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DIE STUFEN DES ORGANISCHEN und der Mensch, Helmuth Plessner | 1928

Zuletzt aktualisiert am 17. September 2018 um 19:54

Nach jahrhundertelangem Hinterfragen, was denn »der Mensch« eigentlich sei, so als ein Lebewesen von vielen und doch einzigartig, da hatte man endlich einen Begriff für solches Grübeln: Philosophische Anthropologie. Das ist seit den 1920er Jahren die Wissenschaft, die das Wesen des Menschen zum Thema hat. Doch seit den 1980er Jahren bestimmen zunehmend Cyborgs und Co den wissenschaftlichen Diskurs. Erst um die Jahrtausendwende rückte – parallel zur künstlichen Intelligenz – »der Mensch an sich« wieder in den Fokus. Man spricht von einer »Renaissance der philosophischen Anthropologie«, wie sie insbesondere Helmuth Plessner einst begründete, mit seinem Hauptwerk Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928).

Jede Generation auf ein Neues

Lebendige Dinge, so gelingt es Plessner zu zeigen, unterscheiden sich von unbelebten Dingen, indem sie sich selber gegenüber ihrer Umgebung abgrenzen. Die Art und Weise, wie lebendige Entitäten diese Grenzrealisierung selber vollziehen – sich aktiv auf ihre Umwelt beziehen, mit ihr im Austausch stehen und sich ihr gegenüber abgrenzen – nennt Plessner »Positionalität«.

Alexandra Manzei, in: Zwischen Anthropologie und Gesellschaftstheorie. Zur Renaissance Helmuth Plessners im Kontext der modernen Lebenswissenschaften, S. 68

Um die hier genannten, bei Helmuth Plessner zentralen Begriffe »Leben«, »Grenze« und »Positionalität« soll es im Folgenden gehen. Doch zunächst gilt zu klären, welchem Zeitgeist die Philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner eigentlich entspringt.

Regalfach: Das Werk im Zusammenhang

Porträt Helmuth Plessners mit verschiedenen Tierarten, dazu der Text: Die Stufen des Organischen und der Mensch

Historischer Kontext

Helmuth Plessner gilt zusammen mit Max Scheler und Arnold Gehlen als einer der drei Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie. Diese bildete sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als philosophische Neubegründung der Frage: »Was ist der Mensch?« Als ältester dieser Herren führt Max Scheler zu Beginn seiner Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928) »drei unter sich ganz unvereinbare Ideenkreise« auf, die seinerzeit – und damit auch zu Zeiten Plessners – herrschten. Siehe:

  • die jüdisch-christliche Idee vom Menschen als Ebenbild Gottes
  • die griechisch-philosophische Idee vom Menschen als animal rationale
  • die naturwissenschaftliche Konzeption vom Menschen als Spezies, die aus einem Prozess der natürlichen Selektion und Mutation hervorgegangen ist

Jener letzte Punkt ist erst durch die Evolutionstheorie von Charles Darwin in das Bewusstsein der Menschen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gerückt. Darwins Theorie hat beträchtlich zur Erschütterung des Menschenbildes beigetragen. Noch nie zuvor, so formuliert es Scheler, sei sich der Mensch je »so problematisch geworden […] wie in der Gegenwart«.

Ich habe es darum unternommen, auf breitester Grundlage einen neuen Versuch einer Philosophischen Anthropologie zu geben.

Max Scheler

So verkündet es feierlich Max Scheler in Die Stellung des Menschen im Kosmos – im selben Jahr, in dem auch Helmuth Plessner (in kritischer Distanz zu Scheler) einen solchen Versuch unternimmt, gefolgt von Arnold Gehlen, der einen Weltkrieg später seinerseits (unter Einfluss seiner Vorgänger und doch anders als diese) versucht, eine Philosophische Anthropologie zu erarbeiten. Worin aber bestehen die wesentlichen Unterschiede zwischen den drei Denkern?

