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PHILOSOPHISCHE ANTHROPOLOGIE, Gerald Hartung | Buch 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 17. September 2018 um 15:59

Die Philosophische Anthropologie ist ein Teilbereich der Theoretischen Philosophie. Sie dreht sich um eine ziemlich alte Frage. Auch wenn es den Begriff der »Philosophischen Anthropologie« erst seit dem 20. Jahrhundert gibt, wabert diese Frage schon seit Menschengedenken durch unsere Schrifterzeugnisse. Ohne, dass es je eine finale Antwort darauf gegeben hätte (oder jemals geben wird). Die Frage lautet: Was ist der Mensch? Der deutsche Philosoph Gerald Hartung (*1963) hat zahlreiche Antworten aus den vergangenen Jahrhunderten zusammengefasst. Mit Blick auf die nahe Zukunft des Menschen arrangiert er diese Antworten zu einer kompakten, lesenswerten Übersicht. Jetzt ist die 2. Auflage seines Buchs Philosophische Anthropologie erschienen.

Was ist der Mensch?

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt
und weil er schwärmt und stählt,
weil er wärmt, wenn er erzählt
und weil er lacht, weil er lebt
Du fehlst…

Musikalische Anthropologie von Herbert Grönemeyer, in: Mensch (2002)

Mit der Frage »Was ist der Mensch?« ist es wie mit der Frage nach dem Wetter. Die Menschen stellen sie sich seit jeher und immer wieder und doch gibt es nicht die eine endgültige Antwort darauf. Vielmehr kennen wir ein Spektrum möglicher, ähnlicher Antworten, die sich immer mal wieder ändern. Je nach dem, wo und wann man gerade fragt. Erst in jüngster Zeit, da sich unser Planet im Rahmen des Klimawandels erhitzt, wird die Frage dringlicher und die Antworten werden dramatischer: »Wie ist das Wetter?« Keine Ahnung, der Frosch ist vertrocknet.

Die Frage wird dringlicher

Und so liegen die Dinge auch in der Frage  »Was ist der Mensch?«, die über Jahrhunderte in immer ähnlicher Weise beantwortet wurde. Mit Descartes‘ Trennung von Körper und Geist sowie mit Darwins Evolutionstheorie hat es zwei Erdbeben gegeben, die eine Reihe neuer Antworten aus uns Menschen geschüttelt haben. Doch das heftigste Beben steht uns noch bevor. Es ist – wie der Klimawandel – bereits spürbar im Gange, in diesem frühen 21. Jahrhundert. Spürbar zumindest für diejenigen im digitalen Zeitalter, die nicht vollends gefangen in Sozialen Netzwerken zappeln. Oder um es mit Stefan Schulz (FAZ) zu sagen:

Der Mensch nimmt die Digitalisierung hin wie der Frosch das noch nicht kochende Wasser.

Diese Zeile stammt aus einer Rezension zu Transcendence (2014). Das ist ein Film mit Johnny Depp und Rebecca Hall, in dem es um Transhumanismus geht. Damit ist der Prozess gemeint, mit dem sich die Menschen, wie wir sie kennen, durch technologische Optimierungen zu etwas Anderem wandeln, als dem vom Affen abstammenden Homo Sapiens. Was ist der Mensch dann? In dem Reclam-Heft Philosophische Anthropologie lässt Gerald Hartung keinen Zweifel daran, dass diese Fragestellung keinesfalls an Relevanz verliert.

Ganz im Gegenteil scheint sich das Sinnproblem Mensch, seine abgründige Rätselhaftigkeit, im Fahrwasser ruheloser Forschung am Mechanismus des Lebens noch zu verschärfen. | S. 131 1

Regalfach: Philosophische Anthropologie im Zusammenhang

Historischer und literarischer Kontext

Als was ist der Mensch nicht schon alles beschrieben worden? Wir waren das »zweibeinige Lebewesen ohne Federn« (Platon) und das »Ebenbild Gottes« (Altes Testament). Wir waren ein »vernünftiges, sterbliches Lebewesen« (Augustinus) und sogar ein »denkendes Schilfrohr« (Pascal) – also in unserem Denken wie das Schilf im Winde wankend. Und wie könnte man ihm widersprechen? Die Geschichte gibt ihm doch recht. Wir dachten uns mal als »entartetes« (Rousseau), »prügelndes« (Schopenhauer), »krankes Tier« (Nietzsche) oder »Triebverdränger« (Freud). Heute werden manche Triebe – Geltungssucht, Größenwahn – zur Tugend erklärt und der Mensch steigt zum »Homo Deus« auf (Harari).

