Cinemathek

WISHLIST 2.0, Update zu Staffel 3, Erklärung zu Ende | Serie 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 5. Dezember 2018 um 13:44

Heute Morgen las ich in der aktuellen ZEIT-Ausgabe den Artikel Ich bin nicht mein Avatar. Darin ging es um den Datenskandal rund um Facebook und Cambridge Analytica sowie Menschen als manipulierbare Wesen. Weil ich gestern Abend erst das krachende Finale einer gewissen Mystery-Webserie auf YouTube gesehen habe, ersetzte mein Hirn wie automatisch jedes »Facebook« in dem Artikel durch »Wishlist«. Das ist eine App, die Wünsche erfüllt – und gleichzeitig der Titel besagter Mystery-Webserie, die ihrerseits Wünsche erfüllt. Wünsche von einer High-Concept-Serie aus Deutschland. Inzwischen ist die 2. Staffel komplett online: Wishlist 2.0 – und es gibt ein Statement zu Staffel 3.

Richtig kranker Scheiß – wie schön!

Eine App, die all deine Wünsche erfüllt – wenn du im Gegenzug die berechneten Aufgaben erledigst. Und sei es, einen Menschen zu töten. Das ist Wishlist. Und das ist »High Concept«, ein Marketing-Begriff aus der Filmindustrie, geprägt in den 70er Jahren. Dabei geht es nicht darum, Standardware abzuliefern, um vorhandene Publikums-Interessen zu bedienen, sondern mit einem prägnanten, knackigen Konzept neue Begierden zu wecken. Eine Story, deren Kern sich mit wenigen Worten auf den Punkt bringen lässt, in einem Gewand, das vom Look and Feel her voll aufs möglichst neuartige Thema einstimmt. Ein solches High-Concept-Projekt, wie es sie in Deutschland noch selten gibt, nichts weniger will die Mystery-Webserie Wishlist sein. Schafft sie das?

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Blogbeitrag enthält Spoiler zu Wishlist 2.0 – eine Webserie, die geschickt mit Suspense spielt und voller Plot-Points ist (einer davon sogar begehbar). Deshalb rate ich vom Weiterlesen ab, bevor man sich das Spektakel nicht selbst angesehen hat. Hier geht’s zum offiziellen YouTube-Kanal von Wishlist auf dem alle Folgen verfügbar sind.

Standbild aus der Webserie Wishlist 2.0 mit Schauspielerin Vita Tepel | Bild: funk, ARD, ZDF

Totale: Wishlist 2.0 im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Mystery aus Deutschland also – na, da gibt’s ja jetzt Dark (2017), seit Dezember vergangenen Jahres. Eine düstere Netflix-Serie, die aussieht und sich anfühlt wie ihre amerikanischen Vorbilder, nur eben aus deutscher Schmiede. Doch Dark wurde erdacht, geschrieben, produziert und inszeniert von Filmemachern, die in den 70er Jahren auf die Welt kamen und um die Jahrtausendwende zur Filmschule gegangen sind, überwiegend zur HFF München. Wenn die nicht Maßstäbe setzen, wer dann? Die verantwortliche Produktionsfirma hat mit ihrem ersten Kinofilm vor über zehn Jahren den Oscar gewonnen: Das Leben der Anderen (2006).

Doch hier geht es um das Treiben der Anderen. Einer anderen Generation von Filmemachern, 80/90er Jahrgang, keine Absolventen der etablierten Filmakademien Deutschlands, sondern Autodidakt*innen, die durch eine andere Schule gegangen sind. Jungs, die das Handwerk unmittelbar von den Meister*innen des Kinos gelernt haben, indem sie massenhaft Bonusmaterial aus DVDs und Blu-rays studierten. Mädels, die über YouTube groß geworden sind und sich darauf verstehen, ihrem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen.