Unterschied zu Max Scheler
Zeichnungen von DaVinci und ein Porträt von Max Scheler, dazu der Text: Die Stellung des Menschen im Kosmos

In seiner Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928) schreibt Max Scheler dem Menschen eine »Sonderstellung« über allen anderen Lebewesen zu. Als Grund sieht er des Menschen Zugang zu oder Teilhabe an einer überräumlichen und überzeitlichen Sphäre, die Scheler als den »Geist« bezeichnet. Ein solch näherhin metaphysisches Verständnis vom Menschen findet sich bei Helmuth Plessner nicht.

Unterschied zu Arnold Gehlen

Arnold Gehlen wiederum unterscheidet sich von Plessner, indem er den Menschen primär als »Mängelwesen« sah. Diesen Begriff führte Gehlen mit seinem Hauptwerk Der Mensch: Seine Natur und seine Stellung in der Welt (1940) ein. Gemeint sind mit den »Mängeln« allerlei biologische Nachteile des Menschen in seiner natürlichen Umgebung. So besitzt er weder Angriffsorgane wie Fangzähne oder Klauen, noch eine Statur, die ihm eine rasche Flucht ermöglichen könnte. Mangels Fell ist er auch nicht vor Kälte geschützt, kurzum: Der Mensch müsste längst ausgestorben oder von anderen Raubtieren ausgerottet worden sein. Dass es anders gekommen ist, wird bei Gehlen letztlich mit einer näherhin teleologischen Struktur der Natur begründet:

[…] all das, was den Menschen zu einem Mängelwesen in biologischer Hinsicht stempelt, wird als zweckmäßig begriffen. Handlung, Sprache, die Antriebsmomente menschlicher Handlungen insgesamt bestätigen vor diesem Hintergrund die »große Teleologie« jedes Einzelaspekts der Organisationsform Mensch. […] Insbesondere der menschliche Faktor Bewusstsein liefert nach Gehlen den treffenden Beweis für die »besondere menschliche Technik, sich im Dasein zu erhalten« (Gehlen 1997, 63)

Gerald Hartung, in: Philosophische Anthropologie (2018), S. 67

»Sich im Dasein zu erhalten« gelingt dem Menschen, indem er die Natur umarbeitet zu einer zweiten Natur, jene Sphäre unserer kulturellen Errungenschaften, die uns mehr und mehr einhüllt. Auch Helmuth Plessner sieht die Kultur als Kompensation eines Mangels des Menschen – doch diesen Mangel begründet Plessner anders als Gehlen, nämlich ebenso durch einen Mangel an »Unmittelbarkeit«. Mehr dazu im Abschnitt »3 Gesetze«.

Die Fragestellungen, an denen Plessners Philosophische Anthropologie ihren Ausgang nehmen, lauten: Angesichts seiner mannigfaltigen Existenzformen – wie sind allgemeine Aussagen über den Menschen möglich? Durch welche Strukturmerkmale muss sich ein anthropologischer Erklärungsansatz auszeichnen, der philosophische, ethnologische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse umfassen soll?

Strukturmerkmale von Plessners Anthropolgie

Die Strukturmerkmale der Philosophischen Anthropologie Plessners sind nun folgende:

  1. Standpunktrelativität: die Reflexion des historisch bedingten, eigenen Horizonts zur Vermeidung der Gleichsetzung eines normativ geprägten Menschenbilds mit dem »Menschen an sich«.
  2. Keine Metaphysik: das Bewusstsein, dass religiöse respektive herkömmliche philosophische Prämissen zur Bestimmung des menschlichen Wesens nicht mehr zeitgemäß sind.
  3. Dynamische Tiefenstruktur: der Anspruch, die conditio humana in all ihrer historischen und kulturellen Spannbreite darzustellen.

Persönlicher Kontext

Im Studium der Kulturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen ist die Philosophische Anthropologie bereits im ersten Philosophie-Modul (P1) ein Thema. So habe ich Helmuth Plessner als einen der Hauptvertreter dieser Teildisziplin der Theoretischen Philosophie kennengelernt. In der P1-Klausur am 11. September 2017 lautete eine der Prüfungsaufgaben (so in etwa): »Skizzieren und kritisieren Sie die Anthropologie Plessners«. Ein knappes Jahr später, für die mündliche P3-Prüfung im September 2018, wählte ich Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928) als eines von drei Büchern, die ich für diese Prüfung aufbereiten sollte. Erstens, weil ich die Anthropologie Plessners dank der P1-Prüfung noch ein wenig präsent hatte. Zweitens, weil sie wirklich interessant ist und in den letzten Jahrzehnten, wie oben erwähnt, sowas wie eine »Renaissance« erlebt. Der Shit ist relevant!

Leselupe: Das Werk im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Werks

Helmuth Plessners Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928) liegt mir in der unveränderten 3. Auflage von 1975 vor. Bereits im Vorwort zur 2. Auflage rechtfertigt Plessner sich für einen unveränderten Neudruck seiner Schrift, die er – im »Beharren beim alten Text« – nicht für unantastbar erklären wolle. Aber ernsthaft kritisiert worden sei sie seither eben auch nicht. Allein, dass seit 1928 – das Jahr, in dem Die Stufen veröffentlicht wurden und der ehrwürdige Anthropologe Max Scheler starb – gemunkelt wurde, Plessners Werk sei womöglich eigentlich Schelers Vermächtnis, das fasst Helmuth Plessner ein wenig pikiert auf. So schreibt er anlässlich der Leichtgläubigkeit jener munkelnden Akademiker (und über sich selbst in der dritten Person):

Lebte der Autor [Plessner] nicht auch in Köln, und war er nicht [Schelers] Schüler? Er war es nicht, bei aller Nähe. Er hatte, was Scheler perhorreszierte [verachtete] und seiner Art zuwider war, den Versuch unternommen, die Stufung der organischen Welt unter einem Gesichtspunkt zu begreifen. | XI 1

Ein Gesichtspunkt, statt zwei. Das ist wichtig.

Originalität in einer gedankenreichen Welt

Doch ehe wir darauf eingehen, was Helmuth Plessner mit einem Gesichtspunkt meint, sei noch auf eine heitere Beobachtung des Autors von Die Stufen des Organischen und der Mensch hingewiesen. Nochmal in Bezug auf Originalität im weitesten Sinne. So findet Plessner bei den Philosophen Sartre und Merleau-Ponty zuweilen Übereinstimmungen mit seinen eigenen Formulierungen, die bei ihm die Frage aufkommen ließen, ob diese beiden Herren…

[…] nicht vielleicht doch die »Stufen« kannten. Aber das gleiche ist mir auch bei Hegel passiert, auf den ich mich hätte berufen müssen, wären mir damals die entsprechenden Stellen bekannt gewesen. Konvergenzen beruhen nicht immer auf Einfluß. Es wird in der Welt mehr gedacht, als man denkt. | XXIII

Nun zu dem einen Gesichtspunkt, statt zwei. Bei Max Scheler waren – wie oben beschrieben – »Natur« und »Geist« noch zwei unterschiedliche Sphären in einem dualistischen Weltbild. Doch »Natur« und »Geist« liegen innerhalb der (einen) vom Menschen erfahrbaren Welt, so argumentiert Plessner:

Will man den Menschen, so wie er lebt und sich versteht, als sinnlich-sittliches Wesen in Einer d. h. der menschlichen Existenz entsprechenden Erfahrungsstellung, welche »Natur« und »Geist« umspannt, so muß man auch die Mittel dazu schaffen. […]  Das Mittel, die Phänomenologie, ist da: als Möglichkeit. Nun heißt es, das Mittel zu dem notwendigen Zweck zu gebrauchen. | S. 24

Dieser Zweck – die »Neuschöpfung der Philosophie unter dem Aspekt einer Begründung der Lebenserfahrung in Kulturwissenschaft und Weltgeschichte« – sei laut Helmuth Plesser über folgende Etappen zu erreichen:

  • Grundlegung der Geisteswissenschaften durch Hermeneutik
  • Konstituierung der Hermeneutik als philosophische Anthropologie
  • Durchführung der Anthropologie auf Grund einer Philosophie des lebendigen Daseins und seiner natürlichen Horizonte
Lotterigkeit des Lesens / Untergang der Philosophie

Über diese Etappen solle man gefälligst nicht »voreilig« hinweg galoppieren, mahnt Plessner. In Die Stufen des Organischen und der Mensch lässt er ordentlich Dampf ab.