– Also… Sie wollen einen Gott erschaffen? Ihren eigenen Gott?
– Das ist eine sehr gute Frage. Haben das die Menschen nicht schon immer getan?


Filmzitat aus Transcendence (2014)

Im ersten Teil von Philosophische Anthropologie geht Gerald Hartung auf den Begriff und die Geschichte dieser Disziplin ein und rückt all die genannten Gedanken in ihren historischen Kontext (abgesehen von Yuval Noah Harari, dessen Bücher vermutlich zu populärwissenschaftlich für Hartungs Ansprüche sind).

Von der Antike über das Mittelalter, die Renaissance (als Zeit zunehmender Selbstbewusstwerdung und Selbstbestimmung des Individuums) und Reformation bis zur Aufklärung wird die Philosophie-Geschichte hier mit Fokus aufs Wesentliche komprimiert. Rund um die zentrale Frage: »Was ist der Mensch?« Die einzelnen Denker*innen (die zitierte Literatur setzt sich zusammen aus 37 Männern und einer Frau – Hannah Arendt) werden dabei in jeweils nur wenigen Absätzen abgehandelt. Da reiht sich Kerngedanke an Kerngedanke, die trotz geringen Umfangs nicht aus dem Nichts kommen. Vielmehr liefert Hartung Übergänge und Erläuterungen, die es auch Einsteiger*innen in das Fach der Philosophischen Anthropologie ermöglichen, am Ball zu bleiben.

Die großen Protagonisten

In besonderer Ausführlichkeit widmet sich der Autor dabei drei Herren – Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos), Helmuth Plessner (Die Stufen des Organischen und der Mensch) und Arnold Gehlen – die der Philosophischen Anthropologie ihren Namen und ein neues Gesicht gegeben haben, im frühen 20. Jahrhundert. Aber auch Nicolai Hartmann, Hegel, Marx, Cassirer und Co kommen zu Wort. Warum man ihnen noch lauschen sollte, in Zeiten, da wir mehr mit den Möglichkeiten und Risiken von Bits und Bytes und Bildschirmen als mit Büchern beschäftigt sind?

Es macht für das menschliche Selbstverständnis einen Unterschied, ob die Technik als etwas begriffen wird, das uns nach irgendeiner Art von Sündenfall zustößt und gegen das wir uns bei wohlverstandenem Eigeninteresse nur […] wehren und verwahren können; oder ob sie als menschliches Proprium zu betrachten ist.

Die Philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts birgt in ihren großen Protagonisten das Potential, uns Menschen zu unserer Technik – und das heißt in letzter Instanz: zu einem selbstbestimmten Umgang mit ihr – zu ermutigen.

Birgit Recki, Professorin für Philosophie an der Universität Hamburg, Mensch und Technik. Eine Bestandsaufnahme in der Philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts, in: Information Philosophie (2018/2), S. 24-25

Persönlicher Kontext

Was den Umgang mit Technik angeht, bin ich ein hoffnungsloser Optimist, der weit mehr Vor- als Nachteile im Transhumanismus sieht. Im Film Transcendence jedenfalls war ich auf der Seite des Super-Computers und gegen meine dämlichen Artgenoss*innen, die mal wieder nix Besseres zu tun hatten, als ihre Artillerie aufzufahren… #makelovenotwar

In meinem Studium der Kulturwissenschaften an der FernUniversität Hagen habe ich die Philosophische Anthropologie im ersten Philosophie-Modul (P1) als eine von vielen Disziplinen der Theoretischen Philosophie kennengelernt. Für die schriftliche Prüfung im September 2017 beschäftigte ich mich bereits näher mit Helmuth Plessner. Sein »Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit«, demnach Menschen in jeder Generation auf ein Neues kulturelle Schöpfungen hervorbringen müssen – als Notwendigkeit! – um die Welt zu verstehen, das faszinierte mich nachhaltig. So sehr, dass ich mich in der mündlichen Prüfung im dritten Philosophie-Modul (P3) nun wieder mit Plessner im Speziellen und der Philosophischen Anthropologie im Allgemeinen auseinandersetze – was mich zu dem Buch von Gerald Hartung greifen ließ.