Dark und Wishlist – kleiner Vergleich

Als für die erste Staffel der Mystery-Webserie Dark seitens Netflix grünes Licht gegeben wurde, im Februar 2016, da steckte das Wishlist-Team bereits in der Vorbereitung ihrer 1. Staffel (hier geht’s zum Serientipp Wishlist, Staffel 1). Als im Oktober 2016 die Dreharbeiten zu Dark begannen, in Berlin und Umgebung, da feierte Wishlist bereits Premiere. Die erste Staffel wurde auf YouTube präsentiert, sammelte dort über 3 Millionen Aufrufe und um den Jahreswechsel einige Preise ein – unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Im März 2017 endeten die Dreharbeiten zu Dark – und das Wishlist-Team steckte in den Vorbereitungen zur 2. Staffel.

Dank des überraschenden großen Medien-Echos konnten sie mit enorm gestiegenem Budget zu Werke gehen. Staffel 1 wurde für rund 170.000 Euro produziert. Wishlist 2.0 sollte (nach Angaben der Westdeutschen Zeitung) für etwa das 8-fache entstehen. Zu dem Budget der 10 je etwa einstündigen Folgen von Dark gibt es seitens Netflix keine Angaben. Als die Serie im Dezember 2017 endlich gezeigt wird, geschieht dies zeitgleich zur inzwischen abgedrehten Staffel Wishlist 2.0.

Reinhören: Hier die Köpfe hinter Wishlist, zu Gast bei den Serienjunkies:

Vier abendfüllende Spielfilme

Mich beeindruckt einfach die Relation: In einem Entstehungszeitraum von rund 22 Monaten liefern etablierte Vollprofis eine Serie mit 10 Folgen von je 45-55 Minuten ab. Also insgesamt rund 8 1/2 Stunden Sehvergnügen (nicht zu verwechseln mit dem Sehvergnügen Achteinhalb von Federi Fellini). Im gleichen Zeitraum liefern ambitionierte Semi-Profis eine Serie mit 22 Folgen von je 15-40 Minuten in zwei Staffeln ab. Insgesamt rund 3 Stunden (Staffel 1) + 6 1/2 Stunden (Staffel 2), sprich: 9 1/2 Stunden Sehvergnügen. Das entspricht locker vier abendfüllenden Spielfilmen! Und während man Staffel 1 stellenweise durchaus inszenatorische oder technische Schwächen ansieht, ist Wishlist 2.0 inszenatorisch und technisch state of the arts, was deutsche Serien-Produktionen angeht.

Hier geht es nicht darum, Dark in ein schlechtes Licht zu rücken, überhaupt nicht. Ich möchte nur den beachtlichen Workload hervorheben, den die Macher der Webserie Wishlist in den vergangenen zwei Jahren geleistet haben.

Persönlicher Kontext

Was Wishlist für mich also zu einem besonderen Werk macht, ist eben dieses junge, hochmotivierte Team dahinter – und sicher, vielleicht auch die relative Nähe dazu: Wishlist ist in meinem »Heimatland« NRW entstanden, in und um Wuppertal herum. Einen der Serienmacher – Marc Schießer (hier geht’s zu einem Interview, das ich 2012 mit ihm geführt habe) – kenne ich von damaligen Kurzfilmfestivals, schätze ihn als Filmschaffenden mit krasser Energie und klaren Visionen. Im Frühjahr 2013 hatten wir beide das Glück, bei der Filmakademie Baden-Württemberg in die engere Auswahl im Rennen um einen Studienplatz für Filmregie zu kommen. Das waren drei spannende Prüfungstage in Ludwigsburg.

Am Ende hatten wir beide das Pech, einen solchen Studienplatz nicht zu bekommen. Doch während meine Interessen danach hier- und dorthin irrlichterten, ist Marc seinem Wunsch treu geblieben – und hat einfach gemacht. Kurzfilme, längere Filme, schließlich die Webserie vivi&denny (2014-2018). Als im Jahr 2015 eine Produktionsfirma auf diese Webserie aufmerksam wurde, wäre das Regie-Studium in Ludwigsburg noch nicht abgeschlossen gewesen. Will sagen: Marc Schießer ist ein gutes Beispiel für diejenigen Filmemacher*innen, die ihren Traum ohne den konventionellen Weg verwirklichen. Einfach, in dem er seine 10.000 Stunden vollgemacht hat. Wobei »einfach« nicht das richtige Wort ist.

Ich neige angeblich zu peinlich übertriebenen Lobhymnen und wäre gerad‘ auch noch nicht fertig damit. Aber ich breche an dieser Stelle ab und wende mich wieder dem Thema zu: Wishlist 2.0. Denn mal abgesehen von der Quantität in Sachen stundenlangem Sehvergnügen, wie steht es um die Qualität?

Vorweg noch ein Link zur Serie:

– und noch einmal: Achtung, Spoiler!

Close-up: Wishlist 2.0 im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt der Serie

Zu diesem Zeitpunkt hab ich mich, schätz ich, schon als wohlwollender Zuschauer geoutet. Fanboy. Okay, ja, ich find das Team und die Backstory geil und, ja, ich wollte Wishlist 2.0 durchaus von der ersten Minute an irgendwie toll finden. Tatsächlich muss ich die Webserie nicht irgendwie toll finden. Das kann ich in aller Seelenruhe aus tiefstem Herzen tun. Um dem folgenden »kritischen Blick« noch einen Hauch Ausgewogenheit zu verleihen, überlasse ich Sonia das Schlusswort. Mit ihr zusammen habe ich gestern Abend die 2. Hälfte von Wishlist 2.0 samt Finale gebinged. (Wir lieben Cliffhanger, aber wir hassen sie auch.)

Ich spule auf AnfangWishlist 2.0 beginnt mit einem mysteriösen Detail-Shot von einem dunklen, runden Ding, auf das Haare hinab regnen. Dazu der Sound eines Rasierers. So weit, so geheimnisvoll. Schnitt zu Dustin (Marcel Becker-Neu), jener Hauptfigur, die sich im Finale von Staffel 1 in ordentliche Schwierigkeiten geballert hat. Wir begegnen ihn in einem Lokal, wo er auf diejenige Figur trifft, die Staffel 2 prägt wie keine andere: Norma Jean, das irre Mastermind derjenigen terroristischen Vereinigung, die hinter der App Wishlist steht.

Das Handwerk beherrschen

Bis Folge 3 diskutierten Sonia und ich zwischendurch darüber, ob Norma Jean eventuell ein humanoider Roboter sei. Derart verstörend erschien uns die Performance der Schauspielerin Yvonne Yung Hee Bormann. In der Nazi-Banden-Prügelszene, recht zu Beginn der Staffel, war mir Normas wahnhafte Art noch zu extrem. Wenn die so drauf ist, dachte ich, warum lebt die überhaupt noch!? Solch selbstzerstörerische Individuen sortiert doch die Evolution aus? Zuletzt haben wir wohlgemerkt La La Land (2016) gesehen – wir mussten uns vielleicht erst wieder auf nihilistischen Irrsinn à la Fight Club eingrooven.

Nimm dir immer alles, was du willst, wann du willst und wie du es willst. | Norma Jean, Wishlist 2.0

Die Serienschöpfer machen keinen Hehl aus ihren Vorbildern. David Finchers Œuvre ist nicht nur auf Postern im Hintergrund oder T-Shirt an den Körpern der Schauspieler*innen präsent. Wishlist bedient sich auch der Bildsprache von Finchers Werk, oder dem von Park Chan-wook – oder anderen großen Regisseur*innen, die für ihren visuellen Stil aus der Masse hervorstechen. Das ist kein bloßes Kopieren der Vorbilder, kein dumpfes Nachmachen. Die Köpfe hinter Wishlist beherrschen diese Bildsprache längst so gekonnt, dass sie frei damit spielen und Neues kreieren können. Wie ein Handwerk, das man sich aneignet, indem man sich nur lange genug mit den Werkzeugen beschäftigt.

Neubesetzung durch Jeanne Goursaud

Nach der Exposition mit Dustin und Norma Jean, deren Plausch im Lokal mit einem Knall abschließt, geht es nahtlos dort weiter, wo Staffel 1 aufhörte: im polnischen Hinterland, Industrie-Gelände. Hauptfigur Mira (Vita Tepel) durchbricht für ein paar einleitende Worte die vierte Wand (für mein Empfinden tut sie das im Verlauf der Serie ein paar Mal zu oft – aber das ist Geschmacksache). Dann sammelt sich die Clique, um geschlossen in die 2. Staffel zu starten. Die Rolle der Janina wurde umbesetzt (Erklärung dazu hier im Video). Neubesetzung Jeanne Goursaud (15:17 to Paris von Clint Eastwood) verleiht der Figur eine bis dato bei Janina selten gesehene Ernsthaftigkeit, eine nach dem Finale der Staffel 1 nachvollziehbare Charakterwandlung, passend zum gesamten Grundton der neuen Staffel.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung der Serie

Ist gerade erst ein paar Stunden her, was schwatz‘ ich hier von »bleibendem Eindruck«? Schnuppe. Es gibt etliche Szenen, von denen ich sicher bin, dass ich sie lange, lange im Gedächtnis behalten werde. Überhaupt definiert sich ein guter Film oder eine gute Serie selten über einen vagen Gesamteindruck. Wenn man nach Jahren sagen kann, »joa, hab ich als gut in Erinnerung« – dann ist das schlecht. Krasse Einzelszenen erst, die überraschen, begeistern, schockieren oder zum Diskutieren einladen, machen ein Werk zu etwas Bleibendem. Auftragskiller, die bei der Arbeit über Cheeseburger quatschen zum Beispiel, damit hat Tarantino sich in den Olymp unvergesslicher Filmmomente geschrieben. Eine nette kleine Referenz an diese Kultszene findet sich in Wishlist 2.0 (Folge 6), als die Truppe maskierter Übeltäter im Fahrstuhl bespricht, nach ihrem Coup erstmal Burger essen zu gehen.

Drei meisterhafte Szenen

Gleich im Anschluss an dieses Fahrstuhlgespräch folgt meine absolute Lieblingsszene. Mit Taschenlampen durchs Krankenhaus, in dem eine äußere Macht das Licht abgeschaltet hat, auf allen Etagen. Norma Jeans Terrorgruppe stolziert durch die Gänge, unterwegs zu einer ganz bestimmten Station. Dort wollen sie Chaos ins System bringen – auf zugleich derart beklemmende und berührende Art und Weise, dass selbst ich völlig eingesogen war. Sonst unterscheidet Sonia und mich meist der Blick von innen und außen. Sie erlebt eine Szene empathisch mit, steckt voll in der Haut der Figuren. Ich hingegen kriege selten die Gedanken darüber abgeschaltet, wie schön das Licht oder bemerkenswert die Kameraführung ist. Aber in dieser Krankenhaus-Szene, da hat der Meta-Kanal meines Hirns dichtgemacht. Gänsehaut pur.

Eine weitere Sequenz, die – natürlich – im Kopf bleibt, nenne ich mal: Fear and Loathing in Wuppertal. Knaller-Trip, der sich trotz aller Abgefahrenheit gekonnt in die Szenenfolge einfügt, gespickt mit schönen, kleinen, psychedelischen Ideen. Szenenapplaus!

Zuletzt muss ich Folge 7 feiern. Eine geschlagene Viertelstunde lang spielt sich hier die Handlung in einem geschlossenen Kofferraum ab, mit Dustin, der ordentlich Panik schiebt. Neben ihm liegt ein Spaten und im dumpfen Gelaber der Fahrer fällt das Wort »vergraben«, also ja, klar, durchaus gerechtfertigt, seine Todesangst. Nun sind 15 Minuten viel Zeit, da droht ein kleines Set-up schnell langweilig zu werden. Dass das nicht sein muss, hat im Jahr 2010 der Film Buried – Lebend begraben bewiesen, der über anderthalb Stunden lang nur in einem Sarg spielt.

Dustins Ausweg

Wieder zeigt sich hier: Die Macher*innen beherrschen die Skills ihrer Vorbilder und toben sich aus. Mit verschiedensten Kamera- und Lichtideen vor atmosphärischer Soundkulisse sowie einer geballten Portion Humor, wo man ihn echt nicht erwartet hätte. Ich hab mich weggelacht, als Dustin sein Handy zückt, um (in guter, alter Denny-Manier) mithilfe des Internets eine Lösung für sein Problem zu suchen. Allein die Autofill-Funktion von Google, auch wenn sie nur Bruchsekunden über’s Bild blitzt, ist genial.

Dustin tippt: wie…
Google schlägt vor: wie wie & denny
Dustin: wie be…
Google: wie bekommt man den grimme preis?
Dustin: wie befreie ic…
Google: wie befriedigen sich borkenkäfer? [Randnotiz: Borkenkäfer sind übrigens der Shit im Wishlist-Universum, die Fernsehsendungen im Hintergrund reden von nichts anderem – warum auch? Faszinierende Wesen, zuweilen bevölkern bis zu 100.000 Exemplare nur einen einzigen Baum!]
Dustin: wie befreie ich mic…
Google: wie befreie ich mich von marc [von werkimmanenten Anspielungen und Insidern platzt Wishlist übrigens, was wieder sehr für die Detailverliebtheit spricht, mit der hier zu Werke gegangen wird.]

Als Dustin endlich seine Frage ausformuliert hat – Wie befreie ich mich aus einem Kofferraum? – stellt sich tatsächlich wikiHow als erstaunlich hilfreich heraus. Das sind die Momente, in denen Wishlist den Irrsinn unserer Gegenwart auf den Punkt serviert (den entsprechenden wikiHow-Beitrag gibt’s natürlich wirklich). Auf dem Höhepunkt der Szene, als Dustin sich am Rande totaler Verzweiflung an den Spaten klammert, dachte ich nur: what the fuck? Ich sehe hier eine Szene, die sich dieser Marcel Becker-Neu mit ausgedacht hat, vermutlich am Drehbuch beteiligt war und in ihr als Schauspieler eine preiswürdige One-Man-Show abliefert – und dann noch den verdammt nervenaufreibenden Score dazu komponiert hat! Hut ab.

Das Spiel mit der Unwissenheit

Und Schluss jetzt. Ich möchte noch die fantastische Schnittmontage bejubeln, mit der die Angriffe auf die Cliquen-Mitglieder parallel-geschnitten werden, und den Schauspieler Florian Steffens, der dem Charakter Klaus unter vollem, immerzu tänzerischem Körpereinsatz eine schaurige Präsenz gibt. Aber bevor es ausufert, last but not least ein Wort zum absolut wichtigsten Qualitätsmerkmal dieser Webserie: dem Drehbuch. Dabei meine ich weniger die einzelnen Dialoge und philosophischen Monologe.

Ich meine das Arrangement der Szenen und wie mit Spannung gespielt wird, mit der Erwartungshaltung und dem Unwissen der Zuschauer. Was, wann, wie erzählt und vorenthalten wird, darin liegt Wishlists größte Stärke und der (von der technisch hervorragenden Umsetzung mal ganz abgesehen) professionellste Aspekt. Gekonntes Storytelling. Etwaige Logiklücken verzeihe ich in diesem Masterplan-Genre gerne mal. Wenn man da zu genau hinschaut, bestehen auch die großen Klassiker dieser Spielart nicht, siehe: The Game, Sieben, Die üblichen Verdächtigen…

Aktueller könnte die Serie übrigens kaum sein. Am Ende meiner heutigen Morgenlektüre über Facebook und Menschen als manipulierbare Wesen, kam mir wieder der paranoide Keller-Tüftler aus Wishlist in den Sinn. Dataismus, der Glaube an die Berechenbarkeit von uns Menschen – dieses Thema begleitet die gesamte Serie und rückt gen Finale (und darüber hinaus, wie es sich andeutet) immer mehr in den Fokus.

Für die Welt bist du nur eine Zahl, Mira. Mehr nicht. | Wilfried Hochholdinger in Wishlist 2.0, Folge 10

Erklärung: Ende von Wishlist 2.0, Folge 12

Nachtrag: Einige Leser*innen fragten nach einer Erklärung des Endes von der zweiten Staffel zu Wishlist, also dem Epilog, der nach der Texteinblendung in Folge 12 erfolgt, gleich im Anschluss ans actionreiche Finale: »Sechs Monate später«. Wir sehen nach einer Drohnenaufnahme einer mediterran anmutenden Stadt (die ich leider nicht erkenne im Sinne von: geografisch genau zuordnen kann) einen Mann in einer Moschee. Er ist gekleidet wie ein Imam und bedient sein Handy in türkischer Sprache. Was macht er? Die App Wishlist installieren, die inzwischen 750 Millionen User hat. Darunter nun also auch, wie uns diese kleine Szene zeigt, die konservativsten Geister unserer Gesellschaft.

Damit wird die schiere Reichweitevon Wishlist verdeutlicht – also auch die Macht, die Norma Jean gewonnen hat. In der nächsten Szene sehen wir auch direkt, wofür die Chefin des Terrornetzwerks hinter Wishlist ihre Macht missbraucht: Sie macht Jagd auf die Clique rund um Mira, die ab sofort in einer sehr gefährlichen Welt lebt. Alle Wishlist-User, die sich einen Wunsch mit Schwierigkeitsgrades T12 fest, könnten ihre Mörder*innen sein…

Update: Folge 13, Staffel 3, Wishlist 3.0

Eine Folge 13 gibt es bereits, doch weniger als Fortsetzung, denn als Bonbon zu Wishlist 2.0. Sie ist enthalten in der »ultimativen Fan-Box«, die noch bis zum 30. September hier erhältlich ist. Aber wie geht es danach weiter? Was ist mit Staffel 3 oder Wishlist 3.0? Im Interview mit der Westdeutschen Zeitung im Juni 2018 haben die Serien-Macher offiziell zu Protokoll gegeben, dass sie »keine One-Hit-Wonder« sind und bereits wieder an einem Serienkonzept arbeiten – doch um Wishlist Staffel 3 geht es dabei nicht. 

Was tatsächlich Phase ist, mit der Fortsetzung von Wishlist, dazu hat sich das Team im August 2018 direkt an die Community gewendet…

Wir werden nicht, als nächstes, Wishlist Staffel 3 produzieren. | Marcel Becker-Neu

Warum und wieso, das können euch die Jungs und Mädels am besten selbst erzählen, in diesem Video:

Fazit zu Wishlist 2.0

Das überlasse ich mal wieder Sonia, die da schreibt:

Mit thrill-durchzogenem Storytelling hat man mich schnell. Das war schon bei der Mystery-Serie Pretty Little Liars so. Wishlist wäre mir vielleicht zu derb, warnte David mich vor. Dank harter Schule durch Game of Thrones fühlte ich mich der emotionalen Herausforderung gewappnet. Und im Notfall konnte ich mir immer noch die Augen zuhalten. Theoretisch. Praktisch eher nicht, denn Wishlist will gesehen werden. Und was Wish will, ist Gebot. Nippte ich während der ersten Staffel noch entspannt am Wein, verschlug mir die zweite Staffel und ihre erzählerische Spannung schlicht die Sprache.

Die Story um Miras Clique und das Ausmaß moralischer Verwerflichkeit einiger Figuren (allen voran Galionsfigur Norma Jean) haben mich bis zur Schlussszene und darüber hinaus fasziniert. Ich hätte sicher Ganzkörper-Gänsehaut bekommen, hätten mich die gelegentlichen Lach-Flashs von David (zu den unpassendsten Stellen! Weil irgendwas »so toll gemacht« sei) nicht daran erinnert, dass ich gerade eine Serie sehe und nein, nicht in der Geschichte bin. Die Schnitte, Kamerafahrten und das Setting waren zweifellos grandios. Doch der Filmgenuss der zweiten Staffel lag für mich ganz klar in der Handlung, den Entwicklungen und Beziehungen der Figuren, die so authentisch gespielt wie psychologisch hochinteressant waren. Mein Wunsch lautet deshalb: dass das Gruseln und Mitfiebern mit Wishlist eine Fortsetzung erfährt.

Weblinks

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