Erfahrungsbericht Kurzfilme

AMUREUS KISS auf der Kurzfilm_Nacht #1 im Bremer Presse-Club

In fetten weißen Buchstaben steht’s auf der knallroten Wand: »UMBRUCH«. Davor ist im großen Halbkreis ein Sammelsurium von Sesseln und Sofas auf eben diese Wand ausgerichtet. Von der Decke hängen Glühbirnen an langen Kabeln, baumeln im Raum, glimmen schwach. Und dort hängt eine Leinwand. Sie ist der Blickfang, heute Abend, in einer Location, die irgendwas zwischen Wohnzimmer und Baustelle ist. Willkommen zur Kurzfilm_Nacht #1 im Bremer Presse-Club!

Kurze Filme, lange Nacht, kleiner Rückblick

Da hat jemand eine Gelegenheit gesehen und sich ordentlich ins Zeug gelegt – und dieser Jemand heißt Andreas Kurowski. Im Laufe des Mittwochabends, nach dem zweiten Haake-Beck, wurde mir langsam klar, wo ich überhaupt bin und was es mit der Location auf sich hat. Es war ein langer Tag, muss ich zu meiner Verteidigung sagen.

Der Kurzfilm AMUREUS KISS auf großer Leinwand bei der Kurzfilm_Nacht #1 Bremer Presse-Club. | Bild: Andreas Kurowski
Der Kurzfilm AMUREUS KISS auf großer Leinwand im Bremer Presse-Club. | Bild: Andreas Kurowski

Das Gegenteil von Schwarmintelligenz

Ich habe diesen Tag zur Hälfte am Schnittplatz in Aachen verbracht – und zur anderen Hälfte auf der Autobahn, A1 Richtung Bremen. Dort tankte ich meine Abneigung gegen lichthupende Audis und meinen vor Straßenstaub starren VW Polo auf. Und stillte meinen Durst nach Kaffee, der an der Tanke nur eimerweise ausgeschenkt wurde. Hat mich und meinen Polo auch nicht schneller gemacht, aber paranoider. Auf deutschen Autobahnen fühle ich mich zunehmend wie Mr. Duke im Fledermausland. Kann’s einfach nicht abwarten, bis künstliche Intelligenz endlich menschliche Audifahrer ablöst.

Keiner meiner Artgenossen kann mir glaubwürdig verklickern, er oder sie hätte bei 130 Sachen auf der Piste die Situation unter Kontrolle. Was ist das Gegenteil von »Schwarmintelligenz«? Das Wort würde ich gerne anwenden, auf Hunderte von Homo sapiens, die selbstsicher in Blechkisten dicht an dicht über Asphalt schießen, ohne miteinander kommunizieren zu können. Von einander blenden und anblöken mal abgesehen.

Bremen und umzu

Wo war ich stehengeblieben? Nahe Münster, um den Regisseur Mark Lorei einzusammeln. Mit ihm ging es weiter zum Zielort, Bremen. Im Hansestädtchen an der Weser parkte ich meinen Wagen im Schnoor und betrat besagten Laden. Die gemütliche Baustelle.

Dabei handelte es sich um den Bremer Presse-Club. Ein Ort »für Journalisten, Publizisten, Blogger und alle, die sich der Medienwelt in Bremen und umzu verbunden fühlen«. Weder war ich je in Bremen, noch kenne ich die Redewendung »und umzu«. Aber seit Anfang des Jahres steht ja offiziell »Blogger« auf meiner Visitenkarte, also konnt‘ ich hier so falsch nicht sein. Außerdem kam ich auf Einladung. Nicht in meiner Funktion als Blogger, wohlgemerkt, sondern als Kurzfilm-Fuzzi. Wie, was, warum?