Leselupe: Philosophische Anthropologie im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Buchs

Wie ist der Mensch zu bestimmen, wenn die Metaphysik nicht mehr und die moderne Naturwissenschaft noch nicht ein zureichendes Paradigma liefern? Die Antwort auf diese Frage erfolgt nicht in Definitionen, sondern in ausführlichen Beschreibungen der Natur des Menschen und seiner Lebenserfahrung. | S. 7

In seiner Einleitung zu Philosophische Anthropologie justiert Hartung die Erwartungen, die an das Thema seines Buches gestellt werden dürfen. Status Quo: Der Mensch sieht sich nicht mehr als von Gott geschaffen – und doch reicht’s noch nicht, sich selbst zum Gott zu machen. Für die Neurologie ist der Geist bereits »der materiell noch nicht beschreibbare Rest menschlicher Hirnfunktion«, doch solange diese Reste-Beschreibung ausbleibt, ruft sich der Mensch stetig jene Grundfrage der philosophischen Anthropologie in Erinnerung: »Was ist der Mensch?«

[…] aber nicht primär in dem Sinne, daß sie Hoffnungen auf die Beantwortung dieser Frage setzt oder erweckt, sondern in dem Sinne, daß sie im Hinblick auf diese Formel fragt: was war es, was wir wissen wollten? Und was kann es sein, was wir erfahren könnten?

Hans Blumenberg, in: Beschreibung des Menschen, S. 483

Hartung bezeichnet Blumenbergs Gedankengang als »bemerkenswert«, als Brückenschlag zwischen dem »Philosophieren vom Menschen aus« und der »kritischen Auseinandersetzung mit den Wissenschaften vom Menschen«. Die Vergangenheit im Sinn, die Zukunft im Blick – mit dieser Ausgangslage geht Hartungs Buch von der Einleitung in die Retrospektive der philosophischen Anthropologie-Geschichte über.

Blick ins Buch gefällig? Hier kann man reinlesen:

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Buchs

Gerald Hartung hält, was er verspricht: Überblick und Ausblick in aller gegebenen Kürze, dazu im Anhang ein Kanon, um sich tiefer ins Thema zu stürzen. Unter den  »Klassikern der philosophischen Anthropologie« führt er neben den Standardwerken von Scheler, Plessner und Gehlen beispielsweise auch Ernst Cassirer auf. Dessen An Essay on Man (1944) sei »ein Schlüsseltext zur Weiterentwicklung des anthropologischen Denkens«. Die Orientierungshilfe im Fach Philosophische Anthropologie setzt sich fort: Der weitere Anhang enthält ein Glossar der Schlüsselbegriffe zum Buch sowie eine Zeittafel, die Epochen wie die Antike, das Mittelalter und die Reformation noch einmal – bezogen aufs Thema – kürzest möglich zusammenfassen.

Wenn gen Ende der Transhumanismus in den Fokus rückt, als absehbarer Übergang des Menschen vom unkontrollierbaren Naturgeschehen hin zu einer Befreiung von demselben, dann nennt Gerald Hartung eine »existenzielle Unruhe« als notwendige Konsequenz dieses Übergangs und formuliert die Einsicht…

[…] dass Menschsein kein Zustand, sondern eine Aufgabe der Vermittlung und Bewältigung von Lebensrisiken ist. | S. 129

Hinweis: »Existenzielle Unruhe« ist es gewissermaßen auch, was Donna Haraway den »Arten im Chthuluzän« zuschreibt, in ihrem neuen Buch Unruhig bleiben (2018).

Fazit zu Philosophische Anthropologie

Wenn es eine Sache gibt, die Sonia an Philosophie nervt – dann, dass da seit Jahrtausenden gelabert wird, ohne je klare Ergebnisse in Sicht zu haben. Andererseits checkt sie immer wieder gerne die Wetter-App. Ich hingegen frage fast nie nach dem Wetter. Warum auch? Kann man eh nicht ändern. Aber ich wälze mich herzlich gern in Gedanken zur Frage: »Was ist der Mensch?«

Dabei stehen wir gerade erst an der Schwelle zu einer Ära, in der wir »uns« überhaupt signifikant ändern können. Bis jetzt sind wir Menschen über einander hergefallen, wie das Wetter über die Welt – als eine aggressive Naturgewalt.

Gerald Hartungs Buch Philosophische Anthropologie gibt einen beeindruckenden Rundumschlag dessen, was Generationen genialer Köpfe versucht haben, aus dieser Naturgewalt zu machen. Gewiss, »die Antworten sind geschichtlich«, wirken zuweilen überholt, waren vielleicht nicht einmal zu ihrer Zeit befriedigend. Doch wer weiß, wie viel Wahrheit sich rückblickend darin finden lässt, wenn der Mensch als Homo sapiens, wie wir ihn kennen, geschichtlich wird und neu begriffen werden will.

Fußnoten

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Hartung, Gerald (2018, 2. Auflage): Philosophische Anthropologie. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 19552)

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