die Bill Cosby Show nicht mehr sehen kann, ohne die Hauptfigur als vielfachen Sexualstraftäter im Hinterkopf zu haben.

Politik und Popkultur

An sich ist es eine schöne Entwicklung, dass das junge Publikum so sensibilisiert ist gegenüber Diskriminierung in der Popkultur und schnell mal die rote Karte zeigt. Andererseits frage ich mich, wenn ich den Online-Debatten (auch über etwaige Rassismus-Vorwürfe gegenüber Friends) so folge: Wo waren all die Verfechter politischer Korrektheit, als der sexistische, behinderte-nachäffende Rassist Donald Fucking Trump ins Amt gewählt wurde? Denn die politische Korrektheit in der Popkultur – den kulturellen Erzeugnissen des populus (Volkes) – muss per definitionem DIE POLITIK zu ihrem Maßstab nehmen. Und an dem gemessen, was sich »Weltpolitiker« dieser Tage um die Ohren zwitschern, ist Friends eine Hymne an die Menschlichkeit.

Bleibt zu hoffen, dass all die Kids, die seit 2000 geboren werden (und damit seit eben diesem Jahr nach und nach volljährig und wahlberechtigt werden), die politische Korrektheit, nach der im Internet so gern geschrieen wird, auch wieder zurück in die Politik bringen. Wenn das der Fall ist, kann ich als großer Friends-Fan gut damit leben, dass meine alte Serien nicht mehr ganz so cool ist.

Fazit zu Friends

Das Schöne an Friends ist: Die Serie bleibt, was sie ist – ein in sich geschlossenes Werk. Das Spin-Off über Joey (2004-2006) lässt sich ignorieren. Ernsthafte Neuauflagen stehen nicht zur Diskussion und sollte tatsächlich eine Art Revival mit den Schauspielern von damals kommen, ist der zeitliche Abstand zum Original inzwischen groß genug. Friends bleibt Friends. Ob man diese Serie nun gut findet, ist jedem und jeder selbst überlassen. Ich schlage mich dabei auf die Seite der wortgewandten Sarah Gosling, die den Friends-Verächtern Folgendes zu sagen hat (übersetzt aus dem Englischen):

Die Themen bleiben relevant

Bevor ich Friends sah, habe ich noch nicht von »Trans« gehört und wusste nichts über Homosexualität oder Gender-Politik. […] Als »rechthaberisches« Kind ermutigte es mich, Monica ebenfalls so zu erleben – und dass sie von ihrer Clique trotzdem respektvoll behandelt wurde. Ich sah Joey, Chandler und Ross dabei zu, wie sie »Ich liebe dich« zueinander sagten und mit ihren Gefühlen darüber haderten, wie Männer sich verhalten »sollten«. Ich sah Ben liebevoll von zwei Frauen großgezogen werden und erlebte Rachel als unverheiratete und nebenbei arbeitende Mutter eines Babys. Phoebe zeigte mir, wie sie mit dem Selbstmord ihrer Mutter umging und sich als Frau ihre sexuelle Freiheit behielt, wie sie sonst nur Männern vorbehalten scheint. Selbst heute ist das keine kleine Sache.

Ja, Friends ist überholt, und es sollten definitiv mehr Randgruppen im Cast vertreten sein. Aber die Themen in der Serie bleiben relevant. Menschen hadern immer noch mit Größen, Sexualitäten, Weiblichkeit. In einer der Episoden, über die am meisten gemeckert wird, hat Ross ein Problem mit einem männlichen Babysitter. Ross fragt ihn, ob er schwul sein, will ihn nicht einstellen und lästert über ihn. Millennials kritisierten das als homophob – ich stimme zu. Was dabei unterschlagen wird, ist dass Ross später offenbart, dass dieses Verhalten in seinen eigenen Problemen mit schädigender Maskulinität begründet liegt. Damit ringen viele Männer noch heute. Wie sollen wir uns jemals in ein gebildetes, ehrliches Umfeld verwandeln, wenn wir komödiantische Dialoge dauernd eintauschen gegen Monologe vorgefertigter Reden?

[PS: Wenn man genau hinschaut, wird auch die Transgender-Community so respektvoll behandelt, wie es ein humoristisches Format aus den 90ern eben zulässt. Dass Chandler seine Probleme mit dem Transgender-Papa hat, wird als in etwaigen Komplexen aus der Kindheit begründet offengelegt. Und Monica geht absolut cool und tolerant mit dem Umstand um, dass Chandlers Vater eben als Frau lebt – ihr lieben Läster-Millennials, bleibt bitte fair beim Austeilen eurer Kritik an Menschen, die ohne Internet aufwuchsen.]


Weblinks:
  • Josefine Rose (2Glory) über die Serie: Bodyshaming, Homophobie, Sexismus & Co: Ist es eigentlich ok, Friends zu mögen?
  • Dusty Baxter-Wright (Cosmopolitan) über die Serie: 11 actually pretty shocking things Friends couldn’t get away with today (englisch)
  • Meredith Danko (Mentall Floss) über die Serie: 25 Things You Might Not Know About Friends (englisch)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.