Abbreviaturen [Abkürzungen] sind heute in den Zeiten des Telegramms beliebt. Man schmökert in philosophischen Büchern […] wie Backfische [Jugendliche] Romane lesen […]. Diese Lotterigkeit des Lesens wird natürlich durch die systematisch nicht mehr geschulte Weise des Philosophierens oder durch den vorschnellen Systematismus kleiner Weltbaumeister unterstützt. Geduld, Einfühlungsfähigkeit und Achtung vor der Intention des Anderen sind offenbar Tugenden, die vergangenen Zeiten angehören. | S. 31

Ein bemerkenswertes Statement aus den 1920er Jahren – jenen »Zeiten des Telegramms«, die gegen das Zeitalter von Twitter harmlos wirken, was verkürzte Gedankengänge anbelangt. Plessner warnt in Die Stufen des Organischen und der Mensch von den unbekümmerten, fahrlässig arbeitenden Philosoph*innen einer Zeit, »die keinen Atem mehr hat«:

Was auf solche Weise an Schriftstellerei (obzwar nicht unbedingt ohne Tiefe) in die Welt gesetzt wird, mag seine Wahrheit haben […], – nur ermangelt es der echten Objektivität. Da gegenwärtig nicht bloß Zeitungsschreiber, Politiker, Literaten, sondern sogar Gelehrte dieser intuitiven Direktheit verfallen, sei mit aller erdenklichen Schärfe betont, daß nach unserer Überzeugung ein derartiges Verfahren, Philosophie en passant zu treiben, ihrem Untergang gleichkommt. | S. 71

An dieser Stelle muss ich mich wohl selbst als »kleiner Weltbaumeister« positionieren, mitschuldig in allen Punkten der Anklage. Dieses höchst subjektiv und »eher so nebenher« geschriebene WordPress-Blog ist mitnichten der richtige Ort für tiefgreifende Philosophie à la Die Stufen des Organischen und der Mensch. Dass ich mir dennoch zumute, im Folgenden Die Stufen des großen Helmuth Plessner auf Blogbeitrag-Kürze niederzubrechen, bitte ich etwaige richtigen Philosoph*innen zu entschuldigen.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Werks

Leben, Grenze und Positionalität bei Plessner

[Im] Mittelpunkt steht der Mensch. Nicht als Objekt einer Wissenschaft, nicht als Subjekt seines Bewusstseins, sondern als Objekt und Subjekt seines Lebens d. h. so, wie er sich selbst Gegenstand und Zentrum ist. | S. 31

Ein zentraler Begriff in Plessners Hauptwerk Die Stufen des Organischen und der Mensch ist (neben »Mensch«, offensichtlich) das »Leben«. Es geht dem Anthropologen darum, den Unterschied von lebendigen Organismen zu unbelebten Objekten klar aufzuzeigen. So kann er das organische Leben schließlich in Stufen ordnen – von den Pflanzen über die Tiere hin zum Menschen.

Gerade die Daseinsweisen der Lebendigkeit, die den Menschen mit Tier und Pflanze verbinden und seine besondere Daseinsweise tragen, sind gegen geistige Sinngebung indifferent. […] Erst ist einmal Klarheit darüber zu gewinnen, was als lebendig bezeichnet werden darf, bevor weitere Schritte zur Theorie der Lebenserfahrung in ihrer höchsten menschlichen Schicht unternommen werden. | S. 37

So so… und der Tod? Seite 148: »Der Tod ist dem Leben unmittelbar äußerlich und unwesentlich, wird jedoch durch die lebenswesentliche Form der Entwicklung mittelbar zum unbedingten Schicksal des Lebens.« Ah, okay!

Begriff des Lebens

Nun gibt es viele Möglichkeiten, »Leben« zu definieren. Einige davon gibt Helmuth Plessner in Die Stufen des Organischen und der Mensch wieder. So etwa (auf Seite 112) eine funktionelle Definition des Lebens durch den Anatom und Biologen Wilhelm Roux (1850-1924).

Lebewesen … sind Naturkörper, welche mindestens durch eine Summe bestimmter, direkt oder indirekt der Selbsterhaltung dienender Elementarfunktionen … sowie durch Selbstregulation … in der Ausübung aller dieser Funktionen vor den anorganischen Naturkörpern sich auszeichnen und dadurch trotz der Selbstveränderung und durch dieselbe sowie trotz der zu alledem nötigen komplizierten und weichen Struktur sehr dauerfähig werden. | W. Roux

Von dem Philosophen Adolf Meyer-Abich führt Plessner (ebenfalls auf Seite 112) nur eine Liste angenommener Lebenskennzeichen auf. Darunter fallen:

Ernährung (Stoffwechsel), Vermehrung, Entwickung, Vererbung, Wachstum, Reizbarkeit, Regulation, Bewegung (Energiewechsel), Struktur | A. Meyer

Helmuth Plessner selbst macht das »Leben« hingegen in Die Stufen des Organischen und der Mensch vor allem an einem, wie er glaubt, »fundamentalen Merkmal« fest, durch welches die belebte von unbelebten Naturgebilden unterscheiden. Dabei handelt es sich um die Positionalität (Selbstgrenzsetzung).

Der Charakter der Positionalität ist bei aller Anschaulichkeit weit genug, um die Daseinsweisen des pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens als Variable darzustellen, ohne auf psychologische Kategorien zurückzugreifen. | XIX

Begriff der Grenze

Es gibt also verschiedene Arten von Positionalität. Je nach Lebensform, beziehungsweise Organisationsform. Während unbelebte Naturgebilde nur sind, soweit sie reichen (ganz plastisch verstanden, von ihren körperlichen Dimensionen her), zeichnen sich belebte Naturgebilde durch ein Verhältnis zu ihrer eigenen Grenze aus. 

Der gewöhnliche Sprachgebrauch unterscheidet […] nicht scharf zwischen Dingen, welche die und die Grenzen haben oder mit den und den Grenzen sind. Er stützt sich ganz ausschließlich auf die sinnliche Anschauung, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, daß das betreffende Ding seine Grenze, Gestalt, Form nicht als etwas noch für sich Bestehendes hat, sondern daß es mit und in ihr, als sie ist, sie, die ja sein Anfangen oder Aufhören, gegen ein anderes außer ihm Seiendes gehalten, darstellt. | S. 101

Das ist kompliziert formuliert. Plessner meint, dass ein lebendiger Körper nicht nur eine Grenze »hat«. So, wie man sich die Schale einer Orange (oder eben die Haut des Menschen) vorstellen mag. Sondern, dass ein lebendiger Körper diese Grenze auch selbst »ist«. Die Orange ist auch ihre Schale, der Mensch ist auch seine Haut.

Diese Grenze muß sowohl Raumgrenze oder Kontur sein, weil sie ja gegenständlich in der Erscheinung auftreten soll, als auch Aspektgrenze, in welcher der Umschlag zweier wesensmäßig ineinander nicht überführbarer Richtungen erfolgt. | S. 102

Das Buch »Die Stufen des Organischen und der Mensch« von Helmuth Plessner
Plessner: »Gelingt es, aus dem in Fall II gegebenen Ansatz diejenigen Grundfunktionen zu entwickeln, deren Vorhandensein an belebten Körpern als charakteristisch für ihre Sonderstellung geltend gemacht wird […], so kann füglich daran kein Zweifel mehr entstehen, daß der Unterschied zwischen Fall I und Fall II ein Seinsunterschied, d. h. […] kein für sich, sondern nur in seinen Konsequenzen oder seiner Erscheinung erfahrbarer Unterscheid ist.« S. 104-106
Begriff der Positionalität

Helmuth Plessner betrachtet Lebewesen als Körperdinge in einem sogenannten »Doppelaspekt« stehend. Dieser Doppelaspekt bezeichnet zwei gegensätzliche Richtungen. Einmal das »nach Innen gerichtete« (zum substantiellen Kern des Lebewesens) und das »nach Aussen gerichtete« (zur Grenze der eigenschaftstragenden Seiten des Lebewesens). Diese Richtungen sind nicht ineinander überführbar. Ein Lebewesen zeichnet sich als Körperding einerseits durch diesen Doppelaspekt aus. Andererseits tritt es mit diesem Doppelaspekt als Eigenschaft auf. Der Doppelaspekt des immerzu »nach Innen und Aussen« gerichteten Seins macht den positionalen Charakter eines organischen Körpers aus. Ein solcher kann nur sein, indem er wird. Das Sein eines solchen organischen Körpers ist also kein Zustand, sondern ein immerzu währender Prozess.

Die Stufen des Organischen

Auf unterster Stufe stehen im plessnerschen Modell die Pflanzen. Ihnen kommt eine offene Positionalität zu. Sie sind azentrisch – das heißt, Pflanzen sind unmittelbar und funktional in ihre Umgebung eingepasst. Sie verfügen über keine Zentralorgane, von denen etwa Bewegungsimpulse ausgehen könnten.

Tiere haben nach Plessner eine geschlossene Positionalität. Denn Tiere sind selbständig gegenüber ihrer Umwelt. Sie sind nicht an einen festen Ort gebunden. Vielmehr verfügen Tiere über spezialisierte innere und äußere Organe. Auf sensorische Reize (aus der Merkwelt), können sie mit motorischen Reaktionen (aus der Wirkwelt) reagieren. 

Weitere Unterscheidung: Bei dezentralistischen Tiere (Seeigel zum Beispiel) findet die Umweltrepräsentation nicht über ein einzelnes, sondern viele Organe statt. Zentralistische Tiere (Affen zum Beispiel) haben ein zentrales Nervensystem als einheitliche Wahrnehmungs- und Steuerungszentrale.

Menschen zeichnen sich durch exzentrische Positionalität aus. Ein Mensch steht nicht mehr nur im erlebten Mittelpunkt seines Umfeldes. Stattdessen steht ein Mensch auch außerhalb dieses (und jedes!) Zentrums. So kann ein Mensch aus der eigenen Mitte heraustreten, auf sich selbst Bezug nehmen und zu sich selbst Distanz herstellen. Menschen besitzen die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

3 Welten

Durch seine exzentrische Positionalität eröffnen sich dem Menschen 3 Welten.

  • Außenwelt. Durch einen Perspektivenwechsel externalisiert der Mensch die räumlichen/zeitlichen Eindrücke einer (tierischen) Innensicht sozusagen in ein neutrales Koordinatensystem. Damit geht eine Vergegenständlichung des eigenen Körpers einher. 
  • Innenwelt. Durch eine Vergegenständlichung des eigenen Seelenlebens nimmt der Mensch auf die Innenwelt Bezug.
  • Mitwelt. Die wechselseitige Perspektivenübernahme stellt die Fähigkeit dar, sich selbst mit den Augen anderer Mitmenschen zu sehen, sowie sich vom Anderen ein Bild zu machen (und umgekehrt).
3 Gesetze

Aus seiner Philosophie leitet Helmuth Plessner in Die Stufen des Organischen und der Mensch drei anthropologische Grundgesetze ab.

  • Gesetz der natürlichen Künstlichkeit. Dem Mensch mangelt es unter anderem an naturgegebenen Instinkten und Schutzmechanismen. Diesem Mangel wirkt der Mensch durch Schaffung einer zweiten Natur, oder natürlichen Künstlichkeit, entgegen. Er kompensiert etwaige Schwächen durch die Kreation kultureller Gebilde, Werte, Techniken etc.
  • Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit. Alle sinnlichen Phänomene und Gegenstände sind dem Menschen nur durch das Medium seines Bewusstseins zugänglich. Das hat eine notwendige Dynamik der Kultur zur Folge: Jede Generation von Menschenkindern muss auf ein Neues kulturelle Schöpfungen hervorbringen, um sich einen eigenen Zugang zur Welt zu verschaffen. Tradierte Ausdrucksformen werden damit auf Dauer obsolet.
  • Gesetz des utopischen Standorts. Als Betrachter*in der 3 Welten befindet sich ein Menschenwesen mit seinem eigenen »Ich« im Nirgendwo – denn die Außen-, Innen- und Mitwelt geben keinen Halt. Orientierung versprechen allein Religion und Transzendenz.

In der Konsequenz kommt es zu einer paradoxen Situation. Religion und dergleichen verlangen einerseits nach Beharrung und Stabilität. Kultur hingegen braucht ständigen Fortschritt.

Kritik an Helmuth Plessners Ansatz

Schon das »ex« der »exzentrischen Positionalität« kann Verwirrung stiften. Ist mit dem Begriff eine räumliche Dimension gemeint, oder darf man ihn als Metapher verstehen? Die These der exzentrischen Positionalität kann auch insofern missverstanden werden, dass sie den Menschen in einem Stufen ständiger Selbstvergegenständlichung beschriebe – gefangen in andauernden Reflexion seiner selbst. Zudem geht aus Die Stufen des Organischen und der Mensch nicht ganz hervor, ob die exzentrische Positionalität ein Produkt der Biologie oder der Kultur ist.

Fazit zu Die Stufen des Organischen und der Mensch

Hinter seinem Anspruch, eine transkulturell gültige Anthropologie zu begründen, bleibt Helmuth Plessner in Die Stufen des Organischen und der Mensch zurück. Das von ihm entworfene Menschenbild scheint doch eher dem überreflektierten Großstadtmenschen zu gelten, als einem »durchschnittlichen Exemplar« der Spezies Homo sapiens. Nichtsdestotrotz ist für uns überreflektierten Exemplare, die wir im Internet als digitale Bühne unserer »zweiten Natur« herumlungern, die Philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner durchaus lesenswert.

Während ein Max Scheler noch bemüht war, Menschen und Welt von Gott her zu begreifen, geht Plessner den umgekehrten Weg – ganz ohne die Annahme, man könne den Menschen und seine Sonderstellung irgendwie »von außen betrachten«, ohne selbst einen geschichtlich bedingten Blickwinkel einzunehmen. Eben diesen berücksichtigt Helmuth Plessner in Die Stufen des Organischen und der Mensch und bereichert die Philosophie Anthropologie damit um ein reflexive Methode.

Die bescheidenen Philosoph*innen

Manch Philosoph*in geht so weit, in der Reflexivität Helmuth Plessners das entscheidende Merkmal seines Werks zu sehen:

Plessners Philosophie bezieht sich auch auf sich selbst. Erst dadurch und genau dadurch gebärdet sie sich nicht als alternativlos, sondern verortet sich selbst in einem Feld von Möglichkeiten. Ich halte das für eine sachliche und normative Überlegenheit.

Volker Schürmann, in: Philosophische Anthropologie im 21. Jahrhundert (2006), S. 84

Wenn Plessner in Macht und menschliche Natur (1931) etwa schreibe »Wir müssen [den Menschen] nicht [als exzentrisches Wesen] begreifen, aber wir können es« – dann definiere diese bescheidene Grundhaltung dessen Philosophie. Als aktuelles Beispiel für eine ähnliche Reflexivität nennt Volker Schürmann das Konzept der »situierten Ontologie« von Jutta Weber (im Anschluss an Donna Haraway, 1995) gegeben.

Fußnoten

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Plessner, Helmuth (3. Auflage, 1975): Die Stufen des Organischen und der Mensch. De Gruyter, Berlin

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