Film

CHIKO mit Denis Moschitto, Reyhan Şahin | Film 2008 | Kritik, Review

Wenn ein Spielfilmdebüt nach der Berlinale-Vorführung mit Scorseses Hexenkessel (1973) verglichen und zugleich als »härtester Film Deutschlands« bezeichnet wird, ohne dass es sich um Horror handelt, dann darf man gespannt sein. Chiko ist eine Milieustudie über Kleinkriminelle, die absolute Giganten werden wollen – in der Hochburg absoluter Giganten: Hafenstadt Hamburg, natürlich. Doch von Kumpel-Romantik à la Schipper ist der Film seemeilenweit entfernt.

Chiko Kandaules

Inhalt: Als sei eine Sicherung durchgedreht – der junge Deutschtürke Issa (Denis Moschitto) macht in Hamburg von sich redend. Indem er kleine Dealer verprügelt und aus ihrem Revier vertreibt. »Ich bin jetzt hier«, verkündet er und stellt sich mit seinem Rufnamen vor. Den trägt er auch als Tattoo auf dem Arm: Chiko. Dass solches Auftreten ganz schnell die großen Player aufmerksam macht, ist weniger Nebeneffekt als erklärtes Ziel. Schon bald sitzt Issa alias Chiko dem Drogenboss Brownie (Moritz Bleibtreu) gegenüber – Todesurteil oder Vorstellungsgespräch?

Hinweis: Folgender Beitrag enthält keine Spoiler. Aktuelle Stream-Angebote zu dem Film Chiko finden sich bei JustWatch.

Reyhan Şahin und Denis Moschitto in dem Film Chiko

Totale: Chiko im Zusammenhang

Historischer Kontext

Von 2002 bis 2004 studierte Özgür Yıldırım, Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie, an der Universität Hamburg das Fach Regie. Zu der Zeit kannte er bereits den Filmemacher Fatih Akin (Gegen die Wand). Dessen Produktionsfirma Corazón International »entdeckte« schließlich den vielversprechenden Newcomer.

Nachdem wir mit großer Begeisterung das Drehbuch von Özgür Yıldırım gelesen hatten, war sehr schnell klar, dass Chiko der erste Nicht-Fatih-Akin-Film [unserer Produktionsfirma] werden sollte.

Klaus Maeck, Filmproduzent und Mitbegründer von Corazón International

Bloß wurde die Begeisterung seitens der Produzenten nicht auf Anhieb von etwaigen Financiers geteilt…

Leider sind wir im ersten Anlauf, den Film zu finanzieren, grandios gescheitert. Denn weder die Fördergremien noch der NDR, mit dem wir bisher alle unsere Produktionen realisiert hatten, fanden das Buch so gut wie wir. Unter anderem hieß es, es sei ihnen zu brutal und es gäbe keinen Zugang zu dieser in sich geschlossenen Gruppe von Charakteren.

Klaus Maeck, Booklet der DVD-Edition »Große Kinomomente«

Kurzum: Das Drehbuch wurde angepasst – bis zu einem Kompromiss, der die Förderinstitute und den NDR zufriedenstellte und trotzdem noch Yıldırıms Vision von einem kleinen, harten Gangsterdrama bewahrten. Am 27. Februar 2007 fand der erste Drehtag zu Chiko statt – am 16. April war das Ding über Drogenkriminalität in Hamburg im Kasten.

»Zumindest so gut es geht«

Ich habe mir vorgenommen, das Thema nicht so eindimensional zu behandeln. Oft werden Menschen als entweder böse oder gut gezeigt – diejenigen, die nur Gutes tun, müssen auch moralisch total korrekt sein. […] Das widerspricht der Realität, jeder Mensch trägt doch sowohl etwas Gutes als auch etwas Schlechtes in sich. Wir zeigen Brownie [Bleibtreu als Drogenboss] als liebevollen Familienvater, er hat ein Zuhause, eine tolle Frau und eigentlich alles, was man sich so wünschen kann. Trotzdem ist er auch böse. […] Wichtig war mir die Vermeidung von Klischees, zumindest so gut es geht. 

Özgür Yıldırım im Interview, Booklet der DVD-Edition »Große Kinomomente«

Dem Klischee »Alle Ausländer sind kriminell« – das Lena in der Serie Türkisch für Anfänger zufällig im selben Jahr wie Chiko (nämlich 2008, Staffel 3, Folge 10) unrühmlich für ein Klatschmagazin aufbereitet – diesem Klischee wird mit dem engen Fokus auf eben kriminelle Kreise jedenfalls nicht entgegengewirkt. Allein die Mutter von Chikos Bruder (gespielt von Lilay Huser, zufällig auch bekannt aus Türkisch für Anfänger) und ein paar kleinere Nebenrollen werden hier nicht als Kriminelle dargestellt. Man könnte auch Chikos Freundin (Reyhan Şahin) nennen – aber wer so offensichtlich vom Gangster-Leben seines Partners profitiert, trägt nicht nur dessen Schmuck, sondern auch die Schuld mit.

Persönlicher Kontext

Damals habe ich den Presse-Rummel um Chiko voll mitbekommen, war durchaus gespannt auf den Film, bin aber leider dafür mitverantwortlich, dass trotz des Lobgesangs nach der Berlinale kaum Leute den Weg ins Kino fanden. Nach rund 8 Wochen in den Lichtspielhäusern zählte der Film nur etwa 80.000 Besucher*innen – das sind gerade mal so viele, wie in meiner Heimatstadt Bocholt Menschen wohnen. Für eine deutschlandweite Auswertung: ein Flop. Ich selbst wartete die DVD ab… Chiko erschien als Teil der Collection »Große Kinomomente« von Kultur Spiegel. In dieser Edition hab ich den Film damals erstanden und erstmals gesehen. Da war der Hype leider schon vorbei.

Wenn du der Beste sein willst, dann musst du Respekt kriegen. Und wenn du Respekt kriegen willst, dann darfst du keinem Anderen Respekt zeigen. Und wenn du keinem Anderen Respekt zeigst – ne? – dann denken die Leute irgendwann, Mann, du hast den Respekt erfunden, Alter! | Chiko

Eine der heiteren Szenen, on the road:

Close-up: Chiko im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Ein Klingeln aus dem Off, aus dem Schwarz. Erstes Bild: Ein Panorama vom Morgengrauen, keine tolle Skyline, nur ein paar Strommasten. Schnitt auf die Detailaufnahme von einem Handy – ein Klapphandy. 2007, Baby! Im Hintergrund sind ein Glas und ein Aschenbecher zu sehen, und ein Tütchen Irgendwas. Schnitt auf einen jungen Mann mit freiem Oberkörper, über die Schulter gezeigt, kein Gesicht zu sehen. Doch er räkelt sich, dass die Knochen knacken – und auf seinem Unterarm lesen wir das Tattoo: CHIKO. Das dämmrige Licht ist blau und kalt. Schnitt auf die Schlafzimmer-Totale. Chiko erhebt sich seufzend aus dem Bett, dann setzt die Musik ein: erstaunlich heiterer Jazz! Die Vorspann-Titel in fetter roter Schrift. Huch.

Ey was’n das für ne scheiß Musik eigentlich? | Chikos Kumpel

Im Auto geht’s weiter, Chiko unterwegs mit seinen Kumpels unterwegs, reden über Mucke und wie man eine Gangschaltung benutzt – und dann schleifen sie einen Typen mit ihrem Auto durch die Stadt, um ihr Revier zu markieren. Dieser Kontrast zwischen dem (zuweilen eher lustigen) coolen Gehabe der Gangster und harter Gewalt, das macht Chiko aus.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films 

Chiko, der Film, ist das, was er sein will: Eine Geschichte über Chiko, dem Typen, und seinem Aufstieg zu dem, was er sein will. Ein großer Fisch im mit Testosteron gefüllten Haifischbecken. Hier geht es nur um Jungs und Geld und Respekt und wie man sich beides verdient. Frauen existieren in dieser Welt nur in ihrer Funktion als Mutter, Tochter, Ehegattin oder love interest. Da bringt es auch nichts, wenn Letztere von dem »Alphamädchen« Reyhan Şahin (auch bekannt als die Rapperin Lady Bitch Ray) gespielt wird – kaum hat Chiko die anfangs als Prostituierte arbeitende Frau zu seiner Frau gemacht, behängt er sie wie einen Weihnachtsbaum mit Glitzer.

[…] ihre Eleganz sind ebensosehr äußere Zeichen für den Rang des Ehemannes wie die Karosserie seines Autos. Ist er reich, so behängt er sie mit Pelzen und Schmuck. […] In jedem Mann steckt ein König Kandaules: er stellt seine Frau zur Schau, weil er so seine eigenen Verdienste vorzuführen meint.

Simone de Beauvoir, in: Das andere Geschlecht (1949)

Aber apropos Lady Bitch Ray…

Kürzlich habe ich im Blogbeitrag zu Warum Krieg? (dem Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud) den neuen Kanon angesprochen, den Thomas Kerstan in DIE ZEIT (16.08.18, N° 34) vorgeschlagen hat. Im Rahmen dieses Titelthemas wurde auch Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray (38) gefragt, welche Werke sie in einen neuen Kanon aufnehmen würde. Die Rapperin ist auch promovierte GermanistinChiko fällt nicht in ihre Auswahl einer Must-know-Liste relevanter Kulturgüter, wohl aber:

Schwarze Haut, weiße Masken von Frantz Fanon, Das Unbehagen der Geschlechter von Judith Butler und die Ringparabel von Lessing. Außerdem müssten die NSU-Morde in einen solchen Kanon aufgenommen werden.

Es geht darum, einen differenzierten Umgang mit Religionen, mit Fundamentalismus und Extremismus zu erlernen. Schon Teenager sollten dafür sensibilisiert werden, was es heißt, »privilegiert«, »weiß« oder eine »Person of Color« zu sein – dann würden die Kinder von AfD-Wähler*innen diese vielleicht von einer anderen Entscheidung überzeugen.

Reyhan Şahin, in: Unendlicher Spaß (DIE ZEIT)

…worum geht’s hier nochmal? Gangsterfilm, ach ja:

Fazit zu Chiko

Chiko ist ein kurzer Spielfilm – in den 88 Minuten gibt es kaum Verschnaufpausen, die Handlung wird regelrecht vorangehämmert und steuert auf ein düsteres Ende zu. Das Milieu, das Yıldırıms heraufbeschwört, fühlt sich dabei durchgehend authentisch an (wobei ich nicht der Richtige bin, um das zu beurteilen – zu wenig eigene Erfahrungen in der Hamburger Unterwelt). Das Schauspiel ist durch die Bank glaubwürdig, zuweilen grandios – insbesondere Denis Moschitto als Chiko und Moritz Bleibtreu (Lola rennt) stechen natürlich hervor. Ihnen gehören die stärksten Szenen. Weil eben so viel Potential da ist, hätte ich mir ein wenig mehr Tiefe gewünscht, mehr Hintergrund über die Randfiguren oder wenigstens Chiko selbst. Den lernen wir erst kennen, als er durchdreht und sich nach oben prügelt – wie ein Komet aus dem Nichts, der auf seinem Höhenflug zu verglühen droht. Unterm Strich auf jeden Fall ein wirkungsvoller Gangsterfilm für Leute, die auf Gangsterfilme stehen.

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