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Buch & Film: H.G. Wells‘ »Krieg der Welten«

Zuletzt aktualisiert am 7. April 2018 um 16:16

Das erste Kapitel in H.G. Wells‘ epischer Mars-frisst-Welt-Dystopie Krieg der Welten trägt den Titel Am Vorabend des Krieges. Na, fühlt man sich dieser Tage nicht aller Tage so, dass mit dem nächsten Morgengrauen (oder Mitternachtstweet) Krieg losbrechen könnte? Und wann war das in den letzten 119 Jahren, seitdem dieses Buch raus ist, denn jemals nicht so?

Die friedlichste aller Zeiten, vielleicht

Jede Zeit hatte ihren Little Rocket Man, ihren Mentally Deranged Dotard, sogar mehrere davon (doch die Gegenwart ist besonders gut darin, ihnen in Echtzeit solche Etiketten aufzudrücken). Nein, eigentlich hat Yuval Noah Harari recht, wenn er schreibt, dass wir in den friedlichsten aller Zeiten leben und Kriege »einfach nicht mehr bezahlbar« sind, aber das ist ein anderes Thema.

Zumal, heute zählt Gefühl, nicht Fakt (auch ein anderes Thema). Und unser Gefühl sagt ganz klar, ja, ja, Vorabend des Krieges, jeden Tag. Kurz zum Werk Krieg der Welten und seinen Folgen:

Krieg der Welten, eins, zwei, drei…

  • Wells hat 1898 also einen großartigen, düsteren Endzeit-Roman darüber geschrieben, wie die Menschheit von Marsianern zerlegt wird – und das noch lange vor der Mondlandung, sogar vor dem Ersten Weltkrieg (aber nicht vor kolonialen Invasionen seitens der Briten, irgendwoher muss die Inspiration ja rühren).
  • Welles, Orson hat daraus 1938 ein Hörspiel gemacht, dass angeblich eine Massenpanik ausgelöst haben soll – tatsächlich jedoch eher nicht (Reality ist SO langweilig im vergleich zu Science Fiction!).
  • Spielberg, Steven hat daraus 2005 den Kinofilm Krieg der Welten gemacht, im Prinzip ein 112-minütiges Showreel für Schauspielerin Dakota Fanning, damals noch Kinderdarstellerin, die darin ihr geballtes Können zum Besten gibt. Ansonsten dürften Fans des Buchs ein bisschen enttäuscht werden (was klipp und klar deren eigenes Problem ist, weil Film und Buch in etwa so verschieden sind, wie Brieftasche und Reisekoffer – genau, es passt unterschiedlich viel rein, darum.)

Ein Fremdkörper rast auf den Erdball zu, darunter der Text: Krieg der Welten

Fremdkörper auf dem Erdball

An einem ganz normalen Tag, so in jedem Fall der Auftakt von Krieg der Welten, da tauchen Fremdkörper auf der Erde auf. Bei Wells im England des 19. Jahrhunderts, bei Spielberg im Amerika des 21. Jahrhunderts, das sind nur Variablen. Die gewaltigen, metallischen Fremdkörper werden von Marswesen gesteuert, die ausgesprochen hässlich sind. Nach Erdbewohner-Maßstäben. Am Anfang setzt sich die Menschheit mit allem was sie hat zur Wehr und wird doch in die Flucht geschlagen, in den Untergrund gedrängt und droht, in einem schonungslosen Vernichtungskrieg völlig mitleidslos ausradiert zu werden.

Spielbergs Fingerzeig

Die Konsequenz dieses Werks in Sachen menschlicher Schwäche ist ziemlich beeindruckend. Wenn man ein guter Verlierer ist. Sonst macht dieses Buch keinen Spaß. Eine tolle Referenz übrigens, die es vom Buch in den Film geschafft hat, betrifft den Umstand,

(…) daß ihnen [den Marsleuten] jener Mechanismus, der der irdischen Technik so sehr das Gepräge verleiht, vollständig fehlt: das Rad. Unter allen den Dingen, die sie auf die Erde mitbrachten, ist nicht die leiseste Spur zu entdecken (…) Die Marsleute kannten entweder das Rad nicht (was ich für unwahrscheinlich halte) oder sie benutzten es nicht.

So liest es sich im Buch vom 1898. Im Film von 2005 gibt es in Anlehnung daran eine Szene, in der ein paar Marsleute einen Keller durchstöbern und verwundert am Rad eines Fahrrads drehen, das da an der Wand hängt. Spielbergs Fingerzeig zum Original, sehr schön eingebracht.

Buch & Film | Hier ein weiterer Blogbeitrag, der Buchvorlage und Verfilmung bespricht: Angst und Schrecken in Las Vegas.

Wir Raubaffen

Ein zentraler Gedanke, der aus dem Franchise hervorgeht: Der Mensch ist auch nur ne Maus. 

Wenn man das Szenario aus Krieg der Welten etwas weiterspinnt, als Wells & Co. es andeuten, dass eine totale Übermacht die human supremacy auf der Erde verdrängt und uns so behandelt, wie wir Labormäuse (oder Nutzvieh) handhaben – wie würden wir uns wohl im weiteren Verlauf entwickeln?

Um zu überleben, müsste man sich fortan bedeckt halten. Sind wir mal so großzügig, die genialen Aliens wenigstens soweit downzugraden, dass sie uns in gewissen Schlupflöchern nicht auffinden können, etwa in der Kanalisation unter unseren Städten (wie es das Buchoriginal vorschlägt – was für heutige Erwartungen an außerirdische Intelligenzia ein bisschen schwach ist, aber gut). Da leben wir also, wenig Licht, viel feucht und alles scheiße. Internet ist nicht mehr, wir müssen wieder anfangen, uns miteinander und gegenseitig zu unterhalten, aber nicht zu laut, sonst kommen die Aliens runter.

Aliens welcome

Leise sein jedoch, das liegt gar nicht in des Menschen Natur. Oder hört und sieht man nur zu viel von all uns gewaltigen Egos, die meinen, sich kundtun zu müssen? Mag sein. Mag sein, dass die stille Mehrheit ganz gut damit klar käme, unter die Erde zu wandern. Die Ruhe genießen, ein Buch lesen, im Stillen tüfteln, die Wissenschaft voll auf den neuen Status Quo ausrichten, was man daran besser machen könnte (Elon Musk würde wohl endgültig zum Messias befördert, der uns mit seiner Boring Company den Weg weist).

…ach, ja, so schlecht wäre das gar nicht. Aliens welcome. Der erste Satz in H.G. Wells‘ epischer Dystopie lautet:

Niemand hätte in den letzten Jahren des XIX. Jahrhunderts geglaubt, daß unser menschliches Tun und Lassen beobachtet werden könnte; daß andere Intelligenzen, größer als die menschlichen und doch ebenso sterblich, uns bei unserem Tagwerk fast ebenso eindringlich belauschen und erforschen könnten, wie ein Mann mit seinem Mikroskop jene vergänglichen Lebewesen erforscht, die in einem Wassertropfen ihr Wesen treiben und sich darin vermehren.

Ich persönlich glaube in den ersten Jahren des XXI. Jahrhunderts fest daran, daß unser menschliches Tun und Lassen beobachtet wird. Irgendwo da draußen sitzt jemand, kopfschüttelnd und/oder amüsiert. Um mit Theodor Lessing abzuschließen:

Der Mensch, das heißt, eine durch ihren sogenannten Geist langsam größenwahnsinnig gewordene Raubaffenspezies.

Was, wenn nicht das, sollten bis dato die fernen Beobachter denken?

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