Kurzfilm_Nacht #1 mit Rohbau-Charme

Der Bremer Presse-Club baut um. Als Zwischennutzer hat sich ein junger Typ namens Andreas Kurowski eingenistet, ein paar Möbel reingeschoben und ne Theke hochgezogen und veranstaltet auf der Baustelle jetzt Kulturveranstaltungen mit besonderem Charme. In der Ecke steht ein Klavier, das bald wieder zum Einsatz kommen soll. Auch ein DJ hat schon aufgelegt und zur Musikmassage geladen, anderntags fand ein Kurioses Kneipen-Kwiz statt. Lauter schöne Ideen! Und am Mittwochabend stand auf dem Programm: Kurzfilm_Nacht #1

Als Moderator begrüßte Julius Heeke das Publikum. Er kommt, wie Mark Lorei und ich, aus der Stadt Bocholt im Westmünsterland, wo wir in unserer Jugend fröhlich Filme gedreht haben, ohne einander je über den Weg zu laufen. 80.000 Einwohner sind einfach zu viele. Big City Life. Inzwischen sind wir raus aus Bocholt und der Jugend, aber haben uns immerhin irgendwann kennengelernt.

Vier völlig verschiedene Filme

So kommt’s, dass Julius uns eingeladen hat, die Kurzfilm_Nacht #1 um ein paar Kurzfilme zu bereichern. Mit am Start waren außerdem ein paar Filmemacher aus Bremen, aber der Reihe nach.

Gespräche mit Günter Gelb

Den ersten Film steuerte der Regisseur Leonardo Re bei. Gespräche mit Günter Gelb ist »eine Hommage an die alten 60er Jahre Talkshows und Günter Gaus«. So liest es sich im Statement des Regisseurs auf der offiziellen Website des Films, die so liebevoll eingerichtet ist, wie der Film umgesetzt wurde. Und dass, obwohl wenig Zeit zur Verfügung stand: Gespräche mit Günter Gelb ist im Rahmen einer 48-Stunden-Wettbewerbs entstanden. Die eigentlichen Dreharbeiten dauerten gar nur drei Stunden, in denen mit vier Kameras gedreht wurde. Für jeden der vier Gesprächpartner*innen in der munteren Runde.

Leonardo Re war in der Kurzfilm_Nacht #1 selbst zu Gast und brachte noch ein paar schöne Anekdoten vom Dreh mit. Fun fact: Es wurde richtiger Alkohol getrunken, in der inszenierten Talkshow, kein langweiliger »Fake Fusel«. Doch dass es vor der Kamera drunter und drüber ging lag weniger am Promillegehalt, als daran, dass in diesem improvisierten Spektakel bewusste Fehlinformationen gestreut wurde. So wurde der arme Moderator tatsächlich mit lauter »Fake News« auf seinen Moderationskärtchen verunsichert. Coole Idee und sehr cooler Film, hier zu sehen:

SAMi

SAMi ist das Werk drei junger Filmschaffender, die Erstaunliches geleistet haben. Es geht um Helge Hoppe, der Regie und Schnitt gemacht hat, Fabian Nolte, der die Hauptrolle übernahm und mit Helge zusammen das Drehbuch schrieb, sowie Moritz Schierenbeck, der dem Film mit seiner Bildregie und Farbkorrektur einen markanten Look verlieh. Die Jungs sind Anfang 20 und damit Vertreter jener Bevölkerungskohorte, die als Generation Y oder Millennials bekannt ist. Vor allem für ihre innige Beziehung zum Internet und einer damit einhergehenden kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Entgegen diesem Klischee haben die Filmemacher mit SAMi einen Kurzfilm abgeliefert, der sich viel Ziel lässt, seine Geschichte zu entfalten. In cineastischen Bildern, gemächlichem Tempo und getragen von dem starken Schauspiel Fabian Noltes (aka dailyknoedel) als melancholischer Kauz und Annika Buhrlichs als quirlige Schatzsuchende, erzählt SAMi vom Abschiednehmen. Abschiednehmen vom Leben an sich und dem, was man zurücklässt. Als Drehort diente dem Team dabei das Haus der verstorbenen Großmutter des Regisseurs, womit der Film eine besonders persönliche Note bekommt. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Hier kann man sich das Werk anschauen – mit Musik von Tom Rosenthal übrigens!

Sieben Stecknadeln

Die zweite Hälfte der Kurzfilm_Nacht #1 eröffnete ein Kurzfilm von Mark Lorei, den ich im Frühjahr noch bei dem Dreh seiner Webserie über Preußen und Westfalen begleitete. Mit Mark unterwegs sein, das heißt für mich Hummeln-im-Hintern-Rumzappler immer, ein paar Gänge zurückschalten zu müssen. Gelebte Entschleunigung und Schwelgen in verschiedenen Zeiten, das ist Mark Lorei. Als studierter Historiker interessieren ihn geschichtliche Stoffe. Als leidenschaftlicher Cineast setzt er sie gerne filmisch in Szene. Sieben Stecknadeln basiert gleich auf mehreren historischen Quellen wissenschaftlicher, literarischer und musikalischer Natur.

Der Film erzählt von der verzwickten Liebe eines jungen Arztes (gespielt von Wolf Danny Homann) und seiner adeligen Patientin (Leonie Rainer). Leider ist das klassisch und doch kunstvoll inszenierte Werk nicht online zu finden. Immerhin: auf der Website des Filmfestival Münsters, auf dem Sieben Stecknadeln 2017 gezeigt wurde, finden sich weitere Informationen zum Film.

Von rechts nach links: Kameramann Hans Jakob Rausch hört aufmerksam zu, während Mark Lorei vom Kurzfilm Sieben Stecknadeln erzählt. Derweil hat Moderator Julius Heeke eine Idee. | Bild: Andreas Kurowski
Von rechts nach links: Kameramann Hans Jakob Rausch hört aufmerksam zu, während Mark Lorei vom Kurzfilm Sieben Stecknadeln erzählt. Derweil hat Moderator Julius Heeke eine Idee. | Bild: Andreas Kurowski

AMUREUS KISS

Den Abschluss der Kurzfilm_Nacht #1 machte unser neuer Kurzfilm AMUREUS KISS, den ich am Anfang dieses Monats mit Jesse Albert und Stephanie Jost in den Hauptrollen gedreht habe. Mit von der Partie (vielmehr: Party, nur halt mit Fake Fusel) waren die Kölner Schauspieler Florian Gierlichs, Swantje Riechers und Juliana Wagner. Wie schon im Drehbericht geschrieben, experimentierte ich bei diesem Kurzfilm erstmals mehr mit Improvisation. Das Ergebnis: Dreharbeiten voller überraschender Momente und ein kniffliger Schnitt, bei dem es darum ging, diese Momente zu einem runden Ganzen zusammenzufügen.

Statt geplanter 9 Minuten ist der Film schlappe 20 Minuten lang geworden. Die Schnittphase endete so pünktlich es eben ging: Eine halbe Stunde vor Abfahrt nach Bremen war die finale Schnittfassung erfolgreich ausgespielt, um am selben Abend prompt vor Publikum aufgeführt zu werden. Wie unser Kurzfilm aufgenommen wurde und was den Schnitt so knifflig gemacht hat, darüber demnächst mehr, im Schnittbericht zu AMUREUS KISS. In Kürze geht auch der Film online!

Dickes Dankeschön!

An dieser Stelle nochmal Danke ans ganze Team, das die Dreharbeiten in Aachen mitgerockt hat. Ebenso ein dickes Dankeschön an Andreas Kurowski und Julius Heeke für die tolle Gelegenheit zu einer kleinen Premierenfeier auf der Kurzfilm_Nacht #1 im Bremer Presse-Club! Über weitere Veranstaltungen, die während der Umbauphase dort steigen, kann man sich auf deren Facebook-Seite informieren.

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