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Vierte Wand – ihre Bedeutung und Geschichte | Filmwissen

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 17:19

Vor Jahren habe ich einmal habe eine Bühnenadaption des Films 21 Gramm (2003) besucht. Ich saß in der ersten Reihe eines kleinen Saals im Schlosstheater Moers. Meine Knie berührten die Bühne. Und ich hoffte bloß, dass man nicht mit einbezogen werden würde, so nah am Geschehen. Stattdessen wollte ich einfach dasitzen, die Inszenierung auf mich wirken lassen, zuschauen – wie im Kino eben, nur mit den Schauspieler*innen als echte Menschen vor mir. Kurzum: Ich wollte, dass die vierte Wand nicht eingerissen wird.

Hey du! Ja, du. Sieh her.

Nun, das Publikum wurde nicht mit einbezogen. Es war ein ganz »normales« Stück. Heißt: hätte auch ein 3D-Film sein können. Ob das 3D-Kino, diese vergleichsweise neue Erfindung, das ehrwürdig alte Theater im 21. Jahrhundert schlussendlich ablöst? Darum geht es heute nicht. Wir widmen uns im Folgenden einer anderen vergleichsweise neuen Erfindung: Der vierten Wand.

Die Schauspielerin Anni C. Salander durchbricht mit ihrem Blick die vierte Wand.

Die vierte Wand im Theater

Theater wurde schon bei den alten Römern gespielt, auch bei den Griechen und Indern und alten Ägyptern. Man vermutet: Schon in der Steinzeit zogen sich die Höhlenbewohner*innen ihre Felle über und stellten Szenen nach – von der letzten Jagd vielleicht. Seitdem erlebte das Medium seine Höhen und Tiefen und Reformen. In Deutschland etwa, da klagte 1760 der Dichter Gotthold Ephraim Lessing:

Wir haben kein Theater, wir haben keine Schauspieler, wir haben keine Zuhörer.

Der Franzose habe wenigstens noch eine Bühne, heißt es. Der Deutsche hingegen kaum Buden. Es stimmt, das deutsche Theaterwesen im 18. Jahrhundert ist geprägt von Wander-Truppen. Umherreisende Ensembles, die Bühne und Requisiten gleich mitbringen und wieder mitnehmen, wenn es weitergeht. An den Höfen der Herrschenden hat das deutsche Theater kein Ansehen. Dort lädt man sich italienische Opernsänger*innen und französische Schauspieler*innen ein, original, aus dem Ausland.

Zur gleichen Zeit am selben Ort

Bemerkenswert an Lessings Klage über die Lage des Theaters ist, wie er es tut. Er spricht vom fehlenden Zuhörer, nicht Zuschauer. Derzeit wurde das Theater noch als Anwesenheitssituation gedacht. Auf der Bühne steht der Redner, im Publikum sitzen die Zuhörer*innen, beide sind zur gleichen Zeit am selben Ort. Die einen reden, die anderen lauschen, es findet Kommunikation statt in dem einen Raum, den sich alle Anwesenden teilen. Diese Vorstellung von Theater kommt aus der Rhetorik.

Wir sind inzwischen derart an ihre Präsenz gewohnt, dass wir sie kaum mehr bemerken. Die halbtransparente Wand zwischen Bühne und Publikum. Durchsichtig ist sie nur für die Zuschauer*innen (!), die nun zu Voyeur*innen werden und die Schauspielenden beobachten, die sich in einem geschlossenen Raum bewegen: der Bühne. Diese beiden gedachten Räume, vor und auf der Bühne, sind also eine nur etwas mehr als 200 Jahre alte Errungenschaft.

Die Erfindung der vierten Wand

Der französische Dichter, Denker und Künstler Denis Diderot gilt als Erfinder der vierten Wand. Denn ähnlich wie Lessing in Deutschland, fand auch Diderot in Frankreich die Theaterverhältnisse beklagenswert. In der Comédie-Française etwa – eines von heute 5 Nationaltheatern in Frankreich, das 1680 im Auftrag des Sonnenkönigs Ludwig XIV. gegründet wurde – da war es im 18. Jahrhundert noch üblich, dass adelige Zuschauer mit auf der Bühne saßen. Das Schauspiel-Ensemble, mangels Kostüme kaum vom Publikum zu unterscheiden, hatte seine liebe Müh, sich im großen Theater allen Anwesenden gleich gut verständlich zu machen, allein akustisch.

Hinzu kam, dass viele Zuhörer*innen (!) nicht in erster Linie gekommen waren, um das Stück zu sehen. Stattdessen wurde dort gespeist und gesoffen und sich mit Prostituierten getroffen. Die Schauspieler*innen indes versuchten durch das »Beiseitesprechen« das Publikum in ihre Aufführung mit einzubeziehen. Dabei wand sich eine Figur allein an seine Zuhörer und sprach etwas, das andere Figuren auf der Bühne nicht hören sollten, so die Idee.

Das Innenleben der Anderen

Mit derlei Traditionen brach nun Diderot, indem er die vierte Wand ins Spiel brachte. Im Jahr 1758 schrieb er, an Schauspieler gerichtet, in einem Essay:

Stellen Sie sich am Vorderrand der Bühne eine große Mauer vor, die Sie vom Parterre trennt, und spielen Sie so, als würde sich diese Wand nicht wegbewegen.

Ebenso, wie wir es heute gewohnt sind, wenn wir ins Theater gehen. Indem die Schauspieler*innen nun so tun, als gäbe es kein Publikum, ist dieses in eine beobachtende Rolle gerückt. Wer eine Szene sieht, in der Menschen untereinander agieren, beobachtet deren Verhalten und Handeln, Mimik und Gestik wie Zeichen, als lese man ein Buch. Es schärft die Empfindsamkeit für das Innenleben des Anderen – eine Entwicklung, die sich auch in der Entwicklung der Literatur des 18. Jahrhunderts widerspiegelt, aber das ist eine andere Geschichte.

Die vierte Wand im Kino

Inzwischen gilt es als beliebtes Stilmittel, die vierte Wand wieder zu durchbrechen. Nicht etwa nur im Theater, sondern gar im Kino, wo es den offenen Raum zwischen Publikum und Schauspielern nie gegeben hat. Ein paar Beispiele in Bild und Ton:

Oliver Hardy verkörperte in seinen Filmen mit Stan Laurel eine der ersten Figuren, welche die vierte Wand durchbrachen. Weitere frühe Beispiele für dieses Stilmittel sind Animal Crackers (1930) und Horse Feathers (1932). Hier eine Auswahl an modernen Filmen und Serien, in denen die vierte Wand eingerissen wird:

  • Leto (2018) mit Irina Starshenbaum
  • Lola rennt (1998) mit Franka Potente
  • Dead Pool (2016) mit Morena Baccarin
  • Funny Games (1997, 2007) von Michael Haneke
  • House of Cards (2013-2018) mit Robin Wright
  • Wishlist (2016-2018) mit Vita Tepel

Eine von vielen Wänden

Die große Mauer, die einst im Theater hochgezogen wurde, ist nur »eine von vielen Wänden«, die der moderne Mensch im Zuge der Zivilisierung um sich herum errichtet hat. So stellt es Herbert Herzmann in der Schrift Mit Menschenseelen spiele ich fest. Nicht nur beim Essen, Schlafen und geschlechtlichen Beziehungen wachse fortlaufend die Wand zwischen Mensch und Mensch, und damit »die Scheu, die Affektmauer, die durch die Konditionierung zwischen Körper und Körper errichtet wird.«

Tatsächlich scheint heute die Science-Fiction-Vorstellung, wie sie etwa in dem Film Surrogates (2009) visualisiert wird, ein durchaus realistisches Szenario: Dass die technische Entwicklung es den Menschen ermöglicht, daheim zu bleiben und eine fremdgesteuerte Stellvertretung raus in die Welt zu schicken. Für diejenigen Belange, die sich nicht ohnehin von Zuhause erleben und erledigen lassen.

Fazit zur vierten Wand

Im 18. Jahrhundert wurden aus den Zuhörer*innen, die sich mit dem Schauspiel-Ensemble in einem Raum aufhält, die Zuschauer*innen, die das Geschehen auf der Bühne von außen beobachten. Man darf sich fragen, was aus uns wird, wenn wir über eine Virtual-Reality-Brille mitten auf der Bühne zukünftiger Film- oder Spielspektakel landen? Die vierte Wand wird eingerissen, man befindet sich wieder in einem gemeinsamen Raum – aber mehr noch, in einer neuen Form der Interaktion und Teilhabe.